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Zwischen Aufbau und Zerstörung - Elfriede Jelineks Theatertexte 'Das Werk', 'Ein Sportstück' und 'In den Alpen'

Research Paper, 2003, 68 Pages
Author: Guido Scholl
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Research Paper
Year: 2003
Pages: 68
Grade: nicht benotet
Bibliography: ~ 22  Entries
Language: German
Archive No.: V34932
ISBN (E-book): 978-3-638-35006-8
ISBN (Book): 978-3-638-70456-4
File size: 574 KB
Notes :
In dieser sehr umfangreichen Arbeit habe ich mich mit den seinerzeit aktuellsten Jelinek-Texten befasst. Sie zeichnet sich durch neuartige Gedankengänge aus und bearbeitet ein Feld auf dem die Forschung sehr zögerlich vorangeht. Leider wurde keine Note vergeben.


Abstract

Der Bau eines gigantischen Staudamms, der Tod eines Bodybuilders und eine verheerende Brandkatastrophe - was ist den drei Ereignissen gemein? Vieles. Zunächst führen die Spuren in allen drei Fällen nach Österreich. Substantieller ist jedoch die Tatsache, dass in allen drei Fällen das Duell Technik vs. Natur erhebliche Zerstörung verursacht hat. Österreichs Nationaldichterin der anderen Art, als die Elfriede Jelinek getrost bezeichnet werden kann, hat alle drei Themen aufgearbeitet. Die Paralleleln sind unübersehbar. Die Staumauer von Kaprun ist auch von Zwangsarbeitern des NS-Regimes errichtet worden. Ein Umstand, der in der Alpenrepublik gern verschwiegen wird. Der Sieg über die Naturgewalt wird bei Jelinek in dem ihr eigenen Diktum als grandiose Vergewaltigung der Natur dargestellt, bei der jedes Mittel recht war. So, wie anschließend die Staumauern das Wasser zurückhielten, wurde auch die Wahrheit über die Geschichte des Kapruner Werks sozusagen eingedämmt, verschwiegen - bis sich die Spannung, analog zur Energie, die die Wassermassen erzeugten, in einem Aufschrei entlud. Die Wahrheit über den Tod des Bodybuilders Andreas Münzer (1995) entspricht einem ähnlichen Aha-Effekt. Steroide, Wachstumshormone und andere Medikamente haben den vermeintlichen Schwarzenegger-Nachfolger umgebracht, obwohl dieser immer beteuerte, ohne Dopingpräparate auszukommen. Vielmehr hat dieser sich selbst umgebracht. Beim Versuch, etwas aufzubauen - genauer: Muskelmasse aufzubauen. Um den Tod Münzers herum entlarvt Jelinek die Gewaltherrschaft im Sport auch in Bezug auf die Zuschauerschaft. Als deren Rädelsführer wird die Journaille entlarvt. Die Brandkatastrophe der Gletscherbahn im Tauerntunnel (1999) ist das dritte Beispiel dafür, dass der schöne Schein nur die Fassade ist, die die weniger schöne Realität verklärt. Pfusch und Billigkonstruktion, dazu zweifelhafte Ingenieursarbeit haben in einer Verkettung von Zufällen buntgekleidete Ski-Urlauber binnen Sekunden in verkohlte Leichen verwandelt. Die Verantwortung wollte anschließend niemand übernehmen. Ein unausweichliches Unglück? Kann ja mal passieren? Diese Art Erklärungsversuche führt Jelinek als einer Geisteshaltung entspringend vor, die mit Wahrheit nicht viel im Sinn hat, und die den Schein mehr ehrt als das Sein. Zwischen Aufbau und Zerstörung bewegt sich der Mensch bei Jelinek immer dann, wenn dieser Gewalt anwendet. Gewalt in allen Facetten. Gegen sich selbst, gegen andere, gegen Natur(gewalt).


Excerpt (computer-generated)

Zwischen Aufbau und Zerstörung - Elfriede Jelineks
Theatertexte ′Das Werk′, ′Ein Sportstück′ und ′In den Alpen′

von: Guido Scholl

 


Inhalt

Einleitung 2

1. Figurenkonstellationen in Jelineks neueren Stücken 3

1.1. Ein Sportstück 4

1.1.1. Die Figur Andi: eine Ausnahme? 5
1.1.2. Die Autorin: die tatsächliche Ausnahme 5
1.1.3. Die übrigen Figuren 6
1.1.4. Die übrigen Figuren als Typen 7

1.2. In den Alpen 9

1.2.1. Die Opfer in In den Alpen 9
1.2.2. Die übrigen Figuren 12

1.3. Die Figuren in Das Werk 13

1.3.1. Peter und Heidi 14
1.3.2. Hänsel und Tretel 16
1.3.3. Die übrigen Figuren 17

2. Themenverflechtung bei Jelinek 18

2.1. Aufheben von Isolierung 18
2.2. Sport, Religion und Medien 18
2.3. Krieg, Naturzerstörung und Sport 19
2.4. Sport, Jugend und Medien 20
2.5. Das Werk: Höhepunkt der Verflechtung 21
2.6. Überschneidung der Stücke 23

3. Das Werk als einzigartiges Stück 24

3.1. Die Natur als Ware 26

3.1.1. Auszug aus der Baugeschichte des Tauernwerks 28
3.1.2. Zwangsarbeit am Tauernwerk 31

3.2. Menschliches Handeln als Zerstörung 32

3.2.1. Der Titel Das Werk und seine Assoziationsmöglichkeiten 32
3.2.2. Menschliches „Wirken“: Ausbeutung und Naturzerstörung 34
3.2.3. Der „tätige Mensch“ als Ware 37

3.3. Naturzerstörung – die größtmögliche Form der Zerstörung? 40
3.4. Tod in Zahlen: Gletscherbahnunglück und Terroranschläge 43

4. Formale Analyse von Das Werk 44

4.1. Der äußere Aufbau 45

4.1.1. Das Werk in Zahlen 45
4.1.2. Die Bedeutung der Aufteilung 46

4.1.2.1. Die ersten beiden Abschnitte 46
4.1.2.2. Die Funktion des Epilogs 48

4.2. Sprachanalyse: Mythendestruktion, Alltagsfloskeln und Monolog 52

4.2.1. Das Prinzip der Mythendestruktion 52
4.2.2. Mythos Österreich 55
4.2.3. Redewendungen und Werbeslogans im Text 58
4.2.4. Peters Dritter Monolog: Ein beispielhaftes Sprachgeflecht 62

5. Schluss 64

Literaturverzeichnis 66


 

Einleitung

Im Vorwort zu ihrem jüngst erschienenen Buch „Nestbeschmutzerin – Jelinek & Österreich“ schreibt Pia Janke: „Seit der Uraufführung ihres Theaterstücks „Burgtheater“ (1985) wird Jelinek in Österreich als „Nestbeschmutzerin“ diffamiert, als „Kommunistin“ geschmäht, als „Pornographin“ denunziert.“1 Kaum eine andere Autorin spaltet die Lager wohl so, wie Elfirede Jelinek. Ihre Anhänger schätzen ihre kritische Einschätzung der modernen Gesellschaft und ihre entlarvenden Darstellungen der Missstände, die sie in dieser Gesellschaft findet. Mit dem monumental wirkenden Titel Das Werk2, erschienen in 2002, scheint Jelinek ihrer neusten Publikation eine besondere Qualität einzuräumen. Neben dem inhaltlichen Bezug zum Tauernkraftwerk in den Kapruner Alpen, klingt in „Werk“ auch das künstlerische Werk mit. Schon in Ein Sportstück3 war der Titel Programm. Es handele sich um „ein Stück Sport“, schreibt Jelinek darüber (Sport, S. 3). In Das Werk könnte man sogar von einem „Lebenswerk“ im Sinne eines vorläufigen Höhepunktes in der Laufbahn der Autorin sprechen. Die Hauptaspekte ihrer bis dahin erschienenen Veröffentlichungen kulminieren förmlich in Das Werk.

Die Diskussion um Geschlechterdifferenz und geschlechterspezifische Rollenverteilung kommt in der Beziehung zwischen Heid i und Peter zum Tragen. Der problematische Umgang Österreichs mit seiner Rolle im Dritten Reich wird durch die Geschichte der Tauernwerke behandelt. Über Krieg und Zerstörung wird unter anderem anhand der Attentate des 11. September gesprochen. Das Motiv der Zerstörung wandelt sich zu dem noch spezifischeren Motiv der Naturzerstörung. Dies wird besonders durch die Geißelung der Natur, die für den Bau des Kraftwerks nötig war, deutlich gemacht. Schon im Sportstück war durch die Figur des Andi, der seinen Körper durch Sport und Drogen zerstört, einen Art Selbstzerstörung beschrieben worden. Andi steht stellvertretend für alle Menschen, die sich durch Sport selbst verschleißen, also kann auch hier schon von einer Art Naturzerstörung gesprochen werden, weil eine generelle Destruktion des menschlichen (also natürlichen) Körpers suggeriert wird. In In den Alpen4 kommt das Motiv der Naturzerstörung noch etwas deutlicher zum Vorschein. Das Unglück der Kapruner Gletscherbahn ist auf den ersten Blick ein Unglücksfall, bei dem zahlreiche Menschen ums Leben kamen. Auf den zweiten Blick wird aber durch Jelineks Stück die Vorgeschichte der Katastrophe sichtbar. Beim Bau der Bahn wurde mit ungeeignetem Material gearbeitet, wodurch der Brand erst entstehen konnte. Dies beschreibt Jelinek in den Nachbemerkungen zu In den Alpen. (Alpen, S. 253/254) Hier sind Ingenieure zuständig, ähnlich denjenigen, die auch in Das Werk die Natur besiegen wollen. Das Motiv ist hier ein anderes. Es gilt Kosten einzusparen, um ein „Schnittiges Gerät“ bauen zu können, dass „dem modernen Tourismus entsprechend“ sei. (Alpen, S. 253) Dieser moderne Tourismus ist der eigentliche Grund, warum die Natur im Hochgebirge immer mehr zerstört wird. Profitgier derjenigen, die daran verdienen, und Vergnügungssucht der Skisportler führen zu immer größeren Einschnitten in das Ökosystem der Alpen.

So wird ein Kreislauf beschrieben, der schließlich in dem Gletscherbahnunglück resultiert: die Massen der Skisportler machen den Profit möglich, der soll durch eine „schnittige“ Bahn noch größer werden, es sollen noch mehr Konsumenten angelockt werden. Um diese Bahn zu ermöglichen müssen ungeeignete Materialien und Geräte verarbeitet werden: „nachträglicher Umbau der Bahn in ein ‚schnittigeres Gefährt, dem modernen Tourismus entsprechend, aus leicht brennbarem und Gifte erzeugendem Plexiglas, Einbau eines billigen Heizlüfters, nachträgliche Isolierung mit Nadelholzbrettern etc.“ (Alpen, S. 253) Was wie eine Schelte für die Techniker und Ingenieure anmutet, geht wesentlich weiter. Der oben beschriebene Kreislauf ist das, was die Autorin eigentlich anprangert. Daran sind nicht nur Ingenieure und Unternehmer beteiligt, sondern auch der Konsument. Dieser Aspekt vereinigt sich in Das Werk mit der schon beschriebenen geschlechterspezifischen Auseinandersetzung und vor allem mit der österreichischen Vergangenheit. Dadurch wird es zu einem, selbst für Elfriede Jelinek, ungewöhnlichen Stück. Es scheint so, als habe die Autorin hier eine fast abschließende Thematik gefunden, in der alle ihr wichtigen Aspekte miteinander verbunden werden. In den Abschnitten 2. und 3. werde ich mich deshalb weitgehend auf Das Werk konzentrieren, da die dort zu besprechenden Aspekte dort am deutlichsten zu sehen sind.

1. Figurenkonstellationen in Jelineks neueren Stücken

Die Figuren in Jelineks Stücken entsprechen spätestens seit Ein Sportstück nicht mehr den üblichen Figuren moderner Theatertexte. Waren die Figuren in ihren früheren Stücken noch teilweise an reale Personen angelehnt (in Totenauberg zum Beispiel der Philosoph Heidegger und dessen Lebensgefährtin, in Burgtheater war die Schauspielerfamilie Wessely gemeint), so war schon im Sportstück eine andere Tendenz spürbar. Diese wird in den Stücken In den Alpen und Das Werk fortgesetzt und verstärkt.

1.1. Ein Sportstück

Ein Sportstück stellt gewissermaßen den Auftakt einer Veränderung der Figurenkonstellation dar. Die Figuren heißen Opfer, Täter, Frau, Anderer oder Sportler. Man könnte sagen, die Figuren stellen nur noch einen bestimmten Charaktertyp dar, nicht mehr ein Individuum mit den dazugehörigen Elementen wie Biografie oder eigener Meinung. Sie repräsentieren eine Rolle. Über die Figuren Jelinekscher Texte vor Ein Sportstück schreibt Yasmin Hoffmann: „Simulakrum an Stelle von Mimesis. Simulakrum, so könnte auch der Holzknecht heißen, der in zwei verschiedenen Texten von Elfriede Jelinek, in den Liebhaberinnen und in Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr, auftritt und Erich heißt: ‚Er ist nur eine Vierfarbenreproduktion von nichts (...) Dieser Mann ist kein Original. Sein Original ist vielmehr verschollen. Er stammt von der Reproduktion einer Nachahmung ab.“5 An eine Nachahmung der Realität war in Jelineks Texten also schon zuvor nicht gedacht. Sie sieht in den „Originalen“ schon eine Nachahmung, die Figuren sind somit die Nachahmung oder „Reproduktion“ dessen. In den neueren Texten geht Jelinek einen Schritt weiter. Hier wird der Figur als „Reproduktion einer Nachahmung“ noch alles andere genommen, was auch nur im Entferntesten an Individualität denken lassen könnte. Die Autorin versucht, die Figuren einzig über ein Merkmal, eine Tätigkeit, Funktion oder Rolle zu definieren. Sie entwirft gewissermaßen „Typen“, die für die jeweils als Definition gewählte Funktion oder Tätigkeit stehen. Eine Art Role-Model, allerdings im kritisch-sarkastischen Licht betrachtet. Yasmin Hoffmann spricht von der „universellen Austauschbarkeit der vorfabrizierten Bilder, die sich weniger an einen Bildproduzierenden als in einen Bildkonsumierenden richten“6. Vorfabriziert sind die Bilder durch das gesellschaftlich Gültige, die Norm, das Klischee. Die daherstammenden Bilder sind austauschbar. Sie werden kritiklos konsumiert. Diejenigen, die die Bilder konsumieren, sind entsprechend ebenso austauschbar, weil sie die Norm oder das Klischee akzeptieren, es nicht hinterfragen. So muss man auch die Austauschbarkeit der Figuren in Jelineks Texten verstehen. Es handelt sich um „Typen“, die in erster Linie durch Konsum (in verschiedenen Variationen) auffallen.

1.1.1. Die Figur Andi: eine Ausnahme?

Zwar war mit Andi der real existierende Bodybuilder Andreas Münzer gemeint, der durch Drogenkonsum ums Leben gekommen war. Aber er stellt eine Ausnahme dar, die eigentlich gar keine ist: durch seinen Wahn, so zu werden wie Arnold Schwarzenegger, raubte sich Andi die eigene Identität. Er wollte zu jemand anderem werden, dabei verlor er sich selbst. „Ich stelle mich meinem großen Vorbild, Arnie, zur Verfügung.“ (Sport, S. 88) So kündigt Andi seine Selbstaufgabe an. Sein Körper soll so werden wie der seines Vorbildes, womit auch deutlich wird, dass er sein Ich mit dem Körper gleichsetzt. „In meinem Körper ist Leistung gut aufgehoben, und zwar dermaßen gründlich, daß mein Körper außerhalb seiner Leistung gar nicht existieren darf.“ (Sport, S. 93) Die Figur in Jelineks Stück ist aber an einem Punkt angelangt, an dem sie begreift, dass das bedingungslose Nacheifern schließlich zum Identitätsverlust führt. „Andi nennt man Arnie, wenn er nicht Arnie ist. Ich ich ich, anders gesagt: ich bin es. Nein. Ich war es.“ (Sport, S. 96) Andis eigenes Ich ist durch ein Pseudo-Ich ersetzt worden, das weder mit seinem Alten ich, noch weniger aber mit dem Idol gleichzusetzen ist. Er steht also vor einer Leere, er ist niemand mehr. Auch in seinem Fall kann also gesagt werden, dass er eine Rolle darstellt, jemanden, der sich in Nachahmung auflöst, für den nichts anderes mehr existiert als sein sportliches Ziel, an dem er schließlich zerbricht.

1.1.2. Die Autorin: die tatsächliche Ausnahme

[...]


1 Janke, Pia. Nestbeschmutzerin – Jelinek & Österreich. Wien, 2002. S. 2.

2 Jelinek, Elfriede. Das Werk. In: In den Alpen. Frankfurt a.M., 2002. Ich werde das Stück Das Werk im weiteren Verlauf der Arbeit mit (Werk) und der dazugehörigen Seitenzahl zitieren. Also etwa: (Werk, S.100).

3 Jelinek, Elfriede. Ein Sportstück. Hamburg, 1998. Ich werde Ein Sportstück im weiteren Verlauf der Arbeit mit (Sport) und der dazugehörigen Seitenzahl zitieren. Also etwa: (Sport, S.10).

4 Jelinek, Elfriede. In den Alpen. In: In den Alpen. Frankfurt a.M., 2002. Ich werde dieses Stück im weiteren Verlauf mit (Alpen) und der zugehörigen Seitenzahl zitieren. Also etwa: (Alpen, S.10). Der Übersichtlichkeit halber werde ich Zitate aus dem Nachwort zu In den Alpen in gleicher Weise zitieren. Also etwa: (Alpen, S. 253)

5 Hoffmann, Yasmin. Hier lacht sich die Sprache selbst aus. In: Bartsch, Kurt und Günther Höfler: Dossier 2. Elfriede Jelinek. Wien, 1991. S. 44.

6 Ebenda. S. 44.


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