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Mythos Sport in Elfriede Jelineks 'Ein Sportstück'

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 32 Pages
Author: Guido Scholl
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2002
Pages: 32
Grade: 1,5
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V34934
ISBN (E-book): 978-3-638-35008-2
ISBN (Book): 978-3-638-63718-3
File size: 279 KB
Notes :
Die Arbeit ist der Verarbeitung des Aspektes Sport in Jelineks Literatur gewidmet. Zusätzlich enthält die Arbeit weitgehende Interpretationen der Mythen-kehre Roland Barthes sowie der Fleißer-Romans Eine Zierde für den Verein.


Abstract

Elfriede jelinek und der Sport – das ist eine ganz besondere Beziehung. Innig und voller Ablehnung. Und geprägt von einer distanzierten Faszination. Denn was Jelinek am Massenphänomen Sport kritisiert, das schreibt sie der Gesellschaft ins Buch. Ausgewählt hat Jelinek ein Motiv aus dem Sport, bei dem Masse das Grundprinzip ist. Der österreichische Bodybuilder Andreas Münzer starb Mitte der 90er Jahre an seinem Streben nach Muskelmasse. Von dieser individuellen Masse reflektiert Jelinek auf Zuschauermassen, dargestellt als Chöre. Damit vollzieht die Nobelpreisträgerin den Rückschluss auf den Ursprung des Sports – die Antike. Ist moderner Sport lediglich die per Chemie und Technologie pervertierte Zuspitzung des Grundgedankens von Wettkampf/Gewalt? In dieser Arbeit wird nachgezeichnet, wie Jelinek das Thema Sport in der Moderne Stück für Stück seziert. Wortgewaltig und bildgewaltig. Bezüge auf Roland Barthes und Marieluise Fleißer zeigen unter anderem, dass Jelineks Kritik zwar nicht völlig neu, sehr wohl aber völlig neuartig formuliert ist.


Excerpt (computer-generated)

Universität Hannover
Seminar für deutsche Literatur und Sprache
HS „Schaukämpfe im Text: Sport und Literatur“
9. Semester

Mythos Sport in Elfriede Jelineks ′Ein Sportstück′

von: Guido Scholl

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung Seite 3

2. Mythendestruktion: Jelinek und Barthes Seite 4

2.1. Mythos Sport und Barthes’ Verhältnis zur Tour de France Seite 6
2.2. „Ein Sportstück“ und der Mythos Sport Seite 8

3. „Ein Sportstück“ im kulturellen und literarischen Kontext Seite 10

3.1. „Ein Sportstück“ und das Thema Religion Seite 10

3.1.1. Sport als Religionsersatz Seite 11
3.1.2. „Info ohne Empfänger“  Seite 16

3.2. Verfall und Nabelschau: Jelinek, Kirchhoff, von Dueffel Seite 17
3.3. Der Chemiebaukasten Seite 20

3.3.1. Eine Geschichte des Dopings: „War Achill gedopt?“  Seite 21
3.3.2. Doping als Mythendestruktion Seite 23

4. Männlichkeit vs. Weiblichkeit?  Seite 25

5. Schluß Seite 28

Literaturverzeichnis Seite 31


 

1. Einleitung

Nimmt man die Medien in ihrer Gesamtheit, dann ist der Sport wahrscheinlich das am intensivsten behandelte Thema unserer Zeit. Die angeblich schönste Nebensache der Welt scheint immer mehr zu einer Hauptsache zu werden und ihr Einfluß auf die Gesellschaft nimmt mittlerweile groteske Ausmaße an. So hat die deutsche Bevölkerung einen „Kaiser“ (Franz Beckenbauer), eine „Gräfin“ (Steffi Graf) und wenn von „Medienmogul“ Kirch die Rede ist, dann in erster Linie im Zusammenhang mit Übertragungsrechten von Sportereignissen (und wie die jüngste Diskussion zeigt spielt das Geld dort die Hauptrolle). Vorbei sind die Zeiten, in denen noch von einfacher Leibesertüchtigung gesprochen wurde und Sport mit Spiel gleichzusetzen war.

Daß dies in der Alpenrepublik Österreich nicht anders ist, bezeugt Elfriede Jelineks 1998 erschienenes Theaterstück „Ein Sportstück“, in dem sie den Sportfanatismus der heutigen Zeit thematisiert. Um die Figur des 1996 verstorbenen österreichischen Bodybuilders Andreas Münzer baut Jelinek eine Grundsatzkritik auf, indem sie vornehmlich Sportler aus dem eigenen Land als Beispiele heranzieht (etwa den Rennfahrer Gerhard Berger, den Tennisprofi Thomas Muster, den Ex-Bodybuilder Arnold Schwarzenegger oder den Skifahrer Hermann Meier). Sport wird hier in Bezug zu anderen Themen wie Krieg, Religion, Sexualität und Gesundheit (Thema Verfall) gesetzt. Interessant ist auch die Inszenierungsproblematik, insbesondere wenn man die monumental anmutende Aufführung am Wiener Burgtheater bedenkt, bei der Einar Schleef Regie führte. Elfriede Jelineks programmatischem Grundsatz „Ich will kein Theater – Ich will ein anderes Theater“1 wurde mittels einer siebenstündigen Aufführung Rechnung getragen.

In seiner zentralen Rolle ist der Sport aber keineswegs nur Mittel zum Zweck einer allgemeinen Gesellschaftskritik. Er ermöglicht mit all seinen Assoziationsmöglichkeiten eine Bestandsaufnahme zur Situation, in der sich unsere Gesellschaft befindet, weil er nicht nur deren Symptome widerspiegelt, sondern in seiner heutigen Gestalt ein Produkt dieser Gesellschaftssituation ist. Der Verweis auf Roland Barthes liegt nahe, der in der Mythisierung das Festhalten der „welt in ihrer unbeweglichkeit“2 sah. Dies ist ein deutlicher Berührungspunkt der beiden Autoren, der in der Sekundärliteratur unter dem Thema „Mythendestruktion“ hervorgehoben wird. Auch der Sport wird zum Mythos, wobei er bei Jelinek durchweg negativ gesehen wird, bei Barthes jedoch auch positive Sichtweisen erkennbar sind. Die Mythologie des Sports liegt im „Sportstück“ in eben jenem Themengeflecht aus Religion, Krieg, Sexualität und Körperverfall. Dieses Geflecht aufzulösen würde dem Sinn des Werks allerdings entgegenwirken, da zwischen den Themengebieten immer auch Querbeziehungen vorhanden sind. Man denke beispielsweise an Religionskriege, den körperlichen Verfall durch den Versuch der Annäherung an Schönheitsideale (um „sexy“ zu sein) oder sexuelle Gewalt. Verfall und Krieg oder Religion und Sexualität sind ohnehin nicht voneinander zu trennen. Da in der Realität keine klare Grenzziehung zwischen diesen Bereichen möglich ist, ist dies in seinem mythisierten Abbild ebenso wie in der literarischen Verarbeitung „Ein Sportstück“ nicht der Fall.

2. Mythendestruktion: Jelinek und Barthes

„Die Bedeutung der inhaltlichen Definitionen, die Roland Barthes dem Mythos gibt, für das gesamte Werk Jelineks und sein Verfahren der Mythendestruktion kann gar nicht überschätzt werden“3 heißt es bei Marlies Janz. Die Nähe zu Barthes verwundert schon deshalb nicht, weil er mit Werken wie „Die Sprache der Mode“ und „Mythen des Alltags“ die gesellschaftliche Alltags-Realität thematisiert und ihre Mythisierung zu entlarven sucht. Der schon angesprochene Zweck des Mythos „die welt in ihrer unbeweglichkeit zu halten“ wird zunächst noch weitgehend wertfrei dargestellt. Die Definition seiner Gestaltung und seiner Inhalte beginnt mit einer Verallgemeinerung:

„da der Mythos eine Aussage ist, kann alles, wovon ein Diskurs Rechenschaft ablegen kann, Mythos werden. Der Mythos wird nicht durch das Objekt seiner Botschaft definiert, sondern durch die Art und Weise, wie er diese ausspricht. Es gibt formale Grenzen des Mythos, aber keine inhaltlichen.“4

Das Objekt der Botschaft bezeichnet das Mythisierte, das konkrete, ursprüngliche Ereignis, von dem berichtet wird. Barthes unterscheidet zwischen Objektsprache und Metasprache. Während sich die Objektsprache (der Diskurs bezüglich des ursprünglichen Ereignisses) noch im linguistischen Sinne in signifiant und signifié unterteilen läßt, also in ein Bezeichnendes, dem ein Bezeichnetes zugeordnet wird, stellt in der Metasprache dieses signifiant/signifié- Gebilde (das Zeichen) ein neues Bezeichnendes dar, dessen Bezeichnetes nicht mehr der Linguistik angehört. Diese neuentstandene signifiant/signifié-Einheit stellt dann das Zeichen in der Metasprache dar, die eigentliche Aussage des Mythos. Der Mythos bedient sich also der Linguistik als Grundlage, um ein eigenes semiologisches System zu errichten. Weiterhin heißt es in den „Mythen des Alltags“: „Der Mythos ist ein Wert, er hat nicht die Wahrheit als Sicherung; nichts hindert ihn, ein fortwährendes Alibi zu sein.“5 Sinn (Aussage des Mythos) und Form (Art und Weise der Äußerung oder Gestalt des Mythos) machen den Mythos zu einem doppelten System, dessen Alibi-Charakter (die Möglichkeit eines Anderswo6) das Zusammenfallen der Objektebene mit der Metaebene verhindert. Daher ist die Werthaftigkeit des Mythos von vornherein über die Erwägung seiner Wahrheit erhaben. Was auf der Formebene zum Ausdruck gebracht wird, findet seinen Wert auf der Sinnebene. Die beiden Seiten des Mythos belegen seine Gültigkeit, nicht die Frage nach der Wahrheit einer der beiden Seiten:

„der Sinn ist immer da, um die Form präsent zu machen, die Form ist immer da, um den Sinn zu entfernen. Es gibt niemals einen Widerspruch, einen Konflikt, einen Riß zwischen dem Sinn und der Form, sie befinden sich niemals an demselben Punkt.“7

An dieser Stelle kommt nach allgemeinen Wertvorstellungen erstmals die Annahme auf, daß die Mythisierung der Welt nicht notwendigerweise etwas „Gutes“ bedeuten muß. Wenn die Frage nach der Wahrheit einer Aussage durch ein inneres Bezugssystem zweier Teile eines Ganzen umgangen wird, meldet sich das alltägliche Rechtsbewußtsein und der Mythos wird fortan kritisch betrachtet. Roland Barthes enthält sich einer moralischen Betrachtungsweise zunächst noch, aber spätestens in den Abschnitten „Der linke Mythos“ und „Der rechte Mythos“ (S. 134-147) wird auch bei ihm eine kritische Haltung deutlich.

[...]


1 Haß, Ulrike. „Grausige Bilder. Große Musik“. In: Arnold, Heinz Ludwig. „Text+Kritik. Elfriede Jelinek“. München, 1993. S. 21

2 Janz, Marlies. „Sammlung Metzler. Elfirede Jelinek“. Stuttgart, 1995. S. 9

3 Janz, Marlies. „Sammlung Metzler. Elfriede Jelinek“. Stuttgart, 1995. S. 9

4 Barthes, Roland. „Mythen des Alltags“. Frankfurt a.M., 1964. S. 85

5 ebenda. S. 104

6 ebenda. S. 104

7 ebenda. S.104/105


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