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Diploma Thesis, 2003, 96 Pages
Author: Christian Jacobi
Subject: Politics - International Politics - Topic: International Organisations
Details
Tags: Vereinten, Nationen, Rollentheoretische, Betrachtungen, Doppel-Identität, Amerikas, Gulliver, Herkules
Year: 2003
Pages: 96
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 251 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-35123-2
File size: 1826 KB
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Excerpt (computer-generated)
Die USA in den Vereinten Nationen:
Rollentheoretische Betrachtungen zur Doppel-Identität Amerikas als gutmütiger
Gulliver vs. hegemonialer Herkules
Magisterarbeit
zur Erlangung der Würde des Magister Artium
der Philologischen, Philosophischen und Wirtschafts- und
Verhaltenswissenschaftlichen Fakultät der
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br.
vorgelegt von
Christian Jacobi
WS 2003/04
Wissenschaftliche Politik
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 4
1.1 Themenstellung und Relevanz der vorliegenden Untersuchung ... 4
1.2 Vorgehensweise ... 10
1.3 Übersicht über Forschungsstand und verwendete Forschungsliteratur ... 12
2. Rollentheorie in der Außenpolitikanalyse ... 16
2.1 Grundlegendes zur Rollentheorie und zu außenpolitikbezogenen rollentheoretischen Untersuchungen ... 16
2.2 Rollentheoretische Überlegungen bei der Bewertung der Beziehung der USA zu den Vereinten Nationen ... 18
3. Wesentliche Grundlinien und Bestimmungsfaktoren amerikanischer politischer Kultur und Außenpolitik ... 25
3.1 Amerika zwischen Isolationismus und Internationalismus, Unilateralismus und Multilateralismus ... 26
3.2 Ideologisch-moralische Grundlinien amerikanischer politischer Kultur und Außenpolitik ... 30
3.3 Politisch-institutionelle Eigenarten amerikanischer Außenpolitik ... 34
4. Die USA in den Vereinten Nationen: Gutmütiger Gulliver vs. hegemonialer Herkules ... 38
4.1 Rollenbekenntnis: Amerika in der Rolle des wohlwollenden Schöpfers bei der Gründung der Vereinten Nationen ... 38
4.2 Rollenkonflikt: Entfremdung und Spannungen im Verhältnis der USA zu den Vereinten Nationen ... 45
4.2.1 Streitpunkt Repräsentation ... 50
4.2.2 Streitpunkt Souveränität und Legitimität ... 51
4.2.3 Streitpunkt Effizienz ... 54
4.2.4 Die öffentliche Meinung und die amerikanische UN-Mitgliedschaft ... 56
4.3 Rolle rückwärts: Vom „unipolaren Moment“ zur multilateralen Epoche? ... 58
4.4 Rollensimultanität: Amerikanische UN-Politik unter neokonservativer Lenkung ... 63
5. Amerikanische Weltpolitik und die USA in der UN im 21. Jahrhundert: Ausblick und Prognose ... 70
6. Schlußbemerkungen ... 75
Anhang ... 80
Literaturverzeichnis ... 83
„Die Sache Amerikas ist die Sache der ganzen Welt.”
– BENJAMIN FRANKLIN
„We have it in our power to begin the world all over again.”
– THOMAS PAINE in ´Common Sense´
„The United States has always played a twin role to the United Nations, first friend and first critic.”
– WILLIAM J. CLINTON
1. Einleitung
1.1 Themenstellung und Relevanz der vorliegenden Untersuchung
Wenig mehr als ein dutzend Jahre ist es her, als das Weltgeschehen noch voll und ganz im Zeichen des Systemkonflikts zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion stand. Obwohl der Kalte Krieg jederzeit in ein apokalyptisches nukleares Inferno eskalieren konnte, gab ein in eine Erste, Zweite und Dritte Welt aufgeteilter Globus zumindest die Illusion einer ideologischen und machtpolitischen Ordnung, in die sich für einige Jahrzehnte das von nie gekannter Kriegszerstörung heimgesuchte 20. Jahrhundert vielleicht nicht gerade vollends unwillig zu fügen wußte. Von den Fesseln ideologischer Systemkonkurrenz befreit mußte die Welt jedoch nach dem Fall der Berliner Mauer und dem mit ihm einhergehenden Kollaps des Sowjetimperiums erkennen, daß mit dem scheinbaren Triumph des politischen und wirtschaftlichen Liberalismus die Auflösung des Ost-West-Gegensatzes keineswegs ein Ende der Geschichte1 und die Ausschüttung einer großen Friedensdividende mit sich brachte. „Just when the end of U.S.-Soviet rivalry held out the promise that rationality and reason would triumph over ideology” (Stedman 1993: 1), wurde die Welt nunmehr durch failing oder gar failed states von Jugoslawien bis Somalia, mit ethnischen Konflikten, Bürgerkriegen, Völkermord und in jüngster Zeit verstärkt mit globalem Terrorismus und den nuklearen oder militärisch aggressiven Machenschaften autokratischer Führer sogenannter rogue states in Atem gehalten. Statt der nach den Ereignissen von 1989-90 optimistisch verkündeten neuen Weltordnung ist die Welt vielmehr in ein neues Chaos getaumelt, das vielfach treffenderweise auch als „neue Weltunordnung“2 bezeichnet worden ist: „The World“, stellt der renommierte amerikanische Politikwissenschaftler Joseph Nye einleitend in einem seiner jüngeren Essays fest, „is off balance“ (2003b: 60). In einer von solchen Zerwürfnissen geprägten Zeit, in der „[n]umerous and ever-changing trouble spots clamor for the public´s attention“ (Schlesinger 1993: 28), sehnt sich die Menschheit verständlicherweise wieder verstärkt nach Instanzen, die in einer durch die gleichzeitig auftretenden Effekte von Globalisierung und Fragmentierung herausgeforderten und auch bisweilen überforderten Welt für mehr Ordnung und Sicherheit sorgen könnten.
Auf der Suche nach Akteuren, die dieser Funktion gerecht werden könnten, hat sich das Augenmerk vieler Menschen hierbei seit dem Ende des Kalten Krieges im besonderen auf zwei Fixpunkte im Konzert der internationalen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuregerichtet: zum einen auf die Vereinigten Staaten von Amerika, deren Macht, Einfluß und Stärke sowohl im militärischen und wirtschaftlichen, als auch im kulturellen Bereich zum Beginn des 21. Jahrhundert als unbestritten gelten können,3 wie zum anderen auch auf die Vereinten Nationen, deren Nützlichkeit und Funktion als „most widely accepted source of international legitimacy“ (Albright 2003: 17) inzwischen von kaum jemandem mehr ernsthaft angezweifelt werden. Eine Verbindung der machtpolitischen Stärke der USA auf der einen Seite und der weitreichenden Legitimität der nunmehr 191 Mitglieder umfassenden Vereinten Nationen auf der anderen Seite, so mag vielerseits gehofft und gewünscht werden, könnte im 21. Jahrhundert die Basis für eine für das Wohl der gesamten Menschheit fruchtbaren und gewinnbringenden Zusammenarbeit sein.
Hoffnungen auf ein produktives Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der UN erscheinen auf den ersten Blick auf vielfältige Weise genährt zu werden. Zum einen sei in diesem Zusammenhang beispielsweise auf die Gründung der Vereinten Nationen im Jahre 1945 hingewiesen, die, wie noch genauer herauszustellen sein wird, in sehr entscheidender Weise auf amerikanische Initiative zurückging. Zum anderen sollte auch ein Hinweis darauf nicht fehlen, daß durch die Identität Amerikas als quasi prototypisches Einwanderungsland inzwischen in den USA eine demographische Situation entstanden ist, in der „Americans have familial, business, and financial ties with virtually every nation on earth“ (Martin 1983: 285) – ein Umstand, aus dem die Vermutung erwachsen könnte, daß auch aus der Perspektive der amerikanischen öffentlichen Meinung einem intensiven und positiven Verhältnis der USA zur UN-Weltorganisation nichts im Wege stehen sollte. Bei einer allgemeinen Betrachtung dieses Verhältnisses ergeben sich bei genauerem Hinsehen in der Tat viele Gemeinsamkeiten und ein interessantes Geflecht wechselseitiger Beziehungen, die die Supermacht und die Vereinten Nationen verbinden und die sich unter Verweis auf einige Symboliken leicht zusammenfassen und gegenüberstellen lassen.
In einem ersten Punkt kann hierbei auf die offensichtliche historische und physischgeographische Verflechtung hingewiesen werden, die die USA und die UN ganz automatisch eng miteinander verbindet: die USA sind Gründungsmitglied der UN, während sich die UNZentrale zugleich auf dem Staatsterritorium der USA befindet, was der Organisation auf der einen Seite mit Blick auf die beträchtlichen Machtmittel Amerikas im Bereich von Diplomatie und Militär erhöhte Glaubwürdigkeit, auf der anderen Seite jedoch im Laufe der vergangenen Jahrzehnte bei vielen Gelegenheiten auch Vorwürfe bezüglich mehr oder weniger deutlich festgestellter amerikanischer Einflußnahme eingebracht hat.
Zweitens ergibt sich mit Blick auf die oben bereits angesprochene große Bedeutung des Einwanderungsfaktors eine sozio-historische Symbolik, was New York als den Sitz der UN betrifft. So wie die Stadt über die vergangenen Jahrhunderte zum Schmelztiegel und zum zumeist friedlichen Ort des Zusammenlebens für Einwanderer mit verschiedenster ethnischer und religiöser Herkunft geworden ist, sollte auch die UN-Organisation die Völker dieser Welt zur friedlichen Regelung ihrer gemeinsamen Angelegenheiten zusammenführen.
Drittens sollte, eng mit dem vorangegangenen Gedanken verbunden, auf die ideelle und verbale Symbolik bzw. auf die konzeptionelle Kongruenz hingewiesen werden, welche jeweils in der Namens- bzw. Mottogebung der USA und der UN mit Blick auf die durch vereintes Handeln zu gewinnende Stärke Ausdruck finden soll. So wie mit dem deutlichen Bezug auf das Vereintsein in der Namensgebung „United Nations“ auf die Stärke und die besseren Problemlösungskapazitäten hingewiesen wird, die durch ein gemeinsames Handeln der Völker erzielt werden könnten, findet sich ein ähnliches Konzept in der amerikanischen Staatsmotto-Formel E pluribus unum. Der amtierende UN-Generalsekretär Kofi Annan weist zudem darauf hin, daß einige der zentralsten Werte, für die die UN stünde, sehr deutlich mit amerikanischen kongruieren, wenn er feststellt, daß „values such as tolerance and equal rights [are also] America’s own founding values” (2000: 28). Sowohl hinsichtlich der USA als einem staatlichen, als auch hinsichtlich der UN als einem nicht-staatlichen Akteur sollte zudem unbedingt auf das Vorhandensein eines deutlichen idealistischen Faktors hingewiesen werden, der sich im ersten Fall oft in den Motivationen amerikanischer Außenpolitik und im zweiten Fall in den Zielsetzungen – sowie in den nicht selten mühsamen und bisweilen auch sehr riskanten Feldmissionen – der UN-Organisation gezeigt hat. Zudem scheint sich bereits eine klare geistig-konzeptionelle Befruchtung zwischen USA und UN bei der Konzipierung der UN-Charta ereignet zu haben, deren Präambel mit den Worten „We the Peoples of the United Nations“ beginnt.4
[....]
1 Vgl. die These von Francis Fukuyama (1992), die oft aufgegriffen und sehr kontrovers diskutiert wurde.
2 Nach Kühne (1995: 8) geht dieser Ausdruck ursprünglich auf den ehemaligen französischen Präsidenten François Mitterand zurück.
3 Vgl. hierzu u.a. Nye (2002a: 24) und (2003b: 65), der ein 3-dimensionales Schachbrett-Modell entwickelt hat, nach dem die USA in der Weltpolitik auf der obersten militärischen Ebene in den internationalen Beziehungen als uneingeschränkter Hegemon agieren können, die Macht auf der mittleren ökonomischen Ebene jedoch mit anderen Akteuren (v.a. mit der EU und Japan) teilen müssen und auf einer unorganisierten unteren dritten Ebene der transnationalen Fragen der internationalen Beziehungen nur ein Akteur unter vielen darstellen.
4 Vgl. Nicholas (1975: 221), dessen Werk in einem Appendix auf den Seiten 221-253 die vollständige Charta der Vereinten Nationen enthält.
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