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Autor: Stephan Niemeier
Fach: Biologie - Didaktik
Details
Institut: Studienseminar für das Lehramt, Bielefeld
Tags: Emotionale, Intelligenz, Biologie-Unterricht, Förderung, Konfliktfähigkeit, Schülern, Staatsexamen
Jahr: 2003
Seiten: 32
Note: sehr gut (-)
Literaturverzeichnis: ~ 33 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 410 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-35308-3
Textauszug (computergeneriert)
Studienseminar für das Lehramt Sekundarstufe 1
Bielefeld
Hausarbeit für das 2. Staatsexamen
Lehramt Sekundarstufe 1
Emotionale Intelligenz im Biologieunterricht zur Förderung der Konfliktfähigkeit von Schülern
eingereicht von
Stephan Niemeier
2003
„Wer blind auf sein Gefühl vertraut, kann in die Irre gehen.“ Frank Ochmann
„Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so daß ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“
1. Korinther 13, 1 & 2
Inhaltsverzeichnis
1 Gründe für die Behandlung der „Emotionalen Intelligenz“ im Biologie-Unterricht ... 4
1.1 Beobachtungen im Schulalltag ... 4
1.2 Motivationen für die Behandlung der Emotionalen Intelligenz im Biologie-Unterricht ... 5
2 Ziel der Arbeit ... 6
3 Das Konzept der „Emotionalen Intelligenz“ als Grundlage von Konfliktfähigkeit ... 6
3.1 Begriffliche Abgrenzung Emotionale Intelligenz? ... 6
3.1.1 Emotionen und Gefühle ... 6
3.1.2 Emotionale Intelligenz ... 9
3.2 Definition des Begriffs Konflikt ... 10
3.3 Fähigkeiten für die Lösung von Konflikten ... 11
3.3.1 Emotionale Fähigkeiten ... 11
3.3.2 Kognitive Fähigkeiten ... 11
4 Praktische Umsetzung: Modell zur Förderung der Emotionalen Intelligenz im Biologieunterricht ... 11
4.1 Interesse der Schüler am Thema „Emotionale Intelligenz“ ... 12
4.2 Einordnung in Richtlinien und Lehrplänen ... 12
4.3 Reflexion emotionaler Erfahrungen ... 12
4.4 Sozialformen als Übungsfeld ... 13
4.5 Konsequenzen für die Lehrerrolle ... 13
4.6 Praktische und emotional erlebbare Übungen ... 14
4.6.1 Beschreibung der Übungen ... 14
4.6.2 Übersicht: Zuordnung emotionaler Fähigkeiten und Übungen ... 18
4.7 Biologische Unterrichtsinhalte zur Emotionalen Intelligenz ... 19
4.7.1 Neurobiologie – das Gehirn und seine unentdeckten Möglichkeiten ... 19
4.7.2 Verhaltensbiologie – friedvoller Umgang mit anderen ist lernbar ... 21
4.7.3 Spielräume in der Biologie des Menschen aufzeigen ... 23
4.8 Unterrichtsentwurf zum Thema „Biologische Erklärung für Konfliktverhalten“ ... 24
5 Fazit ... 29
6 Literaturverzeichnis ... 31
1 Gründe für die Behandlung der „Emotionalen Intelligenz“ im Biologie-Unterricht
1.1 Beobachtungen im Schulalltag
Innerhalb meiner Ausbildungszeit als Lehramtsanwärter an der Gesamtschule Rosenhöhe, Bielefeld konnte ich während des Schulalltages beobachten, wie sich Schüler bei Konflikten verhalten. Viele Schüler zeigen dabei ein eingeschränktes Repertoire, Konflikte zu lösen. Einige Beispiele möchte ich hier kurz darstellen:
Während einer Pause konnte ich beobachten, wie sich Schüler der 8. Klasse stritten und mehrere gemeinsam einen Schüler attackierten. Die anschließende Klärung im Gruppengespräch ergab, dass die „Freunde“ den Schüler mit Gewalt vom Rauchen abhalten wollten.
Im Rahmen des Projektunterrichts „Drogenprävention – Sag Nein“ in der 9. Klasse sollten im Rollenspiel unterschiedliche Möglichkeiten ausprobiert werden, angebotene Drogen (Tabak, Alkohol) angemessen abzulehnen. In dieser Situation konnten einige Schüler die Angebote nur in beleidigender Weise ablehnen und riskierten sogar – fiktiv – den Abbruch der Freundschaft.
Im Projektunterricht „Unsichtbares Theater“ in der 9. Klasse sollten Schüler die folgende, von den Schülern selbst ausgedachte Situation üben. „Ein Obdachloser sitzt in der Fußgängerzone von Bielefeld. Vor ihm liegt ein Pappschild ‚Habe Hunger‘. Eine Gruppe Jugendlicher (Contra-Gruppe) nähert sich dem Obdachlosen und beginnt lautstark über ihn zu lästern. Eine weitere Schülergruppe (Pro-Gruppe) greift ein und nimmt für den Obdachlosen Partei.“ Zuerst regierten die Schüler der Pro-Gruppe mit Beleidigungen und verbalen Attacken: „Ey, laßt den Penner in Ruhe. Der hat euch nichts getan.“ „Was wollt ihr denn?“ antwortete die Contra-Gruppe. Trotz Sammlung verschiedener Möglichkeiten und Argumente, eskalierte die Situation schnell und endete in Rangelei. Auch nach mehreren Übungen dieser Situation in der Unterrichtsstunde fiel es vielen Schüler der Pro-Gruppe schwer, außer Anschreien, Beleidigungen und dem Einsatz körperlicher Gewalt andere Varianten der Auseinandersetzung zu finden.
Damit die Schüler die Konflikte sozial angemessen lösen können, müssen sie sich selbst wahrnehmen, die eigenen Emotionen kontrollieren, zuhören, sich in andere einfühlen, den anderen trotz unterschiedlicher Ansichten achten, Deeskalationsmaßnahmen ergreifen, sachlich argumentieren und sich entschuldigen können.
Insgesamt zeigen Schüler bei Beobachtungen im Schulalltag, dass ein Großteil über eine ihrer Reife und Altersstufe entsprechende Konfliktlösungsfähigkeit verfügt. Andere Schüler zeigen jedoch nur wenige Verhaltensvarianten, um Auseinandersetzungen zu klären. Bei so genannten „lauten Schülern“ reichte das Spektrum von Anschreien, Provokation durch Ignoranz, Beleidigung, Respektlosigkeit dem Konfliktgegner gegenüber bis hin zu Gewalt. Gerade diese Schüler dominieren häufig das Gruppengefüge und prägen somit das Unterrichtsgeschehen, das soziale Leben in der Klasse bis hin zur Atmosphäre an der ganzen Schule. Sogenannte „leise Schüler“ ziehen sich dagegen eher zurück oder emigrieren innerlich. Beide Verhaltensweisen tragen langfristig zur Eskalation von Konflikten bei. Dadurch werden Konflikte nicht gelöst und können zu immer häufiger auftretenden Mobbingprozessen führen.
Kollegen kommen in diesem Punkt zu folgenden Aussagen:
„Diese Kinder sind eine Belastung, aber nicht belastbar. Sie prügeln und beschimpfen Mitschüler, brechen aber beim geringsten Anlass in Tränen aus. ... Manchen von ihnen fehlt jede Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.“ (SUSANNE GASCHKE, Gesamtschullehrerin, in: DIE ZEIT, 11.05.2000).
Rückblickend betrachtet läßt sich eine Tendenz zur Verschlechterung der sozialen Kompetenzen vermuten: „Während man vor 20 Jahren mit ein oder zwei auffälligen Kindern pro Klasse rechnen musste, sind es heute eher fünf oder sechs“ (SCHWARZ-WEIß-BUCH III 2001, S. 47ff).
Defizite in der emotionalen und sozialen Erziehung sind stärker in den Fokus gesellschaftlicher Wahrnehmung geraten. Die Bedeutung sozialer Kompetenz als Bestandteil notwendiger Veränderungen im Bildungwesen wurde schon Mitte der 1990er Jahre von der BILDUNGSKOMMISSION NRW (1995, S. 39) hervorgehoben. Die Bildung im diesem Bereich wird auch von politischer Seite gefordert:
Bundespräsident Johannes Rau, Grundsatzrede zur Eröffnung eines Kongresses des Bund-Länder-Forum Bildung am 13.07.2000 (Berlin): Er betonte, dass angesichts der immens wachsenden Informationsflut die Bedeutung der „sozialen Kompetenz“ zunehme. „Es gilt, soziales und intellektuelles Lernen stärker zusammenzuführen.“ So würden neben dem notwendigen Fachwissen künftig Fähigkeiten wie Eigenverantwortung, Urteilsvermögen und Kreativität immer wichtiger. Auch Teamfähigkeit, Toleranz, die Fähigkeit zur Konfliktlösung und die Bereitschaft zur Verantwortung müssten mehr Gewicht bekommen. (nach WAZ 14.07.2000)
1.2 Motivationen für die Behandlung der Emotionalen Intelligenz im Biologie-Unterricht
Nachdem ich aufgrund eigener Beobachtungen und des gesellschaftlichen Kontextes gesehen habe, dass viele Schüler noch lernen müssen, Konflikte sozial angemessener zu lösen, habe ich mir die Frage gestellt, welchen Beitrag ich dazu in meinem Fachunterricht (Biologie und Chemie) leisten kann. Ich habe mich dann an das Konzept der emotionalen Intelligenz von DANIEL GOLEMAN (1996) erinnert. Dort werden emotionale Kompetenzen mit biologischem Wissen verknüpft, insbesondere Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften.
Meine Hauptmotivation findet ihren Grund in der These, dass das Konzept der „Emotionalen Intelligenz“ als Werkzeug zur Förderung der Konfliktfähigkeit geeignet ist.
In den Vereinigten Staaten von Amerika laufen bereits seit den 1970er Jahren Programme, die soziale und emotionale Kompetenzen in Schulen gezielt fördern (s. GOLEMAN 1996, S. 377-385). In Deutschland sind für Grundschulen bereits entsprechende Programme entwickelt worden (SCHICK & CIERPKA 2003, WESTPHAL 2003). In die Erziehungsberatung für Eltern hat das Konzept der emotionalen Intelligenz inzwischen ebenfalls Eingang gefunden (GOTTMAN 1997).
Ich will den Schülern etwas an die Hand geben, dass ihr Potential, Konflikte zu lösen, erhöht. Hierbei soll der Biologie-Unterricht emotionales Erleben und sachliches Wissen verbinden. Durch die Verknüpfung von Emotion und Wissen erlangen die gewonnenen Erkenntnisse erst jene Relevanz, durch die sie in andere Lebensbereiche - auch außerhalb von Unterricht und Schule - übertragen werden können. Hier könnte die Pubertät als Ansatzpunkt gelten, da sich die Schüler in dieser Zeit ihrer unterschiedlichen Emotionen mehr und mehr bewußt werden und sich mit Fragen auseinandersetzen: Wie bin ich? Was kann ich? Wie reagiere ich?
Das Konzept der emotionalen Intelligenz basiert auf einer Reihe neuerer Forschungsergebnisse aus der Biologie, vornehmlich der Hirnforschung. Da es relevante Erziehungsziele transportiert, bietet es sich an, es als neues Thema in den Biologie-Unterricht einzuführen. Die Biologie stellt hierzu eine Fülle neuer Aspekte, die bisher noch nicht berücksichtigt wurden, (z. B. Konflikteskalation, -lösung und Versöhnung bei Primaten, Flexibilität des Gehirns, neuronale Stolperfallen, neuronale Netzwerke erkennen Emotion und kognitives Wissen als Einheit) zur Verfügung.
Ein großer Teil emotionalen Lernens geschieht durch Beobachtung und Nachahmung, also der Orientierung an Leitbildern. In diesem Zusammenhang betont Hartmut von Hentig „Das wichtigste Curriculum des Lehrers ist seine eigene Person“ (MEYER 2000, Didaktische Landkarte Nr. 4). Deshalb will ich meine eigenen emotionalen Fähigkeiten im Bereich emotionaler Intelligenz als Lehrer verstärken und mein Handlungsspektrum erweitern. Das versetzt mich zunehmend in die Lage, die eigene emotionale Intelligenz der jeweiligen Situation angemessen einzusetzen.
Ich erhoffe mir zudem, gemeinsam mit Kollegen eine andere Sicht auf Schülerverhalten zu schärfen und Schülerverhalten exakter zu deuten. Letztlich könnte es mir und Kollegen helfen, mein eigenes Verhalten besser zu verstehen und auf Schüler angemessener reagieren zu können.
„Leitendes Ziel der Erziehung in der Gesamtschule ist es, junge Menschen zur Selbständigkeit und zum friedlichen Miteinander in einer demokratischen Gesellschaft zu erziehen.“ (MINISTERIUM FÜR SCHULE UND WEITERBILDUNG, WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG 1999, S. 11). Soziale und emotionale Kompetenzen der Schüler zu fördern, gehört zu den elementaren Aufgaben aller schulischen Fächer. Das Konzept der emotionalen Intelligenz in den Biologie-Unterricht einzubringen, könnte also einen Beitrag zum sozialen Lernen leisten.
2 Ziel der Arbeit
Ziel ist es, ein Unterrichtsmodell vorzustellen, dass das Konzept der Emotionalen Intelligenz umsetzt, mit Kenntnissen aus der modernen Biologie erklärt und vor allem Fähigkeiten, Konflikte angemessen zu lösen, fördert.
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