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Magisterarbeit, 1998, 232 Seiten
Autor: Manuela Azzolini
Fach: Geschichte - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Details
Tags: Gebot, Frauenalltag, Frauenkriminalität
Jahr: 1998
Seiten: 232
Note: sehr gut (1,0)
Literaturverzeichnis: ~ 213 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-35457-8
Dateigröße: 1367 KB
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Textauszug (computergeneriert)
Universität Bielefeld
Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie
Abteilung Geschichtswissenschaft
‘Not kennt kein Gebot’
Frauenalltag und Frauenkriminalität zwischen 1914 und 1924
Magisterarbeit
vorgelegt von
Manuela Azzolini
Bielefeld, den 22. Juni 1998
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... 1
1. Strukturfaktoren der Frauenexistenz 1914-1924 ... 16
1.1. Vom Ausbruch des 1. Weltkrieges bis zur Stabilisierung ... 17
1.2. „Wann mag dieses Elend enden?“: Hunger, Teuerung und Not ... 23
1.2.1. Materielle Grundlagen: Kriegsunterstützung und Löhne ... 25
1.2.2. Rationierung und Teuerung der Nahrungsmittel ... 34
1.2.3. Wohnungsverhältnisse und Wohnungsnot ... 47
1.2.4. Gesundheitszustand und seelische Befindlichkeit ... 53
1.3. Frauenerwerbsarbeit ... 57
1.3.1. Die Entwicklung der Frauenerwerbsarbeit bis 1918 ... 59
1.3.2. Die Rückkehr der Männer und die Demobilmachung der Frauen ... 66
2. Frauenkriminalität 1914-1924 7... 1
2.1. Allgemeine Entwicklung der Kriminalität ... 76
2.2. Die Kriminalität nach Hauptdeliktgruppen ... 85
2.2.1. Verbrechen und Vergehen gegen das Vermögen ... 90
2.2.2. Diebstahl ... 94
2.2.3. Außerhalb der Reichskriminalstatistik: Die Übertretungen ... 100
2.3. Zeitgenössische Erklärungen für die Frauenkriminalität ... 103
2.3.1. ‘Die Eigenart der Weibesnatur’. Biologistische Erklärungen ... 108
2.3.2. ‘Vermännlichung’ oder vermehrte Gelegenheit: Das Vordringen der Frauen in die Öffentlichkeit ... 114
2.4. Reaktionen auf die veränderte (Frauen-) Kriminalität ... 118
2.4.1. Rechtsprechung: Zwischen Sanktionierung und Bagatellisierung ... 121
2.4.2. Anzeigeverhalten der Bevölkerung ... 136
3. Alltag, Not und Kriminalität ... 141
3.1. Frauen und Recht: Zur Analyse der weiblichen Kriminalität ... 144
3.2. Zur ökonomischen Bedingtheit von Kriminalität ... 150
3.3. Kriminalität und Sozialer Protest ... 156
3.3.1. Zur spezifischen Ausprägung der weiblichen Protest- und illegalen Selbsthilfeaktionen 1914-1924 ... 162
3.3.2. Kriminalisierung von Selbsthilfe und Protest ... 172
3.4. ‘Not kennt kein Gebot’ - Rechtsbewusstsein und Existenzlogik ... 185
4. Schlußbetrachtung ... 193
Quellen- und Literaturverzeichnis ... 201
1. Gedruckte Quellen, Quelleneditionen, Memoiren und zeitgenössische Darstellungen bis 1945 201
2. Literatur nach 1945 207
Einleitung
„Deshalb bekommt das Verhalten der Frau in unseren Augen leicht etwas Unklares und Unlogisches, das sie zu entschlossener Tat zumeist nur in den Ausnahmefällen, wo ein ganz starkes persönliches Interesse auf dem Spiele steht, fähig macht.“1
Zu Recht werden die Jahre 1914-1924 als „unruhiges Jahrzehnt“2 bezeichnet. Die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Ereignisse wurden von anfänglicher Euphorie begleitet, welche durch Hunger, Not, Teuerung und Mangel bald in Verzweiflung, Friedenssehnsucht und Radikalität umschlug. In der Folge kam es immer öfter zu Protesten, Unruhen, Streiks und Krawallen. Die Revolution beendete zwar das deutsche Kaiserreich und den Krieg, doch das Elend der Bevölkerung wurde durch die Jahre der nun folgenden Inflation eher noch verschärft, und erst Ende 1923, mit der Einführung der Rentenmark und dem Übergang in die Stabilisierungsphase, trat eine Besserung ein. Einen Aspekt dieser Unruhen stellte die Frauenkriminalität dar. Kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges wurde eine ungewöhnliche Zunahme der Frauenkriminalität, insbesondere der Eigentumsdelikte, konstatiert. Diese Zunahme verlief bis zum Ende der Hyperinflation 1923 zwar ungleichmäßig, aber doch auf einem deutlich höheren Niveau als vor dem Krieg. Die zeitgenössischen Erklärungen und Reaktionen waren sehr unterschiedlich und auch widersprüchlich - aber einig war man sich darin, dass dieser Zustand eine moralische Gefahr für das deutsche Volk sei. Schließlich sei die Frau „als Hausfrau und Mutter“ in ihrer „Stellung innerhalb der sozialen Ordnung so wichtig, dass sie als asozial handelndes Subjekt höchste Beachtung verdient“.3
Das Interesse der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft an „den Randgängern der Geschichte“4 hat in den letzten beiden Jahrzehnten zwar zugenommen, doch hat das Phänomen der erhöhten Frauenkriminalität zwischen 1914 und 1924 nur am Rande Aufmerksamkeit erlangt. In der bisherigen diesbezüglichen Literatur wurde und wird die mangelnde Berücksichtigung der Frauenkriminalität häufig mit der geringen Beteiligung der Frauen an der Gesamtkriminalität - durchschnittlich lag und liegt sie zwischen 10 und 20% - gerechtfertigt, wobei die Zunahme in den Jahre 1914-1924 zumindest als Ausnahmesituation wahrgenommen wird. Das mangelnde Interesse mag auch damit zusammenhängen, dass die Geschichte der Kriminalität besonders in Deutschland erst allmählich ein Forschungsfeld geworden ist, wobei der Schwerpunkt der Untersuchungen, ebenso wie in weiten Teilen der angelsächsischen und französischen Forschung, im wesentlichen die Entstehung der Kriminalität im 18. und 19. Jahrhundert5 und dort die Kriminalität der Männer ist.6 Oder aber die Forschung orientiert sich an dem aus der Kriminologie stammenden Labeling-Ansatz7 und untersucht die Instanzen sozialer Kontrolle wie Polizei, Justiz und Strafrechtssystem8, wobei aber auch die von diesen Instanzen möglicherweise anders praktizierte ‘Kriminalisierung’ der Frauen äußerst selten untersucht wird.
Daneben gibt es eine recht umfangreiche Forschungsliteratur für den Bereich des ‘Sozialen Protests’, die Überleitungen zur Kriminalität hergestellt hat.9 Allerdings werden auch hier Frauen noch häufig ausgespart, oder ihr Verhalten wird als „Problem des weiblichen Charakters“10 dargestellt. Zudem muss die Kriminalität vom sozialen Protest insofern abgegrenzt werden, als es sich bei ihr mehrheitlich um eine individuelle Verhaltensweise handelt, im Gegensatz zum kollektiven Handeln des sozialen Protests. Möglicherweise ist aber ein Zusammenhang beider Varianten nonkonformen Verhaltens darin zu sehen, dass kriminelles Verhalten in bestimmten Situationen und zu bestimmten Zeiten „als individuelle Variante sozialen Protests interpretiert werden kann“.11 Noch deutlicher wird die Gemeinsamkeit zum Beispiel dort, wo Kriminalität in Verbindung mit den zumeist kollektiv durchgeführten Lebensmittelkrawallen entstand - dies scheint gerade für einen Teil der Frauenkriminalität typisch gewesen zu sein, - da hier die Grenzen zwischen Kriminalität und Protest und damit letztendlich auch zwischen individuell und kollektiv aufgehoben wurden. Diese These wird im Rahmen dieser Untersuchung zwar behandelt, dennoch soll klar hervorgehoben werden, dass nicht alle kleineren Gesetzesverletzungen unter den sozialen Protest subsumiert werden dürfen, da es grundsätzlich zuerst einmal um zwei verschiedene Verhaltensweisen geht.12 Diese Eingrenzung ist zum einen deshalb nötig, weil bei einer zu starken Konzentration auf die Protestforschung das eigentliche Thema - die Kriminalität der Frauen - Gefahr liefe, in den Hintergrund gerückt zu werden, zum anderen, weil eine übermäßige Gleichsetzung beider Formen nonkonformen Verhaltens schnell zu einer unzulässigen Generalisierung führen würde.
Intention dieser Arbeit ist es, für die Jahre 1914-1924 die verstärkte Zunahme der Frauenkriminalität13 auf dem Hintergrund der beschwerlichen Beschaffenheit des Alltags zu betrachten und zu analysieren. Die grundlegende These dieser Arbeit lautet, dass, da die Frauen in der Regel für die Versorgung der Familie, das heißt für den so genannten ‘Reproduktionsbereich’, zuständig waren und da diese Versorgung im Krieg und in der darauf folgenden Zeit der Inflation kaum legal möglich war oder zumindest sehr erschwert wurde, sie sich zunehmend ‘radikalisierten’, eine kritische Haltung dem Staat und seinen Institutionen gegenüber einnahmen und ein Wertebewusstsein entwickelten, welches den Normen und Regeln der Gesellschaft, kodifiziert im Strafgesetzbuch, widersprach. Diese Haltung manifestierte sich dann letztlich in der statistisch ausgewiesenen Kriminalität.
[...]
1 Koppenfels, Sebastian von, Die Kriminalität der Frau im Kriege (Kriminalistische Abhandlungen, Heft 2), Leipzig 1926, S. 6.
2 Scholz, Robert, Ein unruhiges Jahrzehnt: Lebensmittelunruhen, Massenstreiks und Arbeitslosenkrawalle in Berlin 1914-1923, in: Gailus (Hg.), Pöbelexzesse und Volkstumulte in Berlin. Zur Sozialgeschichte der Straße (1830-1980), Berlin 1984, S. 79-123. Karin Hartewig betont statt dessen mehr die Unberechenbarkeit der Zeit als Ursache für die Unruhen und bezeichnet die Jahre daher als „unberechenbares Jahrzehnt“: Hartewig, Karin, Das unberechenbare Jahrzehnt. Bergarbeiter und ihre Familien im Ruhrgebiet 1914-1924, München 1993. Letztendlich haben beide Bezeichnungen ihre Berechtigung und Gültigkeit.
3 Bayrisches Statistisches Landesamt (Hg.), 50 Jahre Frauenkriminalität 1882-1932, bearb. von Josef Krug, München 1937, S. 3. Dass diese Sichtweise bis heute Aktualität behalten hat, zeigen: Andriessen, Margo/Japenga, Caren, Die großen Männer der Kriminologie und ihr Frauenbild, in: MschrKrim 68 (1985), S. 313-325; Lamott, Franziska, Der Risikofaktor >Frau<. Kriminalprävention und Mütterlichkeit, in: MschrKrim 68 (1985), S. 325-339.
4 Blasius, Dirk, Kriminalität als Gegenstand historischer Forschung, in: Kriminalsoziologische Bibliographie 6 (1979), S. 1-15, hier S. 1.
5 Vgl. besonders: Blasius, Dirk, Kriminalität und Alltag. Zur Konfliktgeschichte des Alltagslebens im 19. Jahrhundert, Göttingen 1978; Reif, Heinz (Hg.), Räuber, Volk und Obrigkeit. Studien zur Geschichte der Kriminalität in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 1984. Dort jeweils auch weiterführende Literatur.
6 „Spricht man von Kriminalität des Menschen, des Volkes schlechthin, so meint man die des ausgereiften Mannes; der Mann ist vielseitiger, erfindungsreicher, phantasievoller, schöpferischer und vor allem energischer und beharrlicher“; Sauer, Wilhelm, Kriminologie als reine und angewandte Wissenschaft, Berlin 1950, S. 82f. Auch wenn man davon ausgehen sollte, dass diese Ansicht heute so nicht mehr vertreten wird, kann sie doch eine Antwort darauf geben, warum die Frauenkriminalität noch kein größeres Interesse gefunden hat. Denn noch häufig wird abweichendes Verhalten von Frauen über ihre Sexualität wahrgenommen und dementsprechend aus der historischen Forschung ausgeblendet.
7 Vgl. dazu und zu weiteren Grundlagen der Kriminologie: Kaiser, Günther, Kriminologie. Eine Einführung in die Grundlagen, 8. neubearb. u. erg. Aufl., Heidelberg 1989.
8 Vgl. besonders: Blasius, Dirk Bürgerliche Gesellschaft und Kriminalität. Zur Sozialgeschichte Preußens im Vormärz, Göttingen 1976 sowie: ders., Kriminalität als Gegenstand.
9 Zur Forschungsdiskussion und -kontroverse innerhalb der Protestforschung vgl.: Volkmann, H./Bergmann, J. (Hg.), Sozialer Protest. Studien zu traditioneller Resistenz und kollektiver Gewalt in Deutschland vom Vormärz bis zur Reichsgründung, Opladen 1984; ferner die Beiträge von C. Tilly, Volkmann, Haupt und Hausen in: GG 3 (1977), S. 153-263, sowie Giesselmann, Werner, Protest als Gegenstand sozialgeschichtlicher Forschung, in: Schieder, W./Sellin, V. (Hg.), Sozialgeschichte in Deutschland, Bd. 3, Göttingen 1987, S. 50-77. Zur Verbindung zwischen Protest und Kriminalität vgl. besonders: Blasius, Dirk Sozialprotest und Sozialkriminalität in Deutschland: Eine Problemstudie zum Vormärz, in: Volkmann/Bergmann (Hg.), Sozialer Protest, S. 212-227.
10 Lipp, Carola/Kienitz, Sabine/Binder, Beate, Frauen bei Brotkrawallen, Straßentumulten und Katzenmusik - Zum politischen Verhalten von Frauen 1847 und in der Revolution 1848/49, in: Assion, P. (Hg.), Transformationen der Arbeiterkultur, Marburg 1986, S. 49-63, hier S. 53.
11 Guttmann, Barbara, Kriegsgegnerinnen und „liederliche Frauenzimmer“. Formen kollektiven Protests und individuellen nonkonformen Verhaltens von Frauen zur Zeit des Ersten Weltkrieges in Deutschland, in: Ludi, R. u.a. (Hg.), Frauen zwischen Anpassung und Widerstand. Beiträge der 5. Schweizerischen Historikerinnentagung im November 1988, Zürich 1990, S. 85-98, hier S. 92.
12 Dazu: Blasius, Dirk Kriminalität und Geschichtswissenschaft. Perspektiven der neueren Forschung, in: HZ 233 (1981), S. 615-627; Volkmann, Heinrich, Kategorien des sozialen Protests im Vormärz, in: GG 3 (1977), S. 164-189.
13 Diese Zunahme hat einige zeitgenössische Untersuchungen hervorgebracht, welche allerdings die Alltagssituation unzureichend berücksichtigen. Vgl. darunter besonders: Koppenfels, Die Kriminalität der Frau; Liepmann, Moritz, Krieg und Kriminalität in Deutschland, Stuttgart 1930, speziell S. 131-162. Dort auch ein ausführlicher Literaturüberblick. In der neueren Forschungsliteratur wird die Steigerung der Frauenkriminalität in Untersuchungen über die Jahre 1914-1924 zwar angesprochen, aber eine umfassende Untersuchung existiert nicht; vgl. besonders: Daniel, Ute, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg, Göttingen 1989, S. 215- 232 und Hartewig, Das unberechenbare Jahrzehnt, S. 218-244.
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