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Kein Ort. Nirgends - Ein Hinweis auf den Standort Christa Wolfs am Ende der Siebziger Jahre

Scholary Paper (Seminar), 2002, 16 Pages
Author: Christine Beier
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Mittelseminar: „Projektionsraum Romantik“. Christa Wolfs Kein Ort. Nirgends.
Institution/College: University of Marburg
Tags: Kein, Nirgends, Hinweis, Standort, Christa, Wolfs, Ende, Siebziger, Jahre, Mittelseminar, Romantik“, Christa, Wolfs, Kein, Nirgends
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2002
Pages: 16
Grade: 1
Bibliography: ~ 13  Entries
Language: German
Archive No.: V35785
ISBN (E-book): 978-3-638-35600-8

File size: 311 KB


Excerpt (computer-generated)

Philipps-Universität Marburg
FB 09 Germanistik und Kunstwissenschaften
MS: „Projektionsraum Romantik“. Christa Wolfs Kein Ort. Nirgends.
4. Semester

Kein Ort. Nirgends – Ein Hinweis auf den Standort
Christa Wolfs am Ende der Siebziger Jahre

von: Christine Beier

 


I. Einleitung  3

II. Kein Ort. Nirgends als Antwort auf den sozialistischen Realismus 4

1. Die Auswahl des Stoffes  4
2. Indoktrination vs. Aktivierung des Lesers 9

III. Fazit  14

IV. Literatur 15


 

I. Einleitung

Christa Wolfs Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ entstand 1977 in der DDR und war nach eigener Angabe eine unmittelbare Reaktion auf die Biermann-Ausbürgerung vom November 1976. Der Text muss folglich im Kontext der gesellschaftlichen Situation in der DDR Ende der Siebziger Jahre gelesen werden. In dieser Arbeit soll untersucht werden, inwieweit „Kein Ort. Nirgends“ eine Kritik an der DDR ist. Ist dieses Buch als revolutionärer Akt der sozialistischen Literaturgeschichte zu sehen?

Unter zwei Aspekten nähert sich die Arbeit dieser Frage an: Zunächst wird eine inhaltliche Untersuchung vorgenommen und erarbeitet, inwiefern Inhalt und Auswahl des romantischen Stoffes sich gegen die Forderungen des sozialistischen Realismus` richten. Dabei wird auch ein Blick darauf geworfen, wie sich die kulturpolitische Situation in der DDR bis zum Zeitpunkt des Erscheinens von „Kein Ort. Nirgends“ entwickelt hat. Zwar waren zum Zeitpunkt des Entstehens (1977) Ereignisse wie die Bitterfelder Konferenz nicht mehr aktuell und auch der Einfluss von Georg Lukács hatte zu diesem Zeitpunkt nachgelassen, doch werden auch Ende der Siebziger Jahre immer noch keine großen Abweichungen von der Kunstauffassung des sozialistischen Realismus` geduldet. Interessant ist, wie Christa mit einer solchen Begrenzung umgeht. Sie erhellt die Vergangenheit aus der Sicht der Gegenwart und kritisiert die Gegenwart durch das Medium der Vergangenheit.1 Auf ihre persönliche Beziehung zum Schreiben und auf ihre Motivation wird in diesem Abschnitt auch eingegangen werden.

Doch nicht nur auf der inhaltlich-stofflichen Ebene findet eine Abgrenzung zur Widerspiegelungstheorie Lukács` statt. Im zweiten Teil soll erarbeitet werden, wie sich diese Distanzierung auf sprachlicher Ebene vollzieht. Subjektive Schreibweise, Montage und eine flukturierende Erzählsituation sind hier die Stichwörter. Der offene Diskurs zwischen Leser Werk und Autor ist dabei von zentraler Bedeutung. Der Gegensatz von Indoktrination und Aktivierung des Lesers soll hier vor dem Hintergrund des sozialistischen Realismus` einerseits, und der experimentellen Schreibweise Christa Wolfs andererseits, diskutiert werden.

II. Kein Ort. Nirgends als Antwort auf den sozialistischen Realismus

1. Die Auswahl des Stoffes

Die Romantik-Epoche hatte in der DDR von Beginn an einen schweren Stand. Lange Zeit befand sich die kulturpolitische Sichtweise der DDR stark unter dem Einfluss Lukács`. Dieser bewertet die Romantik als reaktionär und als Antithese zur deutschen Klassik, die in der DDR stets positiv gesehen wurde. Zum Zeitpunkt des Entstehens von Kein Ort. Nirgends hatte sich diese negative Romantikrezeption zwar zum positiveren hin gewandelt, doch war sie auch weiterhin umstrittener als die Rezeption der Klassik oder des Realismus`. Auf der Bitterfelder Konferenz 1959 wurden Anforderungen an die Schriftsteller geäußert, die die Trennung von Kunst und Leben aufheben sollten. [...] Das heißt, daß Schriftsteller und Künstler selbst am sozialistischen Aufbau teilnehmen; denn das Neue erkennen, begreifen, aufspüren und schöpferisch darstellen, das kann der Schriftsteller am besten, der selbst an der Entwicklung des neuen Lebens wirkt und tätig ist. Indem der Schriftsteller das Neue in der Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft künstlerisch gestaltet, begeistert er die Menschen für die Erfüllung hoher Aufgaben.[...]2

Die Themen, mit denen sich die Schriftsteller beschäftigen sollten, waren also klar umgrenzt. Sie sollten das wirkliche Leben darstellen, das heißt morgens in einer Fabrik arbeiten und danach über das Erlebte schreiben. Man kann hier auch von einer Funktionalisierung der Künstler durch den Staat sprechen, denn sie sollten dem übrigen Volk die Arbeit schmackhafter machen und so die Produktivität steigern. Die Literatur sollte einen optimistischen Tenor an die Leser weitergeben und idealerweise Menschen beschreiben, die eine Vorbildfunktion im Sinne des Sozialismus` erfüllen. Die Prämissen der Bitterfelder Konferenz und des V. Parteitages, die Arbeiter schriftstellerisch tätig werden zu lassen und den Schriftstellern den Alltag eines Arbeiters näher zu bringen, wurden in den sechziger Jahren zwar weitgehend zurückgenommen. Kein Ort. Nirgends ist dennoch etwas Neues in der Literaturgeschichte der DDR, denn Christa Wolf beschäftigt sich nicht mit den geforderten vorbildlichen Personen, sondern mit problematischen Gestalten der Literaturgeschichte.3 Weder Kleist noch Günderrode können sich in die Gesellschaft einfügen. In „der Schatten eines Traumes“ schreibt Christa Wolf über Caroline von Günderrode: »Die Dissonanz ihrer Seele, die die einundzwanzigjährige Caroline von Günderrode (1780-1806) wahrnimmt, ist, aber das weiß sie noch nicht, die Unstimmigkeit der Zeit«4

[...]


1 Vgl. Patricia Herminghouse: Die Widerentdeckung der Romantik: zur Funktion der Dichterfiguren in der neueren DDR-Literatur. In: DDR-Roman und Literaturgesellschaft. Hrsg. von Jos Hoogevee und Gerd Labroisse. Amsterdam 1981, S. 217-248, S. S.219.

2 Rede Walter Ulbrichts auf der 1. Bitterfelder Konferenz. In: Neues Deutschland, Ost-Berlin vom 15.5. 1959.

3 Vgl. Patrick Baab: Romantische Stilelemente in der Prosa Christa Wolfs. Zur Romantik- Rezeption in der DDR. In: Diskussion Deutsch 17 (1986), Heft 88. S. 171-187, hier: S. 179.

4 Christa Wolf: Der Schatten eines Traumes, Caroline von Günderrode – Ein Entwurf. München 2000 (Werke in 12 Bänden, Bd. 6), S.107-175, S. 109.


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