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Hintergründe und Möglichkeiten zur schulischen Prävention gegen sexuellen Kindesmissbrauch

Autor: Petra Stichert geb. Nitsch
Fach: Pädagogik - Heil- und Sonderpädagogik

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Details

Kategorie: Examensarbeit
Jahr: 2000
Seiten: 147
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 196  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 532 KB
Archivnummer: V35938
ISBN (E-Book): 978-3-638-35701-2
ISBN (Buch): 978-3-638-68734-8

Zusammenfassung / Abstract

Sexueller Kindesmissbrauch ist ein Thema, das im Bewusstsein der Öffentlichkeit zunehmend mehr Raum einnimmt. Dies ist vor allem auf eine umfassende Thematisierung in den Medien zurückzuführen. Als Folgen sind sowohl eine Zunahme bekannt werdender Fälle von Kindesmissbrauch als auch ein wachsendes Verständnis für dessen Auswirkungen auf die Opfer zu beobachten. Die Hochrechnungen über die Häufigkeit von sexuellem Kindesmissbrauch schockieren ebenso wie die Intensität und Vielzahl seiner Folgen, weisen beide doch deutlich auf ein grundlegendes, gesellschaftliches Problem hin. Dennoch lassen effiziente Maßnahmen zur Reduzierung von Kindesmissbrauch auf sich warten, denn die Unsicherheit im Umgang mit diesem Thema ist groß: Zu viele Ängste, zu tiefgreifende gesellschaftliche Probleme, zu verwurzelte Tabus werden hier angesprochen. Zudem unterliegt sexueller Missbrauch in der Regel einer so wirkungsvollen Geheimhaltung, dass nicht einmal annähernd realistische Datenerhebungen und Untersuchungen durchführbar sind. Diese fordert unsere Gesellschaft jedoch als Voraussetzung für umfassende Veränderungen. Viele Ansätze, sexuellem Kindesmissbrauch entgegenzuwirken, scheitern deshalb an den Schwierigkeiten, die notwendige institutionelle, rechtliche oder finanzielle Unterstützung zu erhalten. Ein Umdenken wäre hier erforderlich. Seit einiger Zeit wird eine gangbare Alternative in der präventiven Arbeit gegen sexuellen Kindesmissbrauch gesehen. Idealerweise soll diese umfassend wirken und früh genug ansetzen, um Kindesmissbrauch gar nicht geschehen zu lassen. In der Praxis zeigen sich jedoch auch hier viele Probleme. So sind beispielsweise Inhalt, Methoden und Effizienz derzeitiger Präventionsarbeit kaum erforscht und dementsprechend umstritten. Ein weiteres Defizit liegt in der mangelnden Abstimmung einzelner präventiver Maßnahmen aufeinander. Zudem ist auch die wichtigste Voraussetzung für eine sinnvolle Präventionsarbeit noch nicht ausreichend gegeben: eine Sensibilisierung für die Erlebniswelt der Opfer und TäterInnen, die zur Tat führt bzw. aus dieser resultiert. Eine Annäherung an diese Erlebniswelt sowie die Entwicklung eines hierauf aufbauenden Präventionskonzepts sind die Ziele dieser Arbeit.

Textauszug (computergeneriert)

 

Hintergründe und Möglichkeiten zur schulischen Präventionsarbeit gegen sexuellen Kindesmißbrauch

Schriftliche Hausarbeit

vorgelegt im Rahmen der Ersten Staatsprüfung
für das Lehramt für Sonderpädagogik an der Schule für Lernbehinderte und Erziehungsschwierige

von

Petra Stichert (geb. Nitsch)

Heidelberg, 25.01.2000

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort ... 4

1. Einleitung ... 6

2. Sexueller Mißbrauch von Kindern ... 9
2.1. Definitionen und Daten ... 9
2.2. Die Thematisierung von Kindesmißbrauch in der Öffentlichkeit ... 17
2.3. Gesellschaftsprofil ... 21
2.4. TäterInnenprofile ... 28
2.4.1. Tätermotiv: Macht ... 32
2.4.2. Tätermotiv: Einsamkeit ... 39
2.4.3. TäterInnenmotiv: Pädophilie ... 42
2.4.4. Frauen als Täterinnen ... 46
2.5. Opferprofile ... 54
2.5.1. Vertrauensverlust und Lähmung durch Widersprüche ... 59
2.5.2. Überlebensstrategien ... 64
2.5.3. Relevante Aspekte für das Ausmaß der Schädigung ... 68
2.5.4. Symptome ... 72
2.5.5. Familienstrukturen der Opfer ... 73
2.5.6. Jungen als Opfer ... 78

3. Mißbrauchsprävention ... 83
3.1. Theoretische Ansätze ... 83
3.2. Schulische Präventionsarbeit: Möglichkeiten und Probleme ... 86
3.3. Initiativen zur schulischen Präventionsarbeit ... 91
3.4. Ein Konzept zur schulischen Präventionsarbeit: Eltern aufklären - LehrerInnen fortbilden - Kinder stärken ... 95
3.4.1. Langfristige Forderungen ... 95
3.4.2. Organisation ... 100
3.4.3. Eltern aufklären ... 101
3.4.4. LehrerInnen fortbilden ... 106
3.4.5. Kinder stärken ... 110

4. Resümee ... 124

Literaturverzeichnis ... 127

Anhang ... 149
I Untersuchungen zur Häufigkeit von sexuellem Kindesmißbrauch
II §176 StGB
III Zeitungsartikel: suchtkranke Frauen und Kindesmißbrauch
IV Symptome

 

Vorwort

Zum ersten Mal kam ich mit sexuellem Kindesmißbrauch in Kontakt, als ich 1990 für ein Jahr die Leitung einer Kindergruppe übernahm. Ein Mädchen dieser Gruppe fiel mir durch ihr Verhalten negativ auf. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt bereits - wenn auch geringes - Vorwissen zum Thema Kindesmißbrauch hatte, brauchte ich das ganze Jahr, um mir einzugestehen, daß dieses „seltsame Verhalten“ deutlich auf solchen hinwies. Es war mit Sicherheit kein Zufall, daß dieses Eingeständnis unmittelbar vor meiner letzten Gruppenstunde erfolgte, zu einem Zeitpunkt also, als ich kaum noch eingreifen und die Verantwortung nur noch an meine NachfolgerInnen bzw. die Klassenlehrerin des Mädchens weitergeben konnte.
Diese Erfahrung hat mir verständlich gemacht, warum Kindesmißbrauch so häufig so lange „unentdeckt“ oder zumindest ungeahndet bleiben kann. Sie hat mich allerdings auch so geärgert, daß ich beschloß, so etwas nicht noch einmal zuzulassen. Um dies zu gewährleisten, setzte ich mich die folgenden Jahre immer mehr mit sexuellem Mißbrauch auseinander - mit Hilfe von Büchern, Filmen und im zunehmenden Maße auch durch Gespräche mit Opfern. Je mehr ich mich mit Mißbrauch beschäftigte und auch darüber sprach, desto mehr meiner FreundInnen, Bekannten und Verwandten erzählten mir von eigenen direkten oder indirekten Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen, bis mir die enorm hohen Dunkelzifferschätzungen (s. Kap. 2.1.) zum sexuellen Kindesmißbrauch erschreckend realistisch erschienen.

Durch das nach und nach angesammelte Wissen fiel es mir immer leichter, bei meiner Arbeit mit Kindern Hinweise auf sexuellen Mißbrauch wahrzunehmen. Meine Vermutungen stimmten immer mit den Beobachtungen der anderen involvierten ErzieherInnen überein und konnten in manchen Fällen sogar definitiv bestätigt werden. Dies führte jedoch in keinem Fall zu einer Veränderung der Situation des betroffenen Kindes. Immer gab es zeitliche, rechtliche oder persönliche Schranken, die ein sinnvolles Eingreifen verhinderten.
Diese Erfahrungen mit der Praxis zeigten mir, daß Hintergrundwissen zum und Sensibilisierung für sexuellen Kindesmißbrauch zwar die Wahrnehmung von Kindesmißbrauch erleichtern, zu dessen Reduzierung jedoch nicht ausreichend beitragen können. Ich begann also, nach Möglichkeiten zu suchen, wie trotz der derzeitigen Rechtslage und der Schwierigkeiten, sexuellen Kindesmißbrauch zweifelsfrei aufzudecken (s. Kap. 2.), gegen Kindesmißbrauch vorgegangen werden könnte. Die präventive Arbeit gegen sexuellen Kindesmißbrauch verspricht diesbezüglich, ein guter Ansatz zu sein. Naheliegend und sinnvoll erscheinen mir hier besonders die Integration präventiver Arbeit in den Unterricht sowie das regelmäßige Durchführen von Projekten und Informationsveranstaltungen an Schulen. Diese Überlegungen sowie die Frage, warum ein solcher Schritt bisher nicht realisiert wurde, stellen den Ausgangspunkt dieser Arbeit dar.

1. Einleitung

Sexueller Kindesmißbrauch ist ein Thema, das im Bewußtsein der Öffentlichkeit zunehmend mehr Raum einnimmt. Dies ist vor allem auf eine umfassende Thematisierung in den Medien zurückzuführen. Als Folgen sind sowohl eine Zunahme bekannt werdender Fälle von Kindesmißbrauch als auch ein wachsendes Verständnis für dessen Auswirkungen auf die Opfer zu beobachten. Die Hochrechnungen über die Häufigkeit von sexuellem Kindesmißbrauch schockieren ebenso wie die Intensität und Vielzahl seiner Folgen, weisen beide doch deutlich auf ein grundlegendes, gesellschaftliches Problem hin. Dennoch lassen effiziente Maßnahmen zur Reduzierung von Kindesmißbrauch auf sich warten, denn die Unsicherheit im Umgang mit diesem Thema ist groß: Zu viele Ängste, zu tiefgreifende gesellschaftliche Probleme, zu verwurzelte Tabus werden hier angesprochen. Zudem unterliegt sexueller Mißbrauch in der Regel einer so wirkungsvollen Geheimhaltung, daß nicht einmal annähernd realistische Datenerhebungen und Untersuchungen durchführbar sind. Diese fordert unsere Gesellschaft jedoch als Voraussetzung für umfassende Veränderungen. Viele Ansätze, sexuellem Kindesmißbrauch entgegenzuwirken, scheitern deshalb an den Schwierigkeiten, die notwendige institutionelle, rechtliche oder finanzielle Unterstützung zu erhalten. Ein Umdenken wäre hier erforderlich.

Seit einiger Zeit wird eine gangbare Alternative in der präventiven Arbeit gegen sexuellen Kindesmißbrauch gesehen. Idealerweise soll diese umfassend wirken und früh genug ansetzen, um Kindesmißbrauch gar nicht geschehen zu lassen. In der Praxis zeigen sich jedoch auch hier viele Probleme. So sind beispielsweise Inhalt, Methoden und Effizienz derzeitiger Präventionsarbeit kaum erforscht und dementsprechend umstritten. Ein weiteres Defizit liegt in der mangelnden Abstimmung einzelner präventiver Maßnahmen aufeinander. Zudem ist auch die wichtigste Voraussetzung für eine sinnvolle Präventionsarbeit noch nicht ausreichend gegeben: eine Sensibilisierung für die Erlebniswelt der Opfer und TäterInnen, die zur Tat führt bzw. aus dieser resultiert. Eine Annäherung an diese Erlebniswelt sowie die Entwicklung eines hierauf aufbauenden Präventionskonzepts sind die Ziele dieser Arbeit.

In Kapitel 2. soll dementsprechend Hintergrundwissen über sexuellen Mißbrauch von Kindern zusammengetragen und ein Verständnis für die mißbrauchsspezifische Problematik aufgebaut werden. Neben allgemeinen Informationen zum Kindesmißbrauch sollen hier Fragen nach dessen Ursachen und Folgen hinsichtlich der Opfer und TäterInnen sowie nach den gesellschaftlichen Problemen im Umgang mit diesen geklärt werden.

Zunächst werden im Kapitel 2.1. Definitionen und Daten zum sexuellen Kindesmißbrauch vorgestellt. Die vielfältigen und teils auch widersprüchlichen Informationen hierzu werden gemäß des derzeitigen Wissensstandes gesammelt und diskutiert.
Die statistischen Angaben über Kindesmißbrauch liefern zudem einen ersten Hinweis darauf, daß es sich hierbei nicht um Einzelfälle, sondern um ein gesellschaftliches Problem handelt. Diese These wird sodann ausgeführt und belegt.
In diesem Kontext gilt es darüber hinaus zu untersuchen, wie unsere Gesellschaft als Ganzes auf das Thema Kindesmißbrauch reagiert und welche Schwierigkeiten sie im Umgang mit diesem hat. Ebenso ist zu zeigen, welche gesellschaftlichen Normen und Werte, aber auch welche persönlichen Voraussetzungen Menschen zu Opfern bzw. TäterInnen werden lassen.
Das Kapitel 2.2. beschäftigt sich dementsprechend unter Berücksichtigung historischer Entwicklungen mit der Thematisierung von sexuellem Mißbrauch in der Öffentlichkeit.
In Kapitel 2.3. wiederum wird ein Gesellschaftsprofil entworfen, das anhand von gesellschaftlichen Normen die Ängste der Menschen zu erklären versucht, die nichts gegen Kindesmißbrauch unternehmen, obwohl sie mit diesem - allgemein durch die Medien oder aber konkret in ihrem Umfeld - konfrontiert werden.
Die beiden anschließenden Kapitel (2.4. TäterInnenprofile und 2.5. Opferprofile) beinhalten eine Analyse der Ursachen, die dazu führen können, zu TäterInnen bzw. Opfern zu werden. Über die Anforderungen der eigentlichen Präventionsarbeit hinausgehend werden hier zudem Verhaltensmuster von TäterInnen und Opfern sowie deren Wahrnehmungen und Empfindungen vor, während und nach der Tat aufgezeigt. Diese Informationen sollen helfen, die zweite große Chance wahrzunehmen, die Präventionsarbeit bietet: die Aufdeckung und Unterbindung aktueller Fälle von Kindesmißbrauch.
Die Kapitel 2.3. bis 2.5. sind bewußt als Profile gestaltet, da sie auch als Grundlage für eventuelle spätere Präventionsarbeit dienen sollen. Während ein akribisch zusammengestellter „Merkmalkatalog“ in der Eltern- bzw. LehrerInnenarbeit Ängste und Überreaktionen auslösen kann, soll diese Form der Analyse helfen, ein Verständnis für grundlegende Strukturen des sexuellen Kindesmißbrauchs zu wecken und darüber hinaus adäquate Reaktionsmöglichkeiten aufzeigen.

Mit der Mißbrauchsprävention selbst beschäftigt sich im Anschluß an die Auseinandersetzung mit der Problematik des sexuellen Kindesmißbrauchs das Kapitel 3.
Hier werden zunächst allgemeine theoretische Hintergründe und praktische Ansätze derzeitiger Präventionsarbeit kurz vorgestellt (Kap. 3.1.).
Anschließend wird die schulische Präventionsarbeit im Hinblick auf ihre Möglichkeiten und Probleme konkretisiert (Kap. 3.2.).
Das Kapitel 3.3. gibt dann einen kurzen Überblick über Inhalte und Effizienzschwierigkeiten einiger derzeitiger Initiativen zur schulischen Präventionsarbeit in Deutschland sowie deren Ursprungsland USA.
Schließlich wird in Kapitel 3.4. ein Präventionsmodell für die Schule vorgestellt, das Eltern aufklären - LehrerInnen fortbilden - Kinder stärken soll und inhaltlich die Ergebnisse des Kapitels 2., konzeptionell die in Kapitel 3.1. bis 3.3. aufgeführten Probleme derzeitiger Präventionsarbeit berücksichtigt.

2. Sexueller Mißbrauch von Kindern

2.1. Definitionen und Daten

Die ersten Fragen, die sich in Bezug auf sexuellen Mißbrauch von Kindern stellen, sind die nach dessen Definition und Häufigkeit. Beide sind nicht eindeutig zu beantworten, zumal die Fachliteratur hierzu zum Teil erhebliche Differenzen aufweist.

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