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HELDINNEN der Bibel - Ein Beitrag zu einem authentischen christlichen Frauenbild im Religionsunterricht der Grundschule

Examination Thesis, 1995, 130 Pages
Author: Petra Stichert geb. Nitsch
Subject: Theology - Didactics, Religion Pedagogy

Details

Category: Examination Thesis
Year: 1995
Pages: 130
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 54  Entries
Language: German
Archive No.: V35939
ISBN (E-book): 978-3-638-35702-9
ISBN (Book): 978-3-638-68735-5
File size: 447 KB

Abstract

Was macht die Frauen und Männer der Bibel zu Helden und Heldinnen? Verglichen mit dem geläufigen Gesellschaftsbild recht wenig, denn die Helden und Heldinnen der Medien sind SportlerInnen und Models, MusikerInnen und Fernsehstars. Sie sind schöner, stärker und schneller als alle anderen, sie sind reich, erfolgreich und berühmt. Immer wieder tauchen vereinzelt aber auch "Alltags-Helden" oder "Alltags-Heldinnen" auf, deren Heldentum sich auf Mut und Stärke im Alltag bezieht. Ein solches „Alltags-Heldentum“ definiert sich durch den Mut, sich selbst zu finden und zu sich stehen, den eigenen Weg zu suchen und zu gehen, auch wenn dies auf Umwegen geschieht. Die Bibel ist reich an Geschichten über solche „Alltags-HeldInnen“, die ihren Weg gehen. Das Tröstliche an diesen Geschichten ist die Tatsache, dass alle Menschen darin Fehler machen, Umwege brauchen und letztendlich doch - mit Gottes Hilfe - ihren persönlichen Weg finden und gehen. In diesem Sinne wird die Lebensrelevanz der Bibel für die heutige Zeit deutlich, kann die „Frohe Botschaft“ erfahrbar werden. So verstanden, werden die biblischen Frauen und Männer zu HeldInnen, die auch uns als Vorbild und Identifikationsfigur dienen können. Wer vor allem nach den Heldinnen in der Bibel sucht, der muss sehr genau hinsehen und viel Zeit und Geduld mitbringen. Wer diese Mühe jedoch nicht scheut, wer bereit ist, sich die Frauen der Bibel ohne androzentrische Brille anzuschauen, der kann Heldinnen entdecken, die ein verkehrtes Frauenbild zurechtrücken und auch heutige Frauen zum Vorbild werden können. Im Religionsunterricht können diese Heldinnen auch den Schülerinnen Identifikationsmöglichkeiten schaffen, die diese selbst zu „Heldinnen“ werden lässt, zu Frauen, die mutig und selbstbewusst ihren Weg gehen, nicht trotz, sondern aufgrund ihres Christseins.


Excerpt (computer-generated)

Goethe-Universität zu Frankfurt a. M.

HELDINNEN der Bibel
- Ein Beitrag zu einem authentischen christlichen Frauenbild im Religionsunterricht der Grundschule

Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Lehramt an Grundschulen
eingereicht dem Wissenschaftlichen Prüfungsamt für das Lehramt an Grundschulen und an Haupt- und Realschulen in Frankfurt am Main

Petra Nitsch 25.09.1995

INHALTSVERZEICHNIS

1. Vorwort - Erläuterungen zum Titel ... 4

2. Einleitung ... 8

3. Geschlechtsspezifische religiöse Sozialisation ... 12
3.1. Primäre geschlechtsspezifische religiöse Sozialisation ... 12
3.2. Geschlechtsspezifische Sozialisation in der Schule ... 16
3.3. Geschlechtsspezifische Sozialisation im Religionsunterricht ... 21
3 .4. Konsequenzen für den Unterricht ... 27

4. Das Frauenbild der Bibel ... 30
4.1. Biblische Traditionsgeschichte ... 30
4.2. Weibliches Gottesbild ... 35
4.3. Das Frauenbild im Alten Testament ... 40
4.3.1. „Patroninnen“ ... 42
4.3.2. „Mittlerinnen“ ... 48
4.3.3. „Kriegerinnen“ ... 49
4.4. Das Frauenbild im Neuen Testament ... 55
4.4.1. Frauen um Jesus ... 56
4.4.2. Frauen in der Urgemeinde ... 63

5. Biblische Frauengestalten im Religionsunterricht ... 72
5.1. Mirjam: Der Exodus aus der Sicht einer Frau ... 74
5.2. Wasti: Eine Geschichte vom Neinsagen ... 80
5.3. Die salbende Frau: Von Demut zu (De-)Mut ... 88
5.4. Die gekrümmte und die blutflüssige Frau: Jesus heilt, was patriarchale Strukturen Frauen antun ... 95
5.5. Frauen in der Urgemeinde ... 99

6. Religiöse Kinderbücher ... 101
6.1. Einzeluntersuchungen ... 103
6.2. Resümee ... 117

7. Nachwort ... 122

LITERATUR ... 123

ANLAGE ... 126

 

1. Vorwort - Erläuterungen zum Titel

„Heldinnen der Bibel“ - die Verknüpfung dieser beiden Begriffe mag zunächst irritieren. Zudem ist uns die weibliche Form - Heldinnen - wenig vertraut, da auch Frauen umgangssprachlich häufig als Helden bezeichnet werden.

Was also macht die Frauen und Männer der Bibel zu HeldInnen? Um diese Frage zu beantworten, ist es sinnvoll, zunächst den Begriff „HeldIn“ näher zu erläutern. Das vorherrschende Gesellschaftsbild einer Heldin / eines Helden läßt an die Superstars der Medien denken. Die heutigen HeldInnen sind SportlerInnen und Models, MusikerInnen und Fernsehstars. Sie sind schöner, stärker und schneller als alle anderen, sie sind reich, erfolgreich und berühmt. Die Wertschätzung, die ihnen zuteil wird, beschränkt sich allerdings auf das Äußere. Eine solche Definition hat meiner Meinung nach wenig mit „wahrem“ HeldInnentum1 zu tun. Ich möchte ihr eine Interpretation gegenüberstellen, die sich auf innere Stärke und Schönheit bezieht, das Heldentum des „normalen“ Menschen beschreibt und im Alltag anzutreffen ist. Ein solches „Alltags-Heldentum“ definiert sich durch den Mut, sich selbst zu finden und zu sich stehen, den eigenen Weg zu suchen und zu gehen, auch wenn dies auf Umwegen geschieht. In diesem Sinne kann jeder Mensch zum Helden / zur Heldin - oder im religiösen Kontext zum/r Heiligen - werden und sich so dem Sinn des Lebens annähern.

Es ist jedoch nicht einfach, der Übermacht der „Medien-HeldInnen“ eine solche „HeldInnen-Definition“ entgegenzusetzen. So wird es uns heutzutage nur allzu leicht gemacht, es sich „leicht zu machen“. Es ist einfacher und bequemer, Ausflüchte zu finden, als Zivilcourage zu zeigen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und bewußt den eigenen Weg zu gehen. Orientierungshilfe können hierbei Menschen sein, die diese Art des Heldentums für uns sichtbar gelebt haben. Martin Luther King, Mutter Theresa oder Mahtma Gandhi haben in diesem Sinne entscheidend auf die Lebenssituation zahlreicher Menschen eingewirkt und diese positiv verändert. Verglichen hiermit mag uns ein „Alltags-Heldentum“ bedeutungslos erscheinen. Dennoch zeichnen sich auch die oben genannten HeldInnen eben dadurch aus, daß sie mutig und konsequent ihren Weg gegangen sind. Ihr Tun mag bekannter und folgenreicher sein als das der „Alltags-HeldInnen“, „heldenhafter“ wird es jedoch dadurch nicht.

Die Bibel ist reich an Geschichten über solche „Alltags-HeldInnen“, die ihren Weg gehen. Das Tröstliche an diesen Geschichten ist die Tatsache, daß alle Menschen darin Fehler machen, Umwege brauchen und letztendlich doch - mit Gottes Hilfe - ihren persönlichen Weg finden und gehen. In diesem Sinne wird die Lebensrelevanz der Bibel für die heutige Zeit deutlich, kann die „Frohe Botschaft“ erfahrbar werden. So verstanden, werden die biblischen Frauen und Männer zu HeldInnen, die auch uns als Vorbild und Identifikationsfigur dienen können.

Wo finden sich aber die Heldinnen der Bibel? Helden sind uns hier wesentlich geläufiger. Gefragt nach Frauengestalten der Bibel2 fällt vielen zunächst Maria, die Mutter Jesu ein. Wer sich besser auskennt, kann sich auch noch an Maria aus Magdala erinnern. Mehr erinnerungswürdige biblische Frauen gibt es in dem Bewußtsein vieler Menschen nicht. Ein Grund hierfür ist sicherlich darin zu suchen, daß die Hauptpersonen vieler biblischer Geschichten männlich sind. Dies wiederum läßt sich auf die patriarchal geprägte Geschichte der Bibelentstehung und -auslegung zurückführen. Vielen Frauen wird es somit erschwert, ihre eigene Wertigkeit in den biblischen Geschichten zu entdecken und Identifikationsfiguren für sich zu finden. Selbst die beiden allgemein bekannten Frauengestalten des Neuen Testaments - Maria, die Mutter Jesu und Maria aus Magdala - scheinen sich nur schlecht als Vorbilder zu eignen. Maria aus Magdala gilt aufgrund zahlreicher ebenso phantasievoller wie falscher (männlicher?) Interpretationen als Sünderin, derer sich Jesus gnädig erbarmt. Konträr hierzu steht die Vorstellung der „anderen“ Maria, die so gut ist, daß sie geradezu übermenschlich wirkt und nahezu göttliche Züge trägt. Die eine scheint zu schlecht, die andere zu gut zu sein, um heutigen Frauen eine Identifikationsmöglichkeit zu geben. Das Marienbild hat sich über die Jahrhunderte hinweg so ent-menschlicht und „verkitscht“, daß es viele Frauen sogar abschreckt. Andererseits deutet die vielfach übertriebene Marienverehrung auf die menschliche Sehnsucht nach der weiblichen Seite Gottes hin. 3

Mir selbst eröffnete sich erste ein Zugang zu Maria, nachdem ich mit einem anderen Marienbild konfrontiert wurde, wie es beispielsweise das Musical „Ave Eva“ von Peter Janssens4 vermittelt. Nach diesem „neuen“ Marienbild präsentierte sich mir Maria als ein junges Mädchen, daß unverheiratet schwanger wird und sich den damit verbundenen Schwierigkeiten im damaligen Israel stellen muß - als ein ganz „normaler“Mensch also, der mit (zunächst) ganz normalen Alltagsschwierigkeiten zu kämpfen hat.Hierdurch wurde ihr Schicksal für mich menschlich und nachvollziehbar. So bot sich mir die Identifikationsmöglichkeit, die ich vorher vermißt hatte. Wichtig ist für mich hierbei nicht der genaue historische Lebenslauf Mariens, sondern die Annäherung an eine Frau, die mit existentiellen Problemen konfrontiert wird und sich diesen - im Vertrauen auf Gott - mutig stellt. Maria ist ihren Weg gegangen und hat das ihr Mögliche getan. Das macht sie zur Heldin - zur „Alltags-Heldin“. Für mich ist diese „neue“ Maria zur Schlüsselfigur geworden, die mich immer wieder dazu ermutigt, meinen Weg zu gehen. Es wäre schön, wenn auf diese Weise auch die anderen Frauen der Bibel neu als „Heldinnen“ entdeckt und verstanden werden könnten, um so heutigen Frauen zu helfen, ihr Heldinnentum wahrzunehmen.

Die androzentrische Prägung des Christentums und vor allem der katholischen (Amts-)Kirche hat den Frauen - und ebenso den Männern - sehr viel vorenthalten von dem, was Jesus uns eigentlich ermöglicht hat. Immer wieder wurde die Bibel bewußt oder unbewußt, gezielt oder aber in bester Absicht mißbraucht, um Frauen systematisch klein zu halten. Über Generationen hinweg wurde (und wird) Frauen damit Leid zugemutet, das Wut erzeugt und das nur schwer wieder gut zu machen ist. Ein guter Anfang wäre es, ein Umdenken zuzulassen und zunehmend die „andere“ Seite der Kirche zu bestärken, in der immer noch etwas von dem Feuer der Urgemeinden brennt, wenn auch auf Sparflamme. Die Vergangenheit läßt sich nicht ändern, wohl aber die Zukunft. Es gilt, die Kraft, die aus der Wut entsteht, dafür einzusetzen, das Feuer wieder zu entfachen und neue Wege zu gehen, die Frauen mitgehen können.

Wer Heldinnen in der Bibel sucht, der muß sehr genau hinsehen und viel Zeit und Geduld mitbringen. Wer diese Mühe jedoch nicht scheut, wer bereit ist, sich die Frauen der Bibel ohne androzentrische Brille anzuschauen, der kann Heldinnen ent-decken, die das ver-kehrte Frauenbild zurechtrücken und uns Frauen heute zum Vorbild - auch in Bezug auf Emanzipation - werden können. Im Religionsunterricht können diese Heldinnen auch den Schülerinnen Identifikationsmöglichkeiten schaffen, die diese selbst zu „Heldinnen“ werden läßt, zu Frauen, die mutig und selbst-bewußt ihren Weg gehen, nicht trotz, sondern aufgrund ihres Christseins.

2. Einleitung

Eines der größten gesellschaftlichen Probleme unserer (und vergangener) Zeit ist mit Sicherheit ein falsch verstandenes Frauen- und Männerbild, daß den Menschen auf die gesellschaftliche Interpretation nur-männlicher bzw. nur-weiblicher Eigenschaften und Lebensentwürfe reduziert und festlegt. Solche eingefahrenen Rolleninterpretationen zu hinterfragen und zu überwinden, ist ein langwieriger und komplexer Prozeß, der viel Mut und Ausdauer erfordert.

[...]


1 Ich verwende hier den Begriff „HeldInnentum“, um auf die auch hier verwendete, rein männliche Wortform hinzuweisen. Im folgenden werde ich jedoch aus Gründen der sprachlichen Klarheit die ursprüngliche Form verwenden.

2 Ich habe diesbezüglich eine private und nicht repräsentative Umfrage durchgeführt, die ich jedoch für exemplarisch halte.

3 vgl. Christa Mulack, Maria. Die geheime Göttin im Christentum, Zürich 1985, dt. Rechte bei Kreuz Verlag, Stuttgart 19914.

4 vgl. auch: kontakte, Freispruch für Eva, LP, Zu beziehen bei: kontakte Musik Verlag, Ute Horn, Holtackerweg 26, 4780 Lippstadt.


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