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Entstehung des FAUST I - Dialektik und Perspektivismus in Goethes FAUST

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 20 Pages
Author: Sonja Schiffers
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2001
Pages: 20
Grade: sehr gut
Language: German
Archive No.: V3596
ISBN (E-book): 978-3-638-12218-4

File size: 200 KB


Excerpt (computer-generated)

Entstehung des FAUST I - Dialektik und Perspektivismus in Goethes FAUST

von Sonja Otto


Inhaltsverzeichnis

I. Annäherung des Klassischen an die Ära des Sturm und Drang

1.1 Die Entstehung des Faust I

1.2 Wald und Höhle

1.3 Zueignung

1.4 Vorspiel auf dem Theater

1.5 Prolog im Himmel

II. Erscheinungsformen der Dialektik im Faust

2.1 Goethes Technik der Spiegelung - die Dialektik des kontrastiven Nebeneinander

2.2 Polarität in der Sukzession - das erste Paralipomenon

III. Perspektivismus und Poststrukturalismus

Bibliographie

I. Annäherung des Klassischen an die Ära des Sturm und Drang

1.1 Die Entstehung des Faust I
Als das Urprinzip aller Schöpfung galt bereits dem jungen Goethe Gestaltung und Umgestaltung als unendlich fortdauernder Prozeß, im Organischen wie im Unorganischen. Plastischer und überzeugender hätte der Dichter seine Theorie wohl kaum exemplifizieren können, als durch die Entstehungsgeschichte seines Faust. Über 60 Jahre lang, ausgehend vom Sturm und Drang über die Klassik bis unmittelbar vor seinem Tod, widmete er der Kreation, welche seinen gesamten poetischen Reif spiegelt, in welcher sich geistige Elemente unterschiedlichster Lebenphasen sowie Kunstepochen konzentrieren.
Einen Zeitraum von ca. 37 Jahren umfaßt allein die Schöpfung des ersten Teils der Tragödie. Nach drei arbeitsintensiven Etappen - die letzte absorbiert eine Spanne von beinahe zehn Jahren - vollendet Goethe schließlich seinen Faust I, der, zweifellos als zwingende Konsequenz der Anlage seiner endgültigen Konzeption, einen Faust II fordern würde. Nach der Arbeit an seinem Faust in ursprünglicher Gestalt, dem sogenannten Urfaust, der damals unveröffentlicht blieb und erst 1887 in Form einer Abschrift im Nachlaß des Weimarer Hoffräuleins Luise von Göchhausen gefunden wurde, ließ der Dichter das Werk ungefähr 13 Jahre ruhen. Auf 1775 wird allgemein der Urfaust datiert, erst 1788 nähert sich Goethe, vom damaligen Stürmer und Dränger zum Vertreter klassizistischer Ästhetik gereift, dem so lange ruhenden Manuskript von neuem - bezeichnenderweise geschieht dies nach der Flucht aus Weimar, während seiner ersten italienischen Reise. In Italien also nimmt er den Stoff wieder auf, doch trotz des Willens zur Fertigstellung entsteht wiederum etwas, wenn auch verändertes, Unvollendetes: Faust. Ein Fragment erscheint 1790. Erst 1797 kommt es, wiederum in Italien, zu einem zweiten Neuansatz, der gleichzeitig die letzte Arbeitsphase bis zur Vollendung des Faust I einleitet. Im Jahre 1806 abgeschlossen, gelangt das Werk 1808 an die Öffentlichkeit.
Von fundamentalem Interesse ist nun die Betrachtung, inwiefern die spätere künstlerische Ausrichtung Goethes sich dem Sturm - und - Drang - Relikt nähert, sich in dieses integriert und eine homogene Verbindung mit ihm eingeht. "Man muß (...) zwischen den Konzeptionsstufen und Arbeitsphasen zugleich mit Kontinuität wie mit Veränderung rechnen", heißt es bei Ulrich Gaier in Anlehnung an einen Eintrag des Dichters in der Italienischen Reise unter dem 1. März 1788, in dem er es als "merkwürdig" bezeichnet, "wie sehr ich mir gleiche und wie wenig mein Inneres durch Jahre und Begebenheiten gelitten hat."
Klassische Elemente finden hier zu romantischen (die Verwendung dieses Begriffs ist in dieser Arbeit nicht als Bezeichnung der eigenständigen Kunstepoche zu verstehen, sondern als Kennzeichen jener speziellen schon den Sturm und Drang prägenden Geisteshaltung), doch trotz der Gegensätzlichkeit dieser ästhetischen Herangehensweisen sticht anstelle von heterogenem Nebeneinander eines Flickenteppichwerks mit sich widersprechend beißenden Dissonanzen eine Harmonie hervor, welche eben nur auf jener Kontinuität in der Veränderung gegründet sein kann, auf Dauer im Wechsel. Auf gewissermaßen romantische Weise sind hier zwei konträre Pole nicht ineinandergeschmolzen, sondern unter Wahrung des jeweiligen Profils ineinsgefügt.
Um die Symbiose zwischen Sturm und Drang und neu hinzugefügter Klassik im Faust I ansatzweise darzustellen sowie die Verflüssigung jenes durch das Hinzutreten dieser, der Keimzelle des Klassischen, die sich in diesem Werk einnistet und als unweigerliche Konsequenz die Geburt eines zweiten Teils der Tragödie fordert, beschäftige ich mich im Folgenden mit den diesbezüglich bedeutungsträchtigsten Textpassagen, in denen sich Faust I vom Fragment unterscheidet.

1.2 Wald und Höhle
Bevor ich zu den augenfälligsten und für die Untersuchung der Klassizität des Faust ergiebigsten Szenen komme, in denen das vollendete Werk vom Fragment abweicht, möchte ich kurz auf diese allgemein weniger beleuchtete, jedoch zentrale Textstelle eingehen. Bereits im Fragment vorhanden, erscheint sie im ersten Teil der Tragödie nicht unwesentlich verlängert und, vor allem, umpositioniert. Während sie im früheren Entwurf der Szene "Zwinger" vorgeschaltet ist, begegnet man ihr in der endgültigen Fassung noch vor der Verführung Gretchens. Das ohnehin Charakteristische dieses Kapitels ist die "überraschende Aufwertung zu hohem geistigen Genuß", welche das "fruchtlose Sinnen" erfährt. Somit ist hier das Lebensverlangen wieder explizit als universales dargestellt, das sich "zwischen Begierde und hingerissenem Entzücken vor dem Zauberbild" bewegt. - Sinnbild des Konflikts zwischen metaphysischem und sinnlichem Verlangen, Reflexion und Trieb, zuletzt Geist und Leben.

[...]


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