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Autor: Tatjana Belkina
Fach: Politik - Methoden, Forschung
Details
Tags: Antisemitismus, Neue, Form, Vorurteil
Jahr: 2004
Seiten: 61
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 10 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 368 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-36116-3
Inkl. 19 Seiten Anhang
Textauszug (computergeneriert)
Antisemitismus – Neue Form oder historisch
gewachsenes Vorurteil?
von: Tatjana Belkina
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
A Definition und Theorie 3
2 Operationalisierung – Was ist Antisemitismus? 3
2.1 Klassischer Antisemitismus 3
2.2 Sekundärer Antisemitismus 4
2.3 Antizionismus 4
3 Entstehung des Antisemitismus 5
3.1 Antisemitismus im Mittelalter 5
3.2 Antisemitismus in der frühen Neuzeit 6
3.3 Antisemitismus in der Gegenwart 6
4 Werner Bergmanns Theorie des „neuen“ Antisemitismus 7
5 Zwischenfazit 9
B Die quantitative Analyse 10
1 Die statistische Grundlage 10
1.1 Die Faktorenanalyse 10
1.2 Zusammengefasste Faktorenanalyse 19
1.3 Zwischenfazit 21
2 Die statistische Hypothesenprüfung 22
2.1 Die Aufstellung der Hypothesen 22
2.2 Zwischenfazit 32
3 Theorie und Praxis – Zusammenfassung und Auswertung 33
4 Kritik am Fragebogen 36
5 Schlusswort 37
6 Bibliografie 39
7 Tabellenverzeichnis 40
8 Abbildungsverzeichnis 41
9 Anhang
Abstract
2003 hat die Europäische Kommission eine Umfrage unter 7500 Europäern durchgeführt, dessen Ergebnis wie folgt lautete: „Israel ist die größte Gefahr für den Weltfrieden - Israel, das ist ein explosives Gemisch aus jüdischer Aggressivität, jüdischer Arroganz, jüdischer moralischer Erpressung und jüdischem Finassieren“ (Vgl.: „Altes Gift im neuen Europa“ in: „Die Zeit“ 11.12.2003, Nr. 51). Die nach dem Zweiten Weltkrieg durch strenge gesellschaftliche Tabus unterdrückten Stereotype sind nach 60 Jahren wieder aufgetaucht. Im folgenden Forschungsbericht soll untersucht werden, in wieweit Israelkritik legitim ist, ohne dass diese als eine antisemitische Äußerung aufgefasst wird. Wo verläuft die Grenze zwischen der Kritik an der israelischen Politik und Judenhass, gefärbt von einem antizionistischen Schatten? Ist diese Art von Antisemitismus, d.h. Israelkritik, als eine „neue“ Form des Antisemitismus anzusehen oder ist es der „alte“ Antisemitismus, welcher sich nur hinter der aktuellen politischen Debatte versteckt? Diese Fragen sollen untersucht und mit statistischen Daten untermauert werden.
1 Einleitung
Nach jahrhundertlangen erbitterten Kämpfen, der größten ethnischen Säuberung, welche während des 2. Weltkrieges die Ermordung von mehr als 6 Millionen Menschen jüdischer Herkunft zur Folge hatte, wurde 1948 der Staat Israel gegründet1. Ein Staat, in welchem sich die jüdische Bevölkerung nicht mehr verstecken und ihren Glauben verleugnen sollte. Doch bereits nach wenigen Jahren wurde das Land sowohl von politischen als auch von militärischen Kämpfen erschüttert. Es verging keine Dekade während des Bestehens Israels ohne dass Kämpfe um das gelobte Land stattfanden.
Auch in der Gegenwart verrinnt kaum ein Tag ohne gewalttätige Ausschreitungen. Noch heute gilt der Kampf um die Anerkennung des jüdischen Glaubens. Doch nicht nur im eigenen Land Israel fürchtet sich die jüdische Bevölkerung vor Übergriffen, Aggressivität und Verachtung. Eine Studie des EU-Zentrums zur Beobachtung rassistischer Tendenzen zeigt ein uneinheitliches Bild des europäischen Antisemitismus – zunehmende Aggressivität in einigen Ländern, antijüdische Zwischenfälle als Randphänomen in anderen. Beinhaltet die neue Welle des Antisemitismus alte Vorurteile, welche bereits seit Jahrtausenden in der menschlichen Geschichte kursieren, oder ist es ein neues Phänomen, welches sich auf die politische Situation im Staat Israel stützt? Ist also der „neue Antisemitismus“ ausschließlich die „judenbezogene Antiisraelhaltung“ oder die Überlagerung alter Vorurteile mit neuem Inhalt? Weist der heutige Antisemitismus einen Zusammenhang zwischen der aufgeheizten politischen Lage Israels und alten Vorurteilen auf? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt dieser Untersuchung.
Die Arbeit gliedert sich in zwei Hauptteile: Im Hauptteil A wird ein kurzer Abriss der Geschichte des Antisemitismus dargestellt und der theoretische Fundus aufgebaut. Hierbei steht die Theorie des „neuen“ Antisemitismus von Werner Bergmann im Mittelpunkt. Teil B beschäftigt sich mit einer praktischen quantitativen Auswertung der GMF- Survey von 2004. Hierbei wird der Pretest statistisch analysiert. Das Ziel der Arbeit besteht in der Untersuchung des „neuen Antisemitismus“ bzw. der „judenbezogenen Antiisraelhaltung“. Hierzu ist es notwendig, die einzelnen Fassetten, welche das Konstrukt Antisemitismus erklären, zu benennen und zu definieren. Den Schluss der Arbeit bildet eine Kritik mit anschließendem Fazit.
A Definition und Theorie
2 Operationalisierung – Was ist Antisemitismus?
Antisemitismus ist „die feindselige bis hasserfüllte Einstellung (...) gegenüber den Juden“2. Diesen Begriff prägte 1979 der Deutsche Hans Marr. Die Definition nach Hanna Arendt3 lautet wie folgt: „Antisemitismus ist genau dass, was er zu sein vorgibt: eine tödliche Gefahr für die Juden und nichts sonst“4. Die Entwicklung der Judenfeindschaft und die Judenverfolgung lässt sich in drei Phasen untergliedern: Antisemitismus im Mittelalter, in der frühen Neuzeit und in der Gegenwart. Jedoch ist vorab zu klären, aus welchen Fassetten sich Antisemitismus zusammensetzt.
2.1 Klassischer Antisemitismus
Nach Bergmann und Erb ist der klassische Antisemitismus die „(...) offene Abwertung und Diskriminierung von Juden auf der Basis negativer und traditioneller Stereotypen“5. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich ein bestimmtes Bild vom Juden eingeprägt. So werden sie als geldgierige und skrupellose Geschäftsfrauen/männer hingestellt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die jüdische Bevölkerung bereits seit dem Mittelalter gezwungen war, Stellen im finanzwirtschaftlichen Sektor zu besetzen. Die Ursache liegt in dem Verbot der Ausübung des „ehrbaren Handwerks“. Aufgrund des Erfolges der Juden z.B. in der Geldleihe oder dem Güterhandel kamen neidgefärbte Aussagen vom geldgierigen und skrupellosen Juden auf, welche sich bis in die heutige Zeit gehalten haben. Nicht nur die Aussagen vom skrupellosen Geschäftsmann oder der jüdischen Weltverschwörung6 werden als Vorwand für den Judenhass genannt, sondern auch die Unterstellung des Mordes an Christus. All diese Stereotypen führten im Laufe der Zeit zur Vertreibung, Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Der klassische Antisemitismus ist die älteste Form des Antisemitismus.
2.2 Sekundärer Antisemitismus
Der sekundäre Antisemitismus ist eine spezifische Form des deutschen Antisemitismus. Dieser beschreibt die Verharmlosung oder sogar die Leugnung der nationalsozialistischen Verbrechen am jüdischen Volk. Begriffe wie die „Auschwitzlüge“7 werden mit dem sekundären Antisemitismus assoziiert8. Der sekundäre Antisemitismus bedient oft die sozio- psychologischen Bedürfnisse nach Erinnerungsabwehr und Entlastung von Scham und Schuld. Die geleisteten Entschädigungszahlungen an die Juden werden mit dem Vorurteil des geldgierigen Juden verknüpft, was wiederum die Brücke zum klassischen Antisemitismus aufbaut. Ein weiteres Merkmal des sekundären Antisemitismus ist die Täter-Opfer-Umkehrung. Diese besagt, dass die Juden ihren Opferstatus zu ihren eigenen Vorteilen ausnutzen, um sowohl finanzielle als auch politische Unterstützung zu erhalten.
2.3 Antizionismus
Antizionismus wird im Lexikon für „Gesellschaft und Staat“ wie folgt definiert: „Antizionismus ist die Bezeichnung für Hass oder Gegnerschaft zum Staat Israel, de facto Nebenform des Antisemitismus“9. Es handelt sich um eine politische Haltung gegen den Zionismus10,11. Der Autor Shulamit Volkov betont in seinem Werk „Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert“ den Unterschied zwischen Antizionismus und Antisemitismus. Antizionismus ist laut Volkov ein ideologischer, politischer Standpunkt. Antisemitismus jedoch wird als ein komplexes Konstrukt angesehen, welcher sich auf Vorurteile und Einstellungen dem Einzelnen und dem Kollektiv gegenüber präsentiert12.
[...]
1 Vgl.: Drechsler/ Hilligen/ Neumann, S. 554.
2 Vgl.: Drechsler/ Hilligen/ Neumann, S. 26.
3 Die Philosophin und Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt floh 1933 vor den Nationalsozialisten nach Frankreich und 1941 in die USA. Ihre persönlichen Erfahrungen beeinflussten ihr wissenschaftliches Werk stark.
4 Vgl.: Drechsler/ Hilliger/ Neumann, S. 26.
5 Vgl.: Heyder/ Iser/ Schmidt, S. 6.
6 Nachdem die Juden als Folge der Aufklärung und Revolution in West- und Mitteleuropa die Bürgerrechte erhalten haben, entstand als Reaktion auf diese Emanzipation ein moderner, nicht auf religiösen sondern rassistischen Vorstellungen basierender Antisemitismus, der sich sehr bald die fixe Idee zu eigen machte, die Juden strebten die Weltherrschaft an. Insbesondere deutsche antisemitische Autoren verfassten während dieser Zeit Texte mit den Titel "Sieg des Judentums über das Germanentum" (Wilhelm Marr 1879) oder "Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judentum" (Hermann Ahlwardt 1890).
7 Der Begriff „Auschwitzlüge“ ist die Bezeichnung für das Bestreiten der Judenverfolgung und der Massenmorde durch die Nationalsozialisten im Vernichtungslager Auschwitz von 1941-1944/45.
8 Vgl. Drechsler/ Hilligen/ Neumann, S. 59
9 Vgl.: Drechsler/ Hilligen/ Neumann, S. 906f.
10 Der Zionismus ist eine während der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts entstandene jüdische Nationalbewegung, die sich für das Recht der Juden auf einen eigenen Staat einsetzt. Den Begriff „Zionismus“ prägte 1890 der Journalist Nathan Birnmaum. Zionismus beinhaltet den Traum vom Frieden im eigenen Land. Dieser Traum existiert bereits seit mehr als 2000 Jahren, ab dem Zeitpunkt als das römische Reich das Land Judäa zerstört hat.
11 Vgl.: Drechsler/ Hilligen/ Neumann, S. 906
12 Vgl.: Volkov, S. 77f.
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