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Autor: Friedrich Bielfeldt
Fach: Kulturwissenschaft
Details
Jahr: 2004
Seiten: 73
Literaturverzeichnis: ~ 18 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 368 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-60277-8
ISBN (Buch): 978-3-638-71569-0
Dieser Text bietet eine Einführung in die Opern und das Werk Richard Wagners und versucht dabei Querverweise zu soziologischen bzw. politologischen Erkenntnissen unter Berücksichtigung des zeitlichen Umfeldes Wagners vorzunehmen. 3.überarbeitete Version
Zusammenfassung / Abstract
Die vorliegenden Texte sind Zusammenfassungen von Einführungsvorträgen, die in der Zeit von September 2001 bis März 2004 stattfanden. Sie richten sich zuerst an Laien, die mit Richard Wagner noch nicht so vertraut sind, seine Opern nicht oder nur teilweise kennen und die sich gerne intensiver in Wagners Werk einarbeiten möchten. Da die frühen Opern „Das Liebesverbot“, „Die Feen“, „Rienzi“ und „Der fliegende Holländer“ nicht Teil der Einführungsvorträge waren, soll diesen nur eine kurze Vorbemerkung gewidmet sein. Ein Schwerpunkt der Betrachtungen soll dabei auf den politischen und soziologischen Momenten liegen, die sich teilweise in den Werken Wagners wiederfinden, und die einen interessanten Blickwinkel auf die Zeit werfen, in der Wagner lebte, und auf seine Denkweise, die allen seinen Opern innewohnt. Und noch viel faszinierender ist dabei die Feststellung, wie viel von den soziologischen Ansätzen Wagners auch heute noch ihre Gültigkeit haben mögen, mal ganz abgesehen davon, dass sie auf einige der ganz großen und bedeutenden Soziologen Einfluss genommen haben, wenn man nur an Emile Durkheim oder auch Hannah Arendt denkt, die sich in ihrer Totalitarismus-Studie von 1951 sogar ganz unmittelbar auf Richard Wagner bezieht. Richard Wagner ist also nicht nur ein Opernkomponist gewesen, der sich tollkühn mit der althergebrachten Form der Oper als Unterhaltungsmusik auseinander setzte, sondern er war auch ein politischer Künstler, der mehr als jeder andere Komponist vor und nach ihm über seine Zeit reflektierte und dabei Utopien entwickelte, die auch heute noch zum grundlegenden Gedankengerüst unserer Gesellschaft gezählt werden können, auch wenn unsere Gesellschaft heute ungleich demokratischer geworden ist, als diejenige Richard Wagners. Wagners Aktualität geht sogar soweit, dass renommierte Politologen, wie Professor Dr. Udo Bermbach, Wagner gar als einen Vordenker der Sozialdemokratie sehen und ihn somit zu den großen Vordenkern des 20. Jahrhunderts zählen. Ich wünsche allen Lesern viel Freude beim Einstieg in Wagners Werk und "guten Genuss".
Textauszug (computergeneriert)
Wagner für Anfänger
Eine Betrachtung der Opern Richard Wagners
© Friedrich Bielfeldt
im März/April 2004
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Das Frühwerk 3
2.1. Die ersten Drei 3
2.2.1. Der fliegende Holländer 6
2.2.2. CD- und DVD-Auswahl 8
3. Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg 9
3.1. Inhalt und Interpretation 9
3.2. CD- und DVD-Empfehlungen 13
4. Lohengrin 14
4.1. Inhalt und Interpretation 14
4.2. CD- und DVD-Empfehlungen 18
5. Der Ring des Nibelungen 19
5.1. Vom Gesamtkunstwerk zum Festspielhaus 19
5.2. Das Rheingold 22
5.2.1. Inhalt
und
Interpretation 22
5.2.2. CD- und DVD-Empfehlungen 24
5.3. Die Walküre 25
5.3.1. Inhalt und Interpretation 26
5.3.2 CD- und DVD-Empfehlungen 28
5.4. Siegfried 30
5.4.1. Inhalt und Interpretation 31
5.4.2. CD- und DVD-Empfehlungen 34
5.5. Götterdämmerung 35
5.5.1. Inhalt und Interpretation 35
5.5.2. CD- und DVD-Empfehlungen 41
6. Tristan und Isolde 42
6.1. Inhalt und Interpretation 44
6.2. CD- und DVD-Empfehlungen 48
7. Die Meistersinger von Nürnberg 49
7.1. Inhalt und Interpretation 50
7.2. CD- und DVD-Empfehlungen 55
8. Parsifal 56
8.1. Inhalt und Interpretation 57
8.2. CD- und DVD-Empfehlungen 64
9. Richard Wagner im Spiegel der Zeit 65
9.1. Die Romantik 66
9.1.1. Die Romantik als musikalische Epoche 66
9.1.2. Die Geisteshaltung in der Romantik 68
9.2. Wagner im Spiegel der Zeit II 70
Literatur zu Richard Wagner 71
1
1. Einleitung
Bei den vorliegenden Texten handelt es sich um Zusammenfassungen von
Einführungsvorträgen, die in der Zeit von September 2001 bis März 2004
stattfanden. Sie richten sich zuerst an Laien, die mit Richard Wagner noch nicht so
vertraut sind, seine Opern nicht oder nur teilweise kennen, und die sich gerne
intensiver in Wagners Werk einarbeiten möchten. Da die frühen Opern ,,Das
Liebesverbot", ,,Die Feen", ,,Rienzi" und ,,Der fliegende Holländer" nicht Teil der
Einführungsvorträge waren, soll diesen nur eine kurze Vorbemerkung gewidmet sein.
Ein Schwerpunkt der Betrachtungen soll dabei auf den gesellschaftspolitischen
Ansätzen liegen, die sich teilweise in den Werken Wagners wiederfinden, und die
einen interessanten Blickwinkel auf die Zeit werfen, in der Wagner lebte, sowie auf
seine Denkweise, die allen seinen Opern innewohnt. Es ist faszinierend, wie viele
Gedanken Wagner vor sich hergewälzt haben muss, die nicht nur musiktheoretischer
und texttheoretischer Natur gewesen sind, sondern weit in das gesellschaftliche
Leben des 19. Jahrhunderts hineinreichen. Und noch viel faszinierender ist dabei die
Feststellung, wie viel von den gesellschaftspolitischen Ansätzen Wagners auch
heute noch ihre Gültigkeit haben mögen, mal ganz abgesehen davon, dass sie auf
einige der ganz großen und bedeutenden Soziologen Einfluss genommen haben,
wenn man nur an Emile Durkheim oder auch Hannah Arendt denkt, die sich in ihrer
Totalitarismus-Studie von 1951 teilweise unmittelbar auf Wagner bezieht. Wagner ist
folglich nicht nur als Opernkomponist zu begreifen, der sich tollkühn mit der
althergebrachten Form der Oper als Unterhaltungsmusik auseinander setzte,
sondern auch als ein politischer Künstler, der mehr als jeder andere Komponist vor
und nach ihm über seine Zeit reflektierte und dabei Utopien entwickelte, die auch
heute noch zum grundlegenden Gedankengerüst unserer Gesellschaft zählen, auch
wenn unsere Gesellschaft heute ungleich demokratischer geworden ist, als diejenige
Wagners. Wagners Aktualität geht sogar soweit, dass renommierte Politologen, wie
Professor Dr. Udo Bermbach, Wagner gar als einen Vordenker der Sozialdemokratie
sehen und ihn somit zu den großen Vordenkern des 20. Jahrhunderts zählen.1 Ich
wünsche allen Lesern viel Freude beim Einstieg in Wagners Werk und ,,guten
Genuss".2
1 Vgl. Udo Bermbach, ,,Deutschlands Wahnfried Über Richard Wagner und die SPD", FAZ, 05.02.1999.
2 An die einzelnen Abhandlungen sind für die Interessenten CD- und DVD-Empfehlungen angefügt. Es sei
darauf hingewiesen, dass DVD auch Video meint. Es könnte also sein, dass unter dem Stichwort DVD
Aufzeichnungen genannt sein können, die bisher möglicherweise nur als Videos erschienen sind.
2
2. Das Frühwerk
Das Frühwerk Richard Wagners umfasst, nach gängiger Auffassung ,,Die Feen",
,,Das Liebesverbot" sowie ,,Rienzi der letzte der Tribunen".
Es erscheint jedoch sinnvoll, Wagners erste deutsch-romantische Oper ,,Der
fliegende Holländer" ebenfalls in diese Kategorie zu fassen, zumal sich in dieser
Oper immer noch Stilelemente finden, welche sich in den darauffolgenden Opern,
also denen ab dem ,,Tannhäuser", bereits in Auflösung befinden, wenn man zum
Beispiel an die Form der Arie denkt. Dazu später noch ein paar Worte.
2.1. Die ersten Drei
Richard Wagners Frühwerk umfasst im Wesentlichen vier Opern, von denen drei
erhalten sind. Seine erste Oper ,,Die Hochzeit" (WWV 31) hatte Wagner 1832 auf
einer Reise nach Prag begonnen, wo er den Text verfasste, sowie die erste Nummer
der Oper komponierte. Seinem früheren Kompositionslehrer aus Wagners Leipziger
Zeit, Theodor Weinling, soll das Textbuch sehr gut gefallen haben. Aufgrund seiner
eigenen Unzufriedenheit vernichtete Wagner das Textbuch jedoch, so dass diese
Oper der Nachwelt nicht erhalten wurde.
,,Die Feen, große Romantische Oper in drei Akten nach Carlo Gozzi" (WWV 32)
entsteht im Frühjahr 1833 in Würzburg, wo Wagner gerade ein Engagement als
Chordirektor des Würzburger Theaters erhalten hatte, an dem Wagners Bruder
Albert als Sänger wirkte. Erst 1888 wurde diese Oper in München uraufgeführt, und
zwar unter der Leitung von Hermann Levi, der bereits 1882 den ,,Parsifal" in Bayreuth
uraufgeführt hatte. Die Fee Ada liebt den sterblichen König Arindal. Bei der Hochzeit
verbietet sie Arindal, nach ihrer Herkunft zu forschen. Ein Verbot, das Arindal
überschreitet. Er verliert Ada an die Unterwelt und gewinnt sie erst nach schweren
Prüfungen und nachdem er in die Unterwelt eindringt und sie dort entzaubert. In
dieser Handlung scheinen bereits erste Momente auf, die sich später im ,,Lohengrin"
wiederfinden (Frageverbot). Aber auch Ähnlichkeiten zur ,,Walküre" durch das
Moment der Entzauberung Adas bzw. Brünhildes in eine sterbliche Person. Auch
ergeben sich im Augenblick der zu bestehenden Prüfungen Anklänge an Wolfgang
Amadeus Mozarts ,,Die Zauberflöte" und an Christof Willibald Glucks ,,Orpheus und
Eurydike" über den Weg des Prinzen in die Unterwelt, um die Geliebte
wiederzugewinnen. Während die frühe Wagner-Literatur diese Oper eher als
Schüleroper abtut (sicher nicht ganz zu Unrecht),3 verweisen gerade in jüngerer Zeit
3 Vgl. Guido Adler, ,,Richard Wagner. Vorlesungen gehalten an der Universität Wien", 1923.
3
Wagnerforscher, wie Professor Dr. Udo Bermbach (2003) oder Professor Dr. Dieter
Borchmeyer (2002), auf die sozialpolitischen Ansätze dieser Oper, die sicher
wegweisend sind für die weiteren Opern Richard Wagners. Der Gegensatz zwischen
Aristokratie, wie sie durch die Fee Ada vertreten wird, und Bürgertum, symbolisiert
durch das diesseitige Königreich des Arindal, findet sich später nicht zuletzt im ,,Ring
des Nibelungen" wieder. Das Gegeneinander der verschiedenen gesellschaftlichen
Schichten sollte dort zumal eines der Hauptthemen Wagnerschen Denkens
werden.Im November 1834, Wagner war mittlerweile Kapellmeister in Magdeburg,
beginnt er sein nächstes Opernprojekt ,,Das Liebesverbot oder die Novize von
Palermo, große komische Oper in zwei Akten nach William Shakespeare" (WWV 38);
sie wird 1836 in Magdeburg unter Wagners Leitung uraufgeführt. Es handelt sich
hierbei um eine typische Shakespearische Verwechslungskomödie, in deren Verlauf
der Edelmann Claudio verhaftet und zum Tode verurteilt wird. Isabella, die
Schwester des sizilianischen Statthalters Friedrich, und Marianna, dessen
verstoßene Gattin, inszenieren ein Schurkenstück, um Claudio aus der Haft zu
befreien. Am Ende dieser Inszenierung wird Friedrich als Ehebrecher enttarnt und
steht nun selber als Krimineller da. Das Interessante dieser Oper ist weniger der
Inhalt, sondern eher der musikalische Stil des Werkes, welcher voll ist mit
Anlehnungen an die italienischen Koloraturopern Giaccino Rossinis, Vinzento Bellinis
und Gaetano Donizettis. Komponisten, welche Wagner später als
Unterhaltungsmusiker niederen Ranges verabscheute.
Die dritte Frühoper ,,Rienzi, der letzte der Tribunen, große Oper in fünf Akten" (WWV
48) beginnt Wagner 1837, als er Kapellmeister in Riga ist, und er beendet sie 1839,
als er bereits in Paris weilt, wohin er per Schiff über London vor seinen Gläubigern zu
entkommen versuchte. Schulden hatte Wagner nahezu überall, das sollte in Paris
während der sogenannten Hundejahre nicht besser werden. Nach heutigen
Maßstäben muss Wagner zu Lebzeiten mehr als 50 Millionen Schulden gehabt
haben. Der ,,Rienzi" ist eine Grand Opera im französischen Stil und an Wagners
damalige Vorbilder Hector Berlioz und Giacomo Meyerbeer angelehnt, den er später
dann zu diskreditieren suchte,4 da Giacomo Meyerbeer sich weigerte, Wagner
finanziell zu unterstützen. ,,Rienzi" wird 1842 in Dresden unter Wagners Leitung
uraufgeführt. Der Erfolg ist überwältigend und bringt ihm einen Vertrag als
Kapellmeister auf Lebenszeit ein. Der Volkstribun Rienzi befreit Rom von der
4 Vgl. Richard Wagner ,,Das Judentum in der Musik", 1850
4
Herrschaft der Cäsaren und errichtet eine Art Militär- und Volksdiktatur. Der
Freiheitskämpfer Adriano begehrt gegen Rienzi und dessen neues Unrechtsregime
auf und inszeniert eine Revolution, an deren Ende Rienzi in den Flammen des
Kapitols ums Leben kommt. Auch in dieser Oper ist bereits vieles von Wagners
späteren sozialpolitischen Ansätzen zu finden, die geprägt sind durch das Verlangen
der Unterschichten nach Freiheit und deren Unterdrückung durch die Oberschichten.
Ein Thema, das den ganzen ,,Ring des Nibelungen" durchzieht.
Noch während seiner Arbeiten am ,,Rienzi" lernt Wagner in Paris Heinrich Heine
kennen, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbindet. Heine inspiriert und berät
Wagner nicht nur bei seinen Arbeiten zum ,,Fliegenden Holländer". Wagner teilt auch
viele politische Ansichten mit Heine, wie seine Aversion gegen das Preußentum,
welches beide als ungeistig und militaristisch empfinden.5 Mit Heine, den er als
seinen Freund und Mentor begreift, teilt Wagner zum einen seine politischen
Ansätze, zum anderen allerdings auch das Gefühl ein Exilant zu sein. Dieser
politische Ansatz Heines und Wagners ist als eine recht sonderbare Form des
Sozialismus zu bezeichnen, der sich zum einen auf die Ideen Iwan Bakunins6
bezieht, der auf der anderen Seite aber eine sozialistische Machtergreifung ablehnt,
da beide den Sozialismus als ein kulturloses Konstrukt begreifen. Kultur sehen die
Beiden im Bereich des Adels und des Bürgertums angesiedelt.7
5 Vgl. Heinrich Heine ,,Deutschland ein Wintermärchen", 1844.
6 Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814 in Twer/Russland bis 1876 in Bern/Schweiz) war Repräsentant des
antiautoritären Sozialismus und verstand diesen als kollektivistischen Anarchismus. Unter seiner Führung wurde
der Anarchismus zu einer international organisierten sozialrevolutionären Bewegung. 1868 trat er der
Internationalen bei, wo er auf Karl Marx, den Vorreiter der Kommunisten, traf. Sowohl der Marxsche
Kommunismus als auch Bakunins Anarchismus fordern die Abschaffung des Kapitalismus als Herrschaftssystem
weniger Privilegierter über die wenig Privilegierten. Allerdings zeigten sich bald erste Differenzen zwischen
Marx und Bakunin. Forderten auch damals die Kommunisten, dass der Staatsapparat komplett zu übernehmen
und im Anschluss der Kapitalismus Schritt für Schritt abzuschaffen sei. Die Anarchisten lehnten diesen
marxistischen Ansatz ab, da sie der Meinung waren, dass jede Form von Macht per se korrumpiere und jeder
Staat per se die Sklaverei nach sich zöge. Offen trat dieser Konflikt 1869 in Basel bei der ,Ersten
Internationalen′ zutage, bei welcher die Anarchisten die Abschaffung des Erbrechtes forderten, welches die
Kommunisten beibehalten wollten. Da die Kommunisten unterlagen, berief Marx 1871 und 1873 zusätzliche
Sitzungen ein, an denen Bakunin nicht teilnehmen konnte, da er steckbrieflich gesucht wurde. Auf diesen beiden
Kongressen setzten die Kommunisten neben der Beibehaltung des Erbrechtes die Gründung einer Partei durch;
ein Vorgang, welcher den Anarchisten zutiefst zuwider war, zuletzt den Positionen der Kommunisten zur
Durchsetzung verhalf.
7 1855, im Jahr vor seinem, schreibt Heine in der französischen Ausgabe der Zeitschrift ,,Lutetia": ,,Dieses
Geständnis, dass den Kommunisten die Zukunft gehört, machte ich im Tone der größten Angst und Besorgnis,
und ach! diese Tonart war keineswegs eine Maske! In der Tat, nur mit Grauen und Schrecken denke ich an die
Zeit, wo jene dunklen Iconoklasten zur Herrschaft gelangen werden: mit ihren rohen Fäusten zerschlagen sie als
dann alle Marmorbilder meiner geliebten Kunstwelt, sie zertrümmern alle jene phantastischen Schnurpfeifereien
die dem Poeten so lieb waren."
5
2.2.1. Der fliegende Holländer
,,Der fliegende Holländer" wird nicht zu Unrecht von Teilen der Musikwissenschaftler
nicht mehr zum Frühwerk Wagners gezählt. Der ,,Holländer" ist Wagners endgültiger
Durchbruch zur romantischen deutschen Nationaloper, die Wagner in Anlehnung an
die Opern Carl Maria von Webers weiterführen und etablieren wollte. Es gibt in
dieser Oper jedoch noch so viele Elemente aus dem Frühwerk, die man im Spätwerk
Wagners nicht mehr findet, dass eine Zuordnung zum Frühwerk durchaus noch als
sinnvoll erscheint. Man denke nur an die Stilelemente der Arie, der Ballade oder des
Duettes, die in ihrer verdichteten Form nur noch im ,,Holländer" anzutreffen sind. Die
sogenannte Königin-Arie im ersten Aufzug des ,,Tannhäuser" sowie die Hallen-Arie
aus dem zweiten Aufzug sind da nur noch ein kleines Überbleibsel dieser alten
Elemente, welche den endgültigen Abschied Wagners von der Konventional-Oper
manifestiert. Danach sind bei Wagner lediglich noch durchkomponierte Opern zu
finden, die sich anstatt Arien und Duetten der Monologe und Dialoge bedienen.
Diese Feststellung erlaubt die Einteilung des ,,Holländer" als Frühwerk, genauso wie
die im ,,Holländer" neu kreierte Form der Nationaloper und die deutlich romantische
Orchestersprache eine Zuordnung in Wagners Hauptwerk zulässt. Nicht zu Unrecht
ist ja diese Oper die in chronologischer Reihenfolge erste Oper, die Wagner für die
Aufführung in Bayreuth legitimiert hat. Wagner schreibt den ,,Fliegenden Holländer" in
Paris in der Zeit von Mai bis November 1841. Der der Oper zugrundeliegende Sage
begegnet Wagner zuerst 1839 auf seiner Seereise von Riga nach London, und er
entdeckt sie 1840 in Paris in abgewandelter Form in Heines ,,Grünen Salon" wieder,
woraufhin er sich inspiriert von der Lektüre an die Arbeit macht.
Der Holländer hatte in grauer Vorzeit das Schicksal herausgefordert und sich mit der
Umseglung des Kap Horn eine unlösbare Aufgabe gestellt, die wie ein Fluch Gottes
auf ihm lastet. Seither irrt er ohne Heimat und ohne Ruhe über die Weltmeere außer-
stande die Aufgabe zu lösen und kehrt nur alle sieben Jahre an Land zurück. Einzig
eine Frau, die bereit ist mit ihm, dem Aussätzigen, ihr Leben zu teilen und ihm ein
Zuhause zu geben, kann ihm diesen Fluch des Umherirrens nehmen, wie der
Holländer in seinem Monolog des
1. Aufzugs
erzählt. In einer Bucht trifft der
Holländer auf den norwegischen Kaufmann Daland, der dort ebenso vor einem
Unwetter Zuflucht sucht wie der Holländer. Daland verspricht dem Fremden im
Tausch gegen Gold und Schmuck seine Tochter Senta zur Frau. Diese Tochter
wiederum kennt die Sage des Holländers, von der sie fasziniert, ja fast schon
6
besessen ist. Angetan von dem Bild des Holländers und aufgefordert durch ihre
Amme Mary erzählt sie im
2. Aufzug
die Geschichte vom Holländer in ihrer Ballade
nach. Sie erscheint dabei derart entrückt und besessen, dass man als Zuhörer von
ihrer Hingabe und Selbstaufgabe befremdet ist. Erik, Sentas Verlobter, besucht sie
von Träumen verstört, und er versucht erneut, um Senta zu werben, und sie von sich
zu überzeugen, zumal sie sich, von der Geschichte des Holländers berauscht, immer
mehr vor ihm verschlossen hat. Der Versuch misslingt, so dass Erik unverrichteter
Dinge wieder abziehen muss. Das Zimmer betreten Daland und der Holländer. Die
Begegnung zwischen dem Holländer und Senta gleicht einer Epiphanie. Beide
gestehen sich, wie vom Blitz getroffen, ihre Liebe und schwören sich ewige Treue.
Der Holländer scheint am Ziel. Der Ehevertrag der beiden wird von Daland und dem
namenlosen Fremden sofort abgeschlossen. Im
3. Aufzug
begegnet man, wie
bereits im 1. Aufzug, erneut den Seeleuten sowie dem Steuermann in der Bucht
kennen gelernt haben, welche sich betrinken und den Holländer mit Spott und Häme
übersäen. Nachdem die Seeleute erschreckt durch den Gesang der unsichtbaren
Männer des Holländer verschwunden sind, begegnet Erik abermals Senta, die am
Schiffskai nach dem Holländer sucht. Durch Zufall bemerkt der Holländer, wie sehr
Erik Senta bedrängt. Eine Situation, die er zwangsläufig fehlinterpretieren muss. Als
Außenseiter, der niemandem zu trauen imstande ist, muss er diese Situation als
enttäuschenden Verrat begreifen. Er verabschiedet sich voller Wut und Verzweiflung
von Senta. Doch diese beschwört abermals ihre Treue und stürzt sich, noch bevor
des Holländers Schiff ablegt, ins offene Meer. Unter den Klängen des Erlösungs-
Motivs schweben der Holländer und Senta gen Himmel.
Dieses sog. Erlösungs-Ende hat Wagner erst sehr spät gefunden, und zwar auf
Anregung von Heinrich Heine, der Wagner bei der Komposition dieser Oper als
Mentor beriet. In der Urversion des ,,Holländer" fehlt das Ende der Erlösung noch, so
dass die Oper eine vollkommen pessimistische Perspektive bekommt. Denn trotz des
Todes Sentas kann es für beide in dieser Urversion keine Erlösung geben. Diese
Urversion wurde übrigens in Bayreuth erstmals in der Produktion von 2003 bis 2008
in der Regie von Claus Guth und unter der Leitung von Marc Albrecht gespielt.
Deutet man diese Oper in der Tradition von Harry Kupfer (Bayreuth, 1984 bis 1988,
Leitung Woldemar Nelson) und Dieter Dorn (Bayreuth 1992 bis 1995 sowie 1998 und
1999, Leitung Peter Schneider), kann es auch schlüssig sein, ein Ende ohne
Erlösung zu wählen. Denn ist der Holländer als ein Traum Sentas zu verstehen und
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