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Die Gender-Theorie von Judith Butler und ihre Anwendung auf Erzählungen von Judith Hermann

Hauptseminararbeit, 2004, 34 Seiten
Autoren: Stefanie Langner, Antje Meierhoff
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Details

Veranstaltung: Hauptseminar: Neuere kultur- und literaturtheoretische Ansätze
Institution/Hochschule: Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig (Seminar für Deutsche Sprache und Literatur)
Tags: Gender-Theorie, Judith, Butler, Anwendung, Erzählungen, Judith, Hermann, Hauptseminar, Neuere, Ansätze
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2004
Seiten: 34
Note: gut
Literaturverzeichnis: ~ 29  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V37422
ISBN (E-Book): 978-3-638-36767-7

Dateigröße: 260 KB


Textauszug (computergeneriert)

Technische Universität Braunschweig
Seminar für deutsche Sprache und Literatur
Hauptseminar: Neuere kultur- und literaturtheoretische Ansätze

Die Gender-Theorie von Judith Butler und ihre
Anwendung auf Erzählungen von Judith Hermann

von: Stefanie Langner

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung S. 3 – 4

2. Gender-Studien in Bezug auf Literaturwissenschaft S. 5 – 6

3. Ansätze der Gender-Theorie von Judith Butler S. 6 – 7

3.1. Unterscheidung von „sex“ und „gender“ S. 8 – 10
3.2. Die Kategorien Mann und Frau – Anmerkungen zu kulturellen Geschlechter-Normen und Zwangsheterosexualität S. 10 – 11
3.3. Der Performanz-Begriff S. 12 – 15

4. Die Anwendung der Butlerschen Theorie auf Erzählungen von Judith Hermann S. 15

4.1. Frauen- und Männerbilder in Judith Hermanns Erzählungen S. 15 – 20
4.2. Analyse der Erzählung „Sonja“ S. 20 – 25
4.3. Analyse der Erzählung „Camera Obscura“ S. 25 – 31

5. Fazit S. 32

Literaturverzeichnis S. 33 – 34


 

1. Einleitung

„Tatsächlich hatten alle vier einen Riesenhunger, und so tafelten sie binnen kurzem in einer scheußlichen Schwabinger Pizzeria, der wißbegierigen Angela mit vollen Backen die tollen Theoreme Butlers vorkauend. Gerade daß der temperamentvollen Wasserstoffblondine nicht gleich die ganze Lasagne aus dem bepinselten Gesicht fiel: Mein schöner Schwanz, nichts weiter als das Fleisch gewordene Ergebnis politischer Übereinkünfte? Woraufhin sich eine lebhafte Debatte darüber entzündete, ob Fraukes und Angelas Verlobung nun als homo-, hetero- oder gar zwangsheterosexuell zu klassifizieren sei. (…) Angela Guida wollte selbst auf der Autobahn noch nicht einsehen, daß ihre allseits als perfekt empfundene, feminine Gender Impersonation als parodistische Wiederholung diskursiver Bezeichnungspraxen des Geschlechtlichen zu bewerten sei, als subversiver Akt im höheren Auftrag einer revolutionären Multiplikation der Geschlechter, nämlich jenseits des, wie alle im Ford befanden, absolut schrottreifen binären Systems.“1 Diese Textstelle aus Thomas Meineckes „Tomboy“ könnte als Vorführbeispiel für die Anwendung von Literaturtheorie auf literarische Werke angesehen werden. Dabei weist der Roman die Besonderheit auf, dass literaturtheoretische Ansätze, besonders jene, die sich mit Gender-Fragen befassen konkret thematisiert werden – so sind Personen, wie Butler, Weininger, Lacan, Wittig oder Foucault und deren Ansichten, Thesen und Texte wichtiger Bestandteil im Leben der Figuren in Meineckes „bizarren Kabinett der gender troubles“2. Da wären beispielsweise die in ihrer Jugend als Tomboy bezeichnete Vivian Atkinson, die sich im Rahmen ihrer Magisterarbeit mit Judith Butler auseinandersetzt, ihre bisexuelle, schwangere Freundin Korinna, die lesbische Frauke, die mit Angela, welche früher Angelo war, verlobt ist und der feminine Hans, der in Vivian verliebt ist – diese verschiedenen und unterschiedlich geschlechtlich orientierten Charaktere haben alle eines gemeinsam: Sie tauschen Bücher und Schallplatten untereinander, diskutieren darüber und über das aktuelle politische und gesellschaftliche Geschehen und sie besprechen ihre eigenen alltäglichen Probleme. Dabei zitieren sie immer wieder bekannte Wissenschaftler, Philosophen, Psychologen und Feministinnen und aufgrund dessen kann man sagen, dass im Text ganz offensichtlich Ansätze der Kultur- und Literaturtheorie wieder zu finden sind. Auch wenn in anderen Romanen oder Erzählungen das Aufgreifen von gender-theoretischen Standpunkten nicht – wie hier – so direkt erfolgt, also wenn beispielsweise Butler und ihre Kollegen nicht, wie in diesem Roman, ein direkter Bestandteil der Handlungsfolge sind, so lassen sich dennoch die verschiedensten literarischen Werke nach unterschiedlichen literatur- bzw. kulturtheoretischen Aspekten untersuchen und interpretieren. Man kann sich möglicherweise die Frage stellen, ob eine Autorin in ihrem Text ein typisches Frauenthema aufgreift, ob männliche Verfasser eher weniger emotional schreiben oder man kann das Inhaltliche in diesem Sinne näher beleuchten und zum Beispiel das Verhalten, Handeln, die Eigenschaften und Beziehungen der Protagonisten auf derartige Fragen hin aufschlüsseln und deuten.

Im Rahmen dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Gender-Theorie von Judith Butler auf die Erzählungen von Judith Hermann anwendbar ist und ob die dargestellten Frauen- bzw. Männerbilder mit dem, von Butler geprägten, Performanz-Begriff in Verbindung gebracht werden können. Um jedoch zunächst einen Einblick über die Gender-Studies zu geben, wird im zweiten Kapitel kurz auf die allgemeine Situation der Geschlechteruntersuchung in Bezug auf die Literaturwissenschaft eingegangen. Im dritten Kapitel liegt der Schwerpunkt auf Butlers „Das Unbehagen der Geschlechter“. Hier werden die wichtigsten Thesen zur Unterscheidung von sex und gender, zur Kategorie Geschlecht und zum Begriff der Performanz herausgearbeitet und kritisch erklärt. Dieser, bis dahin, theoretische Teil der Arbeit liefert die Grundlage für die Betrachtungen im darauf folgenden Abschnitt. Hier wird dann direkt mit Literatur gearbeitet und auf die Erzählungen von Judith Hermann Bezug genommen. Ihre beiden Erzählbände „Sommerhaus, später“ und „Nichts als Gespenster“ werden nach ihren dargestellten Frauen- und Männerbildern hin untersucht und bereits hier können ansatzweise Punkte gefunden werden, die mit Butlers Theorie vereinbar sind. Anschließend werden zwei Kurzgeschichten genauer vorgestellt und analysiert. Es werden Fragen zu den Figuren, ihrem geschlechtstypischen oder nicht-geschlechtstypischen Verhalten und zu ihrem Bild, welches beim Leser entsteht, aufgeworfen und beantwortet. Zuletzt werden im Fazit die Ergebnisse der Untersuchungen zusammengetragen.

2. Gender–Studien in Bezug auf Literaturwissenschaft

In der Gender–Forschung wird davon ausgegangen, dass Lesen und Schreiben keine geschlechtsneutralen Tätigkeiten sind. Diese Feststellung hat bereits eine längere Geschichte und Tradition, denn im ästhetischen Diskurs der Moderne wurde auch schon über die Bedeutung des Geschlechts eines Autors/einer Autorin gestritten. Dafür bildete damals die Existenz fester Geschlechterkategorien den Ausgangspunkt. „>Männlich< und >Weiblich< wurden zu Variablen des ästhetischen Diskurses, wobei Autorschaft >männlich< konnotiert war und Frauen als Autorinnen in eine >>mittlere Shpäre<< abgedrängt wurden.“3 Außerdem galt das Weibliche als männliche Kunstproduktion, da die Meinung vertreten wurde, dass die Frauen lediglich auf dilettantischem Wege versuchten, eine literarische Produktion zu vollbringen und eher als inspirierende Musen, einfühlsame Leserinnen oder Käuferinnen willkommen waren. An dem Geschwisterpaar Cornelia und Johann Wolfgang Goethe ist erkennbar, dass neben den sozialen und materiellen Umständen auch die gesellschaftlichen Bedingungen und vorherrschenden Ansichten für das Entstehen „genialer Werke“ von Bedeutung sind, denn nach dem Aufstieg des Bruders verstummte Cornelia Goethe unter anderem aufgrund der literarischen Ausgrenzung und Marginalexistenz (Übergangszustand, in dem jemand der einen von zwei sozialen Gruppen oder Gesellschaftsformen nicht mehr ganz, der anderen noch nicht angehört; Randpersönlichkeit4) des Weiblichen. Die aktuelle literaturwissenschaftliche Gender-Forschung entwickelte sich aus den feministischen Aufbrüchen der 68er Generation, denn die Frauenbewegungen der 70er Jahre erweckten nicht nur die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit durch spektakuläre und teilweise radikale Aktionen, sondern wiesen vor allem auf die allgemeine Benachteiligung der Frauen in der Gesellschaft und subtile Unterdrückungsmechanismen hin. Es entwickelte sich eine sogenannte „Frauenliteratur“, die sich bewußt und kritisch mit den Erfahrungen von Frauen auseinandersetzt. Dabei stellt sich die Frage, ob es eine „weibliche Ästhetik“ gibt, wobei sich die Frage aufdrängt, wie sich die literarische Praxis der Frauen von der von Männern unterscheidet. Gibt es zum Beispiel bestimmte „Männerthemen“ und „Frauenthemen“?

[...]


1 Meinecke, Thomas: Tomboy. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 1998, S. 90

2 Ebd. S. 2

3 Stephan, Inge/von Braun, Christina (Hrsg.): Gender Studien – Eine Einführung. Stuttgart – Weimar, 2000, S. 290

4 Duden – Das Fremdwörterbuch. Bd. 5. Mannheim – Leipzig – Wien – Zürich, 1990, S. 481


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