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Autor: Ulrike Wronski
Fach: Politik - Sonstige Themen
Details
Institution/Hochschule: Universität Hamburg (Institut für Politische Wissenschaft)
Tags: Filme, Holocaust, Vergangenheitsbewältigung, Deutschland
Jahr: 2004
Seiten: 19
Note: 2,4
Literaturverzeichnis: ~ 30 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 136 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-36968-8
Zusammenfassung / Abstract
In einer Zeit, in der die biographischen Erinnerungen an den Nationalsozialismus immer weniger werden, fällt es den Medien zu, die Nachgeborenen an das Thema heranzuführen. Das birgt Chancen, aber auch Gefahren. Gerade deshalb werden die Fragen, was ein Film zeigen dürfe und was nicht, und vor allem wie er es zeigen sollte, immer wieder heftig debattiert. Besonders Filme, die den Holocaust oder den Nationalsozialismus zum Thema haben, werden in den Feuilletons ausführlich besprochen und nicht selten kontrovers diskutiert. Steven Spielbergs Film Schindlers Liste hat 1994 in Deutschland eine ausführliche Diskussion über die Angemessenheit seiner Holocaust-Darstellung ausgelöst. Anhand der damals erschienenen Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften sowie einiger später veröffentlichter Aufsätze und Studien über diese publizistische Kontroverse soll hier folgender Frage nachgegangen werden: Wo liegen die ethischen Grenzen der Darstellung des Holocaust im Spielfilm? Zu welchem Ergebnis sind die Kritiker, die sich an der deutschen Mediendebatte beteiligt haben, gekommen? In diesem Zusammenhang muss vor allem geklärt werden, wie mit dem Spannungsverhältnis zwischen der Notwendigkeit, den historischen Ereignissen gerecht zu werden, und dem Wunsch, möglichst viele Zuschauer zu erreichen, umgegangen werden soll. Ist der Spielfilm dem Dokumentarfilm unterlegen, wenn es um die Darstellung von Geschichte geht? Das „Ob“ und das „Wie“ im Zusammenhang mit der ästhetisch-künstlerischen Darstellung werden schon so lange diskutiert, wie es Filme über den Holocaust gibt. Im Laufe der fast 60-jährigen Gedächtnisgeschichte haben sich die Antworten darauf allerdings verändert. Diese Wandlung soll im ersten Teil der Arbeit anhand der Debatten über die wichtigsten Holocaustfilme nachgezeichnet werden, bevor im zweiten Teil am Beispiel der Diskussion um Schindlers Liste der „aktuelle Stand“ herausgearbeitet wird.
Textauszug (computergeneriert)
Universität Hamburg
Institut für Politische Wissenschaft
Seminar: Grundkurs „Vergangenheitspolitik“
2. Fachsemester
Filme über den Holocaust –
Was dürfen sie zeigen und was nicht?
von: Ulrike Wronski
INHALTS VERZEICHNIS
1. Vorüberlegungen 1
2. Kontrovers diskutierte Holocaustfilme 3
2.1 Holocaust 4
2.2 Shoah 5
2.3 Schindlers Liste und Das Leben ist schön 6
3. Die Mediendebatte zu Schindlers Liste 7
3.1 Die Darstellbarkeit des Holocaust 8
3.2 Ein Deutscher führt zum Happy End 11
4. Fazit 12
Literaturverzeichnis 15
1. Vorüberlegungen
Derzeit läuft Bernd Eichingers Produktion Der Untergang in den deutschen Kinos. Schon vorab wurde der Spielfilm über die letzten Tage Hitlers in den Medien diskutiert. „Von der Identifikation mit den Tätern ist die Rede, von der Gefahr, Hitler könne zu nett, zu bieder, zu harmlos erscheinen – eben zu sehr als Mensch“, fasst Tobias Kniebe die vorab geäußerten Bedenken zusammen.1 Debatten wie diese zeigen, dass dem Medium Film eine wichtige Rolle bei der Beschäftigung mit der Vergangenheit zukommt. Vor allem der Spielfilm macht historische Ereignisse einem großen Publikum zugänglich und prägt das, woran sich eine Gesellschaft erinnert, in beträchtlichem Maße mit. In einer Zeit, in der die biographischen Erinnerungen an den Nationalsozialismus immer weniger werden, fällt es den Medien zu, die Nachgeborenen an das Thema heranzuführen. Das birgt Chancen, aber auch Gefahren. Gerade deshalb werden die Fragen, was ein Film zeigen dürfe und was nicht, und vor allem wie er es zeigen sollte, immer wieder heftig debattiert. Besonders Filme, die den Holocaust oder den Nationalsozialismus zum Thema haben, werden in den Feuilletons ausführlich besprochen und nicht selten kontrovers diskutiert. Siegfried Kracauer zufolge sind Filme verglichen mit anderen künstlerischen Medien am besten dazu geeignet, die Mentalität einer Nation zu reflektieren.2 Auch publizistische Kontroversen geben Aufschluss über die Politische Kultur einer Gesellschaft.
Steven Spielbergs Film Schindlers Liste hat 1994 in Deutschland eine ausführliche Diskussion über die Angemessenheit seiner Holocaust-Darstellung ausgelöst. Anhand der damals erschienenen Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften sowie einiger später veröffentlichter Aufsätze und Studien über diese publizistische Kontroverse soll hier folgender Frage nachgegangen werden: Wo liegen die ethischen Grenzen der Darstellung des Holocaust im Spielfilm? Zu welchem Ergebnis sind die Kritiker, die sich an der deutschen Mediendebatte beteiligt haben, gekommen? In diesem Zusammenhang muss vor allem geklärt werden, wie mit dem Spannungsverhältnis zwischen der Notwendigkeit, den historischen Ereignissen gerecht zu werden, und dem Wunsch, möglichst viele Zuschauer zu erreichen, umgegangen werden soll. Ist der Spielfilm dem Dokumentarfilm unterlegen, wenn es um die Darstellung von Geschichte geht? Das „Ob“ und das „Wie“ im Zusammenhang mit der ästhetisch-künstlerischen Darstellung werden schon so lange diskutiert, wie es Filme über den Holocaust gibt. Im Laufe der fast 60-jährigen Gedächtnisgeschichte haben sich die Antworten darauf allerdings verändert. Diese Wandlung soll im ersten Teil der Arbeit anhand der Debatten über die wichtigsten Holocaustfilme nachgezeichnet werden, bevor im zweiten Teil am Beispiel der Diskussion um Schindlers Liste der „aktuelle Stand“ herausgearbeitet wird. Ein kompletter Abriss der Geschichte des Holocaustfilms ist genauso wenig Bestandteil dieser Arbeit wie eine vollständige Analyse der Debatte zu Schindlers Liste. Es werden nur die Diskussionspunkte untersucht, die im Zusammenhang mit der Fragestellung stehen.
Wenn in dieser Arbeit die Begriffe Spielfilm und Dokumentarfilm verwendet werden, geschieht dies in dem Bewusstsein, dass die Grenzen dazwischen fließend sind und Reinformen kaum existieren. Als Spielfilm oder synthetischer Film werden Filme bezeichnet, die eine Eigenrealität schaffen, deren Inhalt also fiktional ist.3 Unter der Bezeichnung Dokumentarfilm hingegen werden im Allgemeinen alle nichtfiktionalen Filme, die sich der Aufzeichnung von Außenrealität widmen, zusammengefasst.4 Obwohl der Film Schindlers Liste kein reiner Spielfilm ist, sondern Elemente des Dokumentarfilms enthält, wird Spielbergs Produktion im Folgenden als Spielfilm bezeichnet. Gleiches gilt für Claude Lanzmanns Film Shoah. Obwohl auch hier der Begriff Dokumentarfilm nicht alles fasst, was diesen Film ausmacht, wird er im Folgenden so genannt. Der Massenmord an den Juden im 20. Jahrhundert wird unterschiedlich bezeichnet. Die häufig verwendeten Begriffe Holocaust und Shoah haben jeweils andere religionsgeschichtliche Bedeutungen. Dessen ungeachtet wird im Folgenden der Judenmord als Holocaust bezeichnet, da sich dieser Begriff international durchgesetzt hat.5
Naturgemäß befassen sich vor allem Film- und Kommunikationswissenschaftler mit der Machart und Wirkung von Filmen. Demgegenüber steht die kleine Zahl von Publikationen, die den Film in Zusammenhang mit Geschichte oder Geschichtspolitik betrachten. Dazu zählt die Monographie des Politologen Peter Reichel Erfundene Erinnerung. Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater.6 Reichel untersucht im zweiten Teil seines Buches anhand von ausgewählten Filmen unterschiedliche Deutungen von Auschwitz. In ihrer Dissertation analysiert die Kommunikationswissenschaftlerin Martina Thiele neun zwischen 1948 und 1993 entstandene Holocaustfilme und die durch sie ausgelösten publizistischen Kontroversen in Deutschland, darunter auch die Diskussion um Schindlers Liste.7 Auch Thiele fragt nach der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im und durch Film.8 Die während der Mediendebatte zu Schindlers Liste erschienenen Zeitungsartikel, die hier untersucht werden, sind nach Christoph Weiss’ Sammelband „Der gute Deutsche“. Dokumente zur Diskussion um Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ in Deutschland zitiert.9 Weiss hat dafür 65 Beiträge aus den geschätzten 1000 in deutschen Zeitungen und Zeitschriften erschienenen Artikeln ausgewählt und „ungekürzt und unverändert abgedruckt“10.
2. Kontrovers diskutierte Holocaustfilme
[...]
1 Matthias Kniebe: Der kleinste gemeinsame Nenner. Wie der neue Film von Produzent Bernd Eichinger versucht, Geschichte, Ideologie und Kino zusammenzubringen. [http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/235/39196/, gefunden am 16.09.2004, 11 Uhr]
2 Vgl. Siegfried Kracauer: Von Caligari zu Hilter. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films. In: Witte, Karsten (Hg.): Siegfried Kracauer Schriften, Frankfurt/Main 1979, S. 11. Was Kracauer als „Mentalität einer Nation“ bezeichnet, wird heute unter dem Begriff der Politischen Kultur gefasst. Vgl. dazu Peter Reichel: Politische Kultur in Deutschland. In: Iring Fetscher/Herfried Münkler (Hg.): Politikwissenschaft. Begriffe – Analysen – Theorien. Ein Grundkurs, Reinbek 1985, S. 125f.
3 Vgl. James Monaco: Film und Neue Medien. Lexikon der Fachbegriffe. Reinbek 2000, S. 159.
4 Vgl. ebd., S. 48.
5 Die Bezeichnung Holocaust ist nach der Ausstrahlung der gleichnamigen US-Fernsehserie Ende der 70er Jahre in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen worden. 1980 wurde der Begriff in Deutschland zum Wort des Jahres gewählt. Vgl. Martina Thiele: Publizistische Kontroversen über den Holocaust im Film. Münster 2001.
6 Peter Reichel: Erfundene Erinnerung. Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater. München 2004; im Weiteren zitiert als Reichel: Erfundene Erinnerung.
7 Martina Thiele: Publizistische Kontroversen über den Holocaust im Film. Münster 2001; im Weiteren zitiert als Thiele: Kontroversen.
8 Vgl. ebd., S. 61.
9 Christoph Weiss (Hg.): „Der gute Deutsche“. Dokumente zur Diskussion um Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ in Deutschland. St. Ingbert 1995; im Weiteren zitiert als Weiss: Der gute Deutsche.
10 Ebd., S. 9.
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