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Kafka "Die Verwandlung" - Eine gesellschaftskritische Erzählung?

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 27 Pages
Author: Steffi Thalwitzer
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 27
Grade: 17 Punkte nach franz System= 1
Bibliography: ~ 7  Entries
Language: German
Archive No.: V37717
ISBN (E-book): 978-3-638-36984-8

File size: 245 KB


Excerpt (computer-generated)

Université de Paris 3- Sorbonne Nouvelle 

Institut d’ Allemand d’ Asnières

Séminaire : Naissance de la modernité

Kafka « Die Verwandlung » Eine gesellschaftskritische Erzählung ?

Exposé de Steffi Thalwitzer

le 27 mai 2004

 

 

I. Bürgerliche Selbstbehauptung/ Krise des « Ich »/ Die Familie als Machtinstrument   2

II. Motive der Verwandlung  4
II. 1. Der biographische Hintergrund  5
II. 2. Experiment der Verweigerung- die Verwandlung als « stiller Protest »   6
II. 3. Grenzbereich zwischen Isolation und Sozietät   8

III. Die Frage der Schuld   11
III. 1. Die Instanzen der Autorität :   17

IV. Versteckte Kritik  21

V. Sieg der Autorität  22

SCHLUSSBETRACHTUNG  23

Literaturverzeichnis   2

 

 

I. Bürgerliche Selbstbehauptung/ Krise des « Ich »/ Die Familie als Machtinstrument .....

Ich beginne zur Einführung mit einem Zitat aus dem Aufsatz von Otto Gross, der den Titel : « Blätter zur Bekämpfung des Machtwillens » trägt.


« Man kann jetzt erst erkennen, das in der Familie der Herd aller Autorität liegt, dass die Verbindung von Sexualität und Autorität, wie sie sich in der Familie mit dem noch geltenden Vaterrecht zeigt, jede Individualität in Ketten schlägt. [...] Der Revolutionär von heute, der mithilfe der Psychologie des Unbewussten die Beziehung der Geschlechter in einer freien und glückverheissenden Zukunft sieht, kämpft gegen Vergewaltigung in ursprünglichster Form, gegen den Vater und gegen das Vaterrecht. »

Dazu muss man anmerken, dass Otto Gross Freud-Schüler war. Er wurde von seinem Vater, einem Anhänger der sozialdarwinistischen Lehre, die das Recht des Stärkeren vertritt, in die Irrenanstalt eingewiesen. Dieses Zitat verdeutlicht, dass das Kernfamilienmodell seit dem 19. Jahrhundert eine spezielle Position erreicht hat, welche die Gesellschaft in ihren sozialen und ökonomischen Machtverhältnissen unterstützt. Am Beispiel der Familie, welche die kleinste « Parzelle » eines autoritären Staates darstellt, wird der Mechanismus und die Struktur eines autoritären Staates repräsentiert. Die Familie wird als Macht- und Disziplinierungsinstrumentarium verstanden, die gleichzeitig die Vater- Autorität errichtet aber auch genauso brüchig zeigt. Dieses Machtinstrumentarium ist dementsprechend ein Modell gegenseitiger Abhängigkeit und Verschuldung. Aber wie stellt sich die bürgerliche Selbstbehauptung dar ? Woran scheitert die junge Generation ? Werfen wir einen Blick auf den geisteswissenschaftlich- philosophischen Hintergrund und auf das Verständnis vom Subjekt zu diesem Zeitpunkt. Der Subjektbegriff, ausgehend von Aristoteles, wird über die Jahrhunderte hinweg diskutiert und abgewandelt. Das « Ich » wurde im Idealismus zum Substrat von Wissen und Erkenntnis erhoben. Von Descartes wurde mit dem Akt des Denkens die Basis für diese Erkenntnis geschaffen und führte dazu, dass das Subjekt, das denkende « Ich », in seiner Absolutheit durch seine Erkenntnistätigkeit die Natur beherrscht. Hegel hat dann das « Ich » als das « Geistige » schlechthin bezeichnet, vergass jedoch den Körper. Diesen hat Schopenhauer daraufhin in seine Betrachtungen zum Subjektbegriff mit einbezogen, und er überträgt dieses « Selbstbewusstsein », welches wörtlich zu verstehen ist, auf den Leib und dessen Willen zur Selbsterhaltung (der Selbsterhaltungstrieb). Er sieht ihn als den Urgrund der Existenz an. Die Erkenntnis und Rationalität wird somit durch den Willen erreicht, der ins Bewusstsein, ins « Ich », erhoben wird. Nietzsche verwirft diesen Absolutheitsanspruch der Erkenntnisfähigkeit des « Ich ». 

In Anlehnung an Schopenhauer entdeckt er hinter allen menschlichen Bestrebungen einen sogenannten « Willen zur Macht », welcher nun jedoch nicht mehr die Verbindung von Erkenntnis und Rationalität im « Ich » herstellt, sondern Ausdruck für die Vielfalt des Subjektes ist. Nietzsche negiert nun den Absolutheitsanspruch des « Ich » völlig. Es bildet folglich keinen Orientierungspunkt mehr, um die Welt zu erklären. Ergänzend dazu wird die Entdeckung des Unbewussten in der Psychoanalyse dem erkenntnisreichen « Ich » und damit den Prinzipien der Aufklärung, der Mensch könne sich durch Bedienen des Verstandes aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit selbstbestimmt befreien, wie sie Kant geprägt hat, den « Boden » nehmen. Der Mensch ist also nicht mehr Herr über sein « Ich », weil sich das Unbewusste jeglicher autonomer Kontrolle, der Kontrolle durch den Verstand, entzieht.1 Dementsprechend gerät das «Ich » im 20. Jahrhundert in eine Krise. Die autonome Befreiung scheitert mithin in der Moderne. Der Mensch verlor sich im Gestrüpp bürokratischer Vorgänge, im technologischen Fortschritt und später in der Anonymität der entstandenen Grossstädte. 

Wichtig ist, dass sich der Absolutheitsanspruch des « Ich », der im 19. Jahrhundert Ausdruck in Fortschrittsgläubigkeit und Durchsetzungsfähigkeit in Wirtschaft und Wissenschaft findet und in der Philosophie als Positivismus bezeichnet wird, weiterhin behauptet. Die bürgerliche Selbstbehauptung vollzog sich also über Recht, Ökonomie und familiäre Ordnung mit einem festen Rollensystem. Da sich der Selbstbehauptungsanspruch des Bürgers nicht über den Einfluss auf die Politik vollziehen konnte, zog er sich in diese Bereiche zurück. Wir können auch vom Wandel des Bildungsbürgertums zum Besitzbürgertum sprechen. Was Nietzsche mit Willen zur Macht bezeichnet, trifft für die Figuren Kafkas nicht zu, obwohl sie sich um gesellschaftliche Anerkennung, Eigenständigkeit und Aufnahme in das gesellschaftliche Geflecht bemühen, scheitern sie an ihrer Machtlosigkeit gegenüber den Starken. Diese Starken begegnen uns in den Figuren von Vätern, Advokaten und Richtern, etc. Den Figuren Kafkas ist es aber unmöglich, sich von familiären und gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Sie scheitern an den Starken, ergeben sich ihrem Schicksal, und sie arbeiten mit einer Art « träger Dynamik » an ihrer Selbstauslöschung. Ihnen bleibt nur noch das Verschwinden oder der Tod. Die Macht der Starken wird folglich auch infrage gestellt und erscheint brüchig. Zur Jahrhundertwende stehen sich nun zwei Subjektbegriffe und somit ein unterschiedliches Beziehungsgeflecht von junger und alter Generation gegenüber, die nicht miteinander zu vereinbaren sind. Wir sprechen auch vom Vater- Sohn Konflikt.

II. Motive der Verwandlung

[...]


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