Parastaatlichkeit und Ökonomien des Krieges close

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Details

Kategorie: Diplomarbeit
Jahr: 2004
Seiten: 182
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 124  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 2444 KB
Archivnummer: V38116
ISBN (E-Book): 978-3-638-37286-2
ISBN (Buch): 978-3-638-70553-0
Anmerkungen :


Zusammenfassung / Abstract

Funktionierende soziale Ordnungen finden sich – so die Lesart – hauptsächlich in den Industriestaaten der westlichen Welt. Liberale „strong states“ erscheinen nach dem Niedergang des Sozialismus zwar nicht als einzige Ordnungsform, jedoch als effektivste – im wirtschaftlichen und politischen Sinne. Dem gegenüber stehen Staaten, die durch Parastaatlichkeit und erodierte Gewaltmonopole gekennzeichnet sind. Es handelt sich dabei meist um „unfertige“ oder „schwache“ Ordnungen, die lediglich über partielle Staatlichkeit verfügen. Anhand der „alternativen“ Ordnungsformen in Angola und Kolumbien soll nachgewiesen werden, dass deren prekäre Situation keineswegs Ausdruck einer irrationalen Barbarei ist, die man dem besonderen „vormodernen“ Charakter von Staatlichkeit der einzelnen Akteure zur Last legen kann. Vielmehr koexistieren in beiden Fällen alternative, traditionale oder regionalistische Ordnungsformen zusammen mit dem, was man als „kriegsökonomische Reproduktion“ bezeichnet: nur durch die Einbindung in weltweit vernetzte, schattenökonomische Netzwerke gelang es den jeweiligen Kriegsakteuren in Kolumbien und Angola, sich zu finanzieren und dem Krieg den Charakter eines „low-intensity-conflicts“ zu geben. Dies alles wiederum ist Ausdruck einer zutiefst rationalen Profitmaximierungslogik wesentlicher Akteure. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die Schwäche des Staates, die der Stärke parastaatlicher Akteure korrespondiert und deren Reproduktion vereinfacht. Deren ursprüngliche Ziele wurden im Zeitverlauf durch andere Motivationsfaktoren zunehmend überlagert: Kriege werden weniger um Ideologien oder aufgrund sozialer Deprivation, sondern zunehmend um Öl, Diamanten und Drogen ausgefochten. Diese Entwicklung führte im Falle der angolanischen UNITA zu einer Hybridisierung der inneren Ordnung, die schliesslich in deren Zerfall mündete. Im Falle der kolumbianischen Bürgerkriegsakteure jedoch führte diese Hybridisierung eher in die andere Richtung – zu einer hohen Lukrativität des Drogenhandels. Diese problematische Konstellation lässt sich indes im Rahmen der Entwicklungspolitik nur auflösen, wenn man Ursachen genügend differenziert und Konsequenzen auslotet. Der Plan Colombia kann dabei als Beispiel einer einseitig interessegeleiteten, militaristisch ausgerichteten Politik dienen, die in Verkennung der tatsächlichen Konfliktursachen gerade zur Intensivierung des Konfliktes beiträgt anstatt diesen zu mindern.

Textauszug (computergeneriert)

Universität Leipzig
Institut für Politikwissenschaft

PARASTAATLICHKEIT UND ÖKONOMIEN DES KRIEGES – ANGOLA UND KOLUMBIEN IM VERGLEICH

Diplomarbeit

eingereicht von

Andreas Hahn

September 2004

 

ABSTRACT (deutsch):
Funktionierende soziopolitische Ordnungen – oft als „strong states – starke Staaten“ bezeichnet – finden sich hauptsächlich – so die gängigen Aussagen der Modernisierungstheorie – in den Industriestaaten der westlichen Welt. Liberaldemokratische „strong states“ erscheinen nach dem Niedergang des Sozialismus zwar nicht als einzige Ordnungsform, jedoch als effektivste – im Sinne wirtschaftlicher, politischer aber auch menschenrechtlicher Maximen – und damit implizit auch als einzig legitime. Diese Sichtweise wird durch das oft wahrnehmbare Chaos und durch anarchische Tendenzen gestützt, in welche viele „alternative Ordnungsformen“ der südlichen Hemisphäre abzustürzen scheinen, die durch Parastaatlichkeit und erodierte Gewaltmonopole gekennzeichnet sind. Es handelt sich dabei meist um „unfertige“ oder „schwache“ Staaten, die lediglich über partielle Staatlichkeit verfügen, oftmals in traditionalen Strukturen gefangen sind und durch deren „vormoderne Natur“ weder an „moderne“ Leistungskriterien der „strong states“ noch an deren normative Legitimität herankommen. Anhand der „alternativen“ Ordnungsformen in Angola und Kolumbien lässt sich nachweisen, dass deren prekäre konfliktgezeichnete Situation keineswegs Ausdruck einer irrationalen Barbarei ist, die man dem besonderen „vormodernen“ Charakter von Staatlichkeit der einzelnen Akteure anschulden kann. Vielmehr koexistieren in beiden Fällen alternative, traditionale oder regionalistische Ordnungsformen zusammen mit dem, was man als „kriegsökonomische Reproduktion“ bezeichnen kann: nur durch die Einbindung in weltweit vernetzte, schattenökonomische Netzwerke gelang es den jeweiligen Kriegsakteuren in Kolumbien und Angola, sich zu finanzieren und dem Krieg den Charakter eines „low-intensity-conflicts“ zu geben. Dies alles wiederum ist Ausdruck einer zutiefst rationalen Profitmaximierungslogik wesentlicher Akteure, die sich in einem extralegalen Raum sowohl patrimonialer als auch gewaltbasierter Regulative bedient. Eine wichtige Prerequisite dafür ist die Schwäche des Staates, die der Stärke parastaatlicher Akteure korrespondiert und deren Reproduktion vereinfacht. Die Beschäftigung mit den parastaatlichen Gruppierungen in Angola und Kolumbien macht überdies deutlich, wie diese schattenökonomischen Agenden im Zeitverlauf andere Motivationsfaktoren zunehmend überlagerten, deren Kriege weniger Kriege um Ideologien oder soziale Deprivation, sondern zunehmend um Öl, Diamanten und Drogen gefochten wurden. Diese Entwicklung führte im Falle der angolanischen UNITA zu einer Hybridisierung der inneren Ordnung, die schliesslich in deren Zerfall mündete, im Falle der kolumbianischen Bürgerkriegsakteure jedoch eher zu einer Verbesserung der „Nettoposition“ aufgrund von Dezentralisierung und der extrem hohen Lukrativität des Drogenhandels.

Alternative patrimoniale Ordnungsformen sind zwar in der Lage, bei einem Mindestmass an empirischer Staatlichkeit Frieden – meist im negativen Sinne – zu gewährleisten, allerdings nur dann, wenn die einzelnen Akteure nicht den Verlockungen jener globalisierten Vermarktungsmöglichkeiten ausgesetzt sind, die die rentenbasierte und unproduktive Alimentation derselben ermöglichen. Diese problematische Konstellation lässt sich indes im Rahmen der Entwicklungspolitik nur auflösen, wenn man Ursachen genügend differenziert und Konsequenzen auslotet. Der Plan Colombia kann dabei als Beispiel einer einseitig interessegeleiteten, militaristisch ausgerichteten Politik dienen, die in Verkennung der tatsächlichen Konfliktursachen gerade zur Intensivierung des Konfliktes beiträgt anstatt diesen zu mindern.

ABSTRACT (english):
Well functioning sociopolitical orders – commonly referred to as „strong states“ – are – according to modernization theory – mainly located in the western industrialized countries. Particularly after real existing socialism had perished as organizational alternative – liberal-democratic societies did indeed not appear as the only, but rather the most effective form of organization – in political, economic as well as ethical terms – and thus the most legitimate. This particular perspective is further strengthened by the evident chaos and the frequent anarchical tendencies into which many of the states of the southern hemisphere, which are coined by parastate structures and flawed monopolies of power, seem to drop continuously. These sociopolitical entities are mostly referred to as „unfinished“ or „weak“ states, which are just disposing of partial statehood, which are frequently „trapped“ in their traditional structures. Furthermore by means of their „pre-modern nature“ they are far from equalling modern performance-criteria of statehood as well as their respective normative legitimacy. Based on two case-studies about Angola and Colombia it can be shown that their precarious war-like internal situation is not an expression of some „irrational barbarism“ which might be induced by the particular „pre-modern“ conditions and structures inside of them. Rather in both cases there exists a kind of unholy alliance between traditional and patrimonial forms of internal structure on the one hand as well as particular forms of economic reproduction which are commonly referred to as „wareconomies“ or „shadow-economies“ on the other: just by means of integration into a worldwide, extra-legal web of transactions the respective groups in Angola and Colombia were enabled to finance their organisations and to contribute to the emergence of low-intensity-conflicts. Therefore it can be considered as a certain „logic of profit maximisation“ pursued by the principal actors who take advantage of extra-legal space as well as patrimonial and violence-based regulatories. A genuine condition for the success of those „extra-legal economies“ ist the weakness of the formal state which corresponds to the strength of the parastate actors and facilitates their actions. Moreover, dealing with parastate groups in Angola and Colombia furthermore demonstrates how those „economic agendas“ gained preponderance contineously over alternative motivations – wars are not fought due to ideology or social deprivation and grievance, but rather due to oil, diamonds and drugs. This development caused in Angola a „hybridization“ of the internal social order of the UNITA and with it their decay until Savimbis death, whereas the colombian parastate groups managed to even expand their levels of income and thus their internal stability by decentralisation and the extraordinary lucrativity of drug trade.

It can be concluded that „alternative social orders“ are indeed able to warrant peace by a minimal account of empirical statehood, but only under the condition that the responsible actors might be able to resist the temptations of those globalized opportunities of transaction who allow them to finance themselves by war-driven rents and not by peace-based production. This problematic constellation can by means of developmental policy just be overcome by differenciating causes with the proper scrutiny. The Plan Colombia thus can be referred to as one example of a one-sided, biased and militaristic approach which contributes to the progress of war instead of mitigating it.

 

GLIEDERUNG IV

0. EINLEITUNG ... 1

1. KONZEPTE UND BEGRIFFE ZUM VERSTÄNDNIS VON STAATLICHKEIT IN KONFLIKTIVEN ORDNUNGEN ... 9
1.1 ZWEI ORDNUNGSBEGRIFFE ... 9
1.1.1 Der allgemeine Ordnungsbegriff ... 9
1.1.2 Der empirische Ordnungsbegriff ... 11
1.2 PREKÄRE STAATLICHKEIT ... 16
1.2.1 Der „starke Staat“ ... 16
1.2.2 Quasistaaten zwischen empirischer und juristischer Staatlichkeit ... 22
1.3 ANALYSE UND INTERPRETATION QUASI-STAATLICHER ORDNUNGEN ... 28
1.3.1 Das Konzept von Joel Migdal ... 28
1.3.2 Zur Internen Struktur von Quasistaaten ... 35
1.3.2.1 Informalität und Patrimonialismus als Organisationsprinzipien quasistaatlicher Ordnung ... 36
1.3.2.1.1 Vom Neopatrimonialismus zum Post-Adjustment-State ... 38
1.3.2.1.2 Prozesse der Exklusion/Kooptation ... 42
1.3.2.1.3 Ethnische und klassenspezifische Separierung ... 44
1.3.2.1.4 Korruption ... 45
1.4 KRIEGSÖKONOMIEN ALS WIRTSCHAFTLICHE ORGANISATIONSFORM ... 51
1.4.1 Krieg, Rente und Reproduktion ... 53
1.4.1.1 Von „winning-hearts-and minds“ zur „shadow economy“ ... 54
1.4.1.2 „Schattenökonomien“ und externe Alimentation ... 55
1.4.2 Veränderte Akteursbeziehungen ... 60
1.4.3 Zusammenfassung ... 62
1.5 ZWISCHENFAZIT ... 63

2. PARASTAATLICHKEIT UND POLITISCHE ÖKONOMIEN DES KRIEGES IN ANGOLA UND KOLUMBIEN ... 65
2.1 ZUR HISTORISCHEN KONFLIKTGENESE ... 68
2.1.1 Angolas Weg zur Parastaatlichkeit ... 68
2.1.2 Kolumbien – Geschichte einer Dreiecksbeziehung ... 73
2.2 „OFFIZIELL UND JURISTISCH“ VS. „INOFFZIELL UND EMPIRISCH“ – STAATSFUNKTIONEN UND QUASISTAATLICHKEIT IM VERGLEICH ... 78
2.2.1 Partielle Territorialität – Angola ... 79
2.2.1 Partielle Territorialität – Kolumbien ... 82
2.2.2 Soziale Beziehungen – Angola ... 85
2.2.2 Soziale Beziehungen – Kolumbien ... 88
2.2.3 Ressourcenmobilisierung und Ressourcenverwendung - Angola ... 93
2.2.3 Ressourcenmobilisierung und Ressourcenverwendung - Kolumbien ... 95
2.2.4 Zwischenfazit ... 98
2.3 INTERNE STRUKTUR UND ORDNUNG DER PARASTAATLICHEN AKTEURE ... 101
2.3.1. Die Innere Ordnung der UNITA bis 1990/1991 ... 101
2.3.1.1 Die Rolle traditionaler Akteure ... 102
2.3.1.2 Die Führungsriege und das Militär ... 104
2.3.1.3 Exklusion, ethnische Separierung und Korruption ... 105
2.3.2 Zum Vergleich: Gegenwärtige Interne Ordnung und Legitimität bei FARC und AUC ... 108
2.3.2.1 Die Abwesenheit traditionaler Akteure ... 109
2.3.2.2 Mafiotisches Beziehungsmanagement und selektives „Gemeinwohl“ ... 110
2.3.3 UNITA und FARC/AUC – Divergierende Entwicklungen in den Neunziger Jahren ...114
2.3.3.1 Interner Zerfall der UNITA ... 115
2.4 ÖKONOMIEN DES KRIEGES IN ANGOLA UND KOLUMBIEN ... 120
2.4.1 Angola: Vom Stellvertreterkrieg zum „resource war“ ... 122
2.4.1.1 Externe Patronage und politische Renten ... 123
2.4.1.2 Oil and Diamonds: Grundlagen und Funktionsweise einer Kriegsökonomie ... 127
    a. Art der Ressourcen/Primärgüter und deren geographische Verteilung ... 128
    b. Der Aufbau informeller Vertriebsstrukturen ... 130
    c. Ein Kontext der Regulationslosigkeit ... 133
2.4.1.3 Zwischenfazit ... 136
2.4.2 Zum Vergleich: die Politische Ökonomie des Krieges in Kolumbien ... 138
    a. Die „Ressource“ Kokain und deren geographische Verteilung ... 141
    b. Charakter und Struktur informeller Vertriebsstrukturen ... 142
    c. Regulation und Regulationslosigkeit ... 145
2.4.2.1 Zwischenfazit ... 148
2.5 KRIEGSÖKONOMISCHER KONTEXT UND INTERNE ORDNUNG ... 151
2.5.1 Hybridisierung und Niedergang der UNITA-Ordnung ... 151
2.5.2 Die Kontinuität parastaatlicher Ordnungsformen in Kolumbien ... 155
2.5.3 Zwischenfazit ... 158

3. SCHLUSSBETRACHTUNGEN ... 160

LITERATURVERZEICHNIS ... 167

ANHANG ... 173

 

ABKÜRZUNGEN
CGSB = Coordinación Guerillera Simón Bolívar
CONVIVIR = Asociasiones Comunitarias de Convivencia Rural (Kooperativen Privater Sicherheitskräfte)
DRC = Democratic Republic of Congo
ELN = Ejército de Liberación Nacional (Nationale Befreiungsarmee)
ELP = Ejercito de Liberación Patriotica (Patriotische Befreiungsarmee)
ENDIAMA = Empresa Nacional de Diamantes de Angola (staatliches Diamantenunternehmen in Angola)
FAA = ForÇas Armadas Angolanas (Bewaffnete Streitkräfte Angolas)
FARC = Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Revolutionäre Bewaffnete Streitkräfte Kolumbiens)
FIP = Fondo de Inversión para la Paz (Fond zur Wiederherstellung des Friedens)
FNLA = Frente Nacional de LibertaÇão de Angola (Nationale Front für die Befreiung Angolas)
MIRNA = Ministério de Recursos Nacionais - Ministry of National Resources (Diamantenministerium der UNITA)
MPLA = Movimento Popular de LibertaÇão de Angola (Volksbewegung zur Befreiung Angolas)
OAU = Organization Africa United
OPEC = Organization of Petrol Exporting Countries
SADF = South African Defence Force
SONANGOL = Sociedade Nacional de Combustiveis de Angola (Staatliche Gesellschaft für Brennstoffe in Angola)
SWAPO = South West African People´s Organisation
UNAVEM = United Nations Angola Verification Mission
UNITA = União Nacional de Independencia Total de Angola (Nationale Union für die Unabhängigkeit von Angola)
USAID = United States Agency for International Development
WFP = World Food Programme

 

0. EINLEITUNG

Der Beginn des bipolaren Zeitalters markierte zugleich den zeitlichen Eckstein für die Dekolonisation vieler Staaten, die im Zuge mehrerer Entkolonisierungswellen in die völkerrechtlich verbriefte Unabhängigkeit entlassen wurden. Die formale Unabhängigkeit wurde rechtlich garantiert, genauso wie „the principle of self-determination as an unqualified human right of all colonial people.“1 Souveränität wurde im Rahmen der UN-Charta als Hauptausdruck dessen betrachtet, was man als Staatenrecht interpretiert und es anderen Teilnehmern der Internationalen Beziehungen verwehrt, sich beispielsweise unter Berufung auf „Menschenrechte“ in die inneren Angelegenheiten jener neu entstandenen Nationen einzumischen. Dies implizierte jedoch nicht nur „Rechte“, sich um das eigene innere nationbuilding kümmern zu dürfen, sondern auch „Pflichten“, sich um dieses kümmern zu müssen, notfalls ohne externe Unterstützung.

An vielfältigen Stellen erwies sich nun diese postkoloniale Entwicklung keineswegs als verheissungsvoll, sondern vielmehr als ordnungspolitisches Fiasko, da es insbesondere in afrikanischen Staaten, aber auch in südostasiatischen und in geringerem Masse in lateinamerikanischen Nationen (obgleich schon auf früherer Stufe dekolonisiert) zu Stagnation, Involution und Zerfall von Ordnung kam. Befreiungsbewegungen führten oftmals ihr eigenes Volk von einer Knechtschaft in eine andere, Konkurrenz um Macht, Pfründe und politischen Einfluss liessen durchaus einzuräumende Errungenschaften der Imperialismuszeit verblassen und mochten den Eindruck nicht verwehren, dass der Fall in Chaos und Anarchie für viele Länder nicht aufzuhalten sei. Von „Afropessimismus“ war allerorts die Rede2. Die Hoffnung der Modernisierungstheorie, qua aufholender Entwicklung die einstige abendländische Erfolgsstory noch einmal – zeitlich und geographisch versetzt – beschreiten zu können, schien enttäuscht. Stattdessen machte sich Entwicklungspessimismus und die Feststellung von Anarchie und Chaos, folglich jedweder Abwesenheit von Ordnung breit.3 Eine koloniale Vergangenheit, starke ethnonationalistische Tendenzen im Innern: nicht alle „prekären“ Staaten teilen jedoch dieses historische Erbe (obgleich dennoch deren Schicksal), andere existieren teilweise länger als so manche europäische Nation – das Repertoire an begründenden Variablen muss folglich wesentlich breiter ausfallen.

Im Mittelpunkt des empirischen Teils steht die Betrachtung von Ordnung – und der Wandel derselben in Angola und Kolumbien. Jener südwestafrikanische Staat bietet einen exemplarischen Fall dafür, wie das Ende der kolonialen Abhängigkeit von Portugal 1975 keineswegs ein Ende von Leid und Entbehrung brachte, sondern vielmehr einen jahrzehntelang währenden inneren Bürgerkrieg, der offenkundig Millionen Opfer forderte, den Zerfall jeder Form von konventioneller Ordnung, den Rückfall in Barbarei und anachronistisches Kriegsherrentum – und dies alles unter der Patronage auswärtiger Mächte. Auch Kolumbien hält reichhaltig Anschauungsmaterial für einen Zustand dar, in dem Staatlichkeit allenfalls auf dem Papier besteht, im Inneren jedoch auf den ersten Blick kaum zu durchschauende Gewaltstrukturen existieren, der Rekurs auf (scheinbar) irrationale Gewalt als einzige Ausdrucksform gesellschaftlicher Koexistenz besteht. Und obgleich Kolumbien schon 1810 die Unabhängigkeit de jure erlangt hatte, teilt es das Schicksal vieler Staaten im 20. Jahrhundert, dem Status eines failed state sehr nahe zu kommen.

Beide Fallbeispiele – Angola und Kolumbien – werden uns im Laufe der Betrachtungen, speziell im empirischen Teil der Arbeit weiter begleiten, allerdings unter völlig anderen Interpretationsmustern, die sich von der Perzeption zerfallender und kriegszerrütteter Staaten – wie sie viele Jahrzehnte vorherrschte – als „anarchisch“ und „chaotisch“ wesentlich unterscheiden. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Darstellung der Spezifika sozialer Ordnungsstrukturen in beiden Fällen. Es wird zuerst darum gehen aufzuzeigen, dass der scheinbare Zerfall von Ordnungen, wie sie vielerorts in den letzten Jahrzehnten aufgetreten ist, keineswegs im Sinne von Kaplan eine Hinwendung zu Unordnung und „systemischer Entropie“ 4 war, sondern zur Entstehung neuer Ordnungsstrukturen geführt hat, die alternative Regulierungs- u. Reproduktionsformen hervorgebracht haben und hervorbringen mussten. Das Grundanliegen der Begriffsdiskussion um „alternative Ordnungen“ ist es anlehnend an William Reno5, von der Universalität des abendländischen Verständnisses von politischer Herrschaft abzugehen und soziale Entwicklungen in zahlreichen prekären Ordnungen dieser Welt als kontingent, kontextbezogen und keineswegs einlinig zu betrachten. An einer zentralen Stelle steht folglich der Begriff der „Ordnung“, konkreter: der sozialen Ordnung eines Gesellschaftssystems6. Ordnung kann negativ als die Abwesenheit von Kontingenz, Beliebigkeit und Anarchie, positiv als das Vorhandensein von handlungsregulierenden Strukturen gesehen werden, die zeitlich konstant, formal konsistent sind und über entsprechende Reproduktionsmuster verfügen. Ordnung und die sie konstituierenden Institutionen definieren sich mithin über „[…] Komplexe von Handlungs-Regeln, Handlungs- Normen oder generalisierten Verhaltenserwartungen […]“7. Anlehnend an jene einfache Definition von Ordnung sowie an die Begriffstriade von „zeitlicher Konstanz, formaler Struktur und Reproduktion“ soll eine Arbeitsdefinition von „sozialer Ordnung“8 aufgestellt werden, die für das Anliegen dieser Arbeit geeignet und auch genügend ist – in der dafür geeignetesten Form: nämlich der einer nominalistischen Definition. Schon auf dieser Ebene höchster Abstraktion wird deutlich, dass sich ideale von nicht-idealen Ordnungen unterscheiden können.

Darauffolgend soll die These vom „Rückfall in Anarchie und Chaos“ zurückgewiesen und wie oben schon erwähnt dargestellt werden, dass sich auch in konfliktiven oder kollabierenden Staaten und Sozialsystemen9 Ordnungen sui generis10 herausbilden, denen eine spezifische Rationalität inhärent ist11, die sich durch andere Strukturen einerseits, aber auch Reproduktionslogiken andererseits im Vergleich zu „funktionierenden Staaten“ im Sinne der Demokratien des Westens auszeichnen. Rationales Verhalten hört mit der Erosion von zentralem Gewaltmonopol und dem Auftreten von Gewalt keineswegs auf. Solcherlei Ordnungen bilden „funktionale Äquivalente“ aus, die für die Aufrechterhaltung von Strukturen und Regelkonstanz verantwortlich sind – diese herauszufinden ist ein weiteres zentrales Anliegen des folgenden Textes. Wie analysiert man konfliktive social orders? Wie verschieben sich die Beziehungen der Akteure zueinander? Welche Rolle nimmt das politische System ein? Wie organisiert sich die Koexistenz paralleler Machtzentren und Intermediäre12? Welche ökonomischen Reproduktionslogiken treten auf?

[...]


1 JACKSON, ROBERT H., Quasi-states: Sovereignty, International Relations, and the Third World. Cambridge: Cambridge University Press 1990, S. 22

2 ERDMANN, GERO, Neopatrimonialismus – Der Übergang zur Demokratie ist nicht gelungen, 2000, http://www.dse.de/zeitschr/ez1001-6.htm

3 Jene These des Rückfalls in vorzivilisierte Zustände wird prophetisch von Robert Kaplan vertreten, der in neomalthusianischer Sicht den Rückfall in Anarchie und Chaos aus Bevölkerungsexplosion und Hungersnöten ableitet und jedwede ökonomische Rationalität von Konflikten bestreitet. Vgl. KAPLAN, ROBERT D., The Coming Anarchy –How Scarcity, Crime, Overpopulation, Tribalism and Disease are Rapidly Destroying The Social Fabric of Our Planet, New York, 1994

4 KAPLAN (1994; 44 ff)

5 RENO, WILLIAM, Welthandel, Warlords und die Wiedererfindung des Afrikanischen Staates, Welttrends Nr. 14, 1997, S. 8-30, HTTP://WWW.BPB.DE/FILES/D64RWG.PDF

6 Gesellschaft bzw. gesellschaftliches System soll hier als Synonym zur Totalität von Ordnung gelten, als der Bezugspunkt unsere Betrachtungen. Der Gesellschaftsbegriff wird hier im „weiteren Sinne“ betrachtet, nicht im differenzierteren „engeren“ Sinne wie bspw. bei Ferdinand Tönnies, der Gesellschaften von Gemeinschaften qua entsprechender Differenzierungsmerkmale (Modernität vs. Tradition) unterscheidet.

7 FUCHS, DIETER, Soziale Integration und politische Institutionen in modernen Gesellschaften, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, FS III 99-203, http://skylla.wz-berlin.de/pdf/1999/iii99-203.pdf, S. 18

8 Der Begriff des „Sozialen“ bzw. der „Sozialen Ordnung“, der hier zur Anwendung kommt, rekurriert auf die Begriffsdefinition von Kirsti Stuvoy und bezeichnet das gesamte System im Sinne eines Konglomerats von politischen Strukturen, wirtschaftlichen Reproduktionsmustern und symbolischen Wertkontexten. Die Verwendung des Begriffs bezieht sich folglich nicht auf engere oder speziellere Definitionen, die bspw. eine Begriffsidentität von „Sozialem System“ und „Redistributionssphäre“ darstellen. Auch nicht im Sinne einer funktionalistischen Untergliederung (wie bei Talcott Parsons) in personales, soziales und kulturelles System. Vgl. STUVOY, KIRSTI, War Economies and the Social Order of Insurgencies. An Analysis of the Internal Structure of UNITA´s War Economy, Arbeitspapier Nr. 3/2002 der Forschungsstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung der Universität Hamburg

9 Zerfallende Staaten, schwache Staaten, kollabierende Staaten: Das Begriffsinventar zur Beschreibung ähnlicher Sachverhalte ist reichhaltig und in der entsprechenden Literatur in verschiedenen Ausprägungen zu finden. In der Tat existieren Systematiken, die weak states von failed states oder collapsed states anhand von diversen Indikatoren unterscheiden. Vgl. diesbezügl.: ROTBERG, ROBERT I., Failed States, Collapsed States, Weak States: Causes and Indicators, http://www.brook.edu/press/books/chapter_1/statefailureandstateweaknessinatimeofterror.pdf, 2003

10 KINGSTON, PAUL/ SPEARS, IAN S., States Within States Incipient Political Entities in the Post-Cold War Era, 2004

11 so z.B. DUFFIELD, MARK, Post-Modern Conflict: Warlords, Post-Adjustment States and Private Protection, in: Civil Wars, Bd.1, 1998, S. 67

12 Die Bezeichnung „Intermediäre“ bezieht sich auf meist parastaatliche Soziale Ordnungen, die neben dem Staatsapparat als solchem bestehen können, sich prototypisch als „insurgent social orders“ manifestieren und zumeist über die Herrschaft über bestimmte Territorin ein zum Staat „paralleles“ Gewaltmonopol anmelden. Solcherlei gestaltete Ordnungen kennzeichnen sich durch ein „[…]zerbrechliches Gefüge eher horizontal organisierter parastaatlicher und intermediärer Einrichtungen und Organisationen […]“ Vgl. TROTHA, TRUTZ VON, Die Zukunft liegt in Afrika. Vom Zerfall des Staates, von der Vorherrschaft der konzentrischen Ordnung und vom Aufstieg der Parastaatlichkeit, in: Leviathan, 28 Jg., 2000, S. 253- 279

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