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Autor: Angelika Janssen
Fach: Ethnologie / Volkskunde
Details
Institution/Hochschule: Universität Lüneburg (Fachbereich III: Angewandte Kulturwissenschaften)
Tags: Verstehen, Gesellschaften, Evans-Pritchard, Hexerei, Orakel, Magie, Zande, Peter, Winch, Sprache, Gesellschaft, Sprache, Sozialwissenschaften, Theorie, Verstehens
Jahr: 1997
Seiten: 17
Note: 1-
Literaturverzeichnis: ~ 10 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 154 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-37675-4
Textauszug (computergeneriert)
Universität Lüneburg
Fachbereich III: Angewandte Kulturwissenschaften
Fach: Sprache und Kommunikation
Seminar: Peter Winch über Sprache und Gesellschaft: Die Sprache der Sozialwissenschaften und die Theorie interkulturellen Verstehens
Das Verstehen fremder Gesellschaften:
Evans-Pritchard: „Hexerei, Orakel und Magie bei den Zande“
Angelika Janssen
Gliederung
1. Einleitung: Evans-Pritchards Hexerei, Orakel und Magie bei den Zande im Seminarkontext S. 1
2. Evans-Pritchards Hauptthesen über Hexerei: S. 2
2.1. Hexerei als körperliches und erbliches Phänomen S. 2
2.2. Hexerei erklärt unglückliche Ereignisse S. 4
2.3. Von einem Unglück Betroffene suchen unter ihren Feinden nach Hexern S. 7
3. Kritik an Evans-Pritchards Darstellung S. 9
3.1. Von Evans-Pritchard angeführte Probleme seiner Studie S. 10
3.2. Peter Winchs Kritik an Evans-Pritchards Ansatz S. 12
4. Resümee S. 14
5. Literaturverzeichnis S. 15
1. Einleitung
Der Ethnologe Edward Evan Evans-Pritchard promovierte 1927 mit einer Arbeit über die soziale Organisation der sudanesischen Zande. Eine gekürzte Version dieser Studie wurde erstmals 1937 unter dem Titel Hexerei, Orakel und Magie bei den Zande1 veröffentlicht und wurde für die Ethnologen des anschließenden Jahrzehnts ein Standardwerk, das auf die ethnologische Forschung der Nachkriegszeit von großem Einfluß war. In der Folgezeit beschäftigten sich zahlreiche Studien mit den Phänomenen Hexerei und Zauberei, wovon der überwiegende Teil sich den soziologischen Aspekten der Verbreitung magischer Praktiken in bestimmten Gesellschaften widmeten, während Evans-Pritchard einen darüber hinaus ins Religiöse und Metaphysiche gehenden Ansatz verfolgt, an den Peter Winch später in seiner Kritik an Evans- Pritchards Darstellung anknüpft.
Evans-Pritchard begnügte sich nicht mit dem Zusammentragen bereits verschriftlichter Beobachtungen (wie beispielsweise Frazer), sondern stützte seine Ausführungen auf eigene Feldforschung. Als Malinowski-Schüler bemühte er sich um größtmögliche Einfühlung und Einfügung in die fremde Kultur; die Schilderungen seiner beobachtenden Teilnahme offenbaren jedoch vielfach seine europäischen Rationalitätsmaßstäbe. Die Anwendung westlicher Kategorien - wie Vernunft und Wissenschaft - wirft die Frage nach der Verstehbarkeit fremder Denkweisen auf. Der europäische Maßstab verzerrt das, was abgebildet werden soll, in diesem Fall: die magischen Praktiken. Evans-Pritchard thematisiert das Problem durchaus und versucht, der sprachlichen Komponente des Problems im Anhang mit einem Glossar der im Zusammenhang mit magischen Praktiken bei den Zande auftretenden Bezeichnungen zu begegnen. Des Weiteren vertritt er die Auffassung, eine höchst detaillierte und exakte Beschreibung impliziere bereits theoretische Schlüsse.2 In der vorliegenden Arbeit werden die Hauptthesen, die Evans-Pritchard über Hexerei liefert, referiert und, wo es sinnvoll ist, mit Beispielen angereichert. Die vorliegende Arbeit möchte einen Eindruck über die mit magischen Praktiken verknüpften Vorstellungen der Zande vermitteln und Evans-Pritchards Darstellung derselben verkürzt widerspiegeln. Eine Zusammenfassung der Kritik, die Peter Winch an Evans-Pritchards Ansatz in seinem Aufsatz „Was heißt eine primitive Gesellschaft verstehen‘“3 übt, schließt an den Hauptteil an.
Dabei wird das Verhältnis der Sozialwissenschaften zur Philosophie, wie es Winch erörtert hat4, aufgegriffen.
2. Evans-Pritchards Hauptthesen über Hexerei
Evans-Pritchards Darstellung der Zandekultur bezieht sich nicht auf Mitglieder der Herrscherdynastie der Vongara, sondern auf die "Gemeinen", zu denen alle Nicht-Aristokraten gehören. Dabei war er von dem Bedürfnis geleitet, das festzuhalten, was er während seiner Feldforschungsaufenthalte 1926-29 als eine durch Kolonialisierungsmaßnahmen im Aussterben begriffene Lebensform ansah.
Hexerei, Orakel und Magie bilden bei den Zande ein kohärentes System, in dem Hexerei, Orakel und Magie so in Beziehung zueinander stehen, daß eine jede die anderen beiden erklärt und beweist.5 Daher wird man nicht Hexerei erklären können, ohne auf die Rolle der Orakel einzugehen. Die Vorstellung von Hexerei liefert den Zande Erklärungen für unglückliche Ereignisse und umfaßt auch ein System von Regeln, wie darauf zu reagieren ist. Es gibt keinen Lebensbereich in der Zande-Kultur, in dem Hexerei keine Rolle spielt oder nicht auftaucht: Im geistigen Leben bildet sie den Hintergrund für Orakel und Magie. Gesetze, Umgangsformen und Religion sind vom Glauben an Hexerei geprägt. Außerdem wird an den Einfluß von Hexerei auf alltägliche Tätigkeiten in den Bereichen Ackerbau, Viehzucht, Fischen und Jagen geglaubt. Um eine Anschauung von der Zande-Kultur zu geben und um den Rahmen dieses Referats nicht zu sprengen, beschränke ich mich auf die Darstellung der Hauptthesen, die Evans-Pritchard über Hexerei liefert.
2.1. Hexerei ist ein körperliches und erbliches Phänomen
Hexerei ist, Evans-Pritchards Beobachtungen zufolge, ein seelischer Vorgang, ein Hexer vollführt keinen Ritus, spricht keinen Spruch und benutzt keine Medizinen. Aus Furcht vor Hexerei werden Orakelbefragungen durchgeführt und Wahrsagerei betrieben wie auch Heilkunst und Handlungen der Geheimbünde der Abwehr von Hexerei ("Mangu") dienen sollen.
Wie viele andere Zentral- und Westafrikanische Völker glauben die Zande, daß Hexerkraft (witchcraft) eine Substanz in den Körpern der Hexer ist. Um das Vorhandensein von Hexerkraft in lebenden Menschen aufzudecken, werden die Orakel befragt. Bei Toten ergibt eine Obduktion Aufschluß über die Frage, ob jemand ein Hexer war. Evans-Pritchard beobachtete, daß es sich um den in einer bestimmten Verdauungsphase befindlichen Dünndarm handeln muß. Die Entscheidung über das Vorhandensein der Substanz fällen alte Männer angesichts der Art, wie die Eingeweide beim Öffnen der Bauchdecke (geschieht öffentlich am Grab) aus dem Bauch heraustreten
[...]
1 Dieser Ausarbeitung wurde folgende Ausgabe zugrunde gelegt, auf die sich die Seitenangaben der angefügten Zitate beziehen: Evans-Pritchard, Hexerei, Orakel und Magie bei den Zande, Frankfurt/M. 1978.
2 Evans-Pritchard, 1978, S.330f.
3 in: Wiggershaus, Rolf (Hg.): Sprachanalyse und Soziologie. Die sozialwissenschaftliche Relevanz von Wittgensteins Philosophie, Frankfurt/M. 1975, S. 59-102.
4 Winch, Peter: Die Idee der Sozialwissenschaft und ihr Verhältnis zur Philosophie, Frankfurt/M.1966.
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