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Asiens ökonomischer Erfolg im 21. Jahrhundert - Zufall oder historische Konsequenz? Entwicklungstheoretische Erklärungsansätze in Andre Gunder Franks 'ReOrient: Global Economy in the Asian Age'

Termpaper, 2005, 41 Pages
Author: Gero Birke
Subject: Politics - International Politics - General

Details

Category: Termpaper
Year: 2005
Pages: 41
Grade: 2,3
Bibliography: ~ 26  Entries
Language: German
Archive No.: V38898
ISBN (E-book): 978-3-638-37835-2
ISBN (Book): 978-3-638-67696-0
File size: 312 KB
Notes :
Entwicklungstheoretische Erklärungsansätze in Andre Gunder Franks "ReOrient: Global Economy in the Asian Age" (globalistische Perspektive) im Vergleich zu David S. Landes "Wohlstand und Armut der Nationen – Warum die einen reich und die anderen arm sind" (eurozentrische Perspektive)


Abstract

Wie lässt sich diese explosionsartige Entwicklung der vom IWF als advanced economies bezeichneten Staaten Ost- und Südostasiens und vor allem von dessen Großmacht China erklären? Mit der Frage, warum einige Länder wirtschaftlich äußerst erfolgreich sind, während andere nicht aus ihrer Armut herausfinden, beschäftigt sich die Wissenschaft schon seit Längerem. Mit der Jahrtausendwende und der Chance einer makrohistorischen Bilanzierung flammte die entwicklungs¬theoretische Diskussion erneut auf – es offenbarte sich eine Verlagerung des Mainstream. Zudem erkannte man, dass nicht allein rein ökonomische Faktoren über Erfolg und Misserfolg entscheiden, sondern ebenso länger andauernde innergesellschaftliche Transformationsprozesse von Bedeutung sind. Erfolgte die wissenschaftliche Betrachtungsweise der globalen Entwicklung in Gestalt der klassischen Weltsystemtheorie zuvor meist aus europäischem Blickwinkel, so mehrten sich die Stimmen, die diese eurozentrische Perspektive kritisierten und Alternativen vorbrachten. Warum eine externalistische Betrachtungs¬weise – wie sie die globalistische Perspektive darstellt – geeigneter erscheint die Frage nach dem derzeitigen ökonomischen Erfolg in Ost- und Südostasien zu erklären, soll exemplarisch anhand Andre Gunder Franks ReOrient: Global Economy in the Asian Age erläutert werden. Oder kommen Franks Gedanken über ein rein theoretisches Konstrukt nicht hinaus?


Excerpt (computer-generated)

INSTITUT FÜR SOZIALWISSENSCHAFTEN
TECHNISCHE UNIVERSITÄT BRAUNSCHWEIG
Hauptseminar: Paradoxien der neuen Weltordnung.
Über das Neue in der internationalen Politik.

Asiens ökonomischer Erfolg im 21. Jahrhundert – Zufall oder historische Konsequenz?
Entwicklungstheoretische Erklärungsansätze
in Andre Gunder Franks „ReOrient:
Global Economy in the Asian Age“

von: Gero Birke

 


1. Einleitung: Chinas Wirtschaftsboom – entwicklungstheoretisch erklärbar? 1

2. Warum die einen Staaten reich und die anderen arm sind – vier Erklärungsmodelle 2

2.1. Europas Entwicklung ist überlegen – die klassische eurozentrische Position 2
2.2. Europa hat sich ökonomisch durchgesetzt – die revisionistische eurozentrische Position 2
2.3. Asien, der tatsächliche Dominator des Weltsystems – die asienzentrierte Position 3
2.4. Es existiert ein einziges Weltsystem – die radikal-globalistische Position 4
2.5. Welche entwicklungstheoretische Position gibt Aufschluss über Chinas Erfolg? 5

3. ReOrient: Überarbeitung der Historie 7

3.1. David S. Landes: Wohlstand und Armut der Nationen 7

3.1.1. William McNeills Rezension von Wohlstand und Armut der Nationen 9

3.2. Andre Gunder Frank: ReOrient 10

3.2.1. Der Westen hat die Geschichte verfälscht 10
3.2.2. Warum eine globalistische Perspektive notwendig ist 11
3.2.3. Asien dominiert den weltweiten Handel bis um 1800 13
3.2.4. Asiens Überlegenheit zeigt sich in Produktivitäts- und Bevölkerungswachstum 15
3.2.5. Warum der Westen zwischenzeitlich überlegen war 17
3.2.6. Auf- und Abstieg im Weltsystem stehen stets im Zusammenhang 20

3.3. Europa gewinnt im 19. Jahrhundert an Überlegenheit 21
3.4. Mangelnde Belege und subjektive Beweisführung 23
3.5. Treffen Franks Schlüsse auf Ost- und Südostasien im 20. und 21. Jahrhundert zu? 26

4. Fazit: Chinas Entwicklung als logische Konsequenz der Historie 29

Quellenverzeichnis

Anhang


 

1. Einleitung: Chinas Wirtschaftsboom – entwicklungstheoretisch erklärbar?

China, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Die Wirtschaft in den ost- und südostasiatischen Staaten entwickelt sich rasant – durchschnittlich 7,2 Prozent Wirtschaftswachstum seit Mitte der 1980er Jahre (vgl. Tabelle 2: Wachstum der Weltwirtschaft 1984-2003. In: Hauchler, Messner, Nuscheler 2003: 122). 2004 stieg die chinesische Wirtschaft um sagenhafte 9 Prozent; die Prognosen für 2005 fallen ebenso großzügig aus (vgl. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,334168,00.html (Spiegel Online (23. Dezember 2004): China will 2005 Wirtschaftswachstum von 8,6 Prozent)).

Wie lässt sich diese explosionsartige Entwicklung der vom IWF als advanced economies bezeichneten Staaten Ost- und Südostasiens und vor allem von dessen Großmacht China erklären (siehe Diagramm 1: Regional GDP: 1970-2015)? Mit der Frage, warum einige Länder wirtschaftlich äußerst erfolgreich sind, während andere nicht aus ihrer Armut herausfinden, beschäftigt sich die Wissenschaft schon seit Längerem. Mit der Jahrtausendwende und der Chance einer makrohistorischen Bilanzierung flammte die entwicklungstheoretische Diskussion erneut auf – es offenbarte sich eine Verlagerung des Mainstream. Zudem erkannte man, dass nicht allein rein ökonomische Faktoren über Erfolg und Misserfolg entscheiden, sondern ebenso länger andauernde innergesellschaftliche Transformationsprozesse von Bedeutung sind (vgl. Menzel 2004: 69). Erfolgte die wissenschaftliche Betrachtungsweise der globalen Entwicklung in Gestalt der klassischen Weltsystemtheorie zuvor meist aus europäischem Blickwinkel, so mehrten sich die Stimmen, die diese eurozentrische Perspektive kritisierten und Alternativen vorbrachten.

Ziel einer jeden Weltsystemanalyse ist es anhand der historischen Fakten ein System zu erkennen wie man Wohlstand erzielt, um daraus eine Theorie abzuleiten, deren Raster auf zukünftige Entwicklungen anwendbar ist – in der Hoffnung den Königsweg zu Wohlstand zu finden. Zu welchen Ergebnissen man dabei gelangt, hängt vom jeweiligen Betrachtungswinkel ab. Um zu verstehen, warum die verschiedenen Perspektiven die Historie so unterschiedlich interpretieren und somit zu divergierenden Ergebnissen in ihrer Analyse gelangen, sollen die verschiedenen entwicklungstheoretischen Positionen grob skizziert werden. Im Anschluss daran ist es leichter nachvollziehbar, warum eine externalistische Betrachtungsweise – wie sie die globalistische Perspektive darstellt – geeigneter scheint die Frage nach dem derzeitigen ökonomischen Erfolg in Ost- und Südostasien zu erklären. Exemplarisch für die globalistische Position steht Andre Gunder Franks ReOrient: Global Economy in the Asian Age. Seine Position wird anhand dieses Werkes herausgestellt, kritisch betrachtet und schließlich werden seine Schlussfolgerungen anhand der aktuellen Gegebenheiten verifiziert. Oder kommen Franks Gedanken über ein rein theoretisches Konstrukt nicht hinaus?

2. Warum die einen Staaten reich und die anderen arm sind – vier Erklärungsmodelle

Bei Erklärungsversuchen für den Wohlstand der einen und die Armut oder sogar Unterentwicklung der anderen Staaten müssen Ursachen und Wirkungen gesucht werden. Diese Suche sollte sich jedoch mitnichten auf kurzfristige oder mittelfristige Phänomene beziehen, sondern einige Jahrhunderte in die Historie zurückblenden. Der strukturelle Wandel von Staat und Gesellschaft, Wissenschaft und Technik sowie die kulturelle und geistige Entwicklung fußen auf weit zurückliegenden Ereignissen. Diese tiefe Verwurzelung der heutigen Zustände in der Historie erklärt die Notwendigkeit einer makrohistorischen Analyse, die bis ins europäische und asiatische Mittelalter zurückreichen muss (und vielleicht sogar darüber hinaus) (vgl. Menzel 2004: 68f).

Es zeigt sich, dass man die historischen Entwicklungsprozesse durchaus unterschiedlich betrachten kann. Die Wissenschaftler, die diese Analyse entwicklungstheoretisch angegangen sind, lassen sich vier grundsätzlichen Positionen zuordnen, wovon zwei eurozentrisch, eine sinozentrisch beziehungsweise asianistisch und eine globalistisch sind.

2.1. Europas Entwicklung ist überlegen – die klassische eurozentrische Position

Zu den Vertretern der klassischen eurozentrischen Position lassen sich beispielsweise Eric Lionel Jones, David S. Landes, Michael Mann, Angus Maddison sowie John A. Hall zählen. All diesen Autoren ist gemein, dass sie Europa als allen anderen Weltregionen in jeglicher Hinsicht überlegen ansehen. Dies führen sie auf die politischen, sozialen und vor allem geistigen Prozesse zurück, die Europa erschüttert haben. Der Zeitpunkt des alle gesellschaftliche Dimensionen erfassenden Transformationsprozesses variiert von Autor zu Autor – einige sehen diesen bereits um das Jahr 1000, andere nennen die Renaissance (14. bis 16. Jahrhundert) oder die Reformation (16. Jahrhundert). Der aus dem Transformationsprozess entsprungene Entwicklungsschub stieg im Laufe der Jahrhunderte überproportional, sodass Europa, als es in direkten Kontakt mit den anderen Weltregionen kam, diese dominierte. Aus dieser These leitet sich der Anspruch ab, dass das europäische Modell in anderen Regionen der Welt teilweise adaptiert wurde beziehungsweise einfloss (vgl. Menzel 2004: 69f) – es sei dahingestellt ob auf friedlichem oder gewaltsamem Wege.

2.2. Europa hat sich ökonomisch durchgesetzt – die revisionistische eurozentrische Position

Einen etwas anderen Ansatz beziehungsweise eine andere Motivation sehen die Autoren der revisionistischen eurozentrischen Position hinter dem Aufstieg Westeuropas. Samir Amin oder der frühe Andre Gunder Frank, beides Anhänger der Wallerstein-Schule, machen den Kapitalismus1, der im 15. Jahrhundert in Europa entsteht, und die damit verbundenen ökonomischen Veränderungen wie das Betreiben von Fernhandel, die Etablierung einer internationalen Arbeitsteilung sowie die europäische Welteroberung für Europas Aufstreben verantwortlich; und nicht den gesellschaftlichen Transformationsprozess wie es die klassische eurozentrische Position macht. Es sind also nicht interne Faktoren, die den Aufschwung Europas begünstigen, sondern das von außen vorgegebene ökonomische Gerüst. Im Gegensatz zur klassischen eurozentrischen Position, die einer internalistischen Perspektive unterliegt, verbindet die revisionistische eurozentrische Position den Erfolg Europas mit dessen Kontakten in alle Weltregionen – diese externalistische Perspektive begreift Europa als Teil eines Weltsystems. Das Aufstreben Europas in Form von Kolonialismus und internationaler Arbeitsteilung hatte oftmals zur Folge, dass die kolonialisierten Regionen auf der Strecke blieben (vgl. Menzel 2004: 72f) und teilweise bis heute den daraus resultierenden Entwicklungsrückstand nicht wettgemacht haben oder gar in die Unterentwicklung abgerutscht sind.

Beiden eurozentrischen Positionen ist eins gemein: Der Blick auf das Weltgeschehen durch eine europäische Brille. Für beide Positionen sind die Jahre 1492, die Entdeckung Amerikas durch Columbus, und 1498, die Entdeckung des tatsächlichen Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama, von herausragender Bedeutung – die „ganze“ Welt war entdeckt. Die klassische Sichtweise stellt vor allem die positiven Aspekte der Welteroberung durch Europa heraus, wohingegen die revisionistische Perspektive eher die negativen Seiten hervorhebt (vgl. Menzel 2004: 73).

2.3. Asien, der tatsächliche Dominator des Weltsystems – die asienzentrierte Position

[...]


1 „[…] extensive commodity production, profit-seeking enterprises, wage labor, and a high level of technology [..]“ (Wallerstein 1993: 292f) bilden „Protokapitalismus”. Ohne diese Indikatoren kann man, so Immanuel Wallerstein, nicht von Kapitalismus sprechen, da sie die Vorraussetzung für die unaufhörliche Sammlung von Kapital bilden. Er vertritt die Ansicht, dass es vor dem 16. Jahrhundert kein System gegeben habe, dass diesen Anforderungen gerecht wurde, und somit bildet Europa das erste kapitalistische System (vgl. Wallerstein 1993: 293).


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