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Autor: Jens-Florian Groß
Fach: Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Details
Institution/Hochschule: Universität Lüneburg
Tags: Jacques, Tati, Moderne, Selbstbegründungsanspruch, Architektur, Jahrhunderts
Jahr: 2005
Seiten: 24
Note: sehr gut
Literaturverzeichnis: ~ 22 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 799 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-38056-0
ISBN (Buch): 978-3-638-65438-8
Filmarchitektur als Kritik der realen Architektur?
Zusammenfassung / Abstract
Mit nur fünf fertigen Filmen ging Jaques Tati (1908-1982) in die Geschichte ein. Häufig wurde ihm vorgeworfen ein Gegner der Moderne und auch der modernen Architektur zu sein. Für seinen Film Play Time ließ Tati eine ganze Stadt als Film Kulisse erbauen. Selten wurden Tatis filmische Beiträge zur Architektur gewürdigt, denn was für ein Gegner der Architektur ist dies, der für einen Film eine Stadt bauen lässt? Doch war Tati selbst ein Technikbegeisterter und oft Pionier. So naiv und unbeholfen seine Figur Monsieur Hulot erscheint, so detailgetreu und präzise ging Tati an seine Arbeit. Hoch bewusst war seine Auseinandersetzung mit der Architektur und dem Design seiner Zeit. Seine Filme begleiteten die Modernisierung der französischen Gesellschaft von den 40ern bis in die späten 70er. So könnten Tatis Überlegungen zur Lebensart als unmittelbarer Gegenentwurf zu Le Corbusiers 1943 veröffentlichten Charta von Athen und den Werken Mies van der Rohes2 gesehen werden. Der humoristischen Architektur-Kritik die Tati und sein Architekt Lagrange äußern will in diese Arbeit auf den Grund gehen
Textauszug (computergeneriert)
Les fenêtres qui louchent - Jacques Tati und die Moderne
von: Jens-Florian Groß
Fachsemester: 7
GLIEDERUNG
EINLEITUNG 4
LES FENÊTRES QUI LOUCHENT - MON ONCLE 5
LEBEN IN DER MODERNE - PLAY TIME 10
VERKEHRSFÜHRUNG UND CHAOS - TRAFFIC 15
LE CORBUSIER IM DIALOG MIT TATI 17
GEGNER ODER UNTERSTÜTZER DER ARCHITEKTUR? 21
LITERATUR 23
ABBILDUNGSVERZEICHNIS 25
EINLEITUNG
Mit nur fünf fertigen Filmen ging Jaques Tati (1908-1982) in die Geschichte ein. Häufig wurde ihm vorgeworfen ein Gegner der Moderne und auch der modernen Architektur zu sein. Für seinen Film Play Time ließ Tati eine ganze Stadt als Film Kulisse erbauen. Die Entwürfe stammten von Jacques Lagrange einem Maler, der später für einige Architekten arbeitet und gerüchtweise auch das Pariser Viertel „La Defense“ mit entwarf.1 Selten wurden Tatis filmische Beiträge zur Architektur gewürdigt, denn was für ein Gegner der Architektur ist dies, der für einen Film eine Stadt bauen lässt? Doch war Tati selbst ein Technikbegeisterter und oft Pionier. So naiv und unbeholfen seine Figur Monsieur Hulot erscheint, so detailgetreu und präzise ging Tati an seine Arbeit. Hoch bewusst war seine Auseinandersetzung mit der Architektur und dem Design seiner Zeit. Seine Filme begleiteten die Modernisierung der französischen Gesellschaft von den 40ern bis in die späten 70er. So könnten Tatis Überlegungen zur Lebensart als unmittelbarer Gegenentwurf zu Le Corbusiers 1943 veröffentlichten Charta von Athen und den Werken Mies van der Rohes2 gesehen werden. Doch stellt sich die Frage auf welche Lebensbereiche Tati zielt, sind es wirklich die Entwürfe der modernen Architektur oder vielmehr deren Gebrauch durch das aufstrebende Kleinbürgertum? Tati stellt die Frage der Bewohn- und Benutzbarkeit ins Zentrum seiner Filme. Das moderne Subjekt mag sich in der Villa der Arpels wohlfühlen, doch Tati bevölkert sie mit neureichen Kleinbürgern. Und eben deren Art der Benutzung amüsiert und stößt Tati:
Sieht man sich die Villa von Monsieur Arpel an, wird man sofort denken, ich sei gegen die Architektur der Moderne. Das ist falsch. Denn die Villa ist eigentlich nur das Symbol für das Verhalten von Monsieur Arpel in dieser Villa. Wenn Sie von einem jungen Paar bewohnt wäre, [...] glaube ich nicht, daß sie auf die Idee verfallen wären, eine S-förmige Allee anzulegen und eine Wasserfontäne zu installieren, die beim Eintreffen der Gäste geöffnet wird. Ich glaube sie hätten eine einfache Rasenfläche angelegt, die sehr gut zur Villa gepasst hätte.3 Die Verunsicherung der Menschen durch die Moderne ist das Thema. Damit gerät jedoch auch die Architektur in sein Blickfeld. Wie ernst er diese nahm beweisen nicht nur seine imposanten Kulissen, sondern auch die Funktion die er ihr in seinen Filmen gibt. Oft spielen zwei Charaktere die Hauptrolle: der von Jacques Tati selbst verkörperte Monsieur Hulot und die Architektur. Der humoristischen Architektur-Kritik die Tati und sein Architekt Lagrange äußern will ich4 in dieser Arbeit auf den Grund gehen.
LES FENETRES QUI LOUCHENT - MON ONCLE
Es ist eine Mauer – eher noch ein Mauerrest – der die Lebenswelten in Jaques Tatis, Oscar prämierten, Film Mon Oncle (1958) trennt. Auf der einen Seite das „alte Paris“5: hier wohnt Monsieur Hulot, der schlecht gekleidete, stets freundliche Junggeselle, auf der anderen Seite der Mauer beginnt das neue Paris: ein Neubaugebiet mit einigen Hochhäusern, das wenig weiter in eine Einfamilienvillengegend ausfließt. In einer dieser Villen wohnt Monsieur Arpel mit seiner Gattin (Hulots Schwester) und seinem Sohn Gérad. Diese Mauer wird immer wieder in den Film zwischengeschnitten, Hulot übersteigt sie um zu seiner Schwester zu gelangen. In einigen Einstellungen sehen wir neben der Mauer einen Betonmischer, der am neuen Paris weiter baut, in anderen sehen wir, wie Arbeiter weitere Teile des alten Paris abbrechen.
Vor dem Eingang der Villa befinden sich drei Fußmatten: für jedes Familienmitglied eine. Es steht sogar ein einzelner Baum auf dem Gelände, er trennt die Einfahrt zur Garage vom Garten ab. Im alten Paris hingegen stehen viele Bäume, hier sind die Menschen draußen, sie reden, spielen Billard, kaufen auf dem Markt ein. Wenn sich in der Villa Arpel Besuch ankündigt, dann beginnt ein seltsames Ritual: die Hausherrin drückt zuerst auf den Knopf, der die Fontäne des Springbrunnens aktiviert, dann auf den Schalter, der das Eingangstor öffnet. Verlässt der Besuch das Gelände, so werden die Knöpfe in umgekehrter Reihenfolge gedrückt. Das Ritual findet allerdings nur für Besucher statt, für Lieferanten oder Verwandte bleibt die Fontäne aus. Dies ist nicht nur affektiert und zeugt gleichzeitig von neureichem Gehabe, wie von kleinbürgerlichem Sparen, sondern auch praktisch, erkennt doch der Hausherr an der Fontäne schon von weitem, dass Besuch im Haus ist und er seine Krawatte richten muss. Besonderer Spott trifft bei Tati die modernen Möbel, die Villa Arpel ist ausgestattet mit unbequemen aber hochmodernen Objekten.
„Da findet sich das Sofa aus zwei harten Rollen, eine zum Sitzen, eine zum Anlehnen, mit viel Raum zum Durchrutschen.“6 Besuchern gegenüber wird stets betont wie modern doch alles sei! Ein Typ Stuhl taucht im Film doppelt auf, es sind Drahtstühle, die von der Form her an Eisbecher erinnern, zwei Kegel, an den Spitzen zusammengefügt. Jeder Benutzer hängt wie ein Tier im Fangnetz, wenn er sich dort hineinsetzt. Die Arpels verwenden diese Stühle zum Fernsehen, in der Firma des Monsieur Arpel, „Plastac“, stehen sie beim Firmenchef: der Chef thront hinter seinem Schreibtisch, seine Gegenüber wirken, durch die Stühle gezwungen, klein und albern. In einer späteren Szene möchte Hulot auf dem Sofa der Arpels schlafen, dies gelingt ihm aber erst nachdem er das Sofa auf die Seite gekippt hat, jetzt passt das moderne Möbel für diesen großen Mann. In der Zerteilung des Menschen treffen sich Tati und Le Corbusier: Das Wohnen in den alten Pariser Wohnblocks zergliedert den Menschen. In Mon Oncle steigt die Figur des Monsieur Hulot die Treppen zur Dachwohnung hinauf und taucht dabei an unterschiedlichen Stellen immer wieder auf.
[Alle Abbildung in der Downloaddatei vorhanden]
[...]
1 Dieser Hinweis taucht an verschiedenen Stellen auf. Beispielhaft: Mayrhofer, Nina: Leben in Tativille. taz Magazin, 02.11.02 . Laut dem französischen Artikel „La ville et l’architecture en Tatirama“, erschienen am 29. Juni 2002 auf http://www.aroots.org/notebook/breve97.html, arbeitet Lagrange an der Verwirklichung der Université de Jussieu und dem Gare Montparnasse mit. Lagrange war verheiratet mit der Nichte von Auguste Perret.
2 Beispielhaft steht hier das Seagram Building in New York von 1958 welches ebenfalls Modell für die Kulissen von Tatis Play Time stand.
3 Zitiert nach Nabakowsi, Gislind: Bildtheoretische Betrachtungen zu einer Kunstfigur. Jaques Tatis Lifestyle-, Urbanismus- und Designkritik der 50/ 60/ 70er Jahre. Lüneburg 1995. S.171.
4 Vom architektonischen Standpunkt aus ist die Annäherung, wie leider auch die meiste Literatur zum Thema, laienhaft.
5 Das so alt gar nicht ist, sondern aus heruntergekommenen Häusern der Jahrhundertwende besteht.
6 Bernau, Nikolaus: Die Kritik des Lebens an der Utopie. In Berliner Zeitung. 16.4.2004.
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