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Erving Goffman - "Interaction order"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 31 Pages
Author: Markus Mikikis
Subject: Sociology - Classics, Basics and Theoretical Directions

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 31
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 4  Entries
Language: German
Archive No.: V39267
ISBN (E-book): 978-3-638-38084-3
ISBN (Book): 978-3-638-65488-3
File size: 191 KB
Notes :
-


Abstract

Erving Goffman gehört heute zu den populärsten und meist gelesenen Soziologen unserer Zeit. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, und mehrfach mit Preisen ausgezeichnet (vgl. Hettlage/Lenz 1991:25). Goffmans Interesse galt nicht dem Entwurf einer umfassenden makrosoziologischen Theorie, sondern vielmehr dem kleinräumigen Bereich der face-to-face-Interaktion, und somit dem Mikrokosmos (vgl. Hettlage/Lenz 1991:8-9). Nicht zuletzt ging es ihm um die Etablierung des Themas face-to-face-Interaktion als einen eigenständigen Forschungsgegenstand. Dennoch wird Goffman aus der Perspektive des soziologischen Wissenschaftsbetriebs auch heute noch häufig als Außenseiter wahrgenommen, dessen gesamtes Forschungsprogramm und einzelnen Konzepte als kaum einheitlich und perspektivenreich betrachtet werden, und der den Zugang zu den Makro-Perspektiven seines Faches nie gefunden habe (vgl. Hettlage/Lenz 1991:9). Neben der Darstellung seines Forschungsprogramms möchte ich untersuchen, ob diese Einschätzung zutreffend ist, oder sein Beitrag für die Entwicklung der Soziologie unterschätzt wird, was auf zahlreiche merkwürdige Details und Beispiele in seinen Werken, eines „zu guten Stils“ (Hettlage/Lenz 1991:9), stark variierenden Begriffsverwendungen und der Person Goffman an sich zurück zu führen sein könnte. Zunächst werde ich die grundlegenden Lebensdaten Goffmans darstellen. Dann möchte ich einen ersten Einblick in Goffmans Forschungsprogramm ermöglichen, indem ich eine Übersicht über die wesentlichen Inhalte erstelle. Eine Beschreibung seiner wissenschaftlichen Vorgehensweise wird nützlich sein, um die erwähnten Details und Beispiele, im Rahmen der Untersuchung von face-to-face-Interaktionen, als zweckgerichtet zu verstehen. Anschließend werde ich das erste veröffentlichte Buch Goffmans, „The Presentation of Self in Everyday Life“ (dt.: Wir alle spielen Theater, 1969), vorstellen, um ein erstes Verständnis seines Werkes und der darin enthaltenen Vorstellungen und Begrifflichkeiten zu ermöglichen. Darauf folgt eine weniger ausführliche Darstellung seiner Bücher „Interaction Ritual“ (dt.: Interaktionsrituale, 1986) und „Frame Analysis“ (1974; dt.: Rahmen – Analyse, 1977), die mir in Bezug auf Goffmans Gesamtwerk, neben „Wir alle spielen Theater“, den repräsentativsten Eindruck vermittelt haben. Schließlich möchte ich versuchen einen Bezug zwischen diesen Büchern aufzuzeigen.


Excerpt (computer-generated)

RWTH Aachen, Institut für Soziologie
Hauptseminar: Soziologische Theorien. Einführung in die Geschichte der
Soziologie und Vorstellung der maßgeblichen Theoretiker

Erving Goffman - "Interaction order"

von: Markus Mikikis

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung  3

2. Biographie  5

3. Goffmans Forschungsprogramm

3.1 Forschungsprogramm der „interaction order“  7
3.2 Vorgehensweisen 11

4. „Wir alle spielen Theater“

4.1 Theater-Analogie 13
4.2 Darsteller und Darstellungen 14

4.2.1 Das Ensemble 16
4.2.2 Ort und ortsbestimmtes Verhalten 17
4.2.3 Kommunikation außerhalb der Rolle 18

5. „Interaktionsrituale“

5.1 Einführung 20
5.2 „Techniken der Imagepflege“  21
5.3 „Über Ehrerbietung und Benehmen“  22
5.4 „Verlegenheit und soziale Organisation“  24

6. „Rahmen-Analyse“

6.1 Goffmans Hauptwerk 26
6.2 Primäre Rahmen 27
6.3 Modulationen (Keying) und Täuschungen  28

7. Fazit 30

8. Literaturverzeichnis 32


 

1. Einleitung

Erving Goffman gehört heute zu den populärsten und meist gelesenen Soziologen unserer Zeit. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, und mehrfach mit Preisen ausgezeichnet (vgl. Hettlage/Lenz 1991:25). Goffmans Interesse galt nicht dem Entwurf einer umfassenden makrosoziologischen Theorie, sondern vielmehr dem kleinräumigen Bereich der face-to-face-Interaktion, und somit dem Mikrokosmos (vgl. Hettlage/Lenz 1991:8-9). Nicht zuletzt ging es ihm um die Etablierung des Themas face-to- face-Interaktion als einen eigenständigen Forschungsgegenstand. Dennoch wird Goffman aus der Perspektive des soziologischen Wissenschaftsbetriebs auch heute noch häufig als Außenseiter wahrgenommen, dessen gesamtes Forschungsprogramm und einzelnen Konzepte als kaum einheitlich und perspektivenreich betrachtet werden, und der den Zugang zu den Makro-Perspektiven seines Faches nie gefunden habe (vgl. Hettlage/Lenz 1991:9).

Neben der Darstellung seines Forschungsprogramms möchte ich untersuchen, ob diese Einschätzung zutreffend ist, oder sein Beitrag für die Entwicklung der Soziologie unterschätzt wird, was auf zahlreiche merkwürdige Details und Beispiele in seinen Werken, eines „zu guten Stils“ (Hettlage/Lenz 1991:9), stark variierenden Begriffsverwendungen und der Person Goffman an sich zurück zu führen sein könnte. Zunächst werde ich die grundlegenden Lebensdaten Goffmans darstellen. Dann möchte ich einen ersten Einblick in Goffmans Forschungsprogramm ermöglichen, indem ich eine Übersicht über die wesentlichen Inhalte erstelle. Eine Beschreibung seiner wissenschaftlichen Vorgehensweise wird nützlich sein, um die erwähnten Details und Beispiele, im Rahmen der Untersuchung von face-to- face-Interaktionen, als zweckgerichtet zu verstehen. Anschließend werde ich das erste veröffentlichte Buch Goffmans, „The Presentation of Self in Everyday Life“ (dt.: Wir alle spielen Theater, 1969), vorstellen, um ein erstes Verständnis seines Werkes und der darin enthaltenen Vorstellungen und Begrifflichkeiten zu ermöglichen. Darauf folgt eine weniger ausführliche Darstellung seiner Bücher „Interaction Ritual“ (dt.: Interaktionsrituale, 1986) und „Frame Analysis“ (1974; dt.: Rahmen – Analyse, 1977), die mir in Bezug auf Goffmans Gesamtwerk, neben „Wir alle spielen Theater“, den repräsentativsten Eindruck vermittelt haben. Schließlich möchte ich versuchen einen Bezug zwischen diesen Büchern aufzuzeigen. Ziel dieses Aufsatzes ist es, dem Leser einen Zugang in die face-to- face-Interaktion, wie Goffman sie verstand und untersuchte, durch die Darstellung eines seiner wesentlichen Konzepte, das der „interaction order“, zu ermöglichen.

2. Biographie

Erving Goffman wurde als Sohn einer jüdischen Familie im Jahre 1922 in der kanadischen Kleinstadt Manville geboren. Er studierte Soziologie an der Universität von Toronto bei Ray Birdwhistell, wo er 1945 sein Studium mit einem Bachelor of Arts abschloss. Anschließend wechselte Goffman an die Universität von Chicago, die er 1949 mit einem Master of Arts verließ. Zu dieser Zeit galt die Universität von Chicago als eine der Hochburgen der Soziologie. In der Zeit zwischen 1949 und 1951 arbeitete Goffman als Instruktor am ‚Department of Social Anthropology‘ an der Universität von Edinburgh in Schottland. Im Auftrag der Universität führte er 1949/1950 Feldstudien auf den Shetland- Inseln durch. 1 Sein erster Aufsatz „Symbols of class status“, der auf einen Vortrag zurück geht, den Goffman drei Jahre zuvor an der Universität von Chicago gehalten hatte, publizierte er 1951 in der britischen Zeitschrift ‚British Journal of Sociology‘. Nachdem er einige Jahre in Großbritannien tätig war, kehrte er nach Chicago zurück, um dort zu promovieren. Im Jahre 1953 veröffentlichte Goffman seine Arbeit „Communication Conduct in an Island Community“, die auf seinen Forschungen auf den Shetland-Inseln basiert. Die Ergebnisse dieser Forschungen verwendete er zudem im Rahmen seiner Dissertation, „um neu gewonnene Konzepte zu illustrieren, die mithelfen sollen, soziale Phänomene besser zu verstehen“ (Hettlage/Lenz 1991:10). In seiner Dissertation tauchte erstmals der Begriff „interaction order“ (~Ordnung/ Regelstrukturen der Interaktio n) auf, und enthält bereits wesentliche Ideen und Konzepte seines späteren Forschungsprogramms. Für diese Arbeit erhielt er den Doktor der Philosophie (vgl. Hettlage/Lenz 1991:10).

Im Jahre 1959 publizierte er sein erstes Buch „The Presentation of Self in Everyday Life“ (dt.: Wir alle spielen Theater, 1969), das 1956 in einer Monographie der Universität von Chicago in kürzerer und überarbeiteter Fassung erschien. Ab 1954 war Goffman als ‚visiting scientist‘ am Laboratory National Institute of Mental Health (NIMH) in Bethesda im Bundesstaat Maryland tätig (vgl. Hettlage/Lenz 1991:11). Dort verfasste er die drei Aufsätze „Embarrassment and social organization“ (dt.: Verlegenheit und soziale Organisation), „The nature of deference and demeanor“ (dt.: Über Ehrerbietung und Benehmen) und „Alienation from interaction“ (dt.: Entfremdung in der Interaktion), welche später in der Buchpublikation „Interaction Ritual“ (dt.: Interaktionsrituale, 1986) abgedruckt wurden. In diese Zeit fallen auch seine ‚Klinik- Studien’, durch die er auf grundlegende Fragen der Psychiatrie Bereits zwei Jahre später verließ Goffman das NIHM, um am ‚Center for the Integration of Social Science Theory’ in Berkeley (Universität von Kalifornien) mitzuwirken. Dort war er zunächst als ‚Assistant Professor’ beschäftigt, bis im Jahre 1962 seine Tätigkeit auf die eines ‚Full Professors’ erweitert wurde. Während seiner Zeit in Berkeley verfasste er seine Bücher „Encounter“ (1961, dt.: Interaktion, 1973), „Stigma“ (1963, dt.: Stigma 1967) und „Behavior in Public Places“ (1963, dt.: Das Verhalten in öffentlichen Situationen, 1971). Goffman avancierte, als Folge der Veröffentlichung seiner Bücher, für die Studenten der Universität von Kalifornien zu einer Kultfigur, die in ihm die „Verkörperung des Nonkonformismus“ (Hettlage/Lenz 1991:12) zu erkennen glaubten (vgl. Hettlage/Lenz 1991:12). Kurze Zeit später verließ er Berkeley, vielleicht nicht zuletzt aufgrund seiner dortigen Popularität, und nahm 1969 die Benjamin Franklin Professur an der Universität von Pennsylvania in Philadelphia an, die im Gegensatz zu der Universität von Kalifornien, zu dieser Zeit als eine eher traditionell orientierte Universität gekennzeichnet werden konnte. Hier fand er wesentlich günstigere Bedingungen für die Ausarbeitung seines Forschungsprogramms vor, auch wenn er bei seinen Kollegen, die sich vorwiegend mit makrosoziologischen Konzepten und Perspektiven beschäftigten, zunächst auf Ablehnung stieß. Seine umfangreichsten Arbeiten, „Relations in Public“ (1971; dt.: Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung, 1974) und „Frame Analysis“ (1974; dt.: Rahmen – Analyse, 1977), das Hauptwerk Goffmans, verfasste er während seiner Tätigkeit an der ‚University of Pennsylvania’. Sein Buch „Rahmen-Analyse“ weist zahlreiche Parallelen zu früheren Arbeiten auf, und bedeutete eine Fortentwicklung seines Forschungsprogramms. Anfang der 70er Jahre widmete Goffman sich dem Thema des Geschlechterverhältnisses und befasste sich zu diesem Zweck intensiv mit der Analyse von Gesprächen. Aus diesen Studien ging sein Buch „Gender Advertisements“ (1979; dt.: Geschlecht und Werbung, 1981) hervor (vgl. Hettlage/Lenz 1991:14).

In einer polemischen Kritik von Denzin und Keller im Jahre 1981, wird Goffman als Strukturalist klassifiziert, dem Vorwurf ausgesetzt, sich nur mit Randphänomenen der sozialen Wirklichkeit zu beschäftigen, und aus der James-Mead-Cooley-Tradition ausgeschlossen. Hierauf verfaßte er eine Erwiderung, die eine (einmalige) Abweichung von seinem Grundsatz, sein eigenes Werk nicht zum Thema zu machen, bedeutete.

[...]


1 Studie auf einer der Shetland-Inseln erstreckte sich über ein Jahr. Die Mehrzahl der Be wohner der entsprechenden Insel waren Kleinbauer, dessen soziales Leben Goffman studierte (vgl. Hettlage/Lenz 1991:51). aufmerksam wurde, die in seiner zentralen Thematik Niederschlag fanden (vgl. Hettlage/Lenz 1991:11-12).


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