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Autor: Heinrich Deisl
Fach: Medien / Kommunikation - Mediengeschichte
Details
Tags: Film/ Filmtheorie/ Ästhetik/ Konstruktivismus/ Kommunikation
Jahr: 2001
Seiten: 116
Note: 2
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 322 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-12462-1
Untersucht wird das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine in der Zwischenkriegszeit aus ästhetischer/ kommunikativer/ soziopolitischer Perspektive. Film wird als Projektionsfläche für kollektive Dispositionen (S. Kracauer) verstanden, die den Körper aus der manuellen Vorzeit in die industrialisierte Jetztzeit überträgt. Künstlerische Artikulationen reflektieren verstärkt auf technische Erweiterung des menschlichen Körpers. Es wurde ein expressionistischer Spielfilm und eine konstruktivistische Doku gewählt, die historische/ kommunikative Grundlagen für Populärkultur bilden. Die Rezeption spiegelt sich in Bereichen wie Disco- und Installationsmusik, (avantgardistische) Filmmontage, Sozialreportage, DJ- und VJ-Culture u.a.
Textauszug (computergeneriert)
Die Mensch-Maschine
Technikkonzepte in der Zwischenkriegszeit
anhand von Metropolis und Enthusiasmus
DIPLOMARBEIT
zur Erlangung des Magistergrades der
Philosophie
an der Fakultät für
Human- und Sozialwissenschaften der Universität Wien
eingereicht von
HEINRICH DEISL
Wien, Dezember 2001
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... 4
Erkenntnisinteresse ... 7
I. ANSCHLÄGE AUF DAS ALTE SYSTEM ... 10
VERLUST DER SINGULÄREN AUTORITÄT ... 15
Einleitung ... 15
Massenhaftigkeit ... 17
Autorität contra Avantgarde? ... 18
Exkurs: Maschinen-Ästhetizismus heute ... 20
Anpassungsstrategien ... 23
"WEISSES RAUSCHEN" ... 25
II. REPRODUKTION ... 28
Amerikanismus ... 32
Mediale Realität und "Prothesengott" ... 35
Regressiver Anachronismus ... 37
BEWEGUNG ALS INDIKATOR FÜR MODERNE ... 41
Bewegung und Montage ... 43
SOZIOPOLITISCHE SITUATION DER WEIMARER REPUBLIK NACH 1918 ... 45
Deutschlands Weg zwischen Krise und Auflehnung ... 47
Geistiges Klima und Film: Caligarismus und Expressionismus ... 49
SOZIOPOLITISCHE SITUATION DER UdSSR NACH 1917 ... 53
Russische Filmproduktion ... 56
III. FILM ALS REVOLUTIONÄRE KULTURTECHNIK ... 58
Mit Kühltürmen, inszeniert als Punkte und Linien, zu einem neuen Bewusstsein ... 62
KONSTRUKTIVISMUS UND DOKUMENTATION ... 63
Russischer Maschinenkult: Dziga Vertov ... 66
Wolkenkratzermythos ... 69
IV. IN METROPOLIS ... 72
Chaos und Ordnung ... 73
Die architektonische Struktur ... 76
Die Oberstadt ... 77
Die Unterstadt ... 78
Die Herzmaschine ... 79
Der mystische Raum ... 81
Die Katakombenkirche ... 82
Hütte von Rotwang ... 82
Verortung von Metropolis und NS-Bau ... 84
Frau und Maschine ... 86
Folgerung ... 88
V. DOKUMENTATION UND KONSTRUKTION ... 89
"Produktionsobjekte" ... 89
Sozialreportage ... 90
Die industrielle Wirklichkeit ... 91
ENTHISUASMUS - DIE DONBAS-SINFONIE ... 94
Einleitung ... 94
Montage I: Perzeption ... 96
Montage II: Materialhaftigkeit ... 100
Optische Musik ... 105
Folgerung ... 107
Abspann ... 109
Verwendete und weiterführende Titel; Referenzen ... 112
Einleitung
Wie geht man mit Krisenerfahrungen um? Welches Kommunikationsdesign und welche Ästhetik haben Medien, wenn sie sich neu strukturieren oder massenhaft genutzt werden? Wie wirken sich Technisierung und Rationalisierung des Alltags auf die menschliche Wahrnehmung aus? Zu welchen soziokulturellen Resultaten führen künstlerische Artikulationen, die in derartigen Umfeldern entstehen? Wie interagieren sie? Welches Körperbewusstsein resultiert daraus? Inwieweit ist Film ein adäquates Transportmedium, um kollektiv vorhandene Geisteshaltungen abzubilden?
Diese allgemein gehaltenen Fragen waren Ausgangspunkte für Überlegungen, wie die "Maschine" und der "Mensch" zusammengedacht werden können. Auf unterschiedlichen Plateaus zwischen Abstrakt und Konkret angesiedelt, soll der Versuch unternommen werden, Konzepte aufzuzeigen, wie in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg die "Maschine" Einzug hielt in die künstlerischen Artikulationen des Films.
Die Zwischenkriegszeit ist eine Zeit der großen Umbrüche, in denen die unterschiedlichen sozialen, ideologischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die folgenden Jahrzehnte angedacht wurden. In diese Periode fällt auch die Etablierung der Medien als Massenmedien: Mit Radio, Grammofon, Kino, den ersten Ansätzen von Fernsehen, von Werbe- und Gebrauchsgrafik werden Situationen geschaffen, die mit den traditionellen Informationsflüssen brechen, demokratische und demokratie-bewusstseinsbildende Identitäten schaffen und gleichzeitig neue Hierarchien strukturieren. Produktion und Distribution verlagern sich von den bürgerlichen in populäre/ proletarische Kreise. Es ist der Beginn einer sich neu formierenden Kultur, in der Massenhaftigkeit, Reproduktion, Bedürfniserweckung und -befriedigung, Rationalisierung und Zweckgebundenheit wertbestimmend werden.
Die Maschine als abstrakte und konkrete Lebenserfahrung ist Teil der künstlerischen und alltäglichen Verarbeitung und des mythischen Umgangs mit Technologie. Die Maschine ist nicht nur Katharsis, sondern auch "Prothesengott" und allmächtiger Prometheus. Sie verlängert den menschlichen Körper, ist Hilfe und Fluch zugleich. Der menschliche Körper und seine Fähigkeiten und Funktionen werden in dieser Zeitperiode massiv in Frage gestellt: Teils aufgrund eines eklatanten Skeptizismus in die eigenen Fähigkeiten aufgrund des Kriegs oder des Verlustes von Bezugspunkten. Teils, um aktuellen Strömungen Referenz zu zollen, die sich mit dem heraufziehenden Maschinenzeitalter auseinandersetzen. Technisierung und Medialität überlagern sich phasenweise. Sie haben dieselben Abbildungsvektoren, lässt sich doch aus Beidem ein "funktionaler Kommunikationszusammenhang, der Status als sozial verbindliche Realitätskonstruktion und die angestrebte Elimination des subjektiven Faktors" ableiten.
Für die vorliegende Arbeit wird davon ausgegangen, dass die Industrielle Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts die Grundvoraussetzung für die hier behandelte Thematik liefert. Die soziopolitischen, kulturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen zwischen dem Anfang des 20. Jahrhunderts und dem Beginn des 2. Weltkriegs koordinieren ein Kommunikations-Setting, in dem die "Maschine" als künstlerische Artikulation zum Tragen kommt. Weiters wird davon ausgegangen, dass der Erste Weltkrieg jene Zäsur darstellt, in der die verschiedenen Dispositionen kulminierten und eine starke künstlerische Beschäftigung mit dem Thema Maschine zeitigten.
Es ist eine signifikante Änderung oder Verschiebung in der audiovisuellen Rezeption festzustellen: Die auditiven Codes werden nun visuell decodiert und umgekehrt. Es stehen sich konkurrierende Technik- und Körpermodelle gegenüber, von denen hauptsächlich auf diejenigen eingegangen wird, die sich um eine Verbindung zwischen Maschine und Mensch beziehungsweise um eine Ästhetisierung der Maschine bemühen.
Diese Ästhetisierung im Sinne der Kunstrezeption und -produktion verweist auf Definitionskontexte, die Resultate der Zeitumstände sind und nicht auf allgemein Gültiges reduziert werden können, da sie sich als eine beliebige, gesellschaftlich determinierte Zuschreibungspraxis verstehen. Es handelt sich hierbei um "materialisierte Kommunikationszusammenhänge" , die sich wechselseitig bedingen und Aufschluss geben können über die subkutan vorhandenen Auseinandersetzungen mit der umgebenden Materie.
Dazu wurden zwei Filme ausgewählt, die auf ihren Gehalt von Prägnanz, der Abbildung zeitgeistiger Strömungen, der maschinellen Durchdringung und einer Operationalisierbarkeit hin zu Implikationen der Populärkultur in Film und Musik untersucht werden. Diese Filme werden aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet:
- Soziopolitischer Abriss der Weimarer Republik und der UdSSR
- Die kulturellen und phänomenologischen Rahmenbedingungen zwischen "Technik-Euphorie" und "Anachronismus"
- Film als Medium zwischen eskapistischen und propagandistischen Tendenzen und als (selbst-)reflexives Ausdrucksmittel für zeitgeistiges Gedankengut
- Rezeptionsgeschichte
Es handelt sich um folgende zwei Filme:
- Metropolis von Fritz Lang (Deutsches Reich; 1927) und
- Sinfonija donbassa (Enthusiasmus - Die Donbas Sinfonie) von Dziga Vertov (UdSSR; 1931).
Bewusst wurden zwei unterschiedliche Kategorien gewählt: Einmal ein Spielfilm, einmal ein Dokumentarfilm. Dadurch ist gewährleistet, ein breiteres Aktionsspektrum anzusprechen als nur durch zum Beispiel Spielfilme. Man mag einwenden: Das Eine ist ein expressionistischer Spielfilm mit futuristischen Tendenzen, das Andere eine revolutionäre Dokumentation. In beiden wird der Maschine aber ein bestimmter Typus eingeräumt, ihr bestimmte Funktionen zugeordnet. Die Maschine tritt nicht nur als Vehikel auf, als mehr oder weniger abstrakter Projektionsort, sondern ist konstituierend für die besprochene Zeitperiode. Diese Implikationen gilt es transparent zu machen.
Siegfried Kracauer postuliert, dass Film eine Kollektivleistung sei und dadurch wie ein Seismograf Aufschluss über die "Kollektivdispositionen einer Nation" geben könne. Dieser Forderung wird entsprochen: So findet sich in dieser Arbeit ein soziopolitischer und kultureller Abriss über die Deutschland und die Sowjetunion.
- Metropolis ist ein Film, der unbestritten zu einem Klassiker des Weimarer Kinos wurde. Der Lauf der Geschichte mit der vermeintlichen Vorwegnahme faschistischer Repressionsästhetik konnte dem Film nichts anhaben; Im Gegenteil, wie seine lange Rezeptionsgeschichte bis heraus in aktuellste Populärkultur-Diskurse zeigt. Langs Visionen der totalitären Repression materialisieren sich in körpergeometrischen und baulichen Formen.
- Bei Enthusiasmus handelt es sich um ein nach strengen Regeln durchkomponiertes Werk, in dem viele seiner Überlegungen zur Montage und Dynamik einfließen. Vertov verwendete "kollidierende" Bildgestaltungen, die die konventionellen Blickrichtungen überrumpelten. Er transformierte den Alltag und die daraus abgeleiteten, populären Bildinhalte zu einer neuen audiovisuellen Wirklichkeitsdarstellung.
Es wurde auf eine inhaltliche Beschreibung der Filme Metropolis beziehungsweise Enthusiasmus verzichtet. Diese sind nachzulesen bei: Siegfried Kracauer (²1993; Original 1947): Von Caligari zu Hitler, S. 158-160/ 171-173 (noch immer eine der besten Darstellungen) beziehungsweise bei: Katharina Svejkovsky (1996): Dziga Wertow - Publizist und Poet des Dokumentarfilms, S. 102ff. Weiters wurden, des leichteren Verständnisses wegen, russische Titel und Namen ins Deutsche transkribiert.
Erkenntnisinteresse
Es scheint den konstanten Wunsch zu geben, die Fähigkeiten des Körpers zu verbessern. Heute, 2001, scheint mir die Umwelt mit Technik durchdrungen zu sein wie nie zuvor. Ein Leben ohne Computer? Unvorstellbar. Was unterscheidet die Losung: Für jeden Haushalt einen Volksempfänger von der: JedeR soll am Internet teilhaben? Die Zeitumstände und der technische Status Quo. Das heißt nicht, dass wir es heutzutage mit einer neuen Form eines Futurismus/ Konstruktivismus oder ähnlichem zu tun hätten. Dafür müssen erst die richtige Syntax und Vokabeln, kurz: ein neuer -Ismus, gefunden werden. Der Platz der Revolution ist nicht mehr die Fabrik sondern das Interface. Während sich auf der einen Seite des Spektrums die Industrielle Revolution verorten lässt, ist es auf der anderen die Informations(verarbeitungs)revolution, die ihren Widerhall im ubiquitären Einsatz multimedialer Realitätsdeskriptionen und -konstrukte findet. Dazwischen angesiedelt ist jenes technisch-mechanische Moment, um das es in diesem Text geht.
Auch heute stehen wir am Anfang einer neuen Kommunikations-Revolution. Ich behaupte, dass sich der Computer in der Ausschöpfung seiner Möglichkeiten in dem Stadium befindet, wo der Film am Anfang des 20. Jahrhunderts war. Experimentieren ist angesagt. Damals wie heute pendelt die Reflexion über das Zusammenspiel von Mensch und Maschine zwischen "euphorisch" und "skeptisch" und ist auf keinen endgültigen Nenner zu bringen. Während sich in der Zwischenkriegszeit derartige Implikationen in Film-Bildern manifestierten, sind es heutzutage die "vermenschlichten" oder "subjektivierten" Computer-Applikationen. Während sich die Zeitgenossen an konkreten Erfahrungen durch die Maschine begeisterten, ist Derartiges mittlerweile in den Cyberspace verlegt worden.
Durch den Computer ist die Rolle des Autors einmal mehr ins Wanken geraten. Einige der auditiv oder visuell arbeitenden Computer-Künstler ziehen sich bewusst hinter die Oberfläche zurück und lassen die Maschinen "sprechen". In den laufenden Diskussionen finden sich immer wieder die Verweise auf reduzierte, formalistische Gestaltung. Es sind die Operateure, die Autoren, die Producer die "Maschinisten", die die Maschine aus ihrer Objekthaftigkeit befreien.
Eine diesbezügliche Korrelation konnte im Rahmen dieser Arbeit nur andiskutiert werden; vielmehr ging es um die historische Durchdringung dieser Prozesse. Ich sehe die Relevanz der beiden für diesen Text ausgewählten Filme in deren Rezeption für aktuelle Diskurse in der Populärkultur, die sich ihrer mehr oder weniger stark angenommen und sie inkorporiert haben. Das geschah in so unterschiedlichen Artikulationen wie Sozialreportage, Disco- und Installationsmusik, Science Fiction, urbane Darstellungen von Repression im Film, avantgardistische Klangerweiterung und synergetische Bild-Ton-Montagen.
Da ich mich schon seit Längerem mit den audiovisuellen Interdependenzen zwischen künstlerischer Artikulation und Rezipienten beschäftige, war mein Forschungsinteresse dahingehend, eine historische Aufarbeitung dieser Thematik zu unternehmen. Das hat Auswirkungen auf die mittlerweile hauptsächlich digital generierten Diskurse der Populärkultur, in denen ich diverse Kontinuitätslinien zum "Mensch-Maschinen-Denken" der Zwischenkriegszeit sehe. Die vorliegende Arbeit ist der Versuch, einen Beitrag zum historisch und medial argumentierbaren Verständnis für die als metastrukturell verstandenen populärkulturellen Diskursführungen für Film (und auch Musik) zu liefern.
Für eine eventuelle Dissertation über die weiter oben angestellte Behauptung ist thematisch also schon vorgesorgt.
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