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Autor: Rebecca Blum
Fach: Germanistik - Linguistik
Details
Institution/Hochschule: Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Tags: Entstehung, Standardsprache, Hauptseminar
Jahr: 2004
Seiten: 24
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 15 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 290 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-38458-2
Textauszug (computergeneriert)
Die Entstehung der deutschen Standardsprache
von: Rebecca Blum
Inhalt
Einleitung 1
1 Die Entstehung der neuhochdeutschen Standardsprache unter Berücksichtigung dreier prominenter Forschungspositionen 2
1.1 Besch: Die Entstehung überregionaler Sprachformen im Deutschen 2
1.1.1 Vom Dialekt zum Schreibdialekt 2
1.1.2 Vom Schreibdialekt zur Schriftsprache 4
1.1.3 Von der Schriftsprache zur Standardsprache 8
1.2 Wiesinger: Die sprachsoziologische Situation des 17./18. und 19./20. Jahrhunderts im hochdeutschen und niederdeutschen Raum 9
1.2.1 17. und 18. Jahrhundert 9
1.2.2 19. und 20. Jahrhundert 12
1.3 Mattheier: Die Durchsetzung der Hochsprache im 19. Jahrhundert 14
1.3.1 Areallinguistische Aspekte des Durchsetzungsprozesses 14
1.3.2 Diastratische Aspekte des Durchsetzungsprozesses 16
2 Vergleich der Positionen und Problematisierung 18
Schluss 20
Literatur
Einleitung
Im Jahre 1584 schrieb Hermann Weinsberg, ein Chronist des Kölner Alltagslebens1: [...] die wort, so man spricht, lauten nit wie vormals. Itz ist Coln ein andere pronunciation und maneir zu reden, dann vor sesszig jaren, die litteren werden versetzt [...] oberlendische und nederlendische wort instat der alten colnischer sprachen [...] gebraucht (Das Buch Weinsberg 1897: 232f.).
Diese Aussage Weinsbergs über „die groisse verenderong in der schrift“ (Weinsberg 1897: 232) lässt sich eindeutig als Reaktion auf den Prozess der allmählichen Durchsetzung des Neuhochdeutschen, wie er in Köln und in ähnlicher Weise wahrscheinlich auch in vielen anderen deutschen Städten stattgefunden hat, verstehen. Der Entstehungsprozess der Standardvarietät, der zu Lebzeiten Weinsbergs noch lange nicht abgeschlossen war, und die Gründe, die diese Entwicklung auslösten beziehungsweise begünstigten, bilden das Thema der vorliegenden Hausarbeit. Anhand ausgewählter Texte von Werner Besch, Peter Wiesinger und Klaus Mattheier werden drei prominente, sich mit der Problematik beschäftigende Forschungspositionen erläutert. Die Aufsätze der drei Autoren setzen sowohl in zeitlicher und als auch in thematischer Hinsicht unterschiedliche Schwerpunkte. Obwohl die The matik, wie Weinsbergs Feststellung zeigt, bereits im 16. Jahrhundert aktuell war, liegt der Fokus der Arbeit vor allem auf dem 18. und 19. Jahrhundert, da sowohl Wiesinger als auch Mattheier primär diese Zeitspanne berücksichtigen. Inhaltlich betrachten die Autoren die Problematik der Herausbildung der Standardsprache aus unterschiedlichen Blinkwinkeln; teils werden sprachgeographische, teils sprachsoziologische Aspekte in den Vordergrund gestellt. Dies hat zur Folge, dass durch die Analyse der drei Forschungsansätze einerseits eine recht umfassende Darstellung der Thematik erreicht wird, andererseits jedoch ein unmittelbarer Vergleich der Positionen schwierig und in Teilen sogar unmöglich ist. Dennoch soll am Ende der Arbeit versucht werden, die Ansätze in Bezug zueinander zu setzen und etwaige Überschneidungen herauszuarbeiten, um zu einer kritischen und möglichst umfassenden Darstellung der Herausbildung der neuhochdeutschen Standardsprache mit besonderer Betonung des 18. und 19. Jahrhunderts zu gelangen.
1 Die Entstehung der neuhochdeutschen Standardsprache unter Berücksichtigung dreier prominenter Forschungspositionen
1.1 Besch: Die Entstehung überregionaler Sprachformen im Deutschen
Werner Besch erläutert in seinem Aufsatz „Dialekt, Schreibdialekt, Schriftsprache, Standardsprache. Exemplarische Skizze ihrer historischen Ausprägung im Deutschen“ die graduelle Entstehung überregionaler Schreib- und Sprachformen bis hin zur heutigen Standardsprache. Als Entwicklungsstufen innerhalb dieses Prozesses nennt er die Sprachformen Dialekt, Schreibdialekt und Schriftsprache, wobei diese einander nicht unmittelbar ablösten, sondern oftmals nebeneinander existierten und sich wechselseitig beeinflussten (vgl. Besch 1983: 961).
1.1.1 Vom Dialekt zum Schreibdialekt
Die Sprachform des Dialekts zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie während aller Entwicklungsstufen bis hin zur Standardsprache präsent war, jedoch zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit veränderter Funktion, Verbreitung und Form. Ihre Hauptkennzeichen sieht Besch in Mündlichkeit und territorialer Begrenztheit. Dialekte waren in der Frühzeit als ursprünglich germanische Stammessprachen die primäre Sprachform. Die Unterschiede zwischen ihnen waren teils so massiv, dass die Kommunikation zwischen Stämmen ohne Kontaktbereiche oftmals unmöglich war (vgl. Besch 1983: 963). Mit den Anfängen deutscher Schriftlichkeit im 8. Jahrhundert ergaben sich aufgrund dieser gravierenden Unterschiede zwischen den Sprachformen der einzelnen Regionen erhebliche Schwierigkeiten. Die Schreiber, in der Regel Geistliche, die christliche Texte aus dem Lateinischen in die Volkssprache übersetzen wollten, mussten sich auf einen Schreibort festlegen und ihre Adaptionen auf regional gesprochene Sprache stützen. Die schriftliche Fixierung der Dialekte, bei der das lateinische Alphabet verwendet wurde, erreichte jedoch, wie dies bei Verschriftlichung von mündlicher Sprache in der Regel der Fall ist, keine genaue Übereinstimmung zwischen Laut und Zeichen. Daher waren die entstehenden Texte keine Spiegelungen des real existierenden Dialekts ihrer Region. Derartige Ausprägungen deutscher Schriftlichkeit in der Zeit vom 8. bis zum 15. Jahrhundert fasst Besch unter den Terminus „Schreibdialekt“, ein Begriff, der verdeutlicht, dass diese Sprachform als eine Art Vermischung von primär mündlichem Dialekt und Verschriftlichung gesehen werden kann. Kennzeichen der Sprachstufe des Schreibdialekts waren eine mittlere regionale Reichweite und ein mittlerer Grad der Kodifizierung der sprachlichen Norm (vgl. Besch 1983: 969). Im Laufe der Zeit enstanden zahlreiche Schreiborttraditionen, die sich durch Textaustausch, -abschrift und Mobilität der Schreiber gegenseitig beeinflussten. Es gibt daher bereits aus althochdeutscher Zeit Quellen, die als Mischprodukte verschiedener Schreibdialekte gesehen werden können, so zum Beispiel den altsächsischen Heliand aus dem 9. Jahrhundert (vgl. Besch 1983: 970). Texte wie dieser können zwar in gewisser Weise als Tendenz zur Überregionalität eingestuft werden, schreibdialektale Grenzüberschreitungen waren jedoch nach Besch im Mittelalter nur ansatzweise möglich. Daher hatten die Schreiber, wenn sie einen Text für eine andere Region verstehbar machen wollten, mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen, wie Übersetzungsbeispiele aus dieser Zeit zeigen. Die Werke mussten in der Regel in einen anderen Schreibusus übersetzt werden, um in der entsprechenden Region verstanden zu werden. Dies setzte die Kenntnis des jeweiligen Territorialdialekts voraus, die beim Schreiber oftmals nicht vorhanden war. Teilweise wurde versucht, die Situation zu vereinfachen. Man nahm Sprachangleichungen vor, indem man sehr spezielle Merkmale einer Region vermied oder im Bereich des Wortschatzes sogenannte Dialektadditionen vornahm, die zur Verwendung von lexikalischen Doppelformen führten. In einigen Fällen gaben Scheiber sogar ihre angestammte Sprache weitgehend zugunsten einer oberdeutschen „Dichtersprache“ auf; dieses Phänomen kann jedoch eindeutig als Ausnahmeerscheinung von überregionaler Annäherung gesehen werden (vgl. Besch 1983: 976f.).
[...]
1 Hermann Weinsberg (1518-1597) war lange Zeit Ratsherr der Stadt Köln und hinterließ neben umfangreichen autobiographischen Aufzeichnungen zahlreiche Notizen zu chronologis ch denkwürdigen Ereignissen der Zeitgeschichte. Die Bücher Weinsbergs sind früh als wertvolle Quelle zur Geschichte Kölns im 16. Jahrhundert erkannt worden (vgl. Groten 2004). Für die Linguistik sind insbesondere Weinsbergs Äußerungen zu sprachlichen Veränderungen von Bedeutung. Er konstatiert die ersten Übergänge von regionalen Schreibdialekten zu einer überregionalen Schriftsprache (vgl. Hofmann 2004).
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