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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 19 Pages
Author: Doreen Oelmann
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Leipzig (Institut für Germanistik)
Tags: Genreänderung, Parabel, Verlorenen, Sohn, Legende, Verlorenen, Sohn, Rilkes, Aufzeichnungen, Malte, Laurids, Brigge, Rilke, Seminar
Year: 2005
Pages: 19
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 12 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-38465-0
ISBN (Book): 978-3-640-19047-8
File size: 210 KB
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Abstract
„Man wird mich schwer davon überzeugen, daß die Geschichte des verlorenen Sohnes nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte.“1 So beginnt die letzte Aufzeichnung von Rilkes Roman: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Aufgrund der Einleitung, dass es sich „um die Geschichte des verlorenen Sohnes“2 handelt, entsteht der Bezug zur christlichen Parabel vom Verlorenen Sohn in Lk 15. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass der Erzähler nicht von einer Parabel, sondern von einer Legende spricht. Diese Genreänderung könnte ein Ausdruck Rilkes dafür sein, dass er den ursprünglichen Stoff zwar verwendet, jedoch umgedeutet hat. In der Literatur 3 erfährt diese Genreänderung Rilkes unterschiedliche Aufmerksamkeit. So kennzeichnet Käthe Hamburger4 das Gleichnis vom Verlorenen Sohn im christlichen Verständnis, Borchert5 spricht lediglich von einer Anpassung der Parabel and die Situation Maltes und Buddeberg6 übernimmt das Genre „Gleichnis“ ohne es zu thematisieren. Lediglich Naumann7 geht auf die Bedeutung dieser Änderung ein. Jedoch nennt er kaum Gründe für diese. Ziel dieser Arbeit soll es sein herauszuarbeiten, warum Rilke das ursprüngliche Genre Parabel zu einer Legende verändert hat. Aus diesem Grund soll zunächst ein Einblick in die Stoffgeschichte des Textes vom Verlorenen Sohn erfolgen. Danach soll anhand der Genremerkmale von Parabel und Legende ein Vergleich mit der 71. Aufzeichnung erfolgen, um Gründe für die Genreänderung angeben zu können. [...]
Excerpt (computer-generated)
Die Genreänderung der "Parabel" vom Verlorenen Sohn
zur "Legende" vom Verlorenen Sohn in Rilkes "
Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge"
von: Doreen Oelmann
5. Semester
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Stoffgeschichte des „Verlorenen Sohnes“ 3
2.1 Die Verarbeitung des Stoffes in der Literatur 3
2.2 Rilke und der Stoff vom „Verlorenen Sohn“ 4
3 Die Genreänderung – Der Versuch einer Erklärung 6
3.1 Die 71. Aufzeichnung – Eine Parabel? 7
3.1.1 Die Funktion der Texte 7
3.2.2 Die Erzähler der Texte 7
3.2.3 Die Knappheit als Merkmal der Parabel 8
3.2.4 Geradlinigkeit und Einsträngigkeit der Handlung 8
3.2.5 Affekte und Motive 8
3.2.6 Die Exposition 9
3.2.7 Das „tertium comperationes“ 10
3.2 Die 71. Aufzeichnung – Eine Legende? 11
3.2.1 Der Verlorene Sohn als Heiliger 12
3.2.2 Die Idealisierung des Verlorenen Sohnes 12
3.2.3 Der Verlorene Sohn als Vorbild 13
4 Zusammenfassung 16
5 Literaturverzeichnis 18
5.1 Primärliteratur 18
5.2 Sekundärliteratur 18
1 Einleitung
„Man wird mich schwer davon überzeugen, daß die Geschichte des verlorenen Sohnes nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte.“1 So beginnt die letzte Aufzeichnung von Rilkes Roman: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Aufgrund der Einleitung, dass es sich „um die Geschichte des verlorenen Sohnes“2 handelt, entsteht der Bezug zur christlichen Parabel vom Verlorenen Sohn in Lk 15. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass der Erzähler nicht von einer Parabel, sondern von einer Legende spricht. Diese Genreänderung könnte ein Ausdruck Rilkes dafür sein, dass er den ursprünglichen Stoff zwar verwendet, jedoch umgedeutet hat.
In der Literatur 3 erfährt diese Genreänderung Rilkes unterschiedliche Aufmerksamkeit. So kennzeichnet Käthe Hamburger4 das Gleichnis vom Verlorenen Sohn im christlichen Verständnis, Borchert5 spricht lediglich von einer Anpassung der Parabel and die Situation Maltes und Buddeberg6 übernimmt das Genre „Gleichnis“ ohne es zu thematisieren. Lediglich Naumann7 geht auf die Bedeutung dieser Änderung ein. Jedoch nennt er kaum Gründe für diese.
Ziel dieser Arbeit soll es sein herauszuarbeiten, warum Rilke das ursprüngliche Genre Parabel zu einer Legende verändert hat. Aus diesem Grund soll zunächst ein Einblick in die Stoffgeschichte des Textes vom Verlorenen Sohn erfolgen. Danach soll anhand der Genremerkmale von Parabel und Legende ein Vergleich mit der 71. Aufzeichnung erfolgen, um Gründe für die Genreänderung angeben zu können.
2 Stoffgeschichte
2.1 Die Verarbeitung des Stoffes vom „Verlorenen Sohn“ in der Literatur8
Die Geschichte des Verlorenen Sohnes ist eines der meist verarbeiteten Stoffe in der Kunst und Literatur. Auch heute ist sie noch Ausgangspunkt für moderne literarische Fortschreibungen. So zum Beispiel „Der verlorene Sohn“ von Gustav Regen, „Die Geschichte vom verlorenen Sohn“ von Martin Walser, „Heimkehr“ von Franz Kafka oder „Rückkehr“ von Marie Luise Kaschnitz. Die Grundlage dieser Gestaltungen bildet die biblische Parabel des Verlorenen Sohnes Lk 15, 11-32. Dieser verlangt die vorzeitige Auszahlung seines Erbteils, um in die Welt hinauszuziehen. Dort verschwendet er sein Geld leichtsinnig, wird zum Schweinehirten und lebt in Elend. So beschließt er heimzukehren und seinen Vater um Vergebung zu bitten. Dieser empfängt seinen Sohn voller Freude und nimmt ihn wieder zu Hause auf.
Im Mittelalter wurde diese Parabel vor allem nacherzählt. So zum Beispiel „Barlaam und Josaphat“ oder „Der selden hort“ von Rudolf von Ems um 1300. Eine der ersten Umdeutungen nahm Meier Helmbrecht vor, der in „Wernhers des Gärtners“ (um 1250/80) zwar das Kernmotiv beibehält, der Sohn jedoch statt der erbarmenden Liebe gerichtet und verstoßen wird. Literarisch fruchtbar wurde die Parabel erst im 16. und 17. Jahrhundert. So wurde die Geschichte des Verlorenen Sohnes vor allem in der Zeit der Reformation und Gegenreformation, je nach individueller Intention, umgedeutet bzw. bearbeitet. Dies geschah zum Beispiel in Thomas Murners „Schelmenzunft“ (1512) oder „Die Mühle von Schwindelsheim“ (1515). Die Abkehr vom Elternhaus, die die Pflichterfüllung eines Mannes verletzte, und das Elend der Fremde bzw. die Liederlichkeit wurde betont, damit sich das Publikum davon distanzierte. Die Bearbeitungen nach dieser Zeit bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren größtenteils bedeutungslos, da sie lediglich für die Zeit- und Literaturgeschichte, jedoch nicht literarisch interessant waren. 9 Erst durch André Gides „Le retour de l’enfant prodigue“ (1907) kam es zu einer literarischen Weiterentwicklung. Dabei handelt es sich um die Loslösung des Sohnes vom Vaterhaus. Nur so ist er in der Lage die innere Freiheit zu gewinnen. Als der Sohn das Ersehnte nicht erreicht, kehrt er mutlos in die alte Ordnung zurück. Nach seiner Heimkehr entscheidet sich der jüngere Bruder zum Aufbruch und wird vielleicht nicht mehr nach Hause zurückkehren.10
2.2 Rilke und der Stoff vom Verlorenen Sohn
Da André Gides „Le retour de l’enfant prodigue“ zeitnah zu Rilkes Bearbeitung des Stoffes steht, wurden in der Literatur zahlreiche Vergleiche zwischen den beiden Werken gemacht.11 Käthe Hamburger argumentiert für eine von Gide unabhängige Hinwendung Rilkes zu diesem Stoff. 12 Diese verschiedenen Auffassungen sollen jedoch im Folgenden nicht weiter beachtet werden.
Ein wahrscheinlicher Einfluss auf das Motiv des Verlorenen Sohnes bei Rilke könnte eine Statue aus dem Jahre 1902 sein. Dabei handelt es sich um einen knieenden nackten Jüngling, der den Kopf zurückgeworfen, mit verzweifelter Gebärde die Arme empor streckt. Dass dieser Rilke beeindruckte, zeigt sich in seinem Rodinbuch: „So ist jener schmale Jüngling, der kniet und seine Arme emporwirft und zurück in einer Geste der Anrufung ohne Grenzen. Rodin hat diese Figur ‚Der Verlorene Sohn’ genannt, aber sie hat, man weiß nicht woher, auf einmal den Namen: ‚Priére ’. Und sie wächst auch über diesen hinaus. Das ist nicht ein Sohn, der vor dem Vater kniet. Diese Gebärde macht einen Gott notwendig, und in dem, der sie tut, sind alle, di ihn brauchen. Diesem Stein gehören alle Weiten; er ist allein auf der Welt.“13
[...]
1 Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Frankfurt am Main/Leipzig, 1996, S. 197. Wird im Folgenden mit MLB abgekürzt.
2 MLB, S. 197.
3 Dies soll keine Allgemeingültige Aussage sein. Bei dieser Feststellung wird lediglich auf die in dieser Arbeit verwendete Literatur Bezug genommen.
4 Hamburger, Käthe: Die Geschichte des Verlorenen Sohnes bei Rilke. In: Hans Eichner und Lisa Kahn (Hg.), Studies in German in Memory of Robert L. Kahn. Rice University Studies 57, 1971, S. 55-71.
5 Borcherdt, Hans Heinrich: Das Problem des „Verlorenen Sohnes“ bei Rilke. In: Worte und Werte. Brundo Markwardt zum 60. Geburtstag. Berlin: 1961, S. 24-34.
6 Buddeberg, Else: Rainer Maria Rilke. Eine innere Biographie. Stuttgart: Chr. Scheufeler Verlag, 1954.
7 Naumann, Helmut: Malte-Studien – Ansätze zu einem neuen Verständnis Rilkes. Rheinfelden/Berlin: Schäubleverlag, 1996.
8 Im Folgenden beziehe ich mich auf Frenzel, S. 702-705.
9 Hamburger, S. 57.
10 Frenzel, Frenzel, Elisabeth: Stoffe der Weltliteratur – Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 1988, S. 704.
11 So u.a. Naumann.
12 Hamburger, S. 58.
13 Hamburger, S. 71.
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This text can be quoted and accessed from this url:
27.06.2005 20:20:02
die autorin doreen oelmann schreibt in punkt 2.1. dass die "geschichte vom verlorenen sohn" von martin walser sei. das ist falsch. robert walser hat diese kurze geschichte verfasst.