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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 21 Pages
Author: Stefan Mayr
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Details
Institution/College: University of Constance
Tags: Girards, Theorie, Gründungsgewalt, Melusine, Thüring, Ringoltingen, Opfer, Literatur, Mittelalters, Neuzeit
Year: 2005
Pages: 21
Grade: 1
Bibliography: ~ 14 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-38750-7
File size: 238 KB
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Excerpt (computer-generated)
Girards Theorie der Gründungsgewalt angewendet
auf die Melusine des Thüring von Ringoltingen
von: Stefan Mayr
8. Semester
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. René Girards Theorie der Gründungsgewalt 5
3. Thüring von Ringoltingens Melusine 8
3. 1 Der Anfangsmord: Reymund versus den Grafen von Potiers 8
3. 2 Der Brudermord: Goffroy versus Freymund 11
3. 3 Der Sündenbock: Die Opferung Horibels 14
3. 4 Der Kreis schließt sich: Melusines Vatermord 16
4. Fazit 18
5. Bibliographie 20
5. 1 Primärliteratur 20
5. 2 Sekundärliteratur 20
1. Einleitung:
In meiner Arbeit möchte ich Girards Theorie der Gründungsgewalt, dargestellt in seiner aktuellen Publikation „Und ich sah den Satan vom Himmel fallen wie ein Blitz“1, auf die mittelalterliche Version der Melusine des Thüring von Ringoltingen2 anwenden. Dass dieses Vorgehen relevant ist, zeigt bereits die Ausgangssituation des Romans 3: Herr Johann von Portenach trägt seinem Kaplan auf, herauszufinden, von welchem Geschlecht der Graf und seine Vorfahren sind.4 Während des Textes zeigt sich, dass die Genealogie auf Gewalt basiert. So schreibt auch Beate Kellner von einer Neugründung im Zeichen des Vatermords beziehungsweise von einem verbrecherischen Gründungsvorgang in der Melusine.5 Zudem entwickelte und verfestigte Girard seine Theorie der Gründungsgewalt beziehungsweise des mimetischen Begehrens, welches als Ausgangspunkt der Gründungsgewalt funktioniert, mit der Lektüre von Romanen der Neuzeit (Cervantes) und der Moderne (Dostojewski, Proust).6
Im ersten Kapitel werde ich kurz Girards Theorie skizzieren. Er macht zu Beginn seiner Publikation Parallelen zwischen der christlichen Eucharistie und kannibalischen Gelagen aus, die er durch den Vergleich von antiken Mythen und alt- beziehungsweise neutestamentarischen Texten zu einer Analogie verfestigt. Durch diese Präzisierung der Ähnlichkeiten versucht er, eine außertextliche Realität zu gewinnen, die die Einzigartigkeit des Christentums darstellt.7 Mein Augenmerk liegt bezüglich der Anwendung auf die Melusine nicht so sehr auf dem Kontext Mythos - Christentum als vielmehr auf dem immer wiederkehrenden mimetischen Zyklus, also auf dem Ablauf von Krise, einmütiger Gewalt und Ursprung.
Im zweiten Kapitel werde ich die Theorie dann schwerpunktsmäßig auf die Melusine anwenden. Hierfür teile ich das Kapitel nach den vier zentralen Morden des Textes auf: als erstes soll der Mord Reymunds am Grafen von Potiers untersucht werden8, zum zweiten dann der Mord Goffroys an seinem Bruder Freymund und des weiteren die Opferung von Horibel. Zuletzt werde ich dann Girards Theorie auf Melusines Mord an ihrem Vater anwenden. Festzuhalten ist, dass wir es hier trotz dieser Aufteilung mit zusammenhängenden Gewalttaten zu tun haben, was sich während der Arbeit zeigen wird. Innerhalb dieser Betrachtung werde ich auch die topographischen Angaben bezüglich der Gewalt berücksichtigen. Das heißt, es sind folgende Fragen ausschlaggebend: Wie wird Gewalt ausgeübt beziehungsweise wie wird sie von Thüring von Ringoltingen dargestellt? Wo, räumlich gesehen, findet die Gewalt statt? Worin besteht die Motivation der einzelnen Protagonisten, Gewalt auszuüben (wobei sich diese Frage durch Anwendung der Theorie von Girard beantworten lässt)? Abschließen werde ich meine Arbeit mit einem kurzen Fazit, in dem die wesentlichen Aspekte noch einmal zusammengefasst werden. Zum Forschungsstand ist folgendes anzumerken: sowohl die Theorien von Girard als auch der mittelalterliche Text haben in den letzten Jahren vermehr t Aufmerksamkeit gewonnen. Botho Strauß verhalf Girard durch seine Rezeption Anfang der Neunziger zu Popularität, seither läuft in Deutschland kaum noch eine ambitionierte Debatte über das Problem der Gewalt, ohne daß der Name des Autors fällt.9 Auch die Melusine ist in jüngerer Zeit kontinuierlich als Forschungsgegenstand in Erscheinung getreten10, und auch wenn es noch keine direkte Anwendung der Theorie auf den Roman gibt, so versucht Beate Kellner in ihrer aktuellen Publikation doch ansatzweise, Aspekte der Melusine mit der Theorie des Literaturwissenschaftlers in Verbindung zu bringen.
2. René Girards Theorie der Gründungsgewalt:
Girard beginnt seine Ausführungen mit einer genauen Analyse des zehnten Gebots, welches das Begehren schlechthin untersagt. Gäbe es dieses Verbot nicht, herrschte Krieg innerhalb jeder menschlichen Gemeinschaft, „[...] dem berühmt-berüchtigten Alptraum des Thomas Hobbes [wäre] Tür und Tor geöffnet. Dem Kampf aller gegen alle.“11 Weil die Menschen aber von Natur aus dazu neigen, die Dinge des Nächsten zu begehren („Der Mensch weiß selbst nicht, was er eigentlich begehren soll, sondern er imitiert das Begehren anderer.“ Die Nachahmung leitet also die Begierden.12), kommt es zu rivalisierenden Konflikten, die sich gegenseitig verstärken. Diese werden durch das Eskalations- und Überbietungsprinzip gesteuert. „Nicht bloß neigt die Rivalität der Begehren zur Übersteigerung, sondern, sich übersteigernd, breitet sie sich aus, überträgt sich auf Dritte, die ebenso nach schlechter Unendlichkeit gieren wie wir selbst.“13
[...]
1 René Girard, Und ich sah den Satan vom Himmel fallen wie ein Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums, Hanser Vlg., München 2002.
2 Folgende Ausgabe wird verwendet: Thüring von Ringoltingen, Melusine, hrsg. von Hans-Gert Roloff, Reclam, Stuttgart 2000.
3 Hinsichtlich der Diskussion um die Textgattung der Melusine möchte ich auf folgenden Beitrag verweisen: Jan- Dirk Müller, Volksbuch / Prosaroman im 15. / 16. Jahrhundert - Perspektiven der Forschung, IASL, Sonderheft 1 (1985), S. 1-128.
4 „[...] daß er ihm auß allen seinen foerderen Chroniken wolte zusammen lesen / wie oder durch was Leut das Schloß oder die Statt Lusinien / in Franckreich gelegen / angehebt / gebawet und gestifftet wer.“ Vgl. Roloff, S. 3-4.
5 Vgl. Beate Kellner, Ursprung und Kontinuität. Studien zum genealogischen Wissen im Mittelalter, Wilhelm Fink Vlg., München 2004, S. 424-443.
6 Vgl. Michael Jakob, Gespräch mit René Girard, in: ders., Aussichten des Denkens, Wilhelm Fink Vlg., München 1994, S. 162.
7 Vgl. Girard, S. 9-18 (Einleitung).
8 Ob es sich hierbei um einen Mord, um Totschlag oder einen Unfall handelt, siehe Kapitel 3.1.
9 Vgl. Lutz Ellrich, Gewalt und Zeichen: René Girard, in: Joseph Jurt (Hrsg.), Von Michel Serres bis Julia Kristeva, Rombach Vlg., Freiburg 1999, S. 57.
10 Vgl. auch Ingrid Bennewitz, Ko mplizinnen und Opfer der Macht. Die Rollen der Töchter im Roman der frühen Neuzeit (mit besonderer Berücksichtigung der „Melusine“ des Thüring von Ringoltingen), in: Lynne Tatlock (Hrsg.), The Graph of Sex and the German Text. Gendered Culture in early modern Germany 1500- 1700, Rodopi, Amsterdam 1994, S. 226.
11 Girard, S. 23.
12 Wolfgang Palaver, René Girards mimetische Theorie im Kontext kulturtheoretischer und gesellschaftspolitischer Fragen, LIT Vlg., Münster 2003, S. 58.
13 Girard, S. 26.
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