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'Alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich' - Hofmannsthals 'Brief' als ein Dokument der Dekonstruktion eines rationalistischen Weltbildes

Examination Thesis, 2005, 129 Pages
Author: Stefan Mielitz
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2005
Pages: 129
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 53  Entries
Language: German
Archive No.: V40192
ISBN (E-book): 978-3-638-38766-8

File size: 687 KB


Excerpt (computer-generated)

„Alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich“
- Hofmannsthals „Brief“ als ein Dokument der Dekonstruktion

eines rationalistischen Weltbildes

Schriftliche Hausarbeit

 im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt am Gymnasium
dem Landesprüfungsamt für Lehrkräfte

vorgelegt von

 Stefan Mielitz

Potsdam, im Januar 2005
Lehrstuhl der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft

 

 

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Einleitung ...  3

I. Die „gemeinsamen Tage schöner Begeisterung“ – Das Erleben der Einheit der Welt bei Bacon und Chandos  ...  9

1. Der große Lehrmeister: Francis Bacon ...  9
2. Die Pläne der Optimisten ...  15
3. Die Methode der Optimisten ...  24
4. Der Geist als ein Spiegel der Welt  ...  27
5. Das Gedächtnis als ein statischer Speicher der Welt ...  31
6. Werkzeuge der Erkenntnis - Sprache und Rhetorik  ...  35
7. Der Nutzen verdammungswürdiger Metaphorik  ...  39

II. „Es zerfiel mir alles in Teile“ – Der Verlust der Einheit eines konsistenten Weltbildes ...  44

1. Das Bewusstwerden des Irrtums der Erkennbarkeit der Welt  ...  44
2. Das Eigenleben des Gedächtnis als Voraussetzung der Individuation ...  52

3. Der Zerfall des versprachlichten Bewusstseins  ...  57
3.1 Eine sich ankündigende Krise  ...  57
3.2 (Nicht)-Möglichkeiten von Sprache und des menschlichen Erkenntnisvermögens  ...  60
3.2.1 Sprache als ein widerspruchsvolles Unding - Nietzsche  ...  60
3.2.2 Die Dekonstruktion des sprachlichen Individuums - Mauthner  ...  63
3.3 Zerfall der Kongruenz von Sprache und Welt in Ein Brief  ...  65
3.4 Verweigerung der Prämissen der Sprachkritik bei Hofmannsthal  ...  71

4. Das Scheitern der Pläne und der Methode  ...  74

III. „Ein Fluidum des Lebens und Todes, des Traumes und Wachens“ - Das Erahnen des Doppelsinns  ...  76

1. Neue Wege der Erkenntnis  ...  76
2. Die Sprache der guten Augenblicke  ...  84
3. Das Besondere im Allgemeinen – Die Synthesekraft des Mythos  ...  90

4. Die Gestaltungskraft der Metaphorik jenseits des wissenschaftlichen Diskurses  ...  97
4.1 Rück- und Ausblick  ...  97
4.2 Der Segen des Bildlichen - Hamann  ...  99
4.3 Die hitzige Flüssigkeit der Bildermasse - Nietzsche  ...  103
4.4 Beständig das Fremdeste paarend - Hofmannsthal  ...  107

5. Die Vergangenheit als Schlüssel zur Gegenwart und Zukunft ...  110

Zusammenfassung  ...  117

L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s ...  125

 

 

Einleitung

Fast 300 Jahre liegen zwischen der Datierung des Briefes, dem 22. August 1603, welchen der Dichter Hugo von Hofmannsthal die fiktive Figur des Philipp Lord Chandos an den Empiriker Francis Bacon schreiben lässt, „um sich bei diesem Freunde wegen des gänzlichen Verzichtes auf literarische Betätigung zu entschuldigen“1 (461), und der tatsächlichen Niederschrift des Textes im Jahre 1902. Nur diese zeitliche Diskrepanz von rund 300 Jahren, welche durch die grundlegenden Erfahrungen mit einem durch Rationalismus und Aufklärung bestimmten Weltbild geprägt sind, lässt diesen fiktiven Brief, eine „philos[ophische] Novelle[]“2, wie Hofmannsthal schreibt, überhaupt erst möglich erscheinen. Über die Einsicht in die Unmöglichkeit einer Entschlüsselung der Welt und dem Erlangen einer allumfassenden Erkenntnis, welche sein übermächtiger Lehrer, Sir Francis Bacon, für möglich erachtete, stürzt Chandos in eine Krise, welcher er in jenem Brief Ausdruck verleiht.

Und tatsächlich muss es sich um einen besonderen, bedeutsamen Brief handeln, betrachtet man die einleitenden Zeilen genau. Der Text bestätigt, dass es zwischen Chandos und Bacon in fernerer Vergangenheit eine intensive Korrespondenz gegeben haben muss, welche durch eine Veränderung im Erleben der Welt durch den Lord, ohne dass dies bis dato thematisiert wurde, abgerissen ist. Nun entschließt sich Chandos noch einmal zu schreiben. Seine ersten Worte verdeutlichen sogleich die Bedeutung, die er den folgenden Zeilen und seinem Adressaten beimisst. Er schreibt, dass dies „der Brief“ sei, den er „diesem Freunde“(461) sende. Durch die sprachliche Schaffung einer endgültigen Singularität des Ereignisses des Schreibens und der eindeutigen Bestimmtheit in Bezug auf den Adressaten, Francis Bacon, wird den Zeilen „dieses voraussichtlich letzten Briefes“ (472) eine für das Leben des Chandos grundlegende Relevanz eingeräumt. Der Brief wird damit Rück- und Ausblick zugleich.

Hofmannsthal lässt Chandos, und man sollte sich hüten, wie dies oft geschehen ist, beide in Eins zu setzen und die Krise des Lords zu einer Krise des Dichters zu stilisie-ren, von einem verloren gegangenen Totalitätsgefühl berichten. Chandos erlebte „das ganze Dasein als eine große Einheit“ (463f.), in der er eine bruchlose Identität und unbezweifelte Erkenntnis fühlte. Diese Totalität ist entschwunden und zurück blieben „Kleinmut und Kraftlosigkeit“ (464) sowie die Erkenntnis der vollkommenen Brüchigkeit der einstmals so sicher geglaubten Totalitätserfahrungen. Dafür verantwortlich zeichne sich, so der Lord, ein tief greifender Zweifel an der Fähigkeit der Sprache, die Welt adäquat abbilden zu können. Chandos entziehen sich jegliche Begrifflichkeiten, welche eine Einheit der Welt im Geiste schaffen könnten, was ihn zunächst zutiefst verstört. Doch wie ernst kann man diesen Befund angesichts der offenkundigen Sprachmächtigkeit des Lords nehmen? Man muss ihn ernst nehmen, denn es finden sich durchaus Erscheinungen einer tief greifenden Krise im Erleben von Welt, welche ihren originärsten Ausdruck in der mangelnden Möglichkeit sprachlicher Vermittlung findet. Nimmt man die Sprachproblematik im Brief ernst, reduziert diesen jedoch nicht auf diese Thematik, und hat so viel Vertrauen in die Sprache und den damit umgehenden Autor, dass man annimmt, durch sie ließen sich Gedächtnisinhalte in einem gewissen Maße transportieren, und genau dies tut Chandos unentwegt, so hält man einen Schlüssel zum Verstehen dieses Werkes bereits in der Hand. Sprache „ist das Gedächtnis selbst“3 schreibt Hofmannsthal und verdeutlicht somit sein Vertrauen, mit Hilfe Innenansichten eines Menschen adäquat darstellen zu können. Aber er ist sich durchaus auch der Möglichkeit der Täuschung durch die Sprache bewusst und formuliert diesen Zwiespalt wenn er schreibt: „Sie [die Sprache] ist das große Werkzeug der Erkenntnis, sie ist das große Werkzeug der Verkennung.“4 Traut man Sprache, so wie viele Interpreten das für den Brief reklamieren, in keiner Weise eine Abbildung von erlebter und gefühlter Welt zu, so ist ein Verstehen im Grunde genommen unmöglich, da davon ausgegangen werden müsste, dass sich Chandos ohnehin nicht mitzuteilen vermag. Was auch immer er uns, und in ihm in gewisser Weise auch der Dichter, hinterlässt, wäre ohne Bedeutung, da faktisch falsch. Darüber hinaus, und dies scheint bedeutsamer, liegt diesen Annahmen ein grundsätzliches Missverständnis zu Grunde:


Der Widerspruch zwischen der Behauptung des Lord Chandos, er könne über nichts mehr zusammenhängend denken oder sprechen, und den Ausführungen seines Briefes, die verdeckt beständig das Gegenteil bezeugen, erweist sich als scheinbarer. Er ist Ausdruck einer der Optik Bacons verpflichteten Lesart, welche die denotative und prädizierende Funktion einer Identität beglaubigenden Sprache der instrumentellen Vernunft in den Fokus des Interesses rückt.5

Das angesprochene Vertrauen in die Sprache kann jedoch nicht, wie auch aus den Zeilen Hofmannsthals zu entnehmen, zu einer zweifelsfreien Erkenntnis über den inneren Zustand des Chandos führen. Diesem Ansinnen verschließt sich das Werk. Es erlaubt zunächst lediglich, ihn in seinem Erleben und seinen Mitteilungen ernst zu nehmen. Die Sprache ist das verbindende Glied zwischen Chandos und dem Leser. Sie stellt eine Möglichkeit der Entschlüsselung seiner Erinnerungen und Visionen dar und ermöglicht dem Leser somit die dem Lord verwehrte Erkenntnis in Folge einer reflexiven Betrachtung der angebotenen Erinnerungsstruktur. Dabei darf die scheinbare Widersprüchlichkeit der beschriebenen Zustände und Visionen des Lords nicht erschrecken, denn ein „Ein Brief behandelt seinen Gegenstand nicht expressis verbis, sondern in actu.“6 Dies bedeutet, dass der Leser keine durchstrukturierte Gedankenwelt dargeboten bekommt, sondern in weiten Teilen Bruchstücke einer komplexen Gedankenwelt, welche einer differenzierten Betrachtung unterworfen werden müssen, da sich in ihnen ein gesamtes Weltbild und dessen Veränderung offenbart. Dies kann jedoch nicht, um auf den Adressaten des Briefes zu sprechen zu kommen, unter der Baconschen Prämisse einer gewünschten Eindeutigkeit geschehen.

[....]


1 „Ein Brief“ wird zitiert nach: Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden (künftig GW), hrsg. von Bernd Schoeller, Frankfurt am Main 1979/1980. Die Seitenzahl wird direkt hinter dem Zitat angegeben. Andere dieser Ausgabe entnommenen Zitate finden ihren Nachweis in Fußnoten. Die dem Sigel folgende römis che Zahl bezeichnet die Bandangabe, die arabische bezieht sich auf die Seitenzahl.

2 Zitiert nach: Hugo von Hofmannsthal: Sämtliche Werke (künftig SW). Kritische Ausgabe. Veranstaltet vom Freien Deutschen Hochstift, hrsg. von Rudolf Hirsch, Clemens Köttelwesch, Christoph Perels u.a., Frankfurt am Main. Die folgende römische Zahl bezeichnet dann die Bandangabe, die arabische bezieht sich auf die Seitenzahl. hier: SW XXIX 258.

3 GW X 413.

4 Ebd.

5 Günter, Timo: Hofmannsthal: Ein Brief, München 2004, S.40.

6 Ebd., S.12.


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