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Autor: Eleni Stefanidou
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Details
Tags: Hoffmann, Topf, Sandmann, Textvergleich, Kontext, Hoffmanns
Jahr: 2005
Seiten: 93
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 49 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 515 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-38867-2
Die Arbeit stellt die Verwandtschaft der zwei Hoffmannschen Texte heraus und diskutiert gleichzeitig die grundlegenden Unterschiede, durch die "Der Sandmann" der negativen Ästhetitik zugeordnet wird, während "Der goldne Topf" den Weg für die positive Ästhetik der Vermittlung zwischen Kunst und Leben bereitet. Dabei kommen auch poetologische Aspekte zur Sprache.
Textauszug (computergeneriert)
E.T.A. Hoffmann
Der goldne Topf und Der Sandmann.
Ein Textvergleich im Kontext von Hoffmanns Ästhetik
Magisterarbeit
zur Erlangung
des Grades Magistra Artium der
Philosophischen Fakultät der
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
eingereicht von
Eleni Stefanidou
Februar 2005
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 3
2 Hoffmanns Quellen und geistesgeschichtlicher Hintergrund ... 8
2.1 Der Atlantis-Mythos ... 8
2.2 Sprache und Natur ... 9
2.3 Geschichte der Automaten in Literatur und Technik ... 10
2.4 Alchemistische Anleihen ... 12
2.5 Nachtseiten der Naturwissenschaft ... 13
2.5.1 Animalischer Magnetismus ... 14
2.5.2 Psychische Krankheiten in der romantischen Medizin ... 15
3 Zur Poetik Hoffmanns ... 17
3.1 Die Callotsche Manier ... 17
3.2 Die Manier der Nachtstücke ... 18
3.3 Das serapiontische Prinzip ... 19
4 Dualismen auf der Inhaltsebene ... 20
4.1 Der goldne Topf – Vom Dualismus zur Duplizität
4.1.1 Die bürgerliche und die phantastische Welt ... 20
4.1.2 Figuren zwischen bürgerlicher und phantastischer Sphäre ... 25
4.1.3 Verschiebung der Wahrnehmung ... 28
4.1.4 Mystische Kräfte ... 33
4.1.5 Text und Subtext ... 36
4.2 Der Sandmann – Autonomie der Imagination
4.2.1 Projektion innerer Bilder auf die Außenwelt ... 40
4.2.2 Verschiebung der Wahrnehmung ... 46
4.2.3 Die Automaten und ihre Schöpfer ... 53
4.2.4 Wahn oder Wirklichkeit? ... 55
5 Absolutismus und Relativierung der Subjektivität – Weiterführender Vergleich der Dualismen im Kontext von Hoffmanns Ästhetik ... 58
5.1 Der Glaube an das Wunderbare ... 58
5.2 Selbstspiegelung in den Frauenfiguren ... 60
5.3 Die Rolle mystischer Mächte ... 61
5.4 Ironie und Trauma – Vergleich zweier Szenen ... 62
5.5 Duplizität und Ästhetikkonzepte ... 64
5.6 Spiegelkonfigurationen in Struktur und Handlung ... 68
6 Einleitung der Vermittlung auf der Ebene der Erzähler ... 72
6.1 Umsetzung von Hoffmanns Poetik ... 72
6.2 Die Poetik des Spiegelbildes: Selbstreflexion und Fiktion als Wege aus den Aporien der negativen Ästhetik ... 77
7 Schlusswort ... 85
8 Literaturverzeichnis
8.1 Primärliteratur ... 89
8.2 Sekundärliteratur ... 89
1 Einleitung
Sowohl Der goldne Topf als auch Der Sandmann thematisieren die Entwicklung einer Künstlerfigur und ihr Verhältnis zur Realität. Die Forschung weist mehrmals auf die Verwandtschaft beider Werke hin;1 sie werden sogar als Text und Gegentext bezeichnet.2 Gegenstand dieser Arbeit ist daher ein differenzierter Vergleich der Erzählungen, um die zahlreichen Gemeinsamkeiten in Inhalt, Struktur, Figurenzeichnung und Motivik aufzuzeigen. Aufschlussreicher als die Frage nach den Parallelen ist allerdings diejenige nach den wesentlichen Unterschieden. An diesen lässt sich das den Texten zugrunde liegende Ästhetikmodell genau analysieren. Wegen ihrer thematischen Nähe zum Sujet der Ästhetik werden die Komplexe ‚Künstler und Wahnsinn’ sowie ‚Duplizität des Seins’ im selben Kontext erörtert.
Die Frage nach der Wirklichkeit stellt eine der Kernfragen in Bezug auf E.T.A. Hoffmanns Gesamtwerk dar. Der Kontrast zwischen der Realität des Alltags, in welcher das Leben in geordneten Bahnen verläuft, und dem phantastischen Bereich, in dem sich wunderbare Phänomene ereignen, hat die Forschung schon zu zahlreichen Deutungen angeregt. Während frühere Arbeiten von einem antagonistischen Dualismus zweier unvereinbarer Bereiche ausgingen, wird inzwischen der enge Zusammenhang der beiden Welten betont. Deren Kontrast diene folglich einer umfassenden Darstellung der Duplizität des Seins.3
Die Künstlerfiguren in Hoffmanns Werk sind diejenigen Personen, die für die phantastische Sphäre offen sind und die sich daher im bürgerlichen Alltag oft nicht heimisch fühlen. Ihr poetisches Gemüt, das sie für die Welt des Phantastischen empfänglich macht, setzt sie gleichzeitig in gefährliche Nähe zum Wahnsinn, der mitunter bis zum Tod der Figuren eskaliert.
Die Kunstthematik ist der zentrale Gegenstand in Hoffmanns Werk. In fast allen seinen Texten geht es um die künstlerische Subjektivität in ihrem Gegensatz zur äußeren Realität.4 Diese Opposition hat ihren Ursprung in der Autonomieästhetik der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Kunst wird als in sich selbst begründet definiert; sie ist nicht mehr an soziale Zwecke und äußere Erwartungen gebunden. Die Verabschiedung eines moralischen Anspruchs des Kunstwerks lenkt den Fokus auf die sich im kreativen Schaffen vollziehende Selbstreflexion und etabliert die Kunst als Erkenntniswerkzeug. Mit der Schaffung des Schönen korrespondiert eine universelle Daseinsbetrachtung. Subjektivismus und Genieästhetik des Sturm und Drang erheben schließlich den Künstler zum Schöpfer einer eigenen Gegenwelt. Die Gefahren der übersteigerten Subjektivität sind jedoch Wirklichkeitsverlust und Selbstzerstörung.5 Diese bereits in der Geniezeit aufkommende Kritik am Subjektivismus nimmt die Frühromantik unter Einfluss des deutschen Idealismus allerdings wieder zurück. Das sich in der Spannung von Idealität und Realität bewegende Denken der Romantik fördert den Antagonismus zwischen Poesie und Leben.6 Wackenroders Schlüsselroman Herzergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1796/97) bringt die Kunst sogar in die Nähe der Religion und erhebt sie dadurch zur transzendenten Größe par excellence. Der hohe Stellenwert der Kunst obstruiert die Vermittlung zwischen Poesie und Alltag, Subjektivität und Realität.7
Daraus resultiert die ästhetische Frage nach einer der Kunstproduktion förderlichen Wirklichkeitsauffassung. Als Wissenschaft von den Gesetzen und Grundlagen des Schönen thematisiert die Ästhetik auch die gesellschaftliche Funktion von Kunst sowie deren Produktions- und Rezeptionsbedingungen. Die Trennung von der Gesellschaft betont zwar die Relevanz der autonomen Imagination, doch die tragische Spannung zwischen Poesie und Leben, welche das Künstlerdasein prägt, führt zwangsläufig zu Konflikten der künstlerischen Innerlichkeit mit den Anforderungen der Außenwelt.8 Im Bild des vom Wahnsinn bedrohten Künstlers drückt sich daher eine Problematik aus, die das Verhältnis von Kunst und Leben sowie Kunst und Gesellschaft hinterfragt.
Diese Grundfrage verarbeitet E.T.A. Hoffmann in der Mehrzahl seiner Werke zu einem kunstidololatrischen Modell einer negativen Ästhetik. Nach der Definition von Claudia Liebrand meint „negative Ästhetik“ die prinzipielle Unvermittelbarkeit von ‚Kunst’ und ‚Leben’. Der poetische Absolutismus hat eine unüberwindbare Kluft zwischen diesen Bereichen zur Folge.9 In den Erzählungen, welche der negativen Ästhetik verpflichtet sind, steht die Kunst – und mit ihr der Künstler – außerhalb des sozialen Gefüges. Sie wird der Sphäre des Transzendenten zugeordnet und negiert deswegen jeglichen Bezug zur materiellen Alltagswelt. Die Künstler fallen dieser Dichotomie zum Opfer, da der poetische Absolutismus als soziale Devianz eine Gefahr für die bürgerliche Existenz darstellt. Weiterhin schränkt die Spaltung von der Gesellschaft die Wirkungsmöglichkeiten des Kunstwerks ein. Die Erzählungen stagnieren jedoch nicht in dieser Konzeption, sondern enthalten Subtexte, welche die Aporien der negativen Ästhetik kritisieren, und Strategien, anhand derer die Vermittlung von Gesellschaft und Kunst im Text dargestellt wird.10 „Im Prozeß der poetischen Setzung der negativen Ästhetik ist also schon ihre Subversion angelegt.“11
Der Sandmann bildet den Höhepunkt der negativen Ästhetik in Hoffmanns Werk; deren Aporien kulminieren bis zur Selbstaufhebung dieses Konzepts.12 Auch der Goldne Topf basiert auf dem Modell der negativen Ästhetik. Eine endgültige Vermittlung zwischen Poesie und Realität findet noch nicht statt; die Absage an das bürgerliche Leben wird hier aber anders bewertet als im Sandmann. Die Einordnung des Goldnen Topfs als poetisches Märchen und des Sandmanns als Schauergeschichte ist ein erster Hinweis auf die effektvollen Strategien, mit denen der Goldne Topf den Aporien der negativen Ästhetik ausweicht und eine Vermittlung zwischen Kunst und Leben einleitet. Dadurch leistet er entscheidende Vorarbeit für die Entwicklung der positiven Ästhetik, welche Hoffmann in Prinzessin Brambilla realisiert.13
Wolfgang Nehring ist im Kontext der Duplizität des Seins auf die enge Verwandtschaft der beiden Texte hinsichtlich Handlung, Personal und Erzählstruktur eingegangen; an entsprechender Stelle wird darauf Bezug genommen. Bezüglich der Varianten von Hoffmanns Ästhetik erörtert die Studie Claudia Liebrands Erkenntnisse unter Zugrundelegung ihrer Ästhetik-Definition. Allerdings wird im Folgenden im Gegensatz zu Liebrand nicht von einer systematischen Entwicklung von der negativen zur positiven Ästhetik hin ausgegangen, da dies der chronologischen Ordnung der Werke entgegenläuft.14
Zu Beginn informiert ein Überblick über den geistesgeschichtlichen Hintergrund und die Quellen, die Hoffmann in den Erzählungen verarbeitet hat. Auf diese Weise lässt sich der Stellenwert der naturphilosophischen und medizinischen Inhalte differenziert einschätzen. Dem folgen Ausführungen zu Hoffmanns Poetik. Diese sind notwendig, weil das ästhetische Problem der Vermittlung zwischen Kunst und Leben eine poetologische Schwierigkeit enthält: Das Verhältnis dieser zwei Größen wirkt sich auf die Kunstproduktion, die ästhetische Qualität des Werks und dessen Rezeption aus.
Die Analyse widmet sich zunächst den Dualismen auf der Inhaltsebene, welche in beiden Erzählungen die Dynamik der Handlung prägen. Dieser Teil des Vergleichs betrachtet die Texte separat, folgt aber einer kongruenten Vorgehensweise. Im Goldnen Topf sind die Antagonismen zwischen bürgerlicher und phantastischer Welt von besonderer Bedeutung; auch eine Zuordnung der Figuren zu den entsprechenden Bereichen wird unternommen. Hier wie auch bei der Untersuchung der fluktuierenden Wahrnehmung der Realität zeigt sich die wechselseitige Durchdringung der zwei Seinsbereiche. Ferner erhellt die Analyse der Dualismen innerhalb der mystischen Dimension diesen Aspekt. Schließlich ist es notwendig, die Existenz eines Subtextes zu diskutieren, welcher das Ende des Märchens relativieren und die enge Verwandtschaft zur Schauergeschichte unterstreichen würde. Den Sandmann dominiert das Thema des Subjektivismus als Wahrnehmungsform eines pathologischen Realitätsverlusts in Opposition zur Rationalität. Da hauptsächlich der Subjektivismus des Protagonisten die Existenz der phantastischen Sphäre postuliert, entfällt hier eine Zuordnung der anderen Figuren zu den verschiedenen Seinsbereichen; auf den Aufbau seiner Illusionen wird jedoch genauer eingegangen. Des Weiteren wird die Rolle von Coppelius/Coppola und Spalanzani als Gegenspieler Nathanaels untersucht. Darauf folgt die Diskussion zweier widerstreitender Interpretationen der Ursachen von Nathanaels Wahnsinn.
Die Ergebnisse des ersten Teils werden in einem direkten Vergleich der Erzählungen erweitert. Die Gegenüberstellung mehrerer parallelen Elemente rückt die grundlegenden Unterschiede in den Vordergrund, so dass die konträre Ausrichtung der Texte deutlich wird. Dabei geht die Arbeit auch speziell auf zwei Szenen ein, die eine frappierende Ähnlichkeit aufweisen.
Durch die unterschiedliche Bewertung der Subjektivität beziehen die Erzählungen divergente Positionen hinsichtlich der Duplizität der Realität. Deren Auswirkungen auf die Ästhetikkonzepte werden gleichfalls betrachtet. Eine kurze Analyse der Spiegelkonfigurationen in Struktur und Handlung untermauert die Ergebnisse zur inhaltlichen Gestaltung der Dualismen und zu den Unterschieden der Ästhetikmodelle.
Weiterhin befasst sich die Studie mit der Umsetzung von Hoffmanns Poetik. Die Untersuchung der Frage, inwieweit diese auf der Figuren- und Erzählerebene realisiert ist, hilft bei der Bewertung der Ästhetikkonzepte. Nur einem Protagonisten gelingt die Dichterwerdung, doch die selbstreflexive Behandlung dieses Problems auf der Erzählerebene eröffnet in beiden Texten Wege aus den Aporien der negativen Ästhetik. Anschließend wird die Inszenierung der Fiktion im Sinne einer Poetik des Spiegelbildes behandelt. Besonders interessant ist hierbei die Untersuchung der ähnlichen, aber in unterschiedlichem Maße eingesetzten Mittel, mit denen beide Erzählungen das Modell negativen Ästhetik subvertieren. Eine Erörterung weiterführender Aspekte rundet die Untersuchung ab.
[...]
1 Vgl. Ulrich Hohoff: E.T.A. Hoffmann. Der Sandmann. Textkritik, Edition, Kommentar. Berlin 1988. S. 327, 330; vgl. Detlef Kremer: Romantische Metamorphosen. E.T.A. Hoffmanns Erzählungen. Stuttgart 1993. S. 146; vgl. Henriett Lindner: „Schnöde Kunststücke gefallener Geister“. E.T.A. Hoffmanns Werk im Kontext der zeitgenössischen Seelenkunde. Würzburg 2001. S. 208; vgl. Wolfgang Nehring: E.T.A. Hoffmanns Erzählwerk: Ein Modell und seine Variationen. In: ders.: Spätromantiker. Eichendorff und E.T.A. Hoffmann. Göttingen 1997. S. 121; vgl. John Reddick: E.T.A. Hoffmann’s “Der goldne Topf” and its ‘durchgehaltene Ironie’. In: Modern Language Review 71 (1976). S. 588ff.
2 Vgl. Claudia Liebrand: Aporie des Kunstmythos. Die Texte E.T.A. Hoffmanns. Freiburg im Breisgau 1996. S. 130.
3 Vgl. Nehring 1997, S. 119.
4 Vgl. Jochen Schmidt: Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik 1750-1945. 2., durchgesehene Aufl. Darmstadt 1988. Bd. 2. S. 2.
5 Vgl. Liebrand 1996, S. 13f.
6 Vgl. Jochen Schmidt 1988, S. 1.
7 Vgl. Liebrand 1996, S. 9f.
8 Vgl. Jochen Schmidt 1988, S. 2.
9 Vgl. Liebrand 1996, S. 9f.
10 Ebd., S. 17f.
11 Ebd., S. 18.
12 Ebd., S. 85f.
13 Ebd., S. 11.
14 Ebd., S. 8, 11.
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