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Autor: Tamara Di Quattro
Fach: Pädagogik - Päd. Soziologie
Details
Tags: Geschlecht, Konstruktion
Jahr: 2003
Seiten: 28
Note: sehr gut (1,0)
Literaturverzeichnis: ~ 6 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 299 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-38879-5
ISBN (Buch): 978-3-638-65544-6
Zusammenfassung / Abstract
Woran man denkt, wenn man den Begriff 'Geschlecht' hört, ist klar zu bestimmen. Wir assoziieren ihn unmittelbar mit zwei Kategorien, mit männlich und mit weiblich. Eine andere Zuordnung ist uns eher fremd. Die Frage, welchem der beiden Geschlechter man angehört, erübrigt sich meist bei zwischenmenschlichen Begegnungen, denn wir haben in der Regel eindeutige Zeichen für das Mann- bzw. Frausein. Dies sind nicht nur körperliche Merkmale, sondern das Geschlecht spiegelt sich ebenso im Verhalten, im Ausdruck und vielem Anderen wider. Dadurch ist es im Regelfall direkt zu bestimmen. Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Geschlecht als soziale Konstruktion, wobei die 'Natürlichkeit' des Geschlechts, nämlich das, wovon wir annehmen, es sei angeboren, eine andere Bedeutung bekommt. Das Geschlecht wird aus soziologischer Sicht betrachtet. Wie werden Mädchen und Jungen behandelt? Welche Erwartungen werden an sie gestellt? Wie verhalten sich Erwachsene gegenüber Kindern unterschiedlichen Geschlechts? Und vor allem: mit welchen Auswirkungen? Diesen Fragen soll im ersten Teil dieser Arbeit nachgegangen werden. Der zweite Teil befasst sich vor allem mit der Frage, was Menschen tun, um ihr Geschlecht zu verkörpern. Hierzu werden zunächst verschiedene Ansätze vorgestellt und darauf wird beschrieben, wie das Geschlecht innerhalb von Interaktionen dargestellt wird. Die vorliegende Arbeit endet mit einer Schlussbetrachtung aus pädagogischer Sicht, die Folgerungen für die Erziehung beinhaltet.
Textauszug (computergeneriert)
Geschlecht als soziale Konstruktion
von: Tamara Di Quattro
Inhalt
Einleitung / Hinführung zum Thema
Teil 1: Mädchen und Jungen im Sozialisationsprozess / „Making gender“
„Was wird mit uns gemacht, dass wir Geschlecht werden?“
1. Zu den Begriffen „sex“ und „gender“
2. Feministische Ansichten und Biologismus
3. Erziehung / Sozialisation
3.1 Über Geschlechterdifferenzen (Untersuchungen)
3.2 Geschlechtsrelevante Erlebnisse und Geschlechtsetikettierung
4. Sozialisation als Abrichtung / Naturalisierung als Legitimation zur Ausbeutung von Frauen
Teil 2: „Doing gender“
„Was machen wir, um Geschlecht zu sein?“
5. Feministische Mikrosoziologie und relevante Ansätze
5.1 Der Goffmannsche Ansatz
5.2 Garfinkels Ethnomethodologie
6. Transexuellenforschung
6.1 Garfinkels „Agnes-Studie“
6.2 Kessler und McKenna
7. Alltagswissen und Geschlechterdichotomie
8. Interaktive Konstruktion von Geschlecht
8.1 Geschlechtsdarstellung („ich stelle mein Geschlecht dar“)
8.2 Ressourcen
8.3 Geschlechtsattribution („ich mache dich zu einem Geschlecht“)
9. Stabilisierende Faktoren der Geschlechterdifferenz
10. Geschlecht und soziale Ungleichheit / Doing gender und doing inequality
Schlussbetrachtung
Literaturangaben
Einleitung / Hinführung zum Thema
Entsprechend dem alltäglichen Sprachgebrauch denkt man bei dem Begriff „Geschlecht“ unmittelbar an „männlich“ oder „weiblich“ – etwas anderes würde gar nicht möglich sein. Die Frage, zu welchem der beiden Geschlechter man eigentlich angehört, erübrigt sich bei zwischenmenschlichen Begegnungen meist, denn wir haben in der Regel eindeutige Zeichen für das Mann- bzw. Frausein. Dies sind nicht nur körperliche Merkmale, sondern das Geschlecht spiegelt sich ebenso im Verhalten, im Ausdruck und vielem Anderen wider. Dadurch ist das Geschlecht sofort zu bestimmen. Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Geschlecht als soziale Konstruktion, wobei die ′Natürlichkeit′ des Geschlechts, nämlich das, wovon wir annehmen, dass es angeboren sei, ziemlich infrage gestellt wird. Das Geschlecht wird hierbei aus soziologischer Sicht betrachtet und dargestellt.
Wie werden Mädchen und Jungen behandelt? Welche Erwartungen werden an sie gestellt? Wie verhalten sich Erwachsene gegenüber Kindern unterschiedlichen Geschlechts? Und vor allem: mit welchen Effekten? Diese Fragen werden unter anderem im ersten Teil dieser Hausarbeit behandelt.
Der zweite Teil dieser Hausarbeit befasst sich vor allem mit der Frage, was Menschen tun, um ihr Geschlecht zu verkörpern. Hierzu werden zunächst verschiedene Ansätze vorgestellt und darauf wird beschrieben, wie das Geschlecht innerhalb von Interaktionen dargestellt wird.
Diese Hausarbeit endet mit einer Schlussbetrachtung aus pädagogischer Sicht, die Folgerungen für die Erziehung beinhaltet.
Nähere Erläuterungen zu manchen Textstellen sind, sofern sie den Lesefluss behindern würden, in Form von Fußnoten gefasst.
Teil 1: Mädchen und Jungen im Sozialisationsprozess / „Making gender“
„Was wird mit uns gemacht, dass wir Geschlecht werden?“
1. Zu den Begriffen „sex“ und „gender“
Es gibt Geschlechterdifferenzen, biologische und soziale, die es möglich machen, Menschen in zwei Geschlechter (auch Genus-Gruppen genannt) einzuteilen. Der Biologismus geht von der Annahme der Zweigeschlechtlichkeit aus. Der Begriff Geschlecht bezeichnet die Differenzierung von Lebewesen in männliche und weibliche Gameten (Geschlechtszellen oder Keimzellen). Sind Lebewesen angelegt, Spermien zu erzeugen, so spricht man von männlichen Gameten. Ist es ihre Aufgabe, Eizellen hervorzubringen, sind es weibliche Gameten. Die sexuelle Fortpflanzung erfolgt durch die Verschmelzung zweier Keimzellen, einer weiblicher und einer männlicher. Das Geschlecht der Keimzellen ist wiederum abhängig vom Chromosomensatz (XX oder XY). Die naturwissenschaftliche Differenzierung/Bestimmung des Geschlechts kann auf vier unterschiedlichen Ebenen erfolgen:
- durch den Chromosomensatz (chromosomales Geschlecht)
- durch die Gonaden (Keimdrüsengeschlecht) (also bei Frauen die Eierstöcke, beim Mann die Hoden)
- durch das hormonelle Geschlecht (Hormonspiegel, beide Geschlechter haben männliche und weibliche Hormone, das Geschlecht ergibt sich aus dem Mischungsverhältnis, das heißt aus der Menge an weiblichen und männlichen Hormonen) (Östrogene und Androgene)
- durch Bestimmung des morphologischen Geschlechts (also das Vorhandensein von äußeren und inneren Geschlechtsorganen, wie Penis, Vagina, Gebärmutter, Busen etc.) (vgl. Villa 2001).
Für die soziale Geschlechterdifferenz interessiert sich die Soziologie. Sie unterscheidet zwischen Geschlecht als biologische Kategorie und als soziale Kategorie. Das soziale Geschlecht meint hierbei den Sozialcharakter, Verhalten, Eigenschaften, Handeln, Äußerlichkeiten (aber keine körperlichen, sondern Kleidung, Frisur etc.), Sprache, Mimik, Gestik usw. (vgl. Goffmann, Garfinkel, Kessler/McKenna, Hagemann-White, Gildemeister).
In der angloamerikanischen Sozialwissenschaft fällt diese Unterscheidung leichter, weil es zwei unterschiedliche Begriffe dafür gibt. Sex bezeichnet demnach das rein biologische Geschlecht, während hingegen gender für das soziale Geschlecht steht. Ich werde den Begriff Geschlecht im Folgenden nur im Sinne von gender gebrauchen.
2. Feministische Ansichten und Biologismus
Der Biologismus erklärt sich soziale Geschlechterdifferenzen durch die Anlage, sagt, sie würden den biologischen Unterschieden zugrunde liegen. Die Annahme biologisch bedingter, naturhafter und angeborener Männlichkeit oder Weiblichkeit wird aus feministisch-soziologischer Sicht abgelehnt. Das soziale Geschlecht ergibt sich aus dieser Perspektive nicht automatisch aus dem biologischen Geschlecht, sondern wird lediglich daraus abgeleitet und ist zurückzuführen auf den sozio-kulturellen Formungsprozess, also die Sozialisation. Die Meinung wird vertreten, dass es sich bei Geschlechtlichkeit, also typisch männliches bzw. weibliches Verhalten um rein soziale Konstruktionen handele. Die einzigen Unterschiede, die tatsächlich bestünden, seien eben biologische, anatomische Unterschiede und insbesondere die spezifisch weibliche Gebärfähigkeit. Zentrales Anliegen der feministischen Forschung liegt in dem Versuch zu begründen, dass Geschlechterdifferenzen nicht auf die biologischen Unterschiede zurückzuführen sind (ebd.).
Ethnomethodologische Untersuchungen scheinen die feministischen Annahmen zu bestätigen. Dazu zählen die klassischen Untersuchungen seit den 30er Jahren der Ethnologin Margaret Mead (1958, zitiert nach Scheu 1978). Sie kam zu dem Ergebnis, dass Zuordnungen, die uns geläufig sind (wie zum Beispiel „starke Männer“ und „schwache Frauen“), nicht universal sind und es auch Gesellschaften gibt, insbesondere Gesellschaften der Südsee, die auch mehrere Geschlechter kennen. Sie beobachtete Volksstämme, in denen sich Frauen von Männern nicht wesentlich unterschieden in Bezug auf Körpergröße und Kraft. Die Frauen führten Tätigkeiten aus, die bei uns als typisch männlich gelten würden (zum Beispiel schwere Feldarbeiten und Fischen) (ebd.).
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