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Autor: M.A. Frederik Schlenk
Fach: Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Details
Institution/Hochschule: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (Philosophisches Seminar)
Tags: Glück, Glücksethik, ästhetischer Glücksbegriff
Jahr: 2001
Seiten: 36
Note: Sehr gut
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 400 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-12515-4
ISBN (Buch): 978-3-638-85188-6
Die Hauptseminararbeit versucht anhand des zentralen Kapitels in Seels begrifflicher Analyse, die Verhältnismäßigkeit von moralischen und ästhetischen Erkenntnisansätzen gemäß des Themas darzustellen und kritisch zu hinterfragen.
244 KB
Zusammenfassung / Abstract
Martin Seel sucht in seinem Buch "Versuch über die Form des Glücks" nach formalen Kriterien, die es für das Individuum plausibel machen sollen, sich in die unauflösliche Spannung zwischen Glück und Moral zu begeben und sie auszuhalten. Der Konflikt selbst sowie die auf ihn gerichtete Lebensweise der Individuen wird dabei nicht rein teleologisch als durch die Natur vorgegebene, einzig vorhandene Existenzoption verstanden. Angestrebt wird vielmehr ein begriffliches Verständnis eines „Spielraums eines weltoffen selbstbestimmten Lebens“, das nicht von seinem Ende her als gelungen, sondern im und durch richtig verstandenen prozessualen Vollzug als „gelingend“ betrachtet werden kann. „Glück“ wird in diesem Programm nicht im Sinne von erreichten oder angestrebten Zielen nebst zugehörigen materialen Bestimmungen verstanden, sondern in Hinsicht auf das Auftauchen des Glücksbegriffs in der Moral auf seinen reflexiven Status hin befragt. Die Kernthese Seels lautet: „Der formale Begriff des Guten nämlich gibt an, in welcher Hinsicht wir unser Handeln als moralische Subjekte allgemein müssen rechtfertigen können. (...) Ein formaler Begriff des Guten ist der materiale Kern einer universalistischen Moral.“ - Ausschlaggebend ist der Anspruch, den Seel an einen solch formalen Begriff des Guten legt: Er solle „nicht schon moralisch umgrenzt“ sein. Dieser Anspruch wird in der vorliegenden Hauptseminararbeit eingehend und kritisch hinterfragt.
Textauszug (computergeneriert)
Vormoralisches Theoriesegment
und ästhetischer Glücksbegriff in Martin Seels
"Versuch über die Form des Glücks"
Hausarbeit
für das Hauptseminar:
"Philosophische Texte zum Begriff des Glücks"
im WS 00/01
vorgelegt von:
Frederik Schlenk
Bonn, im Oktober 2001
Inhalt
1.) Einleitung
2.) Die theoretischen Annahmen der Seel´schen Glücksethik
2.1.) "Episodisches" und "übergreifendes Glück"
2.2.) Die Stellung der Teleologie
2.3.) Der "ästhetische Glücksbegriff"
3.) Schlußbemerkung
Bibliographie
1.) Einleitung
Wie glücklich müssen die Alten gewesen sein...!
Die im stoischen Paradoxon gedachte Unerschütterlichkeit des Glaubens, das gelingende Leben (die Eudaimonia) bestehe trotz und entgegen allem, was einem an Unrecht widerfahren mag, weiter, erscheint uns Heutigen als überlebte Weltenferne, als verlassenes Paradies des Denkens, in das kein Weg zurückführt. Ein anderes Paradies hatte Kant vor Augen: "Der Zweck des Paradieses ist es also, daß in ihm gesündigt wird. Anders gesagt: Paradiese, in denen kein Sündenfall möglich ist, gehören - wenn überhaupt - zum Zweckwidrigen in der Welt."
Die Identifikation des erstrebten Glücks mit dem um dieses Glückes willen gewählten moralischen Handelns ist heute nicht mehr möglich.
Die Kluft, die sich zwischen der antiken Glücksethik und der seit Kant geläufigen traditionellen, deontologischen Pflichtenethik aufgetan hat, ist in neuerer Zeit wieder in das Blickfeld der philosophischen Betrachtung gerückt worden. Aus weitgehend übereinstimmenden Motiven wurde eine "Rehabilitierung der Glücksphilosophie" (Joachim Schummer) in Angriff genommen, die aus der Erfahrung einer allzu rigiden und paternalistischen, moraltheoretisch-formalen Gängelung heraus versucht, das von Seneca formulierte Moment der Selbstzuschreibung von Glück ("Non est beatus, sequi non putat") neu zu denken. Gleichzeitig setzt sich - in modernen Lesarten der Moral - die Einsicht durch, daß die "Glücksthematik auch - allen philosophischen Abstinenzversuchen zum Trotze - zentral für jede normative Moralphilosophie (ist); und dies in zweierlei Hinsicht: Erstens bleibt unter motivationalen Gesichtspunkten jede Morallehre in dem Maße abstrakt bzw. in ihrer Umsetzung auf externe Zwänge (...) angewiesen, in dem sie mit menschlichem Glücksstreben disharmoniert. Weder rationale Struktur noch rationale Begründung moralischer Prinzipien enthalten für sich bereits motivationale Komponenten. Moralphilosophische Ansätze müssen sich nolens volens auch daran messen lassen, wieweit sie dem menschlichen Glück förderlich oder hinderlich sind. (...) Zweitens ist es unter moraltheoretischen Gesichtspunkten äußerst fragwürdig, ob eine moralphilosophische Position ohne eine inhaltliche Bestimmung des Begriffs des Guten auskommt, der nicht schon einen minimalen Begriff des guten Lebens und damit des menschlichen Glücks voraussetzt."
Um einen solchen Begriff geht es auch Martin Seel in seinem "Versuch über die Form des Glücks".
Es ist klar zu erkennen, daß mit den zitierten Sätzen Schummers das Problem in mehrfacher Hinsicht erst aufgegeben ist:
Zum einen scheint dem menschlichen Glücksstreben eine gleichsam urwüchsige motivationale und geschehensimmanente Virulenz zu besitzen, die einen Geltungsanspruch ganz eigener Art gegenüber allen "nachgetragenen" moraltheoretischen Begründungen nicht nur vertreten kann, sondern vielmehr gar nicht vertreten muß: Glückserfahrung braucht keinen Richter. Zum anderen ergeben sich auch innerhalb einer Moraltheorie, die von dieser individuellen Autonomie des Glücksstrebens weiß und sie affirmativ behandelt, divergierende Konsequenzen: Erkennt sie sie an, ist sie gezwungen, ihre normativen Ansprüche zu relativieren. Infolgedessen gibt sie aber ein wichtiges Instrument aus der Hand, genau dieses von ihr als gewollt und erhaltenswert erkannte Gut auch entsprechend - nämlich normativ - zu vertreten.
Der Konflikt zwischen Glück und Moral ist also ein doppelter:
Nicht nur geht potentiell Moral auf Kosten des Glücks, Glück auf Kosten der Moral, schränken sich also beide gegenseitig ein. Auch leidet die Konsistenz einer jeder der beiden Komponenten in sich durch das Vorhandensein der anderen.
Seels Versuch oszilliert dementsprechend auch zwischen dem identitätsorientierten antiken Entwurf Platons und dem auf "Einheit ohne Identität" zielenden Konzept Kants. Zum "Inbegriff der Moral" erhebt aber Seel im Gegensatz zu Kants transzendentalem Ansatz nicht "die Idee einer Auflösung des Konflikts zwischen Glück und Moral" , sondern gerade die Existenz dieses Konflikts.
Mit großer Umsicht entfaltet Seel eine Analyse, in der er im Sinne eines Bestehens dieses Konflikts nach formalen Kriterien sucht, die es für das Individuum plausibel machen sollen, sich in die unauflösliche Spannung zwischen Glück und Moral zu begeben und sie auszuhalten. Der Konflikt selbst sowie die auf ihn gerichtete Lebensweise der Individuen wird dabei nicht rein teleologisch als durch die Natur vorgegebene, einzig vorhandene Existenzoption verstanden; angestrebt wird vielmehr ein begriffliches Verständnis eines "Spielraums eines weltoffen selbstbestimmten Lebens" , das nicht von seinem Ende her als gelungen, sondern im und durch richtig verstandenen prozessualen Vollzug als "gelingend" betrachtet werden kann. "Glück" wird in diesem Programm nicht im Sinne von erreichten oder angestrebten Zielen nebst zugehörigen materialen Bestimmungen verstanden, sondern in Hinsicht auf das Auftauchen des Glücksbegriffs in der Moral auf seinen reflexiven Status hin befragt. Die Kernthese lautet: "Der formale Begriff des Guten nämlich gibt an, in welcher Hinsicht wir unser Handeln als moralische Subjekte allgemein müssen rechtfertigen können. (...) Ein formaler Begriff des Guten ist der materiale Kern einer universalistischen Moral."
Ausschlaggebend für die vorliegende Arbeit ist nun der Anspruch, den Seel an einen solch formalen Begriff des Guten legt: Er solle "nicht schon moralisch umgrenzt" sein.
Der Tribut, den Seel an Kant entrichtet, besteht darin, die Anerkennung des Glücksstrebens der anderen als Niederschlag des moralisch guten Willens grundsätzlich zu betonen. Dem ethischen Formalismus Kants hingegen will Seel nun paradoxerweise dadurch überschreiten, daß er den inhaltlichen "Bezugspunkt dieser Begründung (der moralischen Einstellung über die Art der Rechtfertigung von Handlungsnormen und ihrer Anwendung; Anm. von mir)" selbst noch einer formalen Bestimmung unterzieht. Im späteren Verlauf dieser Arbeit wird daher zu fragen sein, ob diese Vorgehensweise Seels (die alsbald die "Selbstbestimmung", wenn auch nicht explizit "moralische Selbstbestimmung" zur zentralen Lebenspraxis erhebt) möglicherweise zu einer solchen internalistischen Moralauffassung führt, die schon Kant zur Lösung des ethischen Dilemmas (vgl. Anm. 3) in Gestalt eines metaphysischen Dualismus angeboten hatte, und von der Krämer feststellt: "In Kants Konstruktion kommt entweder das Sollen oder das Wollen zu kurz. Nimmt man den Gedanken der Selbstbestimmung ernst, dann läuft das (unbedingte) Sollen leer, nimmt man das unbedingte Sollen als Grunddatum, dann wird Selbstbestimmung fiktiv oder unter der Hand in eine metaphysische Fremdbestimmung verkehrt. Die Fehlerquelle liegt darin, daß die Vorstellung einer kategorischen Selbstverpflichtung widersprüchlich und illusorisch ist."
Doch um die moralinternen Konsequenzen kann es erst gehen, wenn die Auswirkungen der formalen Bestimmungsweise auf den zu behandelnden Konflikt zwischen Glück und Moral festgestellt sein werden...
Seel versucht den alten Konflikt neu zu denken, indem er Einschränkungen [...]
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