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Lessings Toleranzgedanke am Beispiel seines dramatischen Gedichtes 'Nathan der Weise'

Hauptseminararbeit, 2004, 35 Seiten
Autor: Susan Grüßner
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2004
Seiten: 35
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 24  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V40679
ISBN (E-Book): 978-3-638-39135-1
ISBN (Buch): 978-3-640-20348-2
Dateigröße: 369 KB

Zusammenfassung / Abstract

Die Frage, was unter Toleranz zu verstehen ist und bis zu welchen Grenzen sie reicht, hat bis zum heutigen Zeitpunkt an Aktualität nicht verloren. Eine Toleranzdiskussion ist in Deutschland besonders seit der durch Luther 1517 ausgelösten Reformation, die zur religiösen Spaltung Deutschlands führte, immer wieder aufgekommen: Der Kampf erst um religiöse Neugestaltung, dann auch um nationale Interessen erreichte im Dreißigjährigen Krieg, der in Deutschland Formen eines Bürgerkrieges annahm, seinen Höhepunkt. Erst mit Beendigung dieses Krieges kam es durch die Vereinbarungen im Westfälischen Frieden zur Rechtsgleichheit der verschiedenen Religionen (Katholiken, Lutheraner und Reformierte). Eine rechtliche Gleichstellung nichtchristlicher Religionen – von sozialer Gleichstellung ganz zu schweigen - war ein Jahrhundert später zu Lessings Zeit nicht vorgesehen, wie es in dem Drama Die Juden zum Ausdruck kommt. Immer noch, besonders aber seit den Terroranschlägen in den USA spielt der Gegensatz zwischen einer „fundamentalistischen“ und einer „toleranten“ Religion oder Kultur in der öffentlichen Diskussion wieder eine große Rolle. Doch schon in den vergangenen Jahren ist der Begriff der Toleranz allgegenwärtig gewesen. In der vorliegenden Arbeit soll es um die Toleranzauffassung Gotthold Ephraim Lessings gehen, welche an seinem dramatischen Gedicht Nathan der Weise explizit gemacht werden soll. Anhand Lessings Nathan der Weise und sein Verständnis von Wahrheit sowie seine Einstellung zur Reli-gion möchte ich Lessings Toleranzidee herausarbeiten. Dabei soll Lessings Umgang mit Sprache zeigen, inwieweit diese zu Toleranz und Humanität erziehen kann. „In der Tat ist Nathan der Weise, es zählt dies zur einhelligen communis opinio der Forschung, jenes Werk Lessings, in dem dieser wie in keinem anderen seiner Dramen konsequent die Grenzen und Möglichkeiten von Bildung und Umbildung des Individuums unter dem Aspekt der Befriedung von Gewalt und der Erzeugbarkeit von Toleranz reflektiert.“ Letztendlich geht es mir darum, deutlich zu machen, dass sich das Toleranzverständnis Lessings nicht mit dem des 18. Jahrhunderts deckt.


Textauszug (computergeneriert)

Lessings Toleranzgedanke am Beispiel seines
dramatischen Gedichtes „Nathan der Weise“

von: Susan Grüßner

6. Fachsemester

 


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung  3

2 Der Begriff Toleranz zu Lessings Zeiten 4

3 Nathan der Weise  6

3.1 Verständigung - Sprache der Toleranz 6

3.1.1 Der widerspenstigen Zähmung des Tempelherrn  7
3.1.2 Saladin und die Frage nach der wahren Religion 12
3.1.3 Recha und der Glaube an wahre Wunder  17
3.1.4 Teilzusammenfassung 20
3.1.5 Der Patriarch – Intoleranz in Person 21
3.1.6 Die „gute böse Daja“  23
3.1.7 Teilzusammenfassung 24

3.2 Wahrheitsbesitz vs. Wahrheitssuche 25

4 Lessings Toleranzbegriff 27

5 Zusammenfassung  30

Literaturverzeichnis  34


 

1 Einleitung

Die Frage, was unter Toleranz zu verstehen ist und bis zu welchen Grenzen sie reicht, hat bis zum heutigen Zeitpunkt an Aktualität nicht verloren. Eine Toleranzdiskussion ist in Deutschland besonders seit der durch Luther 1517 ausgelösten Reformation, die zur religiösen Spaltung Deutschlands führte, immer wieder aufgekommen: Der Kampf – erst um religiöse Neugestaltung, dann auch um nationale Interessen – erreichte im Dreißigjährigen Krieg, der in Deutschland Formen eines Bürgerkrieges annahm, seinen Höhepunkt. Erst mit Beendigung dieses Krieges kam es durch die Vereinbarungen im Westfälischen Frieden zur Rechtsgleichheit der verschiedenen Religionen (Katholiken, Lutheraner und Reformierte). Eine rechtliche Gleichstellung nichtchristlicher Religionen – von sozialer Gleichstellung ganz zu schweigen - war ein Jahrhundert später zu Lessings Zeit nicht vorgesehen, wie es in dem Drama Die Juden zum Ausdruck kommt.

Immer noch, besonders aber seit den Terroranschlägen in den USA spielt der Gegensatz zwischen einer „fundamentalistischen“ und einer „toleranten“ Religion oder Kultur in der öffentlichen Diskussion wieder eine große Rolle. Doch schon in den vergangenen Jahren ist der Begriff der Toleranz allgegenwärtig gewesen. Man denke nur an die Auseinandersetzungen über das Kruzifix, das Kopftuch einer Lehramtsanwärterin, die Homo-Ehe, den Begriff der „Leitkultur“, die Fragen von Integration und Einwanderung oder das beantragte NPD-Verbot im Kontext der Reaktionen auf rechtsextreme Gewalttaten. So gegensätzlich die dabei vertretenen Positionen auch sein mögen, so einhellig bekunden doch alle Beteiligten, dass es ihnen um die Schaffung einer politischen „Kultur der Toleranz“ gehe.

In der vorliegenden Arbeit soll es um die Toleranzauffassung Gotthold Ephraim Lessings gehen, welche an seinem dramatischen Gedicht Nathan der Weise explizit gemacht werden soll. Anhand Lessings Nathan der Weise und sein Verständnis von Wahrheit sowie seine Einstellung zur Religion möchte ich Lessings Toleranzidee herausarbeiten. Dabei soll Lessings Umgang mit Sprache zeigen, inwieweit diese zu Toleranz und Humanität erziehen kann. „In der Tat ist Nathan der Weise, es zählt dies zur einhelligen communis opinio der Forschung, jenes Werk Lessings, in dem dieser wie in keinem anderen seiner Dramen konsequent die Grenzen und Möglichkeiten von Bildung und Umbildung des Individuums unter dem Aspekt der Befriedung von Gewalt und der Erzeugbarkeit von Toleranz reflektiert.“1 Letztendlich geht es mir darum, deutlich zu machen, dass sich das Toleranzverständnis Lessings nicht mit dem des 18. Jahrhunderts deckt.

2 Der Begriff Toleranz zu Lessings Zeiten

Der Begriff Toleranz wird aus dem lateinischen Wort „tolerare“, was mit Ertragen, Erdulden, Geduld oder Duldsamkeit übersetzt werden kann, entlehnt.2 Es hat zunächst und ursprünglich den Sinn der religiösen Duldsamkeit, des Duldens andersartiger Glaubensbekenntnisse, Gottesdienste und Glaubensbezeugungen durch die Herrschenden. Im Laufe der Geschichte taucht das Wort zuerst bei den antiken Philosophen, namentlich den Stoikern, dann in der aus gehenden Antike im Toleranzedikt von 313 n. Chr. von Mailand auf, in dem „eine Gleichstellung der christl. Religion im Sinne einer der Einheit des Röm. Reiches nachgeordneten Duldungsbereitschaft gegenüber Fremdreligionen erreicht und damit zugleich eine formale Intoleranz [Position, die den Glauben und die Religion anderer nicht respektiert, S. G.] , wie sie in der Christenverfolgung ihren Ausdruck fand, beendet“ wurde.3

In der Mitte des 18. Jahrhunderts verstand man unter dem Begriff Toleranz das Zulassen anderer Religionen neben der christlichen Religion. Das Zusammenleben realisierte sich im Alltag durch ein friedliches Nebeneinander. Aus der Sicht des Christen bleibt aber ihr Glaube, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, unangefochten, der Andersgläubige dagegen irrt in seinem Glauben. Trotzdem gebieten Liebe und Erbarmen, also Karitas friedlich miteinander umzugehen und nicht durch Konfrontation, sondern durch ein Aufeinanderzugehen, mit „Sanftmut und Bescheidenheit“ den Andersgläubigen von seinem Irrtum zu überzeugen. 4 Besonders das Grosse vollständige Universal-Lexikon (1745) von Johann Heinrich ZEDLER gibt darüber Auskunft: ‚Wir verstehen aber allhier durch die Tolerantz nichts anderes, als dass man äußerlich im gemeinen Leben friedlich miteinander umzugehen suchet, einander die Pflichten des Rechts der Natur nicht versaget, und auf den Cantzeln und in den Schriften die vorgegebene irrige Meynung mit aller Sanfftmuth widerleget, und also einander, mit Vernunfft und Bescheidenheit eines besseren zu belehren bemüht ist. [...] Der Grund der Tolerantz, so man den Irr-Gläubigen angedeyhen lässet, muß in der allgemeinen Liebe und Erbarmung liegen, und der Zweck derselben bloß dieser seyn, dass sie den irrenden Nächsten von dem Irrthum seines Weges nach und nach unter dem Segen Gottes zu überzeugen suchet, wozu sie theils alle Evangelische Mittel, doch ohne Lessings Toleranzgedanke am Beispiel seines dramatischen Gedichtes „Nathan der Weise“ Zwang anwendet, theils die Hindernisse aus dem Wege räumet, und der Wahrheit Platz machet.’ Dieses Verständnis von Toleranz wird von Immanuel KANT (1724 – 1804) in seinem Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung (1784) abgelehnt. Er weist darauf hin, dass das Verhalten eines Fürsten, der den Menschen in Bezug auf ihre Religion keinerlei Vorschriften macht, weit mehr beinhaltet - und dieses „mehr“ wird im Folgenden zu spezifizieren sein - als man im 18. Jahrhundert im Allgemeinen unter dem Begriff Toleranz verstand: „Ein Fürst, der es seiner nicht unwürdig findet, zu sagen: dass er es für ’Pflicht’ halte, in Religionsdingen den Menschen nichts vorzuschreiben, sondern ihnen darin volle Freiheit zu lassen, der also selbst den hochmütigen Namen der ’Toleranz’ von sich ablehnt, ist selbst aufgeklärt [...].“6 Auf der Grundlage dieser beiden ausgewählten Beispiele lässt sich der Toleranzbegriff im 18. Jahrhundert wie folgt beschreiben:

Die Handlungsweise, die durch den Begriff Toleranz bezeichnet wird, kann mit einem anderen Wort bezeichnet werden, und zwar mit dem Begriff Duldung. D. h., die Religion des Andersgläubigen wird geduldet, obwohl der christliche Missionsauftrag weiterhin Gültigkeit hat. Wie aus dem Lexikoneintrag von ZEDLER hervorgeht, geht der Christ davon aus, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, was ihm das Gefühl verleiht, auf einer höheren Stufe zu stehen. Das gleichberechtigte Miteinander einer religiös gemischten Gesellschaft ist damit von vornherein ausgeschlossen. Mit anderen Worten: Der Duldende lässt sich zu einem Andersgläubigen herab und behandelt ihn, den Irrenden, herablassend. Die Toleranz basiert somit auf einer Hierarchiestruktur, die so lange bestehen bleibt, solange beide Seiten aus dieser Struktur einen Vorteil ziehen können. Toleranz erscheint hierbei als ein Gewährenlassen:

„Duldung in der Überzeugung, daß, was immer der Glaube des anderen sein mag, er doch keine Relevanz hat für den, der Toleranz übt, weder für den Staatsmann noch für den Gläub igen. Beide können Toleranz üben, weil ihre eigene Position nicht in Frage steht, und es geht beiden um nur äußerliche Anerkennung, nicht um eine innere Auseinandersetzung, die das Infragestellen der eigenen Position einschließen müßte.“7 D.h., der Duldende lässt zwar das Andere gelten, weiß es aber selbst besser. Dabei ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die Duldung nur solange stattfindet, solange der Machtbereich des Duldenden nicht eingeschränkt wird und solange andere Interessen keinen Vorrang haben.8

[...]


1 Müller Nielaba, D.: Die Wendung zum Besseren. Zur Aufklärung der Toleranz in Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise. Würzburg 2000, S. 11.

2 vgl. Der Brockhaus. Die Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden. 19. völlig neubearbeitete Aufl. Band 20: TEP - UR. Mannheim 1993, S. 266f.

3 ebenda, S. 267.

4 Desch, J.: Taktische und praktische Toleranz: Lessings Haltung zur Wahrheit des Glaubens. In: Freimark, P.; u.a. (Hrsg): Lessing und die Toleranz: in Hamburg vom 27. bis 29. Juni 1985. Sonderband zum Lessing yearbook. Detroit 1986 (Beiträge der internationalen Konferenz der Lessing Society; 4), S. 159.

5 zit. nach: Desch, S. 159.

6 Kant zit. bei: Bahr, E.: Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen. Stuttgart 1964. Bibliographisch ergänzte Ausgabe 1996. (Reclam UB 9714), S. 15 f.

7 Desch, S. 159.

8 vgl. ebenda, S. 158-173.


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