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"Goya" - der Schlüsselroman zum Kunst- und Literaturverständnis Lion Feuchtwangers?

Examination Thesis, 2005, 85 Pages
Author: Malte Oetjen
Subject: German Studies - Literature of History, Eras

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2005
Pages: 85
Grade: 1
Bibliography: ~ 35  Entries
Language: German
Archive No.: V40793
ISBN (E-book): 978-3-638-39221-1
ISBN (Book): 978-3-638-72133-2
File size: 378 KB

Abstract

Einleitung Oftmals sei das Urteil über gegenwärtige Kunst von verzweifelter Unsicherheit geprägt2, so Hans-Georg Gadamer in »Wahrheit und Methode«. Der Abstand der Zeit, so führt er aus, sei hingegen als eine produktive und hilfreiche Bedingung anzusehen, wenn es gelte, ein angemessenes Verständnis von literarischen Texten oder, ganz allgemein gesprochen, überhaupt von Kunstwerken zu entwickeln. Denn nur dem geschichtlich entrückten Kunstgegenstand vermögen wir bei der Beurteilung seiner Bedeutung mit einem höheren Maß an Sicherheit zu begegnen, und zwar deshalb, weil wir durch den Abstand der Zeit freier würden von unkontrollierbaren Vorurteilen3, die uns in der Auseinandersetzung mit gegenwärtiger Kunst im Moment „[...] viel zu sehr einnehmen, als daß wir sie wissen [...]“4 und erkennen könnten. Daher seien wir bei der Beurteilung von gegenwärtiger Kunst auch nicht in der Lage, die mögliche Berechtigung und eventuelle Gültigkeit unserer zeitlich und damit jeweils geschichtlich bedingten Vorurteile, die unser Bemühen um ein adäquates Verständnis von Kunst und ihrer Bedeutung immer unbewußt mitbestimmen, durch kritisches Hinterfragen auf die Probe zu stellen. Statt dessen würden wir sie im Verstehensprozeß von gegenwärtiger Kunst vielmehr unbewußt applizieren und könnten sie folglich in ihrer Wirkung, wo eigentlich notwendig, auch nicht suspendieren. Dies habe jedoch zur Folge, so Gadamer, daß wir die Bedeutung des aktuellen Kunstwerkes nur sehr schwer, wenn überhaupt, angemessen erfassen könnten, weil sie eben oftmals erst gar nicht die Möglichkeit erhielte, sich von unseren Vorurteilen abzuheben. Nun zählt das Romanwerk Lion Feuchtwangers (*München 1884, † Kalifornien, USA 1958) ganz gewiß nicht zur gegenwärtigen Literatur. Statt dessen gehört es überwiegend zu jenem speziellen Abschnitt der deutschsprachigen Literaturgeschichte, dem man das Schrifttum derer zuordnet, die nach der Machtübernahme Hitlers, dem Reichstagsbrand und der Bücherverbrennung vor politischer oder rassistischer Verfolgung aus Deutschland flohen und deren Werke deshalb zwischen 1933 und 1945 – aber auch noch danach – im Ausland, im Exil entstanden. Doch obwohl die Werke der deutschen Exilliteratur damit einer literaturgeschichtlichen Epoche angehören, die schon geraume Zeit zurückliegt, ist der Umgang mit ihnen nicht ganz unproblematisch. [...]


Excerpt (computer-generated)

Schriftliche Examensarbeit im Rahmen der 1. Staatsprüfung
für das Lehramt an öffentlichen Schulen
Prüfungsgegenstand Deutsch

»Goya« – der Schlüsselroman
zum Kunst- und Literaturverständnis
Lion Feuchtwangers?

vorgelegt von

Malte Oetjen

Abgabedatum: 21.01.2005

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 1

2. Bedingungen für die Rezeption Feuchtwangers nach 1945 ... 4

2.1. Innere und äußere Emigration – diese Kontroverse triff auch Feuchtwanger ... 5

2.2. Die Kulturpolitik der Besatzungsmächte – ein weiterer Grund für Feuchtwangers positive Aufnahme im Osten und seine Ablehnung im Westen Deutschlands ... 7

2.3. »Moskau 1937« – auch kleine Bücher machen Schicksale ... 13

2.4. Der Autor von »Waffen für Amerika« und Verehrer Franklins vor dem McCarthy-Ausschuß in den USA ... 21

2.5. »Die Jüdin von Toledo« im Umfeld der Wiederbewaffnung und als Absage an die Gewalt ... 24

2.6. Tendenzen der Feuchtwanger-Rezeption in Ost- und in Westdeutschland ... 28

3. Herleitung der Fragestellung ... 37

3.1. Goya, ein Künstler unter vielen in Feuchtwangers Werk ... 38

3.2. Jacques Tüverlins und Sepp Trautweins Entwicklung ... 39

3.3. »Goya oder Kunst und Politik ... 42

3.4. In »Erfolg« wird Goyas Entwicklung vom „Nur-Künstler“ zum Künstler (andeutungsweise) vorweggenommen ... 42

3.5. Lion Feuchtwanger und der Ästhetizismus der Décadents ... 45

3.6. »Goya« – Feuchtwangers Antwort auf die Frage: Wie muß Kunst beschaffen sein, um verändernd auf die Gesellschaft wirken zu können? ... 47

4. Goya macht sich auf den Weg der Erkenntnis ... 48

4.1. »Goya« im Kontext der Revolutionstrilogie ... 48

4.2. Erzählperspektive ... 51

4.3. Das historische Umfeld des »Goya«-Romans ... 52

4.4. Goyas Weg vom Hofmaler zum Kritiker gesellschaftlicher Verhältnisse ... 67

5. Zusammenfassung ... 77

6. Literaturverzeichnis ... 80

6.1. Textgrundlagen ... 80

6.2. Sekundärliteratur ... 80

 

»Goya« – der Schlüsselroman zum Kunst- und Literaturverständnis Lion Feuchtwangers?
Oder:
„Künstlerische Begabung, mit politischer Leidenschaft vereint, könnte das Höchste erzielen, was der Mensch zu erreichen vermag.“1

 

1. Einleitung

Oftmals sei das Urteil über gegenwärtige Kunst von verzweifelter Unsicherheit geprägt2, so Hans-Georg Gadamer in »Wahrheit und Methode«. Der Abstand der Zeit, so führt er aus, sei hingegen als eine produktive und hilfreiche Bedingung anzusehen, wenn es gelte, ein angemessenes Verständnis von literarischen Texten oder, ganz allgemein gesprochen, überhaupt von Kunstwerken zu entwickeln. Denn nur dem geschichtlich entrückten Kunstgegenstand vermögen wir bei der Beurteilung seiner Bedeutung mit einem höheren Maß an Sicherheit zu begegnen, und zwar deshalb, weil wir durch den Abstand der Zeit freier würden von unkontrollierbaren Vorurteilen3, die uns in der Auseinandersetzung mit gegenwärtiger Kunst im Moment „[...] viel zu sehr einnehmen, als daß wir sie wissen [...]“4 und erkennen könnten. Daher seien wir bei der Beurteilung von gegenwärtiger Kunst auch nicht in der Lage, die mögliche Berechtigung und eventuelle Gültigkeit unserer zeitlich und damit jeweils geschichtlich bedingten Vorurteile, die unser Bemühen um ein adäquates Verständnis von Kunst und ihrer Bedeutung immer unbewußt mitbestimmen, durch kritisches Hinterfragen auf die Probe zu stellen. Statt dessen würden wir sie im Verstehensprozeß von gegenwärtiger Kunst vielmehr unbewußt applizieren und könnten sie folglich in ihrer Wirkung, wo eigentlich notwendig, auch nicht suspendieren. Dies habe jedoch zur Folge, so Gadamer, daß wir die Bedeutung des aktuellen Kunstwerkes nur sehr schwer, wenn überhaupt, angemessen erfassen könnten, weil sie eben oftmals erst gar nicht die Möglichkeit erhielte, sich von unseren Vorurteilen abzuheben.

Nun zählt das Romanwerk Lion Feuchtwangers (*München 1884, † Kalifornien, USA 1958) ganz gewiß nicht zur gegenwärtigen Literatur. Statt dessen gehört es überwiegend zu jenem speziellen Abschnitt der deutschsprachigen Literaturgeschichte, dem man das Schrifttum derer zuordnet, die nach der Machtübernahme Hitlers, dem Reichstagsbrand und der Bücherverbrennung vor politischer oder rassistischer Verfolgung aus Deutschland flohen und deren Werke deshalb zwischen 1933 und 1945 – aber auch noch danach – im Ausland, im Exil entstanden. Doch obwohl die Werke der deutschen Exilliteratur damit einer literaturgeschichtlichen Epoche angehören, die schon geraume Zeit zurückliegt, ist der Umgang mit ihnen nicht ganz unproblematisch. Schließlich ist die historische Distanz zu diesen Werken nicht so groß, als daß man behaupten könnte, wir liefen nun nicht mehr so schnell Gefahr, den geschichtlich bedingten Vorurteilen, die in den Verstehensprozeß dieser Werke und deren noch relativ junger Wirkungsgeschichte mit eingegangen sind, unbewußt zu erliegen.

Ferner ist die Auseinandersetzung mit dieser Literatur aber auch aus anderen Gründen, die mit ihrer Eigenart selber zusammenhängen, schon immer in besonderer Weise von Vorurteilen beherrscht gewesen. Denn bei aller Diversität und Reichhaltigkeit in künstlerischer, aber auch in politischer Hinsicht, die innerhalb der großen und sehr heterogenen Gruppe der deutschsprachigen Exilautoren herrschte, so läßt sich von den Autoren dieser Gruppe eines vielleicht mit einem gewissen Anspruch auf Allgemeingültigkeit sagen: Es waren Autoren, die ihr literarisches Schaffen zwar nicht ausschließlich, aber in bedeutendem Maße mit politischen Wirkungsabsichten verbanden und es in vielen Fällen als Ausdruck ihres Kampfes gegen den Faschismus in Deutschland verstanden. Allerdings blieb die Wirkung der Exilliteratur im Kampf gegen den Faschismus weitestgehend aus. Schließlich war der deutschsprachige Raum seit spätestens 1939 nahezu vollkommen abgeriegelt, und es gab ausgeklügelte und effektive Mechanismen, mit denen es die Nationalsozialisten zu verhindern wußten, daß irgendwelches Schrifttum in größerem Umfang unkontrolliert ins Deutsche Reich hineingelangen konnte. Infolgedessen fanden die Werke der Exilautoren auch kaum den Weg zu jenen Lesern, für die sie eigentlich und ursprünglich gedacht waren.

Nach der Teilung Deutschlands und der Gründung der beiden deutschen Staaten reagierte man in der DDR und in der Bundesrepublik dann sehr unterschiedlich auf die bis dahin nahezu unbekannten Werke der Exilautoren. Im Zuge der Systemkonfrontation zwischen Ost und West fand die allmählich und nur zögerlich beginnende Aneignung dieser Literatur, die ja aufgrund ihrer Entstehungsbedingungen ohnehin sehr stark mit politischen Gehalten aufgeladen war und sich auch schon deshalb leicht für ideologische Auseinandersetzungen mißbrauchen ließ, in einem politischen Umfeld und Klima statt, das eine unvoreingenomme Auseinandersetzung mit ihr für lange Zeit verhinderte. Statt dessen bestimmten scheinbar vielmehr außerliterarische und im weitesten Sinne ideologisch geprägte Kriterien die Rezeption der Exilliteratur.5 Aus diesem Grund kommt der Rezeptionsgeschichte dieser Literatur aber auch eine besondere Bedeutung zu: Denn es gilt, sie im besonderen Maße als eine Möglichkeit zu betrachten, die uns im Sinne einer kritischen Selbstaufklärung der Gegenwart helfen kann, zu erkennen, wie und unter welchen Bedingungen in der Geschichte jene Urteile über die Exilliteratur zustande gekommen sind, die noch immer und zum größten Teil unbewußt unser gegenwärtiges Verständnis von ihr bewirken. Insofern ist es der Eigenart des zu untersuchenden Gegenstandes geschuldet, daß es im Sinne eines hermeneutischen Verfahrens zunächst einmal sehr sinnvoll ist, sich die Wirkungsgeschichte und die Faktoren zu vergegenwärtigen, unter denen die Auseinandersetzung mit Lion Feuchtwangers Werk als Bestandteil der Exilliteratur nach 1945 stattfand. Denn wenn „[...] wir aus der für unsere hermeneutische Situation im ganzen bestimmenden historischen Distanz eine historische Erscheinung zu verstehen suchen, unterliegen wir immer bereits der Wirkung der Wirkungsgeschichte“6. Und nur wenn wir sie kennen, besser gesagt, zumindest versuchen, uns einen Eindruck von ihr zu verschaffen, können wir die Gefahr verringern, daß wir tradierte Vorurteile im Verstehensprozeß unbewußt applizieren, anstatt sie ins Bewußtsein zu heben und auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Insofern ist es aus methodischen Gründen vielleicht erlaubt, die eigentliche Fragestellung dieser Arbeit für eine Weile zurückzustellen, um sich den Bedingungen zuwenden zu können, unter denen Lion Feuchtwangers Werk als Bestandteil der Exilliteratur rezipiert wurde.

2. Bedingungen für die Rezeption Feuchtwangers nach 1945

Lange Zeit wurde das Werk des deutsch-jüdischen Autors Lion Feuchtwanger von den Kritikern in der Bundesrepublik gemieden, stieß es auf Ablehnung und lief Gefahr, vergessen zu werden. Damit war Lion Feuchtwanger gewiß kein Einzelfall. Zahlreichen Autoren, beispielsweise Alfred Döblin, Heinrich Mann und Leonhard Frank, um nur einige wenige zu nennen, die den Greueltaten der Nationalsozialisten genauso wie Lion Feuchtwanger nur dadurch entgangen waren, daß sie nach der »Machtergreifung« Hitlers ins Exil flohen, war man unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht sehr wohlgesonnen, zumindest nicht in den Zonen der westlichen Besatzungsmächte. Häufig wurden hier all jene, die versucht hatten, während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft mit ihren schriftstellerischen Werken aus dem Exil nach Deutschland hinein und eindeutig gegen den Nationalsozialismus zu wirken, nahezu angefeindet. Die Bezeichnung ‚Emigrantenliteratur’, mit der man damals das Werk der Exilautoren unpassenderweise zu bezeichnen pflegte, hatte im Westen Deutschlands und in der späteren Bundesrepublik in jedem Fall eine stark abwertende Bedeutung 7. Und es schien sich in diesem Zusammenhang zu bewahrheiten, was Thomas Mann über sich selber und seinesgleichen in der Ansprache zum Goethejahr ausführte, nämlich daß „[...] der Emigrant in Deutschland wenig gilt, – er hat noch nie viel gegolten in einem von politischen Abenteuern heimgesuchten Land“8.

[...]


1 »Goya«, S. 76.

2 Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. S. 302.

3 Anmerkung: Gadamer möchte den Begriff des Vorurteils nicht in seiner negativen Bedeutung, die ihm heutzutage anhaftet, verstanden wissen. Statt dessen gebraucht er den Begriff des Vorurteils im Sinne eines Urteils, „[...] das vor der endgültigen Prüfung aller sachlich bestimmenden Momente gefällt wird [...]“ und insofern die Möglichkeit einer positiven wie negativen Entscheidung in sich noch zusammenfaßt. Eine etwaige Entscheidung wird somit noch nicht herbeigeführt, sondern zunächst einmal nur in die Schwebe gebracht. Vgl. hierzu ebd. S. 275. Der Begriff des Vorurteils im weiteren Sinne bezeichnet bei Gadamer aber auch das jeweilige Sachverständnis, mit dem der Rezipient dem Text gegenübertritt und das entscheidend für vorerst hypothetische Sinnkonstruktion ist. Vgl. hierzu ebd. 272–273.

4 Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. S. 302–303.

5 Vgl. Vorwort des Herausgebers. In: Deutsche Literatur im Exil 1933–1944. Hrsg. v. Michael Winkler. Stuttgart: Philipp Reclam 1995. S. 10.

6 Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. S. 305–306.

7 Vgl. hierzu: Mathias Schmitz: Nur für die Massen, aber für die Kenner? Zur Feuchtwanger-Forschung und -Rezeption in der DDR und BRD nach 1945. In: Diskussion Deutsch. 15. Jahrgang 1984. S. 591: „Die Ignoranz, mit der Feuchtwanger [...] im Nachkriegsdeutschland der Westzonen und späteren BRD als Teil der abschätzig so genannten ‚Emigrantenliteratur’ behandelt wurde [...].“

8 Thomas Mann: Ansprache zum Goethejahr 1949. In: Thomas Mann: Werke. Das Essayistische Werk. Taschenbuchausgabe in acht Bänden. Hrsg. v. Hans Buergin. Frankfurt a. M. u. Hamburg: Fischer Bücherei 1968. S. 310.


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