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Autor: Georgi Iliev
Fach: Politik - Int. Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit
Details
Tags: Persistenz, Gewaltökonomien, Konflikten, Mechanismen, Ablaufdynamiken
Jahr: 2005
Seiten: 100
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 128 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 305 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-39533-5
Textauszug (computergeneriert)
Die Persistenz von Gewaltökonomien in
innerstaatlichen Konflikten: Mechanismen und Ablaufdynamiken
Diplomarbeit
Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften
Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
von
Georgi Iliev
Bearbeitungszeitraum: 10. Januar 2005 bis 10. Mai 2005
Berlin, Mai 2005
Kurzfassung
Gegenstand der hier vorgestellten Arbeit ist die Untersuchung der Mechanismen und Prozessdynamiken, die zur Persistenz von Gewaltökonomien in innerstaatlichen Konflikten führen. Gewaltökonomien sind nicht nur eine Reaktion auf verschärfte Bedingungen der Finanzierung militärischer Gewalt, sondern setzen eine Eigendynamik frei, die maßgeblich zur ihrer Selbst-Perpetuierung führt. Durch die Analyse der Funktionsweisen und Auswirkungen von aktuellen Gewaltökonomien auf die Interessen und Handlungen von Gewaltakteuren sowie auf sozioökonomische Rahmenbedingungen wird in dieser Arbeit dargelegt, dass die Eigendynamik dieser gewaltgesteuerten Wirtschaftskreisläufe erstens zur Überlagerung der langfristigen politischen Motive der Akteure durch kurzfristige ökonomische Bereicherungsstrategien führen, was die involvierten Akteure zur Fortführung des Konflikts und Aufrechterhaltung und Verstetigung der Gewaltökonomie veranlasst und zweitens aufgrund des der Gewaltökonomie eigenen sozioökonomischen Integrationspotentials es zur Schaffung von persistenten Strukturen kommt, die konstitutiv für die Verstärkung der Eigendynamik von Gewaltökonomien sind.
Schlagwörter: Prozessdynamik, Staatszerfall, private Gewaltakteure, Gewaltökonomie, Eigendynamik
Abstract
This paper focuses on the analysis of mechanisms and internal dynamics that lead to the persistence of markets of violence in internal conflicts. Markets of violence are economic areas based upon violence, in which emerges a self-perpetuating economic system, which can remain stable over several decades. Markets of violence tend to selfreinforcing and autostabilization. From the perspective of the dominant actors in this system, immediate economic agendas become predominant over political motives. These economical agendas constitute vested interests in prolonging the conflict and stabilizing markets of violence. The continuation of the violence represents not so much the collapse of one system as the emergence of an alternative system. By large-scale societal integration, markets of violence develop into self-organising social systems. In such circumstances, the creation of persistent societal structures leads to the stabilization of markets of violence.
Keywords: Internal Dynamics, State-Failure, Non-State Actors, Markets of Violence, Self-Reinforcing Tendencies
Inhaltsverzeichnis
Kurzfassung ... 2
Abstract ... 2
Inhaltsverzeichnis ... 3
Abkürzungsverzeichnis ... 5
1 Einleitung ... 6
1.1 Wandel der Kriegsformen ... 6
1.2 Erklärungsansätze der Forschung ... 9
1.3 Fragestellung, zentrale Annahmen und Aufbau der Arbeit ...
2 Stand der Kriegsforschung ... 15
2.1 Staatszentriertheit der Kriegsforschung ... 15
2.2 Ursachenfixiertheit der Kriegsforschung ... 16
2.3 Entwicklung eines Analyserahmens ... 18
2.3.1 Grundannahmen des Konstruktivismus ... 19
2.3.2 Akteur-Struktur-Debatte ... 20
3 Die State Failure – Debatte ... 23
3.1 Die soziologische Staatstheorie nach Max Weber ... 24
3.2 Die Erosion staatlicher Herrschaft ... 26
3.2.1 Ursachen für Staatszerfall auf internationaler Ebene ... 26
3.2.1.1 Globalisierung ... 26
3.2.1.2 Dekolonisierung ... 26
3.2.1.3 Das Ende des Ost-West-Konflikts ... 28
3.2.2 Ursachen für Staatszerfall auf innerstaatlicher Ebene ... 30
3.2.2.1 Das koloniale Erbe ... 30
3.2.2.2 Akteurszentrierte Erklärungsmuster ... 31
3.2.3 Konzepte von Staatszerfall ... 33
3.2.3.1 Schwache Staaten ... 36
4 Private Gewaltakteure ... 38
4.1 Warlords ... 38
4.2 Rebellen ... 41
4.3 Organisierte Kriminalität ... 43
4.4 Vernetzung nichtstaatlicher Gewaltakteure ... 46
4.5 Motive privater Gewaltakteure ... 47
4.5.1 Greed versus Grievance ... 47
4.5.2 Greed & Grievance ...
5 Gewaltökonomien in innerstaatlichen Konflikten ... 54
5.1 Begriff und Charakteristika von Gewaltökonomien ... 54
5.2 Mechanismen und Dynamiken in innerstaatlichen Konflikten ... 56
5.2.1 Lokale Mechanismen ... 58
5.2.1.1 Extraktion von strategischen Rohstoffen und Bodenschätzen ... 58
5.2.1.2 Abschöpfung von Werten ... 60
5.2.1.3 Abschöpfung von Humankapital ... 61
5.2.2 Globale Mechanismen ... 63
5.2.2.1 Abschöpfung bzw. Besteuerung internationaler humanitärer Hilfe ... 63
5.2.2.2 Unterstützung aus der Diaspora ... 64
5.2.2.3 Anbindung an die Schattenglobalisierung ... 65
5.3 Gewaltökonomie und Konfliktdynamik ... 69
5.3.1 Konfliktphasen und Gewaltintensität ... 69
5.3.2 Ökonomische Strategien der Konfliktparteien ... 73
5.4 Zwischenergebnis - Gewaltökonomie als eigendynamischer Prozess ... 75
6 Gewaltökonomie als soziale Institution ... 80
6.1 Gewaltökonomie und Zerfall staatlicher Strukturen ... 80
6.1.1 Versagende Staaten ... 80
6.1.2 Gescheiterte Staaten ... 81
6.2 Fragmentierung der Konfliktparteien ... 82
6.3 Gewaltökonomie als alternatives Gesellschaftssystem ...
7 Abschließende Anmerkungen ... 87
8 Bibliographie ... 90
Abkürzungsverzeichnis
AFL = Armed Forces of Liberia
d.h. = das heißt
ECOMOG ECOWAS = Monitoring Group
ECOWAS = Economic Community of West African States
ELN = Ejercito de Liberacion Nacional
FARC = Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia
FPL = Fundacion Pais Libre
IWF = Internationaler Währungsfond
LAG = Liberian Agricultural Company
LIMCO = Liberia Mining Company
LTTE = Liberation Tigers of Tamil Eelam
NATO = North Atlantic Treaty Organisation
NPFL = National Patriotic Front of Liberia
OSLEG = Operation Sovereign Legitimacy
RENAMO = Resistencia Nacional Mocambicana
RUF = Revolutionary United Front
UNITA = Uniao Nacional para a Independencia Total de Angola
1 Einleitung
1.1 Wandel der Kriegsformen
Gewaltsame innerstaatliche Konflikte in der „Dritten Welt“1 sind keine Erscheinungen der 1990er Jahre. Doch erst im Zuge der dramatischen weltpolitischen Veränderungen, die durch den Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Ost-West-Gegensatzes eingeleitet wurden, haben veränderte Formen kriegerischer Gewalt in der Kriegsforschung ihren Platz in der Diskussion eingenommen.
Die Analyse des Kriegsgeschehens nach 1945 lässt auf markante Veränderungen schließen. Das auffälligste Ergebnis in der Entwicklung des internationalen Kriegsgeschehens ist der Anstieg der Zahl kriegerischer Konflikte.2 Seit einem halben Jahrhundert ist eine dramatische Zunahme der weltweiten Kriegsbelastung um durchschnittlich einen Krieg pro Jahr zu verzeichnen. Ein zweiter Befund betrifft die typologische Unterscheidung von Kriegen: während Kriege zwischen Staaten abnehmen, ist ein merklicher Anstieg von innerstaatlichen gewaltsamen Konflikten zu verzeichnen. Der Anteil zwischenstaatlicher Kriege nimmt stetig ab, so dass dieser Typus mit 6 Prozent im Jahr 2002 (AKUF 2002) einen unwesentlichen Anteil aufweist. Somit ist die dominante Form kriegerischer Auseinandersetzung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zu Beginn des21. Jahrhunderts der innerstaatliche Krieg und nicht der klassische zwischenstaatliche Krieg. Eine weitere Tendenz stellt die geographische Verteilung der Kriege dar. Das Kriegsgeschehen hat sich von den Zentren bürgerlich-kapitalistischer Welt in die Peripherien verlagert. Über 90 Prozent der Kriege nach 1945 fanden in Regionen der so genannten „Dritten Welt“ statt. (AKUF 2002) Ein vierter Befund betrifft die lange Dauer innerstaatlicher Kriege. Diese bewaffneten Konflikte dauern im Durchschnitt sechsmal so lange wie zwischenstaatliche Kriege. (Collmer 2003: 97)
Diese empirische Befunde verweisen auf das massive Auftreten eines Typus organisierter Gewalt, der nicht der klassischen althergebrachten Vorstellung entspricht. Berichte und Bilder aus den Konfliktregionen Afrikas, Asiens, des Kaukasus, des Nahen Ostens und des Balkans gingen um die Welt. Auch wenn die Geschehnisse vor Ort Spezifika hinsichtlich der Ereignisse, die zum Ausbruch bewaffneter Gewalt führten, aufweisen, so lässt sich aufgrund der Gemeinsamkeiten in ihrem Verlauf die These formulieren, dass es sich hier um ein neues Muster kollektiver gewaltförmiger Auseinandersetzungen handelt. Diese neuen Formen innerstaatlicher Gewalt werden in der Konfliktforschung diskutiert u.a. als „neue Kriege“ (Kaldor), „Privatkriege“ (Hobsbawm), „postnationale Kriege“ (Beck), „ethnopolitische Konflikte“ (Davies/Gurr) etc. Auch wenn teilweise unterschiedliche Terminologien verwendet werden und dabei nur Teilaspekte eines umfassenden Phänomens benannt werden, so machen die Analysen auf einen qualitativen Wandel des Gewaltproblems aufmerksam.
Im Unterschied zur Entwicklung „staatlicher“ Gewaltformen, die mit der Herausbildung und Konsolidierung des Staates seit dem Westfälischen Frieden in Beziehung stehen, deuten die „neuen“ Prozesse kollektiver Gewaltanwendung auf eine Veränderung der Strukturmuster und damit auf eine „Entstaatlichung“ des Krieges und eine damit einhergehende De-Institutionalisierung des Kriegsgeschehens hin. Gewalttätige Konfliktsituationen sind vor allem für die Länder der „Dritten Welt“ typisch, die sich tendenziell durch Staatsschwäche auszeichnen.
Vielfach wird in der Debatte behauptet, dass sich die neuen Kriege hinsichtlich der an ihnen beteiligten Gewaltakteure grundlegend vom alten Krieg unterscheiden. Dabei wird etwa von Eppler (2002), Kaldor (2000) und Münkler (2002) darauf verwiesen, dass für den neuen Krieg eine Privatisierung der Gewaltakteure typisch ist. Das heißt, dass sich im Vergleich zur alten Form des zwischenstaatlichen Krieges nicht „nur“ einige wenige zentral geführte Kampfverbände, sondern zahlreiche zumeist dezentral organisierte Kampfeinheiten wechselseitig bekriegen. Es wird in diesem Zusammenhang von Milizen, Clans, Warlords, Rebellen etc. gesprochen, wobei ihr Organisationsgrad eher als gering einzustufen ist. Damit ist auch unmittelbar die Schwierigkeit verbunden, dass es keine hinreichend klare Differenzierung zwischen den Konfliktparteien gibt.
Neben dem Wandel auf der Struktur- und Akteursebene lassen sich auch auf der Prozessebene bzw. bei der Ablaufdynamik systematische Veränderungen beobachten. Es ist eine allgemeine Brutalisierung des Kampfgeschehens zu vermerken. Ein Kennzeichen und Problem des Wandels ist die fehlende Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten. Die Zivilbevölkerung wird nicht nur häufig das Opfer der Kampfhandlungen sondern sogar bevorzugtes Ziel. Aufgrund dessen sind die Opferzahlen primär in der Zivilbevölkerung zu verorten. Dies ist Resultat systematischer Ausschreitungen. Massaker, Vertreibung und Flucht. Diese Taktik gehört zu den wesentlichen Charakteristika neuer Kriege.
Für diese Form kriegerischer Gewalt ist auch ihre besondere Intensität charakteristisch. Die Konfliktintensität ist meistens gering und zeichnet sich durch sich abwechselnde Phasen der Gewalteskalation und -deeskalation aus. Der zeitlich unregelmäßige Austrag der Kämpfe korrespondiert unmittelbar mit einer enormen Zerstörungskraft und vor allem mit der Verhärtung des Kriegsgeschehens, die in dessen Dauer zum Ausdruck kommt. In diesen Kriegen sind die Grenzen zwischen Krieg und Frieden meistens fließend. Vor diesem Hintergrund verliert das bekannte Axiom von Hugo Grotius, dass es zwischen Krieg und Frieden kein Drittes gebe, an Gültigkeit. Diese Kriege werden nicht offiziell erklärt oder beendet, vielmehr ist das Nacheinander bewaffneter Kämpfe, fragiler Kompromisse und erneuter bewaffneter Kämpfe zu beobachten, ohne dass Sieger oder Verlierer ausgemacht werden können. Entscheidende Schlachten werden gemieden, stattdessen diffundiert die Gewalt in alle gesellschaftlichen Bereiche. Die Folge ist, dass die gewohnte klare Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden, welche dem modernen westlichen Verständnis zugrunde liegt, für diese bewaffneten Auseinandersetzungen nicht mehr getroffen werden kann. Der Krieg gilt nicht mehr als Ausnahmezustand, sondern „normalisiert“ sich. Darin liegt auch die Gefahr, dass der Krieg zu einer regelrechten Lebensform (Münkler 2002, ähnlich van Creveld 1998) wird. Der Konfliktzustand wird von den Konfliktparteien am Schwelen gehalten, er verstetigt sich und es tritt eine Kommerzialisierung des Krieges ein.
[....]
1 Dieser Begriff ist aufgrund seiner Heterogenität in der Wissenschaft stark umstritten, deswegen wird er im Folgenden in Anführungszeichen verwendet.
2 Dieser empirischen Feststellung liegt die Kriegsdefinition der Hamburger AKUF zugrunde. Demzufolge wird Krieg als einen bewaffneten Massenkonflikt definiert, der folgende Merkmale aufweist:
„(a) an den Kämpfen sind zwei oder mehr bewaffnete Streitkräfte beteiligt, bei denen es sich mindestens auf einer Seite um reguläre Streitkräfte (Militär, paramilitärische Verbände, Polizeieinheiten) der Regierung handelt;
(b) auf beiden Seiten muß ein Mindestmaß an zentralgelenkter Organisation der Kriegführenden und des Kampfes gegeben sein, selbst wenn dies nicht mehr bedeutet als organisierte bewaffnete Verteidigung oder planmäßige Überfälle (Guerillaoperationen, Partisanenkrieg usw.);
(c) die bewaffneten Operationen ereignen sich mit einer gewissen Kontinuierlichkeit und nicht nur als gelegentliche, spontane Zusammenstöße, d.h. beide Seiten operieren nach einer planmäßigen Strategie, gleichgültig ob die Kämpfe auf dem Gebiet einer oder mehrerer Gesellschaften stattfinden und wie lange sie dauern.“
1993 führte die AKUF noch die Kategorie der bewaffneten Konflikte ein. „Als bewaffnete Konflikte werden gewaltsame Auseinandersetzungen bezeichnet, bei denen die Kriterien der Kriegsdefinition nicht in vollem Umfang erfüllt sind. In der Regel handelt es sich dabei um Fälle, in denen eine hinreichende Kontinuität der Kampfhandlungen nicht mehr oder auch noch nicht gegeben ist.“ (http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege_aktuell.htm)
Eine nähere Begriffsbestimmung wird im zweiten Teil dieser Arbeit vorgenommen.
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