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Identitätsbildung und Geschichtsbewusstsein in Christian Krachts Roman Faserland close

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Identitätsbildung und Geschichtsbewusstsein in Christian Krachts Roman Faserland

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 26 Pages
Author: Meike Kohl
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Fachdidaktisches Hauptseminar: Holocaust-Literatur in der Schule -Drei Generationen nach Auschwitz
Institution/College: University of Münster (Deutsche Philologie II)
Tags: Identitätsbildung, Geschichtsbewusstsein, Christian, Krachts, Roman, Faserland, Fachdidaktisches, Hauptseminar, Holocaust-Literatur, Schule, Generationen, Auschwitz
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 26
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V41330
ISBN (E-book): 978-3-638-39614-1

File size: 122 KB
Notes :
Die Arbeit ist stilistisch und grammatisch korrekt, Anfang und Ende laut meiner Professorin perfekt. Der Hauptteil hat zur Notenabsenkung beigetragen, ist aber auch gut.



Excerpt (computer-generated)

Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Institut für Deutsche Philologie II
Hauptseminar: Holocaust – Literatur in der Schule:
Drei Generationen nach Auschwitz

Identitätsbildung und Geschichtsbewusstsein
in Christian Krachts Roman Faserland

von: Meike Kohl

 


Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung 2

2. Vorraussetzungen 

3. An der Oberfläche – Struktur des Handlungsverlaufs  5

4. Identitätskrise des Protagonisten  6

4.1. Der namenlose Ich-Erzähler  6
4.2. Körpererfahrung 7
4.3. Zwischenmenschliche Beziehungen 7

4.3.1. Beziehungen innerhalb der Generation 8

4.3.1.1. „Freunde“  8
4.3.1.2. Beziehung zu Frauen  12

4.3.2. Generationsexterne Beziehungen  13

5. Vergangenheitsbelastung – Koppelung der fehlenden Identität an die deutsche Geschichte 14

5.1. Die Oberfläche 15

5.1.1. Sylt und Hamburg  15
5.1.2. Frankfurt  16
5.1.3. Heidelberg und Bodensee  17
5.1.4. Die Schweiz als Idealdeutschland  19

6. Zeichenhaftigkeit der Sprache 20

7. Der Roman im Deutschunterricht  23

8. Literaturverzeichnis 25
 

 

1. Hinführung

„Das Verhältnis unserer Generation zur Geschichte allgemein und zum Holocaust ist dermaßen Roman-Herzoghaft unverkrampft, daß Kritiker dahinter Geschichtsvergessenheit vermuten, Ignoranz und Schlimmeres. Doch es ist eben das Problem der Generation der Gemeinschaftskundelehrer, daß sie bereits in der leidenschaftslosen Haltung, die die Generation Golf zur Geschichte einnimmt, Gefahren wittern, weil sie die Aufarbeitung der Vergangenheit noch mit soviel Leidenschaft gegen das Schweigen und der Widerstand ihrer Eltern durchsetzen mußten. Weil bei ihnen die Faschismusdebatte noch die gesamte Gesellschaft polarisierte. In dieser Kritik übersehen die Kritiker jedoch, dass wir das Thema Nationalsozialismus zwischen dem dritten und dem dreizehnten Schuljahr mindestens achtmal auf dem Lehrplan stehen hatten.“1 In diesem Zitat aus Florian Illies Generation Golf spiegelt sich die Grundproblematik der Behandlung des Themas Holocaust im Unterricht - und damit auch im Deutschunterricht - wieder. Seit Beginn der Aufarbeitungsarbeit wird Schülern theoretisches Wissen zum Nationalsozialismus, seiner Entwicklung und Folgen vermittelt, die besondere Position der heutigen Schülergeneration, die nicht mehr unmittelbar durch eigenes Erleben und Tradierung durch Eltern und Großeltern ihr Verhältnis zur deutschen Geschichte gewinnt, wird aber leider selten berücksichtigt. Der potentiell am meisten von eigenen Schuldgefühlen befreitesten und durch die Distanz zur Geschichte der gegenüber der Großelterngeneration offensten Altersgruppe fehlt das Bindeglied zwischen rational-theoretischem Wissen und emotionaler Selbstreflexion über die eigene Position.

Erschwerend kommt hinzu, dass durch die - zugespitzt formulierte - `Übersättigung´ der Schüler mit dem Thema Holocaust eine direkte Konfrontation mit der Thematik oft zu einer Abwehrreaktion der Schüler führt. Spezifisch für den Deutschunterricht lässt sich immer wieder feststellen, dass die klassischen Werke des Literaturkanons ungern und mit einem gewissen Zwang zur Lektüre gelesen werden.2 Um diese beiden Faktoren zu relativieren, bietet sich die Popliteratur als neues Medium an. Sie kann einen Einstieg zum Unterricht in der Oberstufe und zur Diskussion der deutschen Vergangenheit liefern, ohne den Schüler plakativ damit zu konfrontieren, sich „schon wieder“ mit der Nazi-Zeit beschäftigen zu `müssen´ und so im Vorhinein schon abzuschrecken; bietet die Möglichkeit, sich der Vergangenheit über den Umweg der eigenen Position der Schüler in der Geschichte zu nähern und so offene Diskussionsgrundlagen zu schaffen. Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht Christian Krachts 1995 erschienener Roman Faserland, der genau diesen Anstoß liefern könnte. Die Popliteratur als Medium der Gegenwart bildet die Lebens- und Erfahrungswelt der heutigen Schüler ab, eine Analyse dieser Welt und des eigenen Standpunktes involviert den Schüler als geschichtliche Person, nicht die Gesellschaft in grauer Vergangenheit wird behandelt, sondern das Hier und Jetzt in Relation zur Vergangenheit. Die Sprache der Popliteratur dokumentiert gerade mit ihrer sich an der Oberfläche bewegenden Zeichen- und Symbolhaftigkeit eine Gesellschaft, die sich selbst entfremdet ist und den Zugang zu wahren Inhalten versperrt findet - ein Problem, das auch die Generationen der nach 1974 geborenen Schüler betrifft. Der besondere Bezug Faserlands auf das Deutschland der Gegenwart wird schon im Titel impliziert, doch die doppelte Verschlüsselung des Begriffs „Vaterland“ erschließt sich erst nach Lektüre als ein Roman über das „Fatherland“ des Protagonisten als auch ein Buch über die eigene, zerrissene Identität. Faserland ist demnach trotz einschlägiger Kritiken kein trivialer Roman, denn immer wieder eröffnen sich tiefere Schichten, die das Leiden an der Geschichts- und Identitätslosigkeit des Protagonisten zeigen. Im folgenden wird gezeigt, wie Faserland auch gelesen werden kann als eine Manifestation dieses diffusen Leidens, was die Kritik an der Vermittlung der deutschen Geschichte im Umgang der Generationen miteinander und im Schulunterricht beinhaltet, und der damit einhergehenden Orientierungslosigkeit. Die zwei Hauptaugenmerke werden einerseits auf der strukturellen Darstellung der Handlung im äußeren und inneren Bereich liegen, und andererseits auf dem Identitätsbildungs- und Generationenproblem, das die zwischenmenschlichen Beziehungen des Protagonisten kennzeichnet und bestimmt.

2. Vorraussetzungen

Die kritische Theorie des Pop geht nicht mehr davon aus, dass Pop eine subversive Gegenkultur zur etablierten Kultur bildet, zur Abgrenzung der Jugend diene ,sondern beanstandet die unkritische Übernahme des Begriffs `Pop´ dahingehend, dass sich gerade durch die Integration des Begriffes Pop in alle Lebensbereiche dieser in ein affirmatives Werkzeug der Kulturindustrie verwandelt hat. Für die Literatur heißt dieses, dass sie kein kritisches Element mehr böte, denn „Im Namen der Popsubversion wird deklariert, dass diese Welt nicht die beste aller möglichen sei - soweit das kritische Motiv der Kultur - um im selben Moment eben diese als Pop verpackte Welt als die beste aller möglichen zu präsentieren und zu reproduzieren.“3

Weiterhin sei das „Aus- und Überblenden von Geschichte […] Kennzeichen des Mythos der Moderne, der in der Popkultur seine spezifische Kulmination erfährt“4, eine Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit bliebe in bloßer Symbolik stecken, ohne jedoch wirklich auf das Geschehene zu reflektieren. Dem muss entgegengesetzt werden, dass Popliteratur, obgleich sie Inhalte reproduziert und kommerzialisiert, eben die Fragilität dieses Gefüges zeigen kann. Unter der augenscheinlich bedeutungsentleerten Oberfläche hält sie fest, was ansonsten in der Schnelllebigkeit verschwindet - gerade durch die vordergründige und vielleicht vermeintlichen Affirmation zeigt sich eine mehr oder minder bewusste Kenntnis der Oberflächenhaftigkeit der Konsumgesellschaft. Die vordergründige Affirmation ist gekennzeichnet durch das Spiel mit Marken, Waren und Symbolen. Das eigentliche Problem besteht darin, dass durch eine immer stärkere Kodierung der unmittelbaren Erlebniswelt der Zugriff auf die wahren Inhalte im Sinne Saussures verunmöglicht wird. Doch gerade in der Abhängigkeit der Zeichen untereinander und den dazwischenscheinenden Freiräumen, und in dem bewussten Einsatz einer Überladung an Zeichen und Symbolen gewinnt die Popliteratur ihre Stärke, da auch hier eine Kritik durch Nichtkritik deutlich wird.

Obwohl der Popliteratur also insbesondere seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts subversive Fähigkeiten abgesprochen wurde und sie unter Trivial-/ Unterhaltungsliteratur kategorisiert wurde, dokumentiert sie gerade über die ihr vorgeworfene Zeichen- und Oberflächenhaftigkeit den Zerfall einer Gesellschaft und die Probleme, die durch die Konsumgesellschaft geradezu zwanghaft überdeckt werden sollen: Geschichts- und Identitätslosigkeit. In der Leere der Handlung wird die Leere des Individuums deutlich5, der Konflikt zwischen dem Affirmationswunsch des Individuums und der Unmöglichkeit, sich ganz und gar in der Oberfläche zu verlieren. Auf die Geschichte Deutschlands bezogen bedeutet dies eine Betrachtung Faserlands als generationstypischen Roman mit einem Mitglied der Partygesellschaft als Protagonisten, der sich trotz der allgegenwärtigen Zerstreuungen nicht so recht zerstreuen lassen kann. Gerade bei Kracht, der zu den Autoren der dritten Generation zählt und damit „aus den moralischen Vorgaben entlassen und […] frei, sich von der belastenden Geschichte abzuwenden“6 sein sollte, zeigt sich diese vermeintliche Freiheit als offene Wunde. Die Leere des Protagonisten zeigt, dass die angenommene Auflösung in der Gegenwärtigkeit der Konsum- und Unterhaltungsgesellschaft7 nicht vollends den Umgang mit der Vergangenheit ersetzen kann.

[...]


1 Florian Illies, Generation Golf, S.174.

2 Joachim Feldmann, Süddeutsche Zeitung Nr. 61, 15.03.2005, S. 39.

3 Roger Behrens, Die Diktatur der Angepassten, S.10.

4 Roger Behrens, S.106.

5 vgl. Stefan Beuse, „154 schöne weiße leere Blätter“, S. 154.

6 Thomas Jung, Trash, Cash oder Chaos?, S. 20.

7 Thomas Jung, S. 19.


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