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Autor: Madeleine Koalick
Fach: Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Details
Tags: Unterschiede, Souveränitätskonzepten, Hobbes, Locke, Ergebnis, Menschenbildes
Jahr: 2004
Seiten: 25
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 30 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 202 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-39709-4
Textauszug (computergeneriert)
Freie Universität Berlin
Hausarbeit
Unterschiede in den Souveränitätskonzepten
Hobbes und Lockes – ein Ergebnis ihres jeweiligen
Menschenbildes?
von
Levin Wagner
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung .... 2
2. Wolfsmensch gegen Menschenrechte – Vergleich der menschenbildlichen Prämissen .... 4
3. Naturzustand und Vertragsschluss – der Mensch unter Sozialbedingungen auf dem Weg zum Staat .... 9
4. Absolute Staatsmacht und Gewaltenteilung – menschenbildbedingteSouveränitätskonzepte .... 14
5. Fazit .... 20
Literaturverzeichnis: .... 22
1. Einleitung
Die Philosophen Thomas Hobbes und John Locke gelten als die Begründer der politischen Philosophie der Neuzeit. Sie werden bis heute in unterschiedlichster Weise von Bewundern und Kritikern ihrer Philosophie rezipiert.
Thomas Hobbes (1588-1679) Leben war durch den Dienst für die königstreue Familie Canvendish und eine öffentliche Verteidigung der Stuartmonarchie im englischen Bürgerkrieg oft gefährdet. Sein im französischen Exil 1651 veröffentlichtes Hauptwerk „Leviathan“ stellt eine vielkritisierte Verteidigung absoluter Staatsgewalt dar. Es veranlasste ihn zur Rückkehr nach England und Unterwerfung unter Oliver Cromwells Herrschaft, wo er bis zu seinem Lebensende ein zurückgezogenes Leben führte. Neun Jahre nach seinem Tod wurde der englische Absolutismus in der Glorious Revolution durch eine konstitutionelle Monarchie abgelöst, die den puritanischen Mediziner John Locke (1631-1704) zum maßgeblichen Theoretiker avancieren ließ. Er stand der Parlamentspartei der Whigs und ihrem Anführer Shaftesbury nahe, die das Parlament gegen die monarchische Gewalt stellten.1 Lockes „Two Treatises of Government“2, in denen er gegen das göttliche Recht der Könige polemisiert, wurden prägend für die Ausgestaltung der amerikanischen Verfassung.
Thomas Hobbes und John Locke sind Theoretiker des Übergangs, die traditionelle und moderne Denkweisen in ihren Philosophien vereinten und zu Begründern des normativen Individualismus wurden. Sie lebten in einer Umbruchphase, in der das Individuum als sein eigener Normgenerator aus der hierarchisch vorstrukturierten Ordnung des Mittelalters hervortrat und in den Mittelpunkt des philosophischen Denkens geriet. Beide Vertragstheoretiker beschäftigen sich mit der Frage, warum Menschen in einem Staat leben, dessen Befehlen in gewissem Ausmaß gehorchen und wie dieser Staat notwendig gestaltet sein sollte. Während Hobbes Naturzustand zu einem autoritären Staat führt, folgt aus Lockes Naturzustand eher ein liberaler Nachtwächterstaat mit Gewaltenteilung. Der Frage warum die beiden Philosophen zur Erreichung des gleichen Zieles, nämlich Frieden und Sicherheit, so verschieden geformte Staaten mit gänzlich unterschiedlichen Souveränitätskonzepten für notwendig hielten, soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden.
Aus der Vielzahl möglicher Gründe soll das Menschenbild der beiden Philosophen als ein möglicher Urgrund der Unterschiede untersucht werden. Gerade bei Hobbes ist der Einfluss des Menschenbildes auf seine politische Philosophie fast unbestritten.
Doch auch Locke kommt nicht ohne menschenbildliche Prämissen bei seiner Staatskonstruktion aus, weshalb sich das Menschenbild als geeigneter Ausgangspunkt für einen Vergleich beider Autoren anbietet.
Menschenbilder nehmen seit jeher eine wichtige Rolle in der politischen Philosophie ein. Vom Aristotelischen „zoon politikon“ bis hin zum Menschenbild des Sozialismus und Kommunismus haben Menschenbilder eine Begründung für politische Theorien geliefert. Jedes Menschenbild enthält notwendigerweise geschichtliche und kulturelle Ablagerungen. So lassen sich auch bei Thomas Hobbes und John Locke zahlreiche realgeschichtliche und biographische Einflüsse wie die Erfahrungen des religiös-konfessionellen Bürgerkrieges, die Erkenntnis des sich entwickelnden freien Marktes und Bürgertums sowie die aufstrebenden modernen Naturwissenschaften nachweisen oder vermuten.
Zu Beginn werden die Menschenbilder beider Philosophen, ausgehend vom Individuum, vergleichend gegenübergestellt und kritisch beurteilt. Danach werden die Naturzustände beider Autoren verglichen, in denen die untersuchten Individuen in eine Sozialbeziehung ohne staatliche Autorität gesetzt werden und schließlich den staatsbegründenden Vertrag schließen. Abschließend erfolgen Gegenüberstellung und Vergleich der beiden daraus resultierenden Souveränitätskonzepte im Bezug auf das vorgestellte Menschenbild. In jedem Abschnitt wird zunächst Hobbes untersucht und dann Locke vergleichend gegenübergestellt. Mit dieser Vorgehensweise soll eine Antwort auf die Fragestellung, ob und inwiefern sich die unterschiedlichen Souveränitätskonzepte Hobbes und Lockes auf ihre differente Sicht des Menschen zurückführen lassen, ermöglicht werden.
2. Wolfsmensch gegen Menschenrechte – Vergleich der menschenbildlichen Prämissen
Bei Hobbes steht uns das unendlich freie Individuum der Neuzeit zum ersten Mal gegenüber.3 Hobbes Menschenbild ist wie seine gesamte Theorie stark geprägt von seiner wissenschaftlichen Methode der „more geometrico“, der Wissenschaft nach Art der Geometrie.4 Mit seiner resolutiv-kompositiven Methode zerlegt er zuerst den Staat in seine kleinsten Einzelteile, die natürlichen Menschen ohne soziale Bindungen.5 Hobbes verkörpert den uneingeschränkten Materialismus. Alles ist bei ihm nur mechanisch sich bewegende Materie, auch der Mensch ist nicht mehr als eine Sache in Bewegung.6
Hobbes geht von einem radikalindividualistischen, atomistischen und fast mechanistischen Menschenbild aus. Der Drang geometrische Standards auf den Menschen anzuwenden, bringt Hobbes dazu die Menschen im Grunde als rationale Maschinen anzusehen.7 Die menschlichen Leidenschaften sind die Ergebnisse physiologisch verursachter innerer Bewegungen und kausaler Zusammenhänge.8 Der Mensch reagiert auf sinnliche Eindrücke und Umweltveränderungen fast wie ein Automat mit Begierde oder Abneigung, appetitivem und aversivem Verhalten, die seinen Willen oder Unwillen determinieren.9 Allen Menschen unterstellt Hobbes ein fundamentales Selbsterhaltungsinteresse, was den Tod zum schlimmsten Übel werden lässt. 10 Todesfurcht und positiv formuliert Selbsterhaltung werden so zu den bestimmenden Handlungstrieben, eine wahre Willensfreiheit wird hingegen negiert.11 Es gibt für Hobbes keine Aussicht zu wahren und objektiv gültigen Aussagen über die Welt zu kommen.12 Selbst Glück ist nur die aktuelle und dauerhafte Verwirklichung der Neigungen und Wünsche des Individuums ohne Ziel eines summum bonum.13
[...]
1 Diese Kontakte führten Locke, aufgrund vorgeworfener Verstrickung in die Aufstandspläne der Whigs gegen König Jakob II., ins holländische Exil (Thiel 1990: S. 52).
2 Bis heute ist nicht zweifelsfrei geklärt, ob die Traktate bereits 1683 verfasst wurden und zur Glourious Revolution nur eine Überarbeitung erfuhren (Thiel 1990: S: 95 f.).
3 Bartuschat 1981: S. 28.
4 Hierbei geht es Hobbes darum, die Leidenschaften auszuschalten, indem er versucht auf Ethik und Politik und au ch auf die Erkenntnis des Menschen die mathematische Methode der modernen Naturwissenschaften anzuwenden, um dann Probleme genauso effektiv lösen zu können (Maier 1986: S. 354 f., 358 f.).
5 Denn nur durch Betrachtung der nicht weiter zerlegbaren Einzelt eile gewinnt man nach Hobbes gesichertes Wissen über einen Gegenstand (Kersting 2002: S. 55; Bartuschat 1981: S. 19 f.). Obwohl dieser natürliche Mensch nie existiert hat, versucht Hobbes hieraus ein konsistentes und glaubhaftes Menschenbild zu gestalten. Damit versucht er durch Abstraktion von allem Historischen die wesentlichen Eigenschaften des Menschen überzeitlich herauszuarbeiten.
6 Kersting 2002: S. 60 f.
7 Alford 1991: S. 86 f.
8 Kersting 2002: S. 73.
9 Vgl. Hobbes 1977: Kap. 11, S. 20 ff.; Hobbes 1966: Kap. 6, S. 46.
10 Beachtenswert ist hier, dass in einer Zeit tiefster Religiosität, die Furcht vor dem Tod an sich und nicht vor ewiger Verdammnis zum schlimmsten Übel wird und jenseitsbezogene Antriebe damit verschwinden (Alford 1991: S. 86).
11 Maier 1968: S. 360 f. Selbsterhaltung allein liefert bei Hobbes moralische Handlungsgründe (Harrison 2003: S. 64 f.).
12 Tuck 1999: S. 102. Hobbes bemühte sich von allem Zweifelhaften abzusehen und landete damit bei einem Materialismus, bei dem man nichts mehr über die Welt in Erfahrung bringen kann als dass sie aus materiellen und kausal miteinander verbundenen Elementen besteht (Tuck 1999: S. 176).
13 Vgl. Hobbes 1977: Kap. 11, S. 29; Hobbes 1966: Kap. 6, S. 48; Kap. 11, S. 75; Hoffman 1999: S. 15 ff, 48 f.; Bartuschat 1981: S. 22, 24, 25. Da immer nur das gut ist was ein Mensch für gut hält, je nachdem wie es seiner Selbsterhaltung nützt (Idee von der Relativität des Guten), kann Hobbes nicht von einem absoluten Gut sprechen (Vgl. Hobbes 1966: Kap. 6, S. 41; Kap. 15, S. 122; Hobbes 1977: Kap. 11, S. 22 ff.). Da es den Menschen an einer gemeinsamen moralischen Sprache fehlt, bleibt ihnen die soziale Existenz verwehrt (Tuck 1999: S. 89 f.).
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