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Details

Veranstaltung: Gorbatschows Perestroika aus der Sicht neuer Forschungsperspektiven und Quellen
Institution/Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften)
Tags: Neue, Denken, Erfinder, Michail, Gorbatschow, Figur, Gorbatschows, Perestroika, Sicht, Forschungsperspektiven, Quellen
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 1998
Seiten: 21
Note: 2
Literaturverzeichnis: ~ 13  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 188 KB
Archivnummer: V41720
ISBN (E-Book): 978-3-638-39927-2
Anmerkungen :
Die Arbeit befaßt sich mit dem ”Neuen Denken” Gorbatschows, mit dem Zusammenhang zwischen grundlegenden Inhalten und Normen des Neuen Denkens und dem Erfolg respektive Mißerfolg von Gorbatschows Politik der Perestroika.

Textauszug (computergeneriert)

Das Neue Denken und sein Erfinder: ist Michail
Gorbatschow eine "tragische Figur"?

von: Manfred Kipfelsberger

 


Inhalt

Gorbatschows Perestroika und das Neue Denken 3

Interpretativer Dissens 5

Das Neue Denken und die Außenpolitik 8

Genese 10

Grundthesen 14

Ebenen 15

Gorbatschow – eine tragische Figur? 16

Literaturliste 19

Anmerkungen 20

 


Gorbatschows Perestroika und das Neue Denken

„ without being a »great man« as far as his personal qualities are concerned, Gorbachev has accomplished a great deed. Historically, this is the important thing.“ Anatoli Tschernjajew, The Phenomenon of Gorbachev (1993). Diese Arbeit befaßt sich mit dem ”Neuen Denken” Gorbatschows, mit dem Zusammenhang zwischen grundlegenden Inhalten und Normen des Neuen Denkens und dem Erfolg respektive Mißerfolg von Gorbatschows Politik der Perestroika. Die Bedeutung der Person Michail Gorbatschows für die Politik der Sowjetunion zwischen 1984 und 1990 hat Archie Brown in seinem Buch ”The Gorbachev Factor” intensiv diskutiert. Dabei hat er auf die Schwächen einer Interpretation hingewiesen, die das politische Ereignis der Perestroika allein durch die Person Michail Gorbatschows und dessen psychologische Disposition zu deuten versucht. Natürlich bestehen in der Fachgemeinde große Meinungsverschiedenheiten darüber, wie Gorbatschows Anteil an den Ereignissen, die schließlich zum Revolutionsjahr 1989 führten, zu bewerten ist. Eine Interpretation, die sich allein auf die Psychologie Gorbatschows stützt und den Respekt, den sein politisches Vermächtnis verdient, zum Angelpunkt der Analyse macht, greift zweifellos zu kurz. Und gewiß kann man sagen, daß Gorbatschow Wirkung weniger von seiner Person, sondern vielmehr von den Ideen, die er zum Agens seiner Politik machte, herstammt. Diese Ideen sind zusammengefaßt im Begriff des ‘Neues Denkens’. Das Ziel dieser Arbeit ist ein dreifaches:

– Erstens möchte ich die Reformpolitik Gorbatschows gegen die Art von Kritik verteidigen, die annimmt, daß Gorbatschows Interesse in erster Linie der Stabilisierung des Systems galt, die er durch punktuelle Reformen im Bereich der Wirtschaft und der Außenpolitik verfolgte. Eng mit dieser Kritik verknüpft ist die Wahrnehmung Gorbatschows als opportunistischen Akteur, der seine politische Umgebung nicht im Griff hatte und im wesentlich reaktiv handelte. – Dagegen vertrete ich die Position, daß die Reformen Gorbatschows auf einer sorgfältigen Politikanalyse beruhten, daß das Neue Denken das dynamische Ergebnis dieser Politikanalyse darstellt, und dadurch nach und nach zum Leitmotiv der Perestroika wurde und nicht lediglich die Funktion hatte, die eigene Position und Politik ideologisch abzusichern. So gesehen ist das Neue Denken der Kern der Perestroika und nicht die nachträgliche Rationalisierung einer Ad-Hoc-Politik. – Schließlich möchte ich das Neue Denken selbst einer kritischen Prüfung unterziehen und die Frage stellen, inwiefern das Neue Denken noch eine Bedeutung für das politische Handeln auf dem internationalen Parkett nach dem vorläufigen Ende der sowjetischen Transformationsphase hat. Eine für diese Arbeit wesentliche Frage: Wie ist zu erklären, daß die Handlungen eines einzelnen Mannes, sei er auch Generalsekretär des Zentralkomitees der Sowjetunion, solch weitreichende Veränderungen nach sich ziehen, daß das politische Leben der Welt in eine neue Phase eintritt? Diese Frage, in der das motivierende Faszinosum dieser Arbeit anklingt, wird gewissermaßen implizit mitgestellt, ohne daß ich versuchen will, sie zu beantworten.

War Michael Gorbatschow nicht nur Erfüllungsgehilfe einer Reform, die aufgrund der wirtschaftlich und politisch negativen Entwicklung unbedingt notwendig geworden war, und hat er sich nicht bei der Durchführung dieser Reformen des politischen Abenteuertums schuldig gemacht und letzten Endes die Stabilität der ‘Zweiten Welt’ aufs Spiel gesetzt? Ist Michail Gorbatschow nur auf einer Woge des Wandels ‘geritten’, hat er also die weltpolitischen und nationalen Grundströmungen seiner ‘Zeit’ genutzt und seinen Zwecken dingbar gemacht? Oder ist er der Initiator dieses Wandels? Hat nicht erst seine Initiative das tief wurzelnde Mißtrauen zwischen den Blöcken aufgelöst und damit den Weg für eine kooperativere, friedlichere, menschlichere Welt freigemacht, in der die Politik nach den Interessen der Menschen handelt und die Menschen nicht mehr in ständiger Angst vor dem nuklearen Holocaust leben müssen?

Dieses Spektrum möglicher Ansichten begegnet uns bei der Interpretation der Ereignisse um die Perestroika in der Zeit von 1984 bis 1991 immer wieder. Die Antwort die wir zu geben bereit sind und damit die Interpretation, die wir letzten Endes favorisieren, wird davon abhängen, wie wir die politische Realität sehen: deterministisch oder voluntaristisch- dezisionistisch, oder in ein komplexes Geflecht von Wechselwirkungen eingebettet. Außerdem müssen wir uns immer wieder bewußt machen, welche Analyseebenen wir in Hinblick auf unseren obengenannten Fundamentalansatz mit einbeziehen wollen. Das Neue Denken entwickelt über den Horizont seiner Entstehungsgeschichte hinaus eine Aktionsmatrix für weltpolitisches Handeln des neuen Jahrtausends, die den politischen Weitblick seines Erfinders beweist. Im weiteren Verlauf dieses Essays werde ich zuerst Genese und Struktur des Neuen Denkens betrachten. Eine wesentliche Quelle hierzu sind die Werke von Michail Gorbatschow selbst, die er im Rückblick verfaßt hat1. Daß diese Retrospektive sich nicht ganz aus einer gewissen Voreingenommenheit befreien kann, ist beinahe selbstverständlich. Daher möchte ich der Stimme Gorbatschows die Meinung kritischer Beobachter an die Seite stellen.

Michail Gorbatschow hat seine Rolle gespielt, und die Phase, in der er eine historische Schlüsselposition mit Leben füllte, ist endgültig vorbei. Viele interpretieren die heutigen Aktivitäten Michail Gorbatschows – mit seiner Gorbatschow-Stiftung und den Auftritten in Fernsehshows und selbst Werbespots – lediglich als geschickte Selbstvermarktung und Ausbeutung seines Mythos. Dabei vergessen sie aber, daß die Stimme dieses Mannes mit Konzepten die Welt bewegt hat, die auch heute noch verdienen, gehört zu werden. Die Fähigkeit zu lernen kann man Michail Gorbatschow auf keinen Fall absprechen. Die gleiche Qualität ist auch jenen abzufordern, die vorschnell mit politischen Etikettierungen zur Tagesordnung zurückkehren wollen.

Interpretativer Dissens

[...]


1 Dies sind Gorbatschows „Erinnerungen“ [1994] und sein Buch „Das Neue Denken“ von 1997, das er zusammen mit Anatoli Tschernjajew und Vadim Sagladin verfaßte.

Kommentare

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