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Autor: Manfred Kipfelsberger
Fach: Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Details
Institution/Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften)
Tags: Prophetie, Politik, Wirksamkeit, Prophetie, Politik
Jahr: 1998
Seiten: 22
Note: 1,5
Literaturverzeichnis: ~ 11 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 226 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-39941-8
Diese Arbeit spürt dem Phänomen der Prophetie in der Politik nach. Dieses Phänomen wird gemeinhin dem Bereich der Religion zugeordnet, in einem weiteren Sinne aber, als kulturspezifische Antwort auf die existenzielle Aufgabe der Meisterung der Lebens-Zeit, ist Prophetie ein Begriff, der dem Numinosum des Noch-Nicht-Gewordenen, der Zukunft, eher gerecht wird als etwa wissenschaftliche Prognosen und Extrapolationen.
Textauszug (computergeneriert)
Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften
an der Ludwig-Maximilians-Universität München
Hauptseminar: Prophetie und Politik
Wintersemester 1997 / 98
Prophetie und Politik
über die politische Wirksamkeit der Prophetie
Hausarbeit
von
Manfred Kipfelsberger
15.6.1998
Inhalt
Einleitung ... 3
Was ist Prophetie? ... 4
Zur historischen Rolle der Prophetie in der Politik (Exkurs) ... 9
Die Prophezeiungen des Nostradamus ... 12
Begründung des Interesses ... 12
Biographisches ... 12
Verschlüsselung ... 13
Zeitgenössische Rezeption und Kritik ... 17
Zusammenhänge von Prophetie und Politik heute ... 19
Literaturliste ... 22
Einleitung
Seit jeher hat der Mensch das Bedürfnis, die Geheimnisse der Zukunft zu enthüllen. Die Zeitlichkeit des Menschen, das Gebundensein an die ewige Abfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist für die menschliche Erfahrung eine universale Konstante. Die Vergangenheit, die uns konditioniert, die Gegenwart in ihrer Flüchtigkeit, und die Zukunft als Bereich unentdeckter Möglichkeiten und dunkel heraufziehenden Schicksals sind der kulturunabhängige Rahmen, in dem menschliche Erfahrung stattfindet. Kulturell bedingt allerdings sind die Konzepte und Methoden zur Erschließung und Verarbeitung der Grundkonstante ‘Zeit’.
Durch die Zeitalter hat der Mensch je unterschiedliche Antworten gefunden, um aus seiner Erfahrung und Erinnerung heraus die Unberechenbarkeit der Zukunft zu meistern. Immer sind die Antworten an Lebensfragen geknüpft, die wir uns alle stellen: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Diesen elementaren Fragen, die schon die ältesten Schriften stellen, hat Kant noch hinzugefügt: Was sollen wir tun? Was können wir wissen? Was dürfen wir glauben? Die Grundfragen Kants meinen nicht nur die individuelle Dimension, sondern haben auch das Miteinanderleben der Menschen im Auge, das seine Ordnung durch ethisch motiviertes Handeln errichtet, und sie zielen auf das Leben des Geistes, in dem Individuum und Gesellschaft sich durch die Erkenntnis ‘zeit’-loser Wahrheit Stabilität zu geben versuchen. Über den Selbsterhalt hinaus heißt die Aufgabe für den Menschen also: Meisterung der Zukunft, Meisterung der Zeit, und bedeutet nichts anderes, als über den kreativen Prozeß der Erschaffung seines Lebens in all seinen Aspekten die Kontrolle zu erlangen. Das ist im Prinzip das Ziel, sei es nun für das Individuum, sei es für die Gesellschaft oder den Staat.
Diese Arbeit spürt dem Phänomen der Prophetie in der Politik nach. Dieses Phänomen wird gemeinhin dem Bereich der Religion zugeordnet, in einem weiteren Sinne aber, als kulturspezifische Antwort auf die existenzielle Aufgabe der Meisterung der Lebens-Zeit, ist Prophetie ein Begriff, der dem Numinosum des Noch-Nicht-Gewordenen, der Zukunft, eher gerecht wird als etwa wissenschaftliche Prognosen und Extrapolationen. In einem ersten Schritt wird daher der Begriff der Prophetie im individuellen und gesellschaftlichen Kontext genauer untersucht und auf Strukturmerkmale hinsichtlich der politischen Bedeutung geprüft. Ein historischer Exkurs soll dann zeigen, daß es sich durchaus lohnt, Prophetie in ihrer Wirkung auf die Politik zu diskutieren. In vielen Hochkulturen war die Weissagung eine Grundlage für wesentliche Entscheidungen des Herrschers. In anderen hatten die Propheten einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Staatsgeschäfte. Am Beispiel des Astrologen Nostradamus soll dann ein konkreter Fall der Prophetie am Beginn der Neuzeit untersucht und anhand der gefundenen Strukturkriterien geprüft werden, bevor ich abschließend auf die Prophetie in den modernen Gesellschaft von heute eingehe.
Was ist Prophetie?
Vordergründig könnte man die Botschaft eines Propheten schlicht als Ankündigung zukünftiger Ereignisse auffassen. Ein strikt deterministisches Verständnis von Prophezeiungen hält den Anforderungen des Denken jedoch nicht stand – es wird zum Opfer des ‘divinatorischen Paradoxons’: wenn eine Vorhersage gemacht wird, dann kann verhindert werden, daß sie eintritt, und somit ist sie falsch. Dem Phänomen der Prophetie ist mit logischen Mitteln nicht beizukommen: viel wichtiger ist die soziologische Funktion des Propheten.
Ein interessantes Beispiel finden wir in dem Propheten Samuel und König David. Ohne die Prophezeiungen Samuels hätte David vielleicht niemals die Zielbestimmtheit entwickelt, die ihn zum großen König der Juden machte, er hätte nie seine Bestimmung entdeckt und wäre weder im Vergleich mit seinen Brüdern noch in den Augen seines Volkes dieser Aufgabe würdig erschienen. Wahrscheinlich hätte er im Kampf mit Goliath niemals den Wagemut des von Gott Erwählten entwickelt, der ihn zum Sieg führte. Die Prophezeiungen Samuels haben einen König ‘gemacht’, sie haben wirkungsmächtig die kollektiven Erwartungen, das kollektive und individuelle Bewußtsein manipuliert, so daß tatsächlich eintrat, was eintreten sollte.
Die gesellschaftliche und politische Bedeutung der Weissagung ergibt sich so gesehen aus der Wirkung der Prophezeiung auf die symbolische Kommunikation in der Gesellschaft. Betrachtet man die Weissagung hinsichtlich dessen, was sie zu bewirken versucht, so ist sie nicht als Beschreibung einer einzutretenden Wirklichkeit, sondern als symbolischer Akt aufzufassen, der eine soziale Realität erst formt – im Extrem eben die Wirklichkeitswahrnehmung des Individuums oder der Gesellschaft manipuliert und einen Gestaltungsvorschlag für die individuelle Realität unterbreitet, der eine ‘Reaktion’ auf die Herausforderung der Zukunft dann möglich macht. Oder wie Rahner sagt: "Der »Prophet« sagte keine Zukunft voraus, sondern setzte den Menschen der Gegenwart ein neues Ziel."1
Ein Prophet ist als Prophet nicht für einen Einzelnen da, sondern spricht ein größeres Publikum an. Seine Prophezeiungen haben kollektive Ereignisse zum Thema. Ein Astrologe beispielsweise ist, auch wenn er kollektive Ereignisse vorhersagt, noch nicht unbedingt ein Prophet. Dazu ist vielmehr erforderlich, daß seine Stimme gehört wird, daß das, was er zu sagen hat, sich zum Kontext kollektiver Erwartungen in Beziehung setzt. Der Prophet spricht immer in eine geschichtliche, religiöse, soziale, politische Situation hinein. Der Begriff der Prophetie umfaßt daher neben einem irgendwie gearteten divinatorischen Akt immer auch eine Funktion im Rahmen der Gesellschaft und des staatlichen Gemeinwesens.
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1 Rahner, S. 98
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