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Erfahrungswelt und Erinnerung bei Husserl

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 13 Pages
Author: Andre Fischer
Subject: Philosophy - Philosophy of the Present

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 13
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 2  Entries
Language: German
Archive No.: V41749
ISBN (E-book): 978-3-638-39952-4

File size: 99 KB


Excerpt (computer-generated)

Erfahrungswelt und Erinnerung bei Husserl

von: Andre Fischer

 


Inhalt

I. Einleitung 1

II. Hauptteil

1. Primäre Erinnerung 1

1.1 Urimpression und Retention 2
1.2 Modifikation der Retention 4
1.3 Die Retentionskette 4
1.4 Protention 5
1.5 Beispiele für den Ablaufmodus von Urimpression, Retention und Protention 5

2. Sekundäre Erinnerung 7

2.1 Konstitution von Zeitobjekte n durch reproduzierende Vergegenwärtigung 7
2.2 Die „Freiheit“ der Reproduktion 8

3 Phantasie 9

III. Fazit 10

IV. Literaturverzeichnis 11



 

Einleitung

Unsere Erfahrungswelt besteht nicht ausschließlich aus Wahrnehmung. Es existieren andere Erfahrungsarten wie z.b.: die Erinnerung, die Vorausschau oder die Phantasie. Diese jedoch lassen sich auf die Wahrnehmung zurückführen. Husserl bezeichnet sie deshalb als Abwandlungen oder Modalitäten der Wahrnehmung1. Die Fähigkeit sich zu erinnern stellt eine der wichtigsten und nützlichsten Arten der menschlichen Erfahrung dar. Wir sind in der Lage, uns aktiv vergangene Erlebnisse jederzeit wieder ins Bewusstsein zu rufen. Husserl versucht zu zeigen, dass die Erinnerung zusätzlich eine wichtige Aufgabe bei der Konstitution unserer Wahrnehmung übernimmt. Er unterteilt die Erinnerung in die „Retention“, die er auch primäre Erinnerung nennt, und in die Wiedererinnerung, die er als Vergegenwärtigung des Vergangenen oder sekundäre Erinnerung bezeichnet. Mit dieser Arbeit möchte ich zeigen, welche Bedeutung Husserl der Erinnerungsfunktion für die Konstitution unserer Erfahrungswelt beimisst. Im ersten Teil werde ich beschreiben, was Husserl unter einer „Retention“ versteht und welche Aufgaben sie erfüllt. Die „Protention“ als das auf die Zukunft gerichtete Gegenstück zur „Retention“ werde ich nur aus Gründen der Vollständigkeit kurz erklären, ansonsten mich aber auf die „Retention“ beschränken. Der zweite Teil meiner Arbeit beschäftigt sich mit der Wiedererinnerung bzw. „sekundären Erinnerung“. Hierbei möchte ich vor allen Dingen strukturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der Wahrnehmung und der Wiedererinnerung herausarbeiten. Außerdem möchte ich zeigen wie „Retention“ und Wiedererinnerung ineinander greifen, und dass die „sekundäre Erinnerung“ ohne die „primäre“ nicht zustande käme. Im letzten Teil möchte ich zeigen, dass Husserl die „retentionale“ Struktur der Wahrnehmung auch in der Phantasie ausfindig macht.

1. Primäre Erinnerung

Die Prozesse des Erinnerns und des Erzeugens von Erwartungen geschehen alltäglich und wir sind uns ihrer Anwendung in der Regel bewusst, wir vollziehen sie aktiv. Husserls Analyse der Struktur der Wahrnehmung zeigt, dass diese beiden Fähigkeiten in Form der „Retention“ und „Protention“ auch eine zentrale Rolle in jeder konkreten Wahrnehmung spielen, denn die „Einheit einer Wahrnehmung als eines kontinuierlich strömenden und nur in Form des Strömens seienden Erlebnisses ist ein synthetischer Aufbau...“2. Dies scheint auf den ersten Blick nicht so selbstverständlich; denn weshalb bedarf es des Erinnerungsvermögens, um ein konkretes zeitlich ausgedehntes Geschehen – Husserl bezeichnet es als Zeitobjekt - wahrzunehmen?

1.1 Urimpression und Retention

Husserl erklärt dies am Beispiel einer Tonfolge. Eine aus diversen Einzeltönen bestehende Melodie nimmt eine gewisse Zeitstrecke in Anspruch; sogar ein einzelner Ton hat eine bestimmte Dauer und kann in verschiedene Tonphasen zerlegt werden. Beim Hören einer Melodie ist uns zu jedem Zeitpunkt jedoch nur eine gegenwärtige Tonphase akustisch gegeben; diese bezeichnet Husserl als „Urimpression“, sie ist der „Quellpunkt, mit dem die >Erzeugung< des dauernden Objektes einsetzt...“3. Diese gegenwärtige Tonphase besteht jedoch nur kurz, denn „alsbald ist sie schon vorübergegangen – eine neue Tonphase ist dafür da, charakterisiert als lebendige Wahrnehmungsphase, als neues Ton-Jetzt.“4 Jede neue Impression verdrängt die vorangegangenen, zwingt sie zum „Absinken ins Vergangene“. Ständig tritt eine neue Tonphase, ein neuer Zeitpunkt der Dauer einer Melodie ins „Jetzt“, während die abgelaufenen Töne bzw. Tonphasen in die Vergangenheit rücken und sich vom „Jetzt“ entfernen. „Jedes Vergangene wandelt sich in ein Mehrvergangenes, dieses abermals usw.“5 Wie kann uns nun aber eine Zeitstrecke als ganze in diesem permanent strömenden, nie aufzuhaltenden Prozess bewusst werden, d.h. wie können wir eine Melodie in ihrer zeitlichen Ausdehnung erfassen? Was verbindet alle einzelnen Zeitpunkte zu einem zusammenhängenden Geschehen und zu einer einheitlichen Erfahrung?

Die Tatsache, dass wir nicht nur separate einzelne Tonphasen, sondern eine einheitliche, kontinuierlich fließende Melodie hören, ist für Husserl eine Konstruktionsleitung unseres Bewusstseins. Unsere Sinnesorgane liefern zu jedem Zeitpunkt eine Menge anhyletischen Daten, die das Bewusstsein zu einer Wahrnehmung zusammensetzt. Im nächsten Augenblick ist das Bewusstsein jedoch wieder mit einer neuen sinnlichen Datenmenge konfrontiert. Dass wir trotzdem den vergangenen Augenblick im Bewusstsein bewahren, ihn festhalten können, wird durch eine Erinnerungsleistung des Bewusstseins ermöglicht. Diese Funktion nennt Husserl „Retention“ oder auch „primäre Erinnerung“. „Ich höre also in Wahrheit nicht die Melodie, sondern nur den einzelnen gegenwärtigen Ton. Daß das abgelaufene Stück der Melodie für mich gegenständlich ist, verdanke ich – so wird man geneigt sein zu sagen - der Erinnerung“6.

[...]


1 Vgl.: Husserl, Edmund: Phänomenologische Psychologie, Hamburg 2003, S. 203.

2 Husserl: Phänomenologische Psychologie, S. 200.

3 Husserl: Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins, Tübingen 2000, S. 390.

4 Husserl: Phänomenologische Psychologie, S. 201.

5 Ebd.

6 Husserl: Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins, S. 385.


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