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Was heißt 'einer Regel folgen'?

Seminararbeit, 1998, 15 Seiten
Autor: Jan Frerichs
Fach: Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 1998
Seiten: 15
Note: Sehr gut
Literaturverzeichnis: ~ 10  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V42202
ISBN (E-Book): 978-3-638-40294-1

Dateigröße: 203 KB


Textauszug (computergeneriert)

Westfälische Wilhelms-Universität
Seminar für Philosophische Grundfragen der Theologie
Unterseminar:  „Der ‘ganze’ Wittgenstein“
4. Semester

Was heißt ′einer Regel folgen′?

von: Jan Frerichs

 


INHALT 2

1. Einleitung 3

2. Eine Regel lernen und ein System verstehen

2.1 Wie lernt jemand ein System? 4
2.2 Was „Verstehen“ ist 5
2.3 Zur Grammatik von „können“ 6
2.4 Entzauberung des Wortes „meinen“ 7
2.5 Verstehen auf dem Hintergrund etablierter Verwendung eines Ausdrucks 9

3. Was heißt einer Regel folgen? 10

3.1 Regeln sind intersubjektiv geteilte Gepflogenheiten 11
3.2 Regelfolgen ist eine Praxis 12

4. Am Schluß: Regelfolgen ohne letzte Gewißheit? 14

Literaturverzeichnis 16


 

 

1. Einleitung

„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“(PU 43). Auf diesem Axiom gründet bei Wittgenstein der Begriff des „Sprachspiels“. Je nachdem in welchem Sprachspiel ein Wort verwendet wird, hat es entsprechend Bedeutung: PU 23: „Es gibt unzählige ... verschiedene Arten der Verwendung alles dessen, was wir ‘Zeichen’, ‘Worte’, ‘Sätze’ nennen. Und diese Mannigfaltigkeit ist nichts Festes, ein für allemal Gegebenes; sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andere veralten und werden vergessen. ... Das Wort ‘Sprachspiel’ soll hier hervorheben, daß das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform.“ Unser Denken, Sprechen und Handeln verläuft innerhalb dieser Sprachspiele und daher auch nicht willkürlich (oder privat), sondern nach bestimmten Regeln. Dieser Gedanke hat zunächst einen geheimnisvollen Charakter, denn woher, fragen wir uns, kommen die Regeln, denen wir folgen: Wer stellt sie auf? Können wir wissen, welcher Regel wir gerade folgen? Können wir beurteilen, welcher Regel ein anderer Mensch gerade folgt? Welche Kriterien haben wir für das Befolgen oder Nicht-Befolgen einer Regel und inwiefern bestimmen die Regeln, die wir in Ausdrücken „sichtbar“ machen können, unser Handeln? Was geschieht also mit oder in uns, wenn wir Regeln folgen? Was heißt einer Regel folgen und inwiefern heißt es immer wieder „das gleiche“ tun?

Diesen Fragen geht Wittgenstein ausgehend vom Sprachspiel-Begriff in den Philosophischen Untersuchungen nach. Er wählt für seine Überlegungen meist mathematische Beispiele. Für die Regeln, die in mathematischen Beispielen gelten, lassen sich leicht Ausdrücke finden. Gerade daran will er aber zeigen, daß „die richtige Antwort auf diese Art Problem (Für einen neuen Fall „das gleiche“ tun, was man schon für die früheren Fälle getan hat) im Fall der Anwendung strenger und expliziter mathematischer Regeln auf eine Weise festgelegt wird, die sich nicht grundlegend von dem Fall unterscheidet, in dem sehr viel weniger strenge und im allgemeinen überhaupt nicht explizite Regeln angewendet werden, wie sie den Wortgebrauch der Alltagssprache bestimmen“1. Die mathematischen Regeln scheinen die korrekte Anwendung per se schon präzise vorherzubestimmen, die Regeln des alltäglichen Sprachgebrauchs, legen scheinbar nur teilweise fest, was der korrekte Gebrauch ist. Folgen wir Wittgenstein bei seinen Gedanken, die er anhand eines Beispiels von einem Lehrer A, der einem Schüler B das Zählen und den Umgang mit mathematischen Formeln (Regeln) lehrt, entwickelt.

2. Eine Regel lernen und ein System verstehen

2.1 Wie lernt jemand ein System?

PU 143: „Betrachten wir nun diese Art von Sprachspiel: B soll auf den Befehl des A Reihen von Zeichen niederschreiben nach einem bestimmten Bildungsgesetz. Die erste dieser Reihen soll die sein der natürlichen Zahlen im Dezimalsystem. - Wie lernt er dieses System verstehen?“ A bringt B das Zählen bei und zwar in einem ersten Schritt so, daß er ihm die Zahlenreihe 0- 9 aufschreibt und ihn dazu auffordert, es ihm nachzumachen. B soll schließlich die Zahlenreihe selbständig und in der vorgegebenen Reihenfolge kopieren. B kann nun bei seinen Handlungen Fehler machen. Wittgenstein unterscheidet zwei Arten von Fehlern: regellose und systematische. Es kann geschehen, daß B die Ziffern in einer scheinbar willkürlichen Reihenfolge niederschreibt. Das würden wir regellos nennen. Ebenso kann es geschehen, daß B die Ziffern nach einer anderen Regel aufschreibt: z.B. 1,0,3,2,5,4, ... . Das würden wir einen systematischen Fehler nennen. Jedoch macht Wittgenstein darauf aufmerksam, daß es „keine scharfe Grenze zwischen einem regellosen und einem systematischen Fehler [,] ... zwischen dem, was du einen ‘regellosen’ und dem, was du einen ‘systematischen Fehler’ zu nennen geneigt bist“2 gibt. Gemessen woran beurteilen wir denn die Zahlenreihe von B, die nicht mit der unseren übereinstimmt, als regellosen oder systematischen Fehler? - Wir versuchen einen Ausdruck für die Regel zu finden, die B verwendet. Finden wir keinen und erscheint uns die Reihe von B als willkürliche und zufällige Abfolge, so bezeichnen wir sie als regellos. Der Maßstab ist aber immer unsere Reihe 0,1,2,3,4,5,6,7,8,9, d.h. wenn wir einen anderen Maßstab anwendeten, könnten wir auch unsere Reihe als falsch bezeichnen und die von B als richtig. Nun muß Lehrer A Schüler B den Fehler wie eine Unart austreiben, in dem er sagt: „So nicht, sondern so mache es!“. A könnte, so Wittgenstein, auch seine Reihe als normal gelten lassen und ihm unsere als Variation (oder eben als Unart) beibringen. Auf jeden Fall muß B zur Anerkennung der Reihe 0-9 geführt werden, damit wir sagen können, er habe sie gelernt und es muß ihm oft gelingen, sie nach unserer Art zu kopieren (PU145). Das Lernen eines Systems besteht folglich im Grunde genommen auf der Anerkennung einer bestimmten Vorgabe, in unserem Fall der Zahlenreihe.

Im Folgenden erweitert A das Programm, indem er B die Wiederkehr der erlernten Zahlenreihe in den Einern, den Zehnern und Hundertern erläutert. B setzt ab einem gewissen Zeitpunkt nach zahlreichen Erklärungen des Lehrers die Reihe der Zahlen selbständig fort. Es ist uninteressant, wie weit er die Reihe fortsetzt, um davon sprechen zu können, daß er das System beherrscht, sondern, so Wittgenstein, „das Verstehen selbst ist ein Zustand, woraus die richtige Verwendung entspringt“3.

2.2 Was „Verstehen“ ist

[...]


1 Bouveresse, Jacques, Was heißt „auf die gleiche Weise fortsetzen“?, in DZPh, 45 (1997) 3, 377.

2 PU 143.

3 PU 146.


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