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Power for Living. Die religionssoziologische Systematisierung und Deutung einer modernen fundamentalistischen Erweckungsbewegung.

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 28 Pages
Author: Christof Belka
Subject: Sociology - Religion

Details

Event: Kultursoziologie
Institution/College: University of Passau
Tags: Power, Living, Systematisierung, Deutung, Erweckungsbewegung, Kultursoziologie
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2003
Pages: 28
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 59  Entries
Language: German
Archive No.: V42215
ISBN (E-book): 978-3-638-40304-7

File size: 278 KB
Notes :
Anfang 2002 erregte eine Kampagne namens "Kraft zum Leben" die Gemüter in Deutschland. Ihre Werbung im TV wurde kurz darauf verboten, da weltanschauliche Werbung im deutschen Fernsehen verboten ist. Hinter der Kampagne stand die amerikanische, christlich-fundamentalistische DeMoss-Stiftung. Diese Arbeit verortet "Kraft zum Leben" in der religionssoziologischen Nomenklatur (Max Webers "Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus; US-Zivilreligion und christlicher Fundamentalismus).



Excerpt (computer-generated)

Power for Living. Die religionssoziologische
Systematisierung und Deutung einer modernen
fundamentalistischen Erweckungsbewegung

von: Christof Belka

 


Inhaltsverzeichnis

1 Vorbemerkung 3

1.1 Gegenstand und Methodik 3
1.2 Die Kampagne ”Kraft zum Leben“  5

2 Analyseebenen 8

2.1 Max Webers religionssoziologisches Programm 8

2.1.1 Die protestantische Ethik und der Mythos vom Erfolg 8
2.1.2 Die protestantischen Sekten und die Individualisierung  12

2.2 Das Konzept der Zivilreligion 15
2.3 Fundamentalismus und Evangelikalismus 18

3 Interpretation und Einschätzung 24

4 Quellennachweise i

4.1 Bibliografie i
4.2 Internetseiten zum Thema iii



 

1 Vorbemerkung

1.1 Gegenstand und Methodik

Zu Beginn des Jahres 2002 erregte eine Kampagne namens ”Kraft zum Leben“ die Gemüter in Deutschland. Stein des Anstoßes war jedoch nicht der bloße Inhalt der Kampagne, auf welchen im folgenden Abschnitt einzugehen sein wird. ”Kraft zum Leben“ (im Folgenden: KL), eine christliche Erweckungsbewegung, erreichte vielmehr dadurch ihre hohe Medienpräsenz, dass sie gegen geltendes deutsches Recht verstieß, indem sie ihre Botschaft nicht nur über Plakate, sondern auch über das Fernsehen verbreitete: Laut Rundfunkstaatsvertrag ist weltanschauliche und religiöse Fernsehwerbung in Deutschland nämlich verboten.1 In der Folge wurde die Ausstrahlung untersagt,2 was die deutschen Medien jedoch nicht davon abhielt, sich weiter mit dem KL-Phänomen zu befassen. Im Zentrum der Debatten stand die Frage nach dem Hintergrund der Kampagne, deren Initiatorin – die amerikanische DeMoss-Stiftung – sich sehr im Hintergrund hielt und so der ganzen Aktion eine Aura des Mysteriösen gab.

Entscheidend soll hier jedoch die Frage nach der systematischen Verortung der KLBewegung in der religionssoziologischen Nomenklatur sein. Zu diesem Zwecke werden nach der Darstellung der Fakten (Historie, Hintergründe und Rezeption der Bewegung in Deutschland und in ihrem Ursprungsland, den USA) drei religionssoziologische Analyseebenen eingeführt und systematisch auf die Merkmale der KL-Bewegung angewendet: Max Webers richtungsweisende These von der protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus sowie einige Weiterentwicklungen; Auffassungen von spezifisch US-amerikanischer bürgerlicher Religion unter dem Signum ”Zivilreligion“; zuletzt ein historischer und systematischer Überblick der protestantisch fundamentalistischen sowie evangelikalen Bewegungen in den Vereinigten Staaten. Das zentrale Argument dieser Arbeit ist, dass die KL-Bewegung in Deutschland deshalb auf Unverständnis und ergo Ratlosigkeit getroffen ist (welche zu vielfältigen Protesten und in letzter Konsequenz zu ihrer juristisch legitimierten Verbannung von den Bildschirmen geführt hat), weil sie auf den drei genannten Ebenen auf spezifisch nordamerikanische, protestantisch-reformierte Ideen von Religion und Religiosität rekurriert, die es in Deutschland in dieser Form nicht gibt. Dieses deutsche (oder auch, auf einer erweiterten und modifizierten Ebene, westeuropäische) Unverständnis steht im Einklang mit Bassam Tibis Argumentation, der christliche Fundamentalismus sei innerhalb der westeuropäischen ”kulturellen Moderne“ faktisch bedeutungslos geworden (vgl. Tibi 2002: 56 .).

Wissenschaftliche Literatur zum Thema ist im Überfluss vorhanden, da sich Forscher unterschiedlicher Disziplinen wie z.B. der Religionssoziologie, Religionswissenschaft, Theologie, Politikwissenschaft und nicht zuletzt Kulturwissenschaft dazu äußern. Gerade im historischen Kontext des beginnenden 21. Jahrhunderts – des erhöhten politischen Einflusses der Religiösen Rechten in den USA seit der Wahl George W. Bushs und der verstärkten Beachtung religiösen Fundamentalismus’ nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 – sind viele Überblickswerke und Deutungen erschienen. Es gilt daher, sich aus der Vielfalt der verschiedenen Ansätze und Interpretationen einen Überblick zu verschaffen und geeignete Werke als Argumentationshilfen heranzuziehen. Aspekte der weberschen religionssoziologischen Studien sind die Basis des ersten Kapitels. Sie sind den von Johannes Winckelmann in einem Band herausgegebenen Aufsätzen zur protestantischen Ethik entnommen. Wichtige Erkenntnisse in Bezug auf Webers Werk verdanke ich den Schriften von Wolfgang Schluchter. Ein Aufsatz des Soziologen Daniele Hervieu-Leger bildet das Fundament meiner Argumentation im zweiten Teil des ersten Kapitels, bei der ich auf Ernst Troeltschs Thesen zur Sektenbildung Bezug nehme. Wichtige Quellen für das Verständnis der US-amerikanischen religiösen Landschaft bieten die Schriften von Bryan Wilson und Robert Wuthnow, wobei die Dissertation von Thomas Hase die ausführlichste und differenzierteste Auseinandersetzung mit dem Konzept der amerikanischen Zivilreligion liefert. Die Texte von Shmuel Eisenstadt und Bassam Tibi geben hervorragende Erklärungsansätze für Fundamentalismus als Bewegungen im Kontext der Moderne und das Buch von Darryl Hart kann als maßgeblich für die historische Entwicklung und die heutige Beurteilung der Evangelikalen gelten. Schließlich ist noch zu erwähnen, dass gerade für ein Thema von solcher Aktualität das Internet eine unerschöpfliche Quelle interessanter Berichte, Stellungnahmen und Deutungen war. Einige wichtige Websites sind in der Bibliografie aufgeführt. Vor der Betrachtung der einzelnen Analyseebenen steht eine kurze Einführung in den Gegenstand der Erörterung: Der nächste Absatz gibt einen Überblick über das Vorgehen, die Inhalte und die Rezeption der KL-Kampagne. Die zentralen Quellen sind dabei Medienberichte, wobei neben der Tagespresse verstärkt Quellen im Internet, z. B. private Homepages, genutzt worden sind.

1.2 Die Kampagne ” Kraft zum Leben“

Laut Medienberichten wurde in den USA bereits im Jahre 1999 mit Anzeigen, Fernsehwerbespots und Plakaten für die kostenlose Publikation ”Power for Living“ geworben. Das Time Magazine berichtete, die Kampagne (deren Spots zeitweise bis zu fünfzig mal täglich auf CNN ausgestrahlt worden seien) habe über die sechsmonatige Dauer dieser Werbeoffensive (Oktober 1998 – März 1999) mehr als $ 27,8 Mio. gekostet; eine Summe, die selbst die Medienkosten eines Präsidentschaftswahlkampfes übersteige (Van Biema 1999). Anfang des Jahres 2002 startete die Kampagne unter dem Titel ”Kraft zum Leben“ auch in Deutschland, mit 12.000 Plakaten (vgl. Peters 2002) und Zeitungsannoncen. Über den umstrittenen und schließlich verbotenen TV-Werbespot schrieb die Süddeutsche Zeitung:

Gerade hat sich das Kameraauge in steilem Schrägflug den Buchstaben genähert, da ist es mit der Herrlichkeit der Schrift auch schon vorbei. Das sanfte Lächeln des Golfstars Langer drängt sich stattdessen ins Bild. Vom Gegenstand, für den hier so pastellfarbig geworben wird, vom Büchlein und seinem geheimnisvollen Inhalt bleiben nur Andeutungen auf dem Bildschirm zurück, Wortruinen und Satzsplitter. Wer das Mysterium enträtseln will, muss eben zum Hörer greifen und die 134 Seiten starke Erbauungslektüre anfordern. Dann aber soll Kraft zum Leben eine enorme Wirkung entfalten. Der Werbespot endet mit einem siegreichen Golfprofi, der im spätnachmittäglichen Gegenlicht eine Trophäe in die Höhe reckt. (Kissler 2002 [1]) Bernhard Langer ist einer der Prominenten, welche in Deutschland für das Buch warben. Neben ihm finden sich im Büchlein ”Kraft zum Leben“ noch Testimonials von Cli Richard (Popsänger), Brita Baldus (Kunstspringerin), Paulo Sergio (Fußballer beim FC Bayern München), Philip Prinz von Preußen, Rene Müller (Fußballer), Andrea Zangemeister (Chefredakteurin von Bild der Frau) und Heinz-Horst Deichmann, dem geschäftsführenden Gesellschafter des gleichnamigen Schuhhandels (Buckingham 2001: 6-21). Mit dieser Auswahl bleibt die Kampagne ganz in der Tradition ihres US-Vorläufers, da in der amerikanischen Originalausgabe auch eine Reihe so genannter celebrities, erfolgreicher Personen aus dem öffentlichen Leben, unter anderem der Baseballspieler Andy Pettitte und die ehemalige Miss America, Heather Whitestone McCallum, für die Qualität des Buches werben (vgl. Van Biema 1999).

[...]


1 § 7 Abs. 8 RStV: ” Werbung politischer, weltanschaulicher oder religiöser Art ist unzulässig.“ Aus: Staatsvertrag über den Rundfunk im vereinten Deutschland vom 31. August 1991 (GVBl. I S. 367 .), zuletzt geändert durch den Fünften Rundfunkänderungsstaatsvertrag vom 26. September 2000 (GVBl. I S. 474 .). Quelle: http://www.adicor.de/recht.htm (07.08.2003).

2 Vgl. Pressemitteilung 01/2002 der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten vom 08.01.2002. Die Kernsätze darin lauten: ” Dem Werbeverbot unterliegt auch die Anpreisung von Büchern, soweit darin für politische, weltanschauliche oder religiöse Inhalte geworben wird. Daher darf auch für die Publikation ’ Kraft zum Leben‘ im Rundfunk nicht geworben werden.“ Quelle: http://www.alm.de/gem stellen/presse wrev/pressemit/p080102.htm (08.08.2003).


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