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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 41 Pages
Author: Katharina Silo
Subject: Politics - Political Systems - History
Details
Tags: Rock, Jugendkultur, Staatsdoktrin, Gegenkultur
Year: 2005
Pages: 41
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 20 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-40488-4
File size: 1171 KB
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Excerpt (computer-generated)
FU Berlin
Otto-Suhr-Institut für Politische Wissenschaft
Seminar:
DDR - im Spannungsfeld von Diktatur und Sozialstaat
WS 2004/2005
Rock in der DDR – Jugendkultur zwischen
offizieller Staatsdoktrin und „Gegenkultur“
von
Katharina Silo
Inhalt
1. Einleitung ... 2
2. Kultur- u nd Jugendpolitik ... 4
2.1 Ideologischer Hintergrund: Kulturpolitik im Zeichen des „neuen Menschen“ ... 4
2.2 Staatliche Instrumente zur „Kontrolle“ der Musikentwicklung ... 7
2.3 Jugendbild und –politik ... 10
2.4 Zwischenfazit: Kultur- und Jugendpolitik in Theorie und Praxis ... 11
3. Die Musikszene der siebziger und achtziger Jahre ... 13
3.1 Die „Offiziellen“ ... 14
3.2 Der „Untergrund“ ... 17
4. Die Jugend ... 19
4.1 Die „Angepassten“ ... 19
4.2 Jugendliche Interessen ... 20
4.3 Jugendszenen ... 22
5. Schluss: Der Einfluss von (staatlich gelenkter) Rockmusik auf die DDR-Jugend 25 ...
Literatur 29 ...
Anhang: I
1. Konzeptioneller Maßnahmeplan Tanzmusik ... I
2. Beispiele für abgelehnte Titel ... I
3. Grundsätze und Ziele der Freien Deutschen Jugend ... I
4. Jugendgesetz der DDR ... II
5. Freizeitstruktur von Jugendlichen ... II
6. Strategien der Stasi zur Auflösung „negativer jugendlicher Gruppen“ ... III
7. Ausgewählte Daten zu Einstellungen, Musikgeschmack und Medienkonsum von DDR-Jugendlichen ... IV
8. Jugendszenen im Fadenkreuz der Stasi ... V
9. Textbeispiele ... VI
10. Die Zeit ist reif: Resolution der Rockmusiker und Liedermacher vom 18. September 1989 ... VII
11. Hörprobe ... VIII
1. Einleitung
Setzt man sich mit der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auseinander, wird deutlich, dass beinahe alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens auf die eine oder andere Art staatlicher Kontrolle unterlagen; so auch der Bereich der Kunst, der sog. Unterhaltungskunst und damit der populären Musik. Um diesen Bereich zu kontrollieren und im Sinne der DDR-Führung zu steuern, wurden im Lauf der Jahre verschiedene Regelungen und Institutionen geschaffen.
Doch wieso war dieser Bereich der populären Musik für die Offiziellen in der DDR so relevant? Dieser Arbeit liegen zu dieser Frage zwei Prämissen zugrunde:
1. Populäre Musik – also spätestens seit den siebziger Jahren in erster Linie Rock- und Popmusik in allen ihren Spielarten – hat einen wichtigen Stellenwert im Leben Jugendlicher und bietet eine Möglichkeit jugendlicher Identifikation und Integration.
2. Die Jugend war in der DDR Hauptziel politischer Einflussnahme und staatlicher Kontrolle. Die Erziehung zum `sozialistischen Menschen´ war bei den `Zukunftsträgern´ immanent wichtig.
Daraus folgt, dass es für die Staats- und Parteiführung von hohem Wert war, populäre Musik in ihrem Sinne zu beeinflussen, wenn sie auf die Jugendlichen nicht nur im Bereich von Schule, Ausbildung und sonstiger Freizeitgestaltung in ihrem Sinne Einfluss nehmen wollte. Da es sich die Führung zum Auftrag gemacht hatte v. a. die junge Generation im Sinne des „kommunistischen Persönlichkeitsideals“1 zu erziehen, wurden bald die entsprechenden Konsequenzen aus der musikalischen Entwicklung gezogen. Obwohl populäre Musik dem Anspruch an sozialistisches Kunstschaffen tendenziell widersprach, wurde sie doch in den Bereich der sog. Unterhaltungskunst aufgenommen und die entsprechenden Anforderungen an sie gestellt.
Populäre Musik unterlag in der DDR somit zumindest offiziell ideologischen – und nicht kommerziellen - Maßstäben. Neben dem Umgang mit der DDR-eigenen Musik war auch der Standpunkt zu westlichen Musikentwicklungen wichtig. Diese wurden zum großen Teil mit Mißtrauen und Ablehnung beobachtet. Ulbricht formulierte schon 1959:
Es genügt nicht, die kapitalistische Dekadenz in Worten zu verurteilen, gegen Schundliteratur und spießbürgerliche Gewohnheiten zu Felde zu ziehen, gegen die `Hotmusik´ und die ekstatischen `Gesänge´ eines Presley zu sprechen. Wir müssen Besseres bieten.2
Dementsprechend wurde versucht v. a. die DDR-Jugend von westlichen Produkten weitestgehend fernzuhalten und sie an die hauseigene, `ideologisch korrekte´ Musik heran zu führen. In der Fachliteratur ist der Bereich `Rock in der DDR´ v. a. durch Peter Wicke und Michael Rauhut bearbeitet worden. Beide schaffen allerdings nur in Nebensätzen die Verbindung zwischen Musik und Jugendkultur. Der Bereich der Jugendkultur ist in Ansätzen von Manfred Stock dargestellt worden, allerdings ohne den Musikbereich einzubeziehen. Empirisches Material liegt v. a. vom Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung (ZIJ) vor und ist v. a. von Rauhut ausgewertet worden.
In dieser Arbeit soll versucht werden, eine Verbindung zwischen staatlich gelenkter Rockmusik und Jugendkultur herzustellen. Zu diesem Zweck sollen zunächst die ideologische n Anforderungen an Unterhaltungskunst - und damit populäre und Rockmusik – dargestellt werden. Danach werden die Instrumente zur Umsetzung dieser Forderungen und kurz die allgemeine `ideologische Schulung´ Jugendlicher erläutert.
Im zweiten Teil der Arbeit soll es dann um die Ergebnisse dieser Politik gehen: Hier wird die Musikentwicklung ab Mitte der siebziger Jahre untersucht. Dabei sollen sowohl offiziell anerkannte, wie verbotene Richtungen Beachtung finden.
Im letzten Teil soll dann die DDR-Jugend der späten siebziger und achtziger Jahre analysiert werden. Dabei geht es in erster Linie um die Frage, inwieweit die Jugend in die DDR - Gesellschaft integriert war und sich mit dieser identifizieren konnte. Meine Leitfrage ist dabei, welche Auswirkungen die staatliche Kulturpolitik in Bezug auf Rockmusik auf die Einstellung der Jugendlichen hatte. D. h., ob die Jugendlichen sich u. a. über die staatlich gelenkte Rockmusik mit dem System identifizierten oder ob diese Politik der Steuerung eine Abwendung der Jugendlichen zur Folge hatte.
2. Kultur - und Jugendpolitik
Förderung von Kunst und Kultur wurden in der DDR als wichtige staatliche Aufgabe angesehen. Dabei hatten sowohl die `hohe Kunst´ als auch die sog. Unterhaltungskunst eine ideologische Funktion zu erfüllen.3
In den fünfziger und sechziger Jahren wurde die DDR – wie der Rest der Welt – von der sog. Beatwelle überrollt, die in den sechziger Jahren von der sog. Beatlemania abgelöst wurde. Die Staats- und Parteiführung sah sich mit einem Phänomen konfrontiert, das einen Großteil ihrer Jugend einnahm. Nachdem zunächst versucht wurde, diese Entwicklung einzudämmen, merkte man bald, dass dies erstens nicht möglich war und dass zweitens in der Wirkung dieser Musik die Chance steckte, der Jugend auf diesem Wege sozialistische Werte und Normen zu vermitteln.
Dementsprechend wurden theoretische Anforderungen an `Tanz- und Unterhaltungsmusik´ ausgearbeitet und Institutionen geschaffen, die deren Umsetzung sicher stellen sollten. Im Folgenden soll zunächst kurz erläutert werden, welchen Stellenwert insbesondere Rockmusik theoretisch in der Gesellschaft haben und welche Aufgaben und Funktionen sie erfüllen sollte.
In 2.2 soll dargestellt werden, wie diese theoretischen Erwägungen in die Praxis umgesetzt wurden, d. h. welche Einflussmöglichkeiten auf die Musikentwicklung und- rezeption bestanden und wie und auf wen sie angewendet wurden.
In 2.3 schließlich soll kurz auf andere Instrumente der Einflussnahme auf die DDR-Jugend eingegangen werden.
2.1 Ideologischer Hintergrund:
Kulturpolitik im Zeichen des „neuen Menschen“ Im sozialistischen Gesellschaftssystem nahmen, wie erwähnt, Kunst und die Unterhaltungskunst einen wichtigen Stellenwert ein. Kunst sollte so gestaltet sein, dass sie „[…] zur allseitigen Ausgestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft […]“ beiträgt, „[…] die Triebkräfte des Sozialismus […]“ freisetzt, „[…] die Rolle der sozialistischen Kultur in den internationalen Klassenauseinandersetzungen erhöhen und neue Bündnispartner im Kampf für Frieden, Demokratie und gesellschaftlichen Fortschritt gewinnen […]“ 4 hilft.
Da gerade der Unterhaltungskunst die Fähigkeit zugeschrieben wurde, „[...] die Leidenschaf - ten, Stimmungen, Gefühle, Sehnsüchte, Träume der Menschen zu beeinflussen [...]“, wurde ihr „[...] eine unersetzbare Funktion bei der Formung des Denkens und Fühlens der Menschen“5 zugeschrieben. Dementsprechend hoch waren die Anforderungen, die an die Ideologiefunktion von Unterhaltungskunst gestellt wurden. Neben den bereits genannten Auf - gaben zählte auch die Bildung und Formung des sozialistischen Menschenbildes bzw. der sozialistischen Persönlichkeit dazu.6 Kunst und Unterhaltungskunst sollten so als „Waffe im Klassenkampf“7 fungieren.
Eine besondere Aufgabe sollte der Unterhaltungskunst bei der „Reproduktion der Arbeitskraft“ 8 zukommen: Da zum Erhalt der sozialistischen Wirtschaft eine ständige Steigerung der Produktion vonnöten war, war sie - neben der Ausbildung der `sozialistischen Persönlichkeit ´, die wiederum durch „ ihre erhöhte Leistungsbereitschaft“ 9 dazu beitrug - besonders wichtig. Diese `sozialistische Persönlichkeit´ wurde demnach durch einen festen Klassenstandpunkt, das Streben nach einer höheren Kultur im täglichen Leben, Freundschaft zur Sowjetunion und die Liebe zum sozialistischen Vaterland charakterisiert. Diese Eigenschaften hatte Unterhaltungskunst auf hohem Niveau zu propagieren und den sie konsumierenden Menschen zu vermitteln.10
[...]
1 Vgl. Rauhut, Michael (2002): Rock in der DDR 1964 bis 1989. Bonn. S. 5.
2 Walter Ulbricht 1959 auf der 1. Bitterfelder Konferenz. Zitiert nach: Rauhut, Michael (1999): Die Entwicklung der Unterhaltungsmusik in der DDR (Rock, Jazz) und im Transformationsprozeß. In: Materialien der Enquete - Kommission. A.a. O. S. 1784-1814. Hier S. 1790.
3 Vgl. Meyer, Thomas (1994): Musiker zwischen Repression und Förderung – Bemerkungen zum kulturpolitischen System der DDR. In: Noll, Günther (Hrsg.): Musikalische Volkskultur und die politische Macht. Tagungsbericht Weimar 1992 der Kommission für Lied-, Musik- und Tanzforschung in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde e.V. (= Musikalische Volkskunde Bd. 11). Essen. S. 43 -55. Hier S. 53.
4 Dolz, Renate (19882): Die sozialistische Kultur in der Auseinandersetzung der beiden Weltsysteme S. 190 -215 in: Zur Kunst- und Kulturpolitik der SED. Autorenkollektiv unter Leitung von Christa Ziermann Hrsg. vom Zentralrat der FDJ. Berlin. S. 190-215. Hier S. 193.
5 Ziermann, Christa (19882): Geistig-kulturelles Leben bei der weiteren Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft. In: Zur Kunst- und Kulturpolitik. A. a. O. S. 166- 189. Hier S. 186.
6 Vgl. Meyer 1994. S. 43.
7 Wicke, Peter (1999): Zur Kunst in der DDR: Die Entwicklung der Unterhaltungsmusik in der DDR (Rock, Jazz) und im Transformationsprozeß. In: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Materialien der Enquete -Kommission: „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit“ (13. Wahlperiode des Deutschen Bundestages): Bd. IV/2. Bildung, Wissenschaft, Kultur. Baden-Baden. S. 1872-1895. Hier S. 1872.
8 Ziermann 19882: S. 185f.
9 Leißner, Brigitte (1984): Jugendkultur der DDR am Beispiel der Rockmusik. Diplomarbeit vorgelegt am 17.10.1984 am Fachbereich Politische Wissenschaften an der Freien Universität Berlin. S. 48.
10 Vgl. Ziermann 19882 S. 185f.
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