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Details

Veranstaltung: Hus und Hussitismus
Institution/Hochschule: Universität Hamburg (Philosophie und Geschichte)
Tags: Reformation, Hussitismus
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2004
Seiten: 31
Note: sehr gut
Literaturverzeichnis: ~ 13  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 282 KB
Archivnummer: V42849
ISBN (E-Book): 978-3-638-40785-4
ISBN (Buch): 978-3-638-68004-2
Anmerkungen :
Kritische Auseinandersetzung mit der Leitdenkfigur Luthers als Begründer des neuen Europas, Methode: Michel Foucault.

Zusammenfassung / Abstract

Die Arbeit will nun also den Nutzen beleuchten, den eine Mystifizierung Luthers und ein „Vergessen“ des Reformators Hus für die deutschen Gesellschaftsverhältnisse 2004 mit sich bringt. Die methodische Grundlage findet sich dafür bei Michel Foucault und seinem Macht- und Diskursbegriff. Die Verfasserin ist sich bewusst, dass selbiger Begriff bei Foucault einem Wandel und einer Veränderung unterliegt. Von der Macht der „seriösen Sprecher“, also anerkannter „Koryphäen“, bestehende und auch vorherrschende Diskurse zu verändern – bis hin zur „Universalmacht“, durch welche jedes Individuum die Macht als selbst gewollt und als vernünftig akzeptiert, war es ein langer Gedankenweg. Zwischendrin hielt Foucault mehrmals an und entdeckte dabei einmal das Panoptikum als Gesellschaftsmodell. Hiernach wird jedes Individuum in den gesellschaftlichen Institutionen kontrolliert, indem es sich einer permanenten, nicht einsehbaren Kontrolle bewusst ist. Foucault beschränkt diese Kontrolle auf staatliche Autoritäten, auf Lehrerinnen, Polizistinnen, Ärztinnen. Das „Phänomen“ der Selbstzensur, nach dem auch bei Deutschen Intellektuellen in Ost und West (Beispiel Serbienkrieg oder 17. Juni 1953) eine Kontrolle der Gedanken möglich wird, zeigt jedoch, dass das permanente Bewusstsein von Kontrolle auch über die Wert(vorstellungen) funktioniert. Der bestehende Diskurs über einen Wert wird zum Machtstabilisator. Die Kritik der Aufklärung durch Horkheimer und Adorno7 ist nur der Anfang eines Diskurswechsels im europäischen Wertekonsens. Und der Ursprung eben jener, sich nun verändernden, europäischen Aufklärungswerte wird posthum mit der Reformation Martin Luthers in Verbindung gebracht. Um also diese Aufklärungswerte kritisieren zu können, muss die Person Luthers kritisch betrachtet werden. 7 Adorno, Theodor W., Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Ungekürzte Ausgabe 28. – 31. Tausend, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt / Main, 1993.

Textauszug (computergeneriert)

Jan Hus: Die vergessene europäische Reformation

von: Astrid Henning

 


I. Einleitung  2

II. Hus’ Reformation  5

II.1. Der Laienkelch und seine sozialen Folgen  5

II.1.1. Prädestination 5
II.1.2. Gehorsam 6
II.1.3. Privilegien der Priester 8

II.2. Arme Kirche und weltliche Macht 10
II.3. Die Bedeutung des Hussitismus für das Ende des mittelalterlichen Denkens  13

III. Die Wertediskussion 19

III.1. Michel Foucaults Panopticum.  20
III.2. Der Wertekanon Martin Luthers nach deutschen Geschichtsbüchern 2004  22
III.3. Der Wertekanon des Hussitismus 24
III.4. Zusammenfassung des Geschichtsbildes in bundesdeutschen Hauptschulbüchern 2004  27

IV. Zusammenfassung 28

V. Literaturverzeichnis 32



 

„Arm das Land, das Helden braucht.“ (Bertolt Brecht: Das Leben des Galilei)

I. Einleitung

Nicht erst durch die große Hollywoodverfilmung des Lebens und Wirkens Martin Luthers1 entstand das Bild vom christlichen Reformator schlechthin. Im 20. Jahrhundert wurde er in den deutschen Staaten zur traditionsreichen Figur erhoben, welche durch Mut und Einsatzbereitschaft den Weg für die modernen deutschen, später europäischen und letztlich für die modernsten „globalen“ Werte ebnete. Freiheit des Denkens und des Glaubens werden dabei zu Universalwerten, mit denen die „Nachkommen“ Luthers ihre Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt demonstrieren können.

Nach 1945 zeigte sich in beiden deutschen Staaten eine Tendenz, Luther zum nationalen Ahn zu stilisieren.2 Die eine, die westdeutsche Seite, beansprucht dabei den mutigen Kämpfer für die Meinungsfreiheit, die Güte und die Gnade Gottes, als den „Begründer eines neuen Christentums“3 für sich. Die ostdeutsche Seite lenkte dagegen ihr Augenmerk auf Luthers Bedeutung für die Bauernkriege und „erkannte“ in ihm einen Vorkämpfer des Bürgertums, welches als Ablöser des Feudalismus revolutionär war. Immerhin bleibt aus der Perspektive der DDR-deutschen HistorikerInnen die Luthersche Reformation eine Reformation und wird nicht zum allgemeinen Befreiungsschlag, weil sie den dritten Stand nicht einschloss.4 Trotz gegenläufiger Bemühungen von wissenschaftlicher Seite sind im kollektiven deutschen Geschichtsbewusstsein noch immer Einzelpersonen für die Entwicklung der Geschichte verantwortlich. Der große Erfolg der verschiedenen Guido Knopp Dokumentationen ist nur ein Beleg dafür.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass das kollektive Geschichtsbewusstsein eine Grundlage für das Bewusstsein der eigenen Lebensumstände ist, so erweisen sich Einzelpersonen auch auf Dauer geeigneter dafür, in ihnen die Entwicklung der Geschichte zu „entdecken". Es sind demnach keine Strukturen, auch keine massenpsychologischen Momente, die den historischen Werdegang definieren und verändern, sondern einzelne Persönlichkeiten, an denen man Wirkungsfelder entdecken kann.

Welche Personen im kollektiven Geschichtsbewusstsein eine Rolle spielen, was in Filmen, Lehrbüchern oder Fernsehproduktionen dargestellt wird, ist nicht unabhängig von gesellschaftspolitischen Kräftefeldern (Erinnerungspolitik)5. Und unter diesem Aspekt interessiert hier, weshalb Luther in Deutschland zum Reformator schlechthin stilisiert wird, welche Werte dabei eine Rolle spielen und – warum Jan Hus, der tschechische Reformator 100 Jahre vor Luther, für das deutsche Geschichtsverständnis kaum eine Rolle spielt. In den westdeutschen Geschichtsbüchern ist Jan Hus bestenfalls als Fußnote der Geschichte zu finden. In der DDR immerhin noch als revoltierender Märtyrer, der „den reiche n Geistlichen den Besitz nehmen und die Missstände der Kirche beseitigen (wollte). Er wollte die Kirche reformieren. Auch in der Gesellschaft sollte es keine Ungerechtigkeit mehr geben. Hus wollte aber nicht die Macht des weltlichen Adels beseitigen.“6

Die Arbeit will nun also den Nutzen beleuchten, den eine Mystifizierung Luthers und ein „Vergessen“ des Reformators Hus für die deutschen Gesellschaftsverhältnisse 2004 mit sich bringt. Die methodische Grundlage findet sich dafür bei Michel Foucault und seinem Macht- und Diskursbegriff. Die Verfasserin ist sich bewusst, dass selbiger Begriff bei Foucault einem Wandel und einer Veränderung unterliegt. Von der Macht der „seriösen Sprecher“, also anerkannter „Koryphäen“, bestehende und auch vorherrschende Diskurse zu verändern – bis hin zur „Universalmacht“, durch welche jedes Individuum die Macht als selbst gewollt und als vernünftig akzeptiert, war es ein langer Gedankenweg. Zwischendrin hielt Foucault mehrmals an und entdeckte dabei einmal das Panoptikum als Gesellschaftsmodell. Hiernach wird jedes Individuum in den gesellschaftlichen Institutionen kontrolliert, indem es sich einer permanenten, nicht einsehbaren Kontrolle bewusst ist. Foucault beschränkt diese Kontrolle auf staatliche Autoritäten, auf Lehrerinnen, Polizistinnen, Ärztinnen. Das „Phänomen“ der Selbstzensur, nach dem auch bei Deutschen Intellektuellen in Ost und West (Beispiel Serbienkrieg oder 17. Juni 1953) eine Kontrolle der Gedanken möglich wird, zeigt jedoch, dass das permanente Bewusstsein von Kontrolle auch über die Wert(vorstellungen) funktioniert. Der bestehende Diskurs über einen Wert wird zum Machtstabilisator. Die Kritik der Aufklärung durch Horkheimer und Adorno7 ist nur der Anfang eines Diskurswechsels im europäischen Wertekonsens. Und der Ursprung eben jener, sich nun verändernden, europäischen Aufklärungswerte wird posthum mit der Reformation Martin Luthers in Verbindung gebracht. Um also diese Aufklärungswerte kritisieren zu können, muss die Person Luthers kritisch betrachtet werden.

Als Beleg dafür, dass öffentliche Werte Wissen formen, gilt eben jene Stilisierung Luthers. Dabei wird außer Acht gelassen, dass dieser 100 Jahre zuvor einen historischen Vorspieler hatte, der ihm den Rang jener Bedeutung streitig machen könnte. Warum die vorherrschende Wertekontrolle8 dies vernachlässigt, hoffe ich in dieser Arbeit erhellen zu können.

II. Hus’ Reformation.

Im ersten Teil der Arbeit wird die Reformation des Jan Hus vorgestellt. Im Gegensatz zur Verengung der deutschen Reformation auf Martin Luther ist es hier besonders wichtig zu betonen, dass die böhmische Reformation nicht an einer Person alleine festgemacht werden kann. In ihrer theologischen, juristischen und sozialen Auslegung hatte sie unterschiedliche Vertreter, die wiederum auf unterschiedliche Weise die verschiedenen Strömungen der hussitischen Revolution beeinflussten. In der Darstellung jener hussischen Reformation soll aufgezeigt werden, inwieweit Luther bestenfalls als Nachfolger, als Nachkomme der böhmischen Reformatoren gelten kann.

II.1. Der Laienkelch und seine sozialen Folgen.

II.1.1. Prädestination

[...]


1 "Luther: Er veränderte die Welt für immer" ein Film, Produzent Alexander Thies, in Deutschland aufgeführt: 2003

2 Insbesondere für die Instrumentalisierung Luthers in der DDR nach der nationalen Wende empfiehlt sich hier als Lektüre: Brinks, Jan-Herman: „Die DDR-Geschichtswissenschaft auf dem Weg zur deutschen Einheit. Friedrich II. und Bismarck als Paradigmen politischen Wandels“, Frankfurt/Main, New York 1992.

3 (Hrsg.) Berger, Thomas, u.a. “Entdecken und Verstehen. Band 2. Von den Entdeckungen bis zum Ersten Weltkrieg“ Cornelsen Verlag, Berlin 1993 (aktuelle Lehrbuchausgabe), S.41.

4 Wermes Hans, Müller, Sieglinde u.a.: Geschichte. Lehrbuch für Klasse 6. entwickelt von der Sektion Geschichte an der Karl-Marx-Universität Leipzig, bestätigt vom Ministerium für Volksbildung der Deutschen Demokratischen Republik als Schulbuch, 7. Auflage, Volk und Wissen Verlag, Berlin 1978, S. 201.

5 Zum Begriff der Erinnerungspolitik, der Geschichts- und der Vergangenheitspolitik: Sandner, Günther: Hegemonie und Erinnerung: Zur Konzeption von Geschichts- und Vergangenheitspolitik. In: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 2001/1, S.5 – 17.

6 Wermes Hans, Müller, Sieglinde u.a.: Geschichte, Lehrbuch für Klasse 6... S. 149.

7 Adorno, Theodor W., Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Ungekürzte Ausgabe 28. – 31. Tausend, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt / Main, 1993.

8 Ich beschränke mich hier aufgrund des Umfangs der Arbeit auf die Wertevermittlung in den Schulbüchern für Geschichte für den Bereich der Hauptschulen. Weitere Erklärungen zur Methodik: siehe Einleitung zu Punkt III.

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