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Sehnsucht nach der entfremdeten Heimat - Eine Identitätssuche zwischen Libanon und England in Tony Hanania´s Roman 'Homesick'

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 28 Pages
Author: Annika Silja Sesterhenn
Subject: Orientalism / Sinology - Arabistic

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 28
Grade: 1
Bibliography: ~ 17  Entries
Language: German
Archive No.: V42944
ISBN (E-book): 978-3-638-40855-4

File size: 457 KB


Excerpt (computer-generated)

Sehnsucht nach der entfremdeten Heimat –
Eine Identitätssuche zwischen Libanon und
England in Tony Hanania´s Roman ′Homesick′

von: Annika Silja Sesterhenn

 


Gliederung

1) Einführung S. 3

2) Geschichte und Literatur des Libanon – ein kurzer Überblick S. 5

3) Tony Hanania´s Homesick S. 8

3a) zum Autor S. 8
3b) zum Inhalt des Romans S. 9

4) Heimat- und Identitätskonzepte in Homesick S. 10

4.1) Heimweh S. 10
4.2) Unter Wilden S. 12
4.3) Kriegsspiele/verharmloster Krieg S. 16
4.4) Selbst(er)findung S. 20

5) Zwischen here and there S. 22

6) Schlußwort S. 26

7) Literaturangabe S. 28


 


1) Einführung

tossed between the sky and sea,
we´ll sail until we find the harbor lights.
our life is but a dream of blue in green
although it seems the end draws nearer
with each passing day.
we´ll always sail this way
until we find
our home

cassandra wilson1

Am 3. und 4. Dezember 2004 fand im Wissenschaftskolleg und dem Ethnologischen Museum in Berlin das Colloquium ArabAmericas. Literatures without a fixed abode statt. Die Veranstalter Ottmar Ette von der Universität Potsdam so wie Friederike Pannewick und Andreas Pflitsch von der Freien Universität Berlin hatten im Rahmen des Projektes Cultural Mobility in Near Eastern Literatures vier Autoren geladen, deren Biographien und Stoffe ihrer Werke sich zwischen Amerika und der arabischen Welt bewegen: der aus Jordanien stammende, in Beirut aufgewachsene, abwechselnd in San Francisco und in Beirut lebende, auf englisch schreibende Autor und Bildende Künstler Rabih Alameddine; der in New York und Beirut lebende und auf arabisch schreibende Autor und Essayist Elias Khuri, die aus Mexico-City stammende, dort lebende und auf spanisch schreibende Autorin Verónica Murguía, die arabische Mythen und Märchen literarisch bearbeitet und der in Brasilien geborene Autor und Übersetzer Alberto Mussa, der libanesische Vorfahren hat, vorislamische Poesie an der Universität in Rio de Janeiro lehrt und auf brasilianisch schreibt. Die lange Kette der Attribute, deren Nennung nötig ist, um diese Autoren vorzustellen, treffen den Kern der auf dem Colloquium diskutierten Themen: in einer mehr und mehr globalisierten Welt emanzipiert sich Literatur zunehmend von ihrer Abhängigkeit von Vaterland und Muttersprache. Auch der aus dem Libanon stammende, in England lebende und auf englisch schreibende Autor Tony Hanania, dessen erster Roman Homesick im Verlauf dieser Arbeit auf die darin auffindbaren Konzepte von Heimat und Identität untersucht werden soll, hätte bestens in diese Runde von multinationalen Künstlern gepasst. Die herkömmliche Aufteilung der literaturwissenschaftlichen Disziplinen in Regionen, deren Grenzen meist geographische und sprachliche sind, wird der mobilen Literatur kaum noch gerecht. Sind zum Beispiel die Romane von Vladimir Kaminer, des auf deutsch schreibenden, aus Russland stammenden Autors, Teil des Zuständigkeitsbereiches des Germanistik oder der russischen Philologie? Rafik Schami stammt aus Damaskus, lebt aber seit Jahrzehnten in Deutschland und schreibt auch auf deutsch, bewegt sich aber in seiner Literatur fasst nur im syrischen Raum – ist er ein deutscher oder ein arabischer Autor? Das Anliegen der Veranstalter war – nein, man muss sagen es ist – eine neue Disziplin zu schaffen, die sich nicht auf eine Sprache oder eine geographische Region, nicht auf die Nationalität ihrer Autoren spezialisiert, sondern deren Spezialisation die Mobilität der Autoren und somit der Literatur selbst ist. So erklärt Ottmar Ette in seinem 2001 erschienenen Werk Literatur in Bewegung. Raum und Dynamik grenzüberschreitenden Schreibens in Europa und Amerika:

Warum haben wir uns so selten mit der Frage beschäftigt, weshalb entscheidende Neuerungen und Veränderungen im Bereich der Literatur zumindest in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in so erstaunlichem Maße nicht mehr von den Zentren, sondern von den vermeintlichen Rändern ausgingen? [...] Auch hier sind die Dinge in Bewegung geraten. In diesem Sinne bedeutet das Studium grenzüberschreitender Literaturen auch, daß es sich um Literaten jenseits eindeutiger nationalstaatlicher, kontinentaler und territorialer Grenzziehungen handelt, um Literaten, die bislang gültige Grenzen nationalliterarischer, literaturgeschichtlicher, gattungsgeschichtlicher und kultureller Art überschreiten und queren. 2 Dass die Region des Libanon als besonders prädestiniert im Hervorbringen solcher grenzüberschreitenden Literaten zu sein scheint, wird das zweite Kapitel zeigen, das die Entwicklung der Region und ihrer Literatur, sowie deren transnationale Beziehungen skizzieren soll. Die vermeintlichen „Ausnahmefälle“ werden mehr und mehr zur Norm, dies stellt auch Ette in oben genanntem Text fest:

Denn nicht nur aufgrund der nicht abreißenden Migrationsströme, die längst eine planetarische Dimension angenommen haben, werden die Literaturen des 21. Jahrhunderts zu einem beträchtlichen Teil Literaturen ohne festen Wohnsitz sein, Literaturen, die sich Versuchen eindeutiger (Re-)Territorialisierung entziehen. 3, Das mit Norm hier aber keinesfalls eine einheitliche, sich gleichende Literatur gemeint sein kann, erklärt sich von selbst – vielmehr liegt die Einheit in der Vielfalt. Die folgende Untersuchung von Tony Hananias Roman Homesick spürt ihm inneliegende Konzepte von Heimat und Identität auf, die einen Eindruck jener Vielfalt geben, die aus dem Schreiben zwischen zwei Heimaten und dem Schreiben in einer Zweitsprache erwächst. Vergleichend werden vor allem Zitate aus den Werken Rabih Alameddines herangezogen, denn er ist genau wie Tony Hanania einer der wenigen auf englisch schreibenden Autoren unter einer Überzahl von frankophonen libanesischen Exilschriftstellern, auch wenn sein gewähltes Exil nicht das britische – wie bei Hanania – ist, sondern ein amerikanisches.

2) Geschichte und Literatur des Libanon – ein kurzer Überblick

Most of the natives are only foreigners who arrived early. Everywhere there are immigrants, expatriates, itinerants, refugees, double exiles, villagers from the south, from the mountains: most will not leave because they cannot return home.4 Dieses Zitat aus Tony Hananias Roman Homesick, der im weiteren Verlauf dieser Arbeit Stoff näherer Analyse sein wird, gibt einen kleinen Einblick in die besondere Rolle Beiruts als „melting-pot“ verschiedenster Kulturen, Religionen und Sprachen, als kosmopolitische Stadt der Levante, in der europäische – vor allem durch die Mandatszeit bedingte französische – und arabische Einflüsse parallel existieren. Als Magnet für Intellektuelle und Reisende aus der ganzen Welt war Beirut „unbestritten die kulturelle Metropole des Nahen Ostens“5. Aber die weltoffene Atmosphäre, die Fülle an religiösen Gruppen wie maronitischen Christen, Muslimen und Drusen, die bis heute nebeneinander in der Region existieren, und die polyglotte Sprachsituation in der kaum einer nur eine Sprache, sondern mindestens zwei, nämlich arabisch und französisch, meistens aber auch englisch, fließend beherrscht, brachte auch Konfliktpotenzial mit sich. Denn auch gegensätzliche politische Idealvorstellungen und Identitätskonzepte standen als „latente Konfliktstoffe einander gegenüber“6. Gegen die Idee des Phönizismus etwa, die eine Abstammung der Libanesen von den Phöniziern und somit eine klare Abwendung von den Arabern und eine Hinwendung zur europäisch geprägten Mittelmeerkultur proklamiert, steht das gesamtarabische Nationalgefühl oder gar ein syrisches Nationalempfinden als mögliches Identitätskonstrukt im Libanon, das sich gegen die Beeinflussung und vermeintliche Bevormundung des Westens gegenüber der arabischen Welt richtet. „Bereits 1958 hatte es bürgerkriesähnliche Unruhen über die Streitfrage Nasserismus oder Westanbindung gegeben; der sich dabei herausbildende Antagonismus sollte langfristig einen Keil zwischen Christen und Muslime treiben.“7

[...]


1 Songtext entnommen von Cassandra Wilsons CD „traveling miles“ (1999), Blue Note, Song: Sky and Sea (Blue in Green); auf der Melodie von Miles Davis Song Blue in Green

2 ETTE, Ottmar(2001), S. 16-17

3 ders., S.17

4 HANANIA, Tony (1997), S.178

5 NEUWIRTH, Angelika in: NEUWIRTH, Angelika, PFLITSCH, Andreas, WINCKLER, Barbara(Hrsg.)(2004): S. 27-44, hier S. 42

6 siehe Fußnote 5

7 siehe Fußnote 5


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