Bitte warten
Bitte installieren Sie den Flash Player, wenn kein E-Book erscheint.
Autor: Eike-Christian Kersten
Fach: Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Lit.wiss.
Details
Institution/Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften)
Tags: Goethe, Nationalautor, Dichter, Kritiker, Proseminar
Jahr: 2005
Seiten: 19
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 19 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 183 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-41137-0
ISBN (Buch): 978-3-638-76328-8
Zusammenfassung / Abstract
Diese Arbeit will die Entwicklung Goethes zum Nationalautor nachvollziehen und dazu aus der großen Zahl von zeitgenössischen Autoren, die sich zu ihm äußerten, einige aus-wählen und an ihnen exemplarisch zeigen, was die Gründe für jene waren, die ihn befür-worteten oder ablehnten. Denn nach seinen großen Anfangserfolgen mit dem Götz von Berlichingen und den Leiden des jungen Werthers war er keineswegs sofort und durchweg bis heute der erhabene Schriftsteller und große Nationalautor, als den wir ihn jetzt ganz selbstverständlich kennen. Während Goethe seinen langjährigen älteren Freund Wieland auf seiner Seite hatte, erhielt er schon für den Götz Kritik von Gottsched und Lessing. Später sah er sich Angriffen seitens der Romantiker und Jungdeutschen ausgesetzt, und in den Jahrzehnten von 1830 bis 1880 erreichte sein Nachruhm in Deutschland seinen Tiefpunkt. So wurden Berliner Zeitungen durch die königliche Zensur gemaßregelt, die dem Tode Goethes zu viel Beachtung geschenkt hatten. Auch sein hundertster Geburtstag ging 1849 nahezu unbemerkt vorbei, während Schillers 100-Jahrfeier mit bisher ungekannter öffentlicher Begeisterung gefeiert wurde. Erst gegen Ende des Jahrhunderts ereignete sich eine wahre Goethe-Renaissance, die sich auch in Universitäten und Schulen hinein verbreitete, während sich die Goethe-Gesellschaft gründete. Diese Arbeit stützt sich hauptsächlich auf Leppmanns Goethe und die Deutschen, auf Schulz’ Exotik der Gefühle. Goethe und seine Deutschen sowie auf Gilles Aufsatz Wann und wo entsteht ein klassischer Nationalautor? Nicht verwandt wurde Karl Robert Mandelkows vierbändige Dokumentensammlung Goethe im Urteil seiner Kritiker sowie das Goethe-Jahrbuch (jetzt Goethe), deren Bearbeitung den Umfang einer Semesterarbeit sprengen würden.
Textauszug (computergeneriert)
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften
Proseminar „Nationalliteraturen?“
3. Semester
Goethe als Nationalautor. Der Dichter und seine Kritiker
von: Eike-Christian Kersten
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der klassische Nationalautor
3. Erste Erfolge
4. Das Publikum
5. Der politische Goethe
6. Junges Deutschland
7. Goethe und die Kunst
8. Die Romantiker
9. Die Historisierung Goethes
10. Die Goethe-Renaissance
11. Die Goethe-Gesellschaft
12. Goethe in der Schule
13. Schlußwort
Literaturverzeichnis
Anhang: Zeittafel
1. Einleitung
„Die Deutschen mögen mich nicht! Ich mag sie auch nicht!“1 - Mit diesem leicht abgewandelten Goethe-Zitat läßt sich ein erster Eindruck von den Spannungen gewinnen, die lange Zeit das schwierige Verhältnis zwischen dem Autor und seinem Publikum beherrschten. Zu seinen Lebzeiten haderte Johann Wolfgang von Goethe mit jenen, von denen und für die er lebte: „Meine Sachen können nicht popular werden!“2 stöhnte er noch 1828 im Gespräch mit Eckermann, mürbe von zahlreichen Anfeindungen, die ihr Thema oftmals nicht im literarischen, sondern im privaten, moralischen, religiösen oder politischen Bereich fanden und ihm seine schon zu Lebzeiten großen Erfolge vergällten. Diese Arbeit will die Entwicklung Goethes zum Nationalautor nachvollziehen und dazu aus der großen Zahl von zeitgenössischen Autoren, die sich zu ihm äußerten, einige auswählen und an ihnen exemplarisch zeigen, was die Gründe für jene waren, die ihn befürworteten oder ablehnten. Denn nach seinen großen Anfangserfolgen mit dem Götz von Berlichingen und den Leiden des jungen Werthers war er keineswegs sofort und durchweg bis heute der erhabene Schriftsteller und große Nationalautor, als den wir ihn jetzt ganz selbstverständlich kennen. Während Goethe seinen langjährigen älteren Freund Wieland auf seiner Seite hatte, erhielt er schon für den Götz Kritik von Gottsched und Lessing. Später sah er sich Angriffen seitens der Romantiker und Jungdeutschen ausgesetzt, und in den Jahrzehnten von 1830 bis 1880 erreichte sein Nachruhm in Deutschland seinen Tiefpunkt.3 So wurden Berliner Zeitungen durch die königliche Zensur gemaßregelt, die dem Tode Goethes zu viel Beachtung geschenkt hatten. 4 Auch sein hundertster Geburtstag ging 1849 nahezu unbemerkt vorbei, während Schillers 100-Jahrfeier mit bisher ungekannter öffentlicher Begeisterung gefeiert wurde.5
Erst gegen Ende des Jahrhunderts ereignete sich eine wahre Goethe-Renaissance, die sich auch in Universitäten und Schulen hinein verbreitete, während sich die Goethe- Gesellschaft gründete. Diese Arbeit stützt sich hauptsächlich auf Leppmanns Goethe und die Deutschen, auf Schulz’ Exotik der Gefühle. Goethe und seine Deutschen sowie auf Gilles Aufsatz Wann und wo entsteht ein klassischer Nationalautor? Nicht verwandt wurde Karl Robert Mandelkows vierbändige Dokumentensammlung Goethe im Urteil seiner Kritiker sowie das Goethe-Jahrbuch (jetzt Goethe), deren Bearbeitung den Umfang einer Semesterarbeit sprengen würden. Als Anhang findet sich eine graphische Darstellung der zeitlichen Einordnung der erwähnten Autoren sowie einiger Werke Goethes. Zunächst steht jedoch die Frage an, was denn ein Nationalautor eigentlich sei.
2. Der klassische Nationalautor
Eine Nation in unserem Sinne ist zunächst eine Sprachgemeinschaft, die als weiteres Merkmal eine gemeinsame Mentalität, einen Nationalcharakter ausgebildet hat.6 Der Begriff Nationalliteratur begegnet erstmals Ende des 18. Jahrhunderts, je nach Quelle zuerst bei Ludwig Wachler in seinen Vorlesungen über die Deutsche Nationalliteratur7 oder 1780 bei Leonhard Meister. Er wurde durch Johann Gottfried Herder weiterentwickelt, dieser forderte eine Nationalliteratur „aus dem Bewußtsein der Spannung ästhet[ischer] und polit[ischer] Perspektiven, klass[ischer] und moderner Elemente und aus dem Wissen um die charakterist[ischen] Eigenschaften einer nationalen Sprache, d.h. eine Literatur, die nationale Verhältnisse, Impulse und Energien als spezif[ische] Leistung der Sprache zur Darstellung bringt.“8
Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff verflacht und politisch instrumentalisiert zur Forderung erhoben, eine Literatur in der Muttersprache müsse Wesenszüge eines unverwechselbaren, typischen Nationalcharakters gestalten. 9 Der Begriff Nationalautor hingegen findet sich nirgends definiert, doch Goethe selbst erklärt zumindest seine Vorstellung davon, wie ein solcher entstehen kann.10 Dazu bedarf es der Interaktion zwischen Autor und Nation, die nur gelingen kann, wenn sie in ein kollektives Gedächtnis eingebettet ist, das politisch-historische und literarische Traditionen bereitstellt. 11 Dann kann ein Nationalautor entstehen:
„Wenn er in der Geschichte seiner Nation große Begebenheiten vorfindet, wenn er in den Gesinnungen seiner Landsleute Größe, in ihren Empfindungen Tiefe und in ihren Handlungen Stärke und Konsequenz nicht vermißt; wenn er selbst, vom Nationalgeiste durchdrungen, durch ein einwohnendes Genie sich fähig fühlt, mit dem Vergangenen wie mit dem Gegenwärtigen zu sympathisieren; wenn er seine Nation auf einem hohen Grade der Kultur findet, so daß ihm seine eigene Bildung leicht wird, wenn er viele Materialien gesammelt, vollkommene oder unvollkommene Versuche seiner Vorgänger vor sich sieht und so viel äußere und innere Umstände zusammentreffen, daß er kein schweres Lehrgeld zu zahlen braucht, daß er in den besten Jahren seines Lebens ein großes Werk zu übersehen, zu ordnen und in einem Sinne auszuführen fähig ist.“12
Die Anforderungen an sich selbst sah Goethe durchaus erfüllt, nur die Vorraussetzungen bei seinen Landsleuten schienen ihm nicht gegeben, da Deutschland noch keinen Nationa lstaat gebildet hatte. Sein Literarischer Sansculottismus war eigentlich eine Antwort auf einen 1795 veröffentlichten polemischen Aufsatz des Berliner Geistlichen Daniel Jenisch, in dem dieser die „e ntschiedenste Dürftigkeit oder vielmehr Armseligkeit der Deutschen an vortrefflichen classisch-prosaischen Werken“ beklagte und durch den Goethe sich angegriffen fühlte. Er empfand Jenisch als Guillotineur der jungen deutschen Literatur.13
[...]
1 eig. „Sie mögen mich nicht! Das matte Wort! Ich mag sie auch nicht! Ich habe es ihnen niemals zurechte gemacht!“, zit.n. Peter Boerner: „Sie mögen mich nicht! Ich mag sie auch nicht! - Goethe über die Deutschen, in: Helmut Scheuer (Hrsg.): Dichter und ihre Nation, Frankfurt 1993, 138-150, hier 142f.
2 zit.n. Klaus Gille: Wann und wo entsteht ein klassischer Nationalautor, in: Ders.: Zwischen Kulturrevolution und Nationalliteratur. Gesammelte Aufsätze zu Goethe und seiner Zeit, Berlin 1998, 279-302, hier 287.
3 vgl. Wolfgang Leppmann: Goethe und die Deutschen. Vom Nachruhm eines Dichters, Stuttgart 1962, 64.
4 vgl. Clemens Pornschlegel: Der literarische Souverän. Studien zur politischen Funktion der deutschen Dichtung bei Goethe, Heidegger, Kafka und im George-Kreis, Freiburg 1994.
5 vgl. Leppmann (1962), 63.
6 vgl. Hanns-Marcus Müller: Mit Goethe Schule machen? Der ‚Nationaldichter’ und sein Verhältnis zu ‚Volk’ und ‚Nation’ - ein Plädoyer für den politischen Goethe im Literaturunterricht, in: Peter Pabisch: Mit Goethe Schule machen? Akten zum Internationalen Goethe-Symposium Griechenland-Neumexiko- Deutschland 1999, Bern u.a. 2002, 137-150, hier 138.
7 Herder-Verlag (Hrsg.): Der Große Herder. Nachschlagewerk für Wissen und Leben, Band 17, Freiburg 1934, 980.
8 Günther Schweikle: Nationalliteratur, in: Günter und Irmgard Schweikle (Hrsg.): Metzler Literaturlexikon. Begriffe und Definitionen, 2. Aufl. Stuttgart 1990, 319.
9 vgl. ebd.
10 Johann Wolfgang von Goethe: Literarischer Sansculottismus, in: Erich Truntz (Hrsg.): Goethes Werk. Hamburger Ausgabe, Band 12, Sonderausgabe München 1998, 239-244, hier 240.
11 vgl. Gille (1998), 279.
12 Goethe (1998), 240.
13 vgl. Gerhard Schulz: Exotik der Gefühle. Goethe und seine Deutschen, München 1998, 20.
Kommentare
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden: