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Positionen im Historikerstreit

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1997, 31 Pages
Author: Jessica Holldack
Subject: Politics - Political Systems - History

Details

Event: HS 15 432 Das nationalsozialistische Herrschaftssystem - Forschungsstand und Forschungskontroversen
Institution/College: Free University of Berlin
Tags: Positionen, Historikerstreit, Herrschaftssystem, Forschungsstand, Forschungskontroversen
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 1997
Pages: 31
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 9  Entries
Language: German
Archive No.: V43507
ISBN (E-book): 978-3-638-41276-6

File size: 235 KB
Notes :
Gut - und besser.



Excerpt (computer-generated)

Freie Universität Berlin
Fachbereich Politische Wissenschaften
Veranstaltung: HS Das nationalsozialistische Herrschaftssystem -
Forschungsstand und Forschungskontroversen

Positionen im Historikerstreit

von: Jessica Holldack

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 03

2. Wissenschaftlicher und politischer Umgang mit dem Nationalsozialismus 04

2.1 Interpretationsansätze im politischen Kontext bis Anfang der achtziger Jahre 04
2.2 Im Vorfeld des Historikerstreits: Die „geistig-moralische Wende“ 09

3. Inhaltliche Positionen und Argumentationslinien 10

3.1 Andreas Hillgruber: Identifikation mit der kämpfenden Ostfront 10
3.2 Günther Gillessen, Joachim Hoffmann: Die Präventivkriegsthese 12
3.3 Ernst Nolte: Auschwitz als „asiatische Tat“ 13
3.4 Michael Stürmer: Sinnstiftung durch Geschichte 15

4. Kritik 16

4.1 Kritik an Hillgrubers Thesen 17
4.2 Kritik an Gillessen und Hoffmann 19
4.3 Kritik an Nolte 20
4.4 Kritik an Stürmer 23

5. Die Reichweite der Argumente der Kritik 25

6. Zusammenfassung 28

7. Literatur 30


 

1. Einleitung

Im so genannten Historikerstreit des Jahres 1986 stritten namhafte Historiker über die historische Interpretation des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen und ihrer politischen Bedeutung für das Selbstverständnis der Bundesrepublik. Es ging bei der Auseinandersetzung, die an Vehemenz bisherige Kontroversen zur deutschen Zeitgeschichte überstieg, um eine Neubewertung der Verfolgung und Ermordung der Juden Europas und eine Neubestimmung des Ortes des Nationalsozialismus in der deutschen Geschichte.

Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit sollen die Positionen stehen, die sich in der Debatte um die Neubestimmung gegenüberstanden. Um zu klären, worin sich der Historikerstreit qualitativ von anderen zeitgeschichtlichen Kontroversen unterschied und die Heftigkeit der Auseinandersetzung begründet lag, soll in einem einleitenden Kapitel auf den wissenschaftlichen und politischen Umgang mit dem NS bis zu den achtziger Jahren eingegangen werden (2.1). In diesem Zusammenhang soll auch der politische Kontext umrissen werden, in dem der Historikerstreit stattfand (2.2). Auf dieser Grundlage werden anschließend, die Positionen vorgestellt, mit denen eine Neubewertung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen versucht wurde (3.1 - 3.4). Hierbei sind die Positionen nicht nach ihrer chronologischen Entwicklung in der Auseinandersetzung, sondern nach inhaltlichsystematischen Gesichtspunkten geordnet. Im darauffolgenden Schritt werden in der gleichen Weise die Gegenpositionen und deren Argumentationslinien dargestellt (4.1 - 4.4). Abschließend bleibt die Frage nach den Maßstäben der Kritik zu untersuchen, das heißt, wie fundiert die Argumente der Kritiker waren und was dies für die Gesamtbewertung der Kontroverse bedeutet (5).

2. Wissenschaftlicher und politischer Umgang mit dem Nationalsozialismus

2.1 Interpretationsansätze im politischen Kontext bis Anfang der achtziger Jahre

Bei der Erforschung und Interpretation des Nationalsozialismus (NS) hat es sich als grundsätzliches Problem für Historiker herausgestellt, eine angemessene Erklärung für den Nationalsozialismus zu finden. Die bisher unvereinbaren Interpretationsansätze weisen auf eine „eigene Brisanz“1 der durch den NS aufgeworfenen Interpretationsprobleme hin. Diese Brisanz resultiert zum Teil aus der Unmöglichkeit, den Holocaust rational erklären zu können. Zum großen Teil resultiert sie auch daraus, daß die Erforschung des NS immer auch als Beitrag zur politischen Bewußtseinsbildung angesehen wird, daß sie dazu dienen soll, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sind nicht identisch mit der herrschenden Politik, jedoch hat sich gezeigt, daß aktuelle politische und geistige Strömungen die (Ausbildung der) ideologischen Prämissen beeinflussen, die den Rahmen der Geschichtsschreibung abstecken. Der folgende skizzenhafte Überblick der unterschiedlichen Forschungsansätze zeigt, daß methodische, politische und moralische Aspekte in der Geschichtsschreibung zum NS eng miteinander verwoben sind2. Die kontroversen methodischen Zugänge sollen insbesondere in ihrer Einbettung in den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Kontext näher beleuchtet werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Geschichtsschreibung der Historismus fortgeführt, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts entscheidenden Einfluß auf die Geschichtsschreibung in Deutschland hatte. Der Historismus beruht auf zwei Grundannahmen: Zum einen wird der Staat als „positiver“ Faktor der Geschichte, das heißt als bestimmendes Subjekt des Geschichtsprozesses, definiert. Zentraler Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist somit also das Handeln des Staates, dessen Wesen „Macht und Machtentfaltung“3 ist. Daraus resultiert eine starke Konzentration des Historikers auf Kriegs- und Außenpolitik des Staates, der mit diesen Mitteln seinen Daseinszweck versucht zu erfüllen, also legitimen Interessen folgt4.

Zum anderen geht der Historismus von der Vorstellung aus, daß menschliche „Ideen“ Ausgangspunkt und Determinanten geschichtlicher Prozesse seien. Die Ideen würden in Handlungen umgesetzt, die Rückschlüsse auf Intentionen und Motivationen der Menschen zuließen. Die Handlungen zu erklären ist nun Aufgabe des Historikers, was er versucht, indem er sich durch intuitives, einfühlsames Verstehen den hinter der Handlung liegenden Absichten und Beweggründen nähert5. Demnach wird in den Interpretationen historischer Fragen betont, wie stark der Wille eines einzelnen Menschen für den Verlauf der Geschichte ist. Außerdem wird aus dieser personen- und ideenzentrierten Herangehensweise die These der Einmaligkeit geschichtlicher Ereignisse und Persönlichkeiten abgeleitet6.

Für die Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg stellte es angesichts der Verbrechen, die im Namen des nationalsozialistischen Staates verübt worden waren, ein Problem dar, den NS mit den Kategorien des Historismus zu erfassen. Das zweite Prinzip des Historismus, die These der Einzigartigkeit geschichtlicher Ereignisse, erlaubte jedoch die Distanzierung vom Unrechtsregime, indem der NS als singulärer Einbruch in eine positive nationale Entwicklung vor Hitler interpretiert und dargestellt wurde. Auslösung des Zweiten Weltkrieges, die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden wurden direkt aus den Absichten und Zielen Hitlers hergeleitet. Durch die starke Betonung der Ideologie und der besonderen Antriebskraft des persönlichen Willens Adolf Hitlers, wurde Adolf Hitler zum einzig relevanten Subjekt der Handlung. Dieser methodische Ansatz wurde daher auch „Hitlerismus“ genannt. Die historistische Auffassung der Einmaligkeit geschichtlicher Ereignisse führte außerdem dazu, daß sich die Frage nach Kontinuitäten entweder zu vorangegangenen Etappen oder nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gestellt wurde.

[...]


1 Zit. nach: Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick , Reinbek bei Hamburg 19943, S.14.

2 Um grundsätzliche Unterschiede und Kontroversen in der Geschichtsschreibung zum NS zu benennen und hervorzuheben, benennt Ian Kershaw modellhaft drei Aspekte („drei Dimensionen“): Der erste betrifft die wissenschaftliche Herangehensweise / Methode („geschichtsphilosophische Dimension“), der zweit den Einfluß der politischen Verhältnisse auf die Herausbildung der ideologischen Prämissen der Geschichtsschreibung („politisch-ideologische Dimension“) und der dritte den moralischen Anspruch bzw. die moralische Verantwortung des Historikers, wenn er über den NS schreibt („moralische Dimension“). Kershaw, Ian, a.a.O., S.14.

3 Zit. nach: Kühnl, Reinhard (Hrsg.): Vergangenheit die nicht vergeht. Die „Historiker-Debatte“, Dokumentation, Darstellung und Kritik., S.207.

4 Kershaw, Ian: Der NS-Staat, a.a.O., S.21 und Kühnl, Reinhard: Vergangenheit...,a.a.O., S.207.

5 Kershaw, Ian: a.a.O., S.21.

6 Ebda.


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