Register or log in at GRIN

Your e-mail-address or password is wrong
Register now
For new authors: free, easy and fast
This will be used as your user name, please specify a valid e-mail address

Lost password

Your e-mail-address or password is wrong

Request a new password
Drei kulturanthropologische Erklärungen des Inzesttabus und Verknüpfungen mit ei... close

Please wait

Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.

Drei kulturanthropologische Erklärungen des Inzesttabus und Verknüpfungen mit einer möglichen Kulturtheorie der Herrschaft

Scholary Paper (Seminar), 2005, 25 Pages
Author: Simon Brückner
Subject: Cultural Studies

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2005
Pages: 25
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V43706
ISBN (E-book): 978-3-638-41446-3
ISBN (Book): 978-3-638-67709-7
File size: 234 KB
Notes :
Das Inzestverbot hat als universelles Phänomen menschlicher Gesellschaften die Kulturanthropologie, Ethnologie und Soziologie seit dem 19. Jahrhundert bis heute beschäftigt. Einige Denker haben versucht, aus dem Inzestverbot ganze Gesellschaftsmodelle oder sogar die menschliche Kultur als solche abzuleiten. Fast immer ist das Thema eng verknüpft mit Fragen der Gewalt und Herrschaftsordnung in einer Gesellschaft. Vor allem diesem Zusammenhang gehe ich hier nach.


Abstract

Das Inzestverbot hat als universelles Phänomen menschlicher Gesellschaften die Kulturanthropologie, Ethnologie und Soziologie seit dem 19. Jahrhundert bis heute beschäftigt. Es existiert eine ungeheure Bandbreite an Ansätzen bis hin zu komplexen Theorien, die dieses vielschichtige und vielgestaltige Phänomen erklären sollen. Einige Denker haben versucht, aus dem Inzestverbot ganze Gesellschaftsmodelle oder sogar die menschliche Kultur als solche abzuleiten. Gerade bei Sigmund Freud, der in seinem umstrittenen Werk "Totem und Tabu" eine weitreichende Erklärung des berühmten Tabus versucht hat, ist das Thema eng verknüpft mit Fragen der Gewalt und Herrschaftsordnung in einer Gesellschaft. Genau diesen Zusammenhang habe ich bei vielen anderen Autoren ebenso gefunden, und ihm möchte ich in dieser Arbeit nachgehen. Ich habe drei klassische Texte ausgewählt, die das Inzestverbot aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, sich aber auch überschneiden und sich teilweise aufeinander beziehen: "Totem und Tabu", Claude Lévi-Strauss’ "Die elementaren Strukturen der Verwandtschaf"t und "Das Heilige und die Gewalt" von René Girard. Den drei Autoren ist gemein, dass sie im weitesten Sinne soziologische Thesen vertreten, biologische Ansätze zurückweisen. Die vorliegende Arbeit nimmt demgegenüber eine Zwischenposition ein und geht davon aus, dass sich im Inzestverbot ein kulturell produziertes Tabu wie auch ein genetisch präformierter Instinkt überlagern. Nach dem ich die in den drei Texten vertretenen Thesen kurz zusammenfassend beschrieben habe, untersuche ich ihre Implikationen auf mögliche Erklärungen von gesellschaftlichen Machtstrukturen und mache mich daran, herausarbeiten, inwiefern man sie lesen kann als Schritte oder Versuche zu einer umfassenden Kulturtheorie der Herrschaft.


Excerpt (computer-generated)

 

Humboldt Universität zu Berlin

 

Drei kulturanthropologische Erklärungen des Inzesttabus
und
Verknüpfungen mit einer möglichen Kulturtheorie der Herrschaft

Simon Brückner

Seminararbeit im PS "Inzest und Gabe"

 

 

 

Inhalt


Einleitung    ... 3

Sigmund Freud: „Totem und Tabu“     ... 4

Claude Lévi-Straus: “Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft”     ... 6

René Girard: „Das Heilige und die Gewalt“     ... 7

Patriarchat und Über-Ich    ... 9

Gewalt und Gewaltkontrolle des Inzestverbotes    ... 12

Familie     ... 13

Allianz und kulturelle Prozessualität     ... 14

Kulturelle, göttliche und natürliche Ordnung     ... 16

Das Tabu und die souveräne Macht     ... 17

Biopolitik     ... 21

Weniger Gewalt, weniger Herrschaft?     ... 22

Literatur     ... 24

 

 

Einleitung

Das Inzestverbot hat als universelles Phänomen menschlicher Gesellschaften die Kulturanthropologie, Ethnologie und Soziologie seit dem 19. Jahrhundert bis heute beschäftigt. Es existiert eine ungeheure Bandbreite an Ansätzen bis hin zu komplexen Theorien, die dieses vielschichtige und vielgestaltige Phänomen erklären sollen. Einige Denker haben versucht, aus dem Inzestverbot ganze Gesellschaftsmodelle oder sogar die menschliche Kultur als solche abzuleiten. Gerade bei Sigmund Freud, der in seinem umstrittenen Werk Totem und Tabu eine weitreichende Erklärung des berühmten Tabus versucht hat, ist das Thema eng verknüpft mit Fragen der Gewalt und Herrschaftsordnung in einer Gesellschaft. Genau diesen Zusammenhang habe ich bei vielen anderen Autoren ebenso gefunden, und ihm möchte ich in dieser Arbeit nachgehen.

Ich habe drei klassische Texte ausgewählt, die das Inzestverbot aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, sich aber auch überschneiden und sich teilweise aufeinander beziehen: Totem und Tabu, Claude Lévi-Strauss’ Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft und Das Heilige und die Gewalt von René Girard. Den drei Autoren ist gemein, dass sie im weitesten Sinne soziologische Thesen vertreten, biologische Ansätze zurückweisen.

Die vorliegende Arbeit nimmt demgegenüber eine Zwischenposition ein und geht davon aus, dass sich im Inzestverbot ein kulturell produziertes Tabu wie auch ein genetisch präformierter Instinkt überschneiden. Ich berufe mich dabei auf die interessante Schrift „Inzest: kulturelles Verbot und natürliche Scheu“ von Jörg Klein, die außerdem eine ausgezeichnete Retrospektive über das Thema und die vielen Erklärungsansätze zur Verfügung stellt. Nach dem ich die in den drei Texten vertretenen Thesen kurz zusammenfassend beschrieben habe, untersuche ich ihre Implikationen auf mögliche Erklärungen von gesellschaftlichen Machtstrukturen und mache mich daran, herausarbeiten, inwiefern man sie lesen kann als Schritte oder Versuche zu einer umfassenden Kulturtheorie der Herrschaft. Als Bindeglied und Fortführung dienen mir dabei die Gedanken Giorgio Agambens zur Souveränität und zur Geltung von Gesetzen. Vieles zur politischen Interpretation von Totem und Tabu verdanke ich dagegen Mario ERDHEIM.

Diese Arbeit hat mehr Laborcharakter als sie Theoriebildung betreibt. Ich möchte verschiedene Wege vorstellen, die um den Zusammenhang von Inzestverbot und Herrschaftsordnung kreisen und von ihm weiterführen, aber ich werde sie nicht zu Ende gehen können - sie als Wege plausibel zu machen, erscheint mir anspruchsvoll genug. Die drei im Zentrum stehenden klassischen Texte halte ich alle in Bezug auf das Inzestverbot für  hoch interessant und bedenkenswert und doch jeweils für sich und als Gesamtentwurf betrachtet fraglich und ungenügend. Es schälen sich jedoch, wenn man die Texte aufzubrechen beginnt oder sie gegen sie selber liest, Gedanken und Bedeutungen heraus, die in einem größeren Zusammenhang noch einmal interessant werden. Denn nicht zuletzt sind diese und viele andere Theorien zum Inzestverbot nicht bloß irgendwelche Erklärungsansätze, sondern ihrerseits Reflexe der Gesellschaftsordnung innerhalb derer sie produziert wurden. Ich hoffe also, dass meine Arbeit dem Leser eher als produktive Dekonstruktion, denn als Eklektizismus Eindruck machen wird.

Sigmund Freud: „Totem und Tabu“

FREUD beruft sich auf die Forschungen Charles DARWINs und geht davon aus, dass die frühen Menschen in einem vorkulturellen Zeitalter sozial ähnlich organisiert waren wie bestimmte Primatenhorden. Sie lebten in Gruppen, welche jeweils von einem dominanten Männchen angeführt wurden. Dieses Männchen beanspruchte alle zur Horde gehörenden Frauen und verjagte die Söhne, wenn sie geschlechtsreif wurden. Der Urvater herrschte mit eiserner Gewalt und obwohl noch kein Inzesttabu existierte, so kam es doch auf die Exogamie seiner männlichen Nachkommen heraus, da sie ja aus der Gemeinschaft vertrieben wurden.1 Anders stand es um den inzestuösen Verkehr des Vaters mit seinen Töchtern - dieser war ihm offenbar jederzeit möglich. Doch dann geschah es auf Grund von kulturellen Umwälzungen, die FREUD nicht genauer zu bestimmen weiß, dass sich hie und da kräftige junge Männer zusammentaten und gemeinschaftlich den bisher uneingeschränkten Machtanspruch des Tyrannen in Frage stellten.

„Eines Tages taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde ein Ende. Vereint wagten sie und brachten zustande, was dem einzelnen unmöglich geblieben wäre.“2

Entscheidend ist die Vereinigung der Brüder. Anders als Zeus, der neuer Göttervater werden konnte, weil Chronos zuvor seine anderen Söhne verspeist hatte3, ist es hier eine Clique, die den Staatsstreich wagt. Während im ersten Fall das System der Vaterhorde nicht in Frage gestellt, sondern reproduziert wird, so kommt es im zweiten Fall zur Einsetzung eines neuen Systems: der Brüderhorde. Die Gemeinschaft der Umstürzler hat im Vorfeld der gelungenen Machtübernahme soziale Bindungen zwischen ihnen etabliert. Durch ihren kannibalistischen Exzess haben sie sich in eine Pattsituation hinein manövriert, denn jeder von ihnen hat Anspruch auf den Thron und alle könnten sie ihn doch nur durch einen ungewissen Sieg in einer verlustreichen Schlacht jeder gegen jeden erringen. Zudem plagt sie ihr Gewissen ob der Mordtat, da sie den Vater nicht bloß gehasst, sondern ebenso bewundert und geliebt haben.

Aus dieser Ambivalenz heraus erwächst das erste, wenn auch nicht schriftlich fixierte Gesetz, mithin die uranfängliche Kulturleistung des Menschen: das Inzesttabu. Erstmalig wird Triebverzicht geübt, um die Gemeinschaft zu stabilisieren und in eine höhere Stufe der Zivilisation zu überführen. Die Brüder behalten ihre Solidargemeinschaft, enthalten sich dem väterlichen Thron und damit auch dem Besitz der Frauen; ihre Bräute müssen sie sich jetzt außerhalb des Clans erwählen. Inzest und Endogamie sind also (noch) wesensgleich.4 Sie beziehen sich beide auf biologische Verwandtschaft, insofern die Mitglieder eines (Totem- )stammes sich als vom selben Urvater abstammend betrachten, ohne sich jedoch aus dieser eigentlich herzuleiten; kein naturgegebener Instinkt liegt ihnen zu Grunde.

Es differenzieren sich in Folge des Umsturzes zwei unterschiedliche Tabus aus, die eng zusammenhängen: das Inzesttabu auf der einen Seite unterbindet die Rivalität der Männer um die Frauen der eigenen Gruppe, während das Totem-Tabu die Unrechtmäßigkeit des Vatermordes (von nun an) proklamiert und dafür sorgt, dass sein Gesetz in nachträglichem Gehorsam befolgt wird. Das Totemtier, welches FREUD als Wiederkehr des Urvaters interpretiert, ist eine Art Schutzheiliger des Klans.5

Es darf normalerweise weder berührt noch erlegt werden, und ihm gebührt der Respekt eines herausragenden Stammesgenossen. Diese beiden Tabus werden durch Tradition, Sozialisation und, wie FREUD meint, die genetische Einschreibung psychischer Dispositionen auf alle späteren Generationen übertragen.6 Wie anderen Tabus, so liegt auch ihnen eine tief greifende Ambivalenz zu Grunde: denn auch das inzestuöse Verlangen und der Vaterhass verbleiben in der emotionalen Grundausstattung des Menschen – ebenso wie die Schuldgefühle der Söhne und ihre Sehnsucht nach Schutz und Führung durch den einstigen Übervater.

[...]


1 s. FREUD (1912/13): 178f

2 ebenda: 196

3 Nach Hesiod entmannt der Titan Chronos seinen Vater Uranos, nimmt seine Schwester Rhea zur Frau und verschlingt seine Söhne – bis auf Zeus, den Rhea im Verborgenen zur Welt bringt. Zeus besiegt Chronos und verstößt ihn mit den Titanen in die Unterwelt, nachdem er ihn gezwungen hat, seine Kinder wieder auszuspucken.

4 s. FREUD (1912/13): 52

5 ebenda: 185

6 s. ebenda: 214


Comments

No comments yet

Add Comment
Your comment is reviewed before being published

Other users also were interested in the following titles:


This text can be quoted and accessed from this url:

http://www.grin.com/e-book/43706/drei-kulturanthropologische-erklaerungen-des-inzesttabus-und-verknuepfungen
please wait Please wait