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Hegel, Hölderlin und das älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus

Seminararbeit, 2002, 20 Seiten
Autor: Mareike Henrich
Fach: Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Details

Veranstaltung: Proseminar Hegel: Glauben und Wissen
Institution/Hochschule: Westfälische Wilhelms-Universität Münster (Philosophisches Seminar)
Tags: Hegel, Hölderlin, Systemprogramm, Deutschen, Idealismus, Proseminar, Hegel, Glauben, Wissen
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2002
Seiten: 20
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 10  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V43770
ISBN (E-Book): 978-3-638-41498-2
ISBN (Buch): 978-3-638-59680-0
Dateigröße: 218 KB

Zusammenfassung / Abstract

"Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich, / und der entfloh’nen Tage Lust; doch bald weicht sie / des Wiedersehens süssern Hofnungen" [Hegel, Werke 1, S. 230.] - diese Zeilen finden sich in einem Gedicht, das Hegel im August 1796 in Bern niederschreibt. Es trägt den Titel "Eleusis" - und es ist Hölderlin gewidmet, dem Freund aus der Tübinger Studienzeit. Das Gedicht entsteht in Erwartung einer erneuten Begegnung mit Hölderlin in Frankfurt, wo Hegel im Januar 1797 eine Stelle als Hauslehrer antreten wird; es zeugt von der Hoffnung auf eine Erneuerung des "Bundes" [Hegel, Werke 1, S. 230.], in dem sich Hegel und Hölderlin in Tübingen verbrüdert sahen. Tatsächlich wird die Begegnung mit Hölderlin in Frankfurt für Hegel mehr bedeuten als die Aufnahme einer alten Freundschaft. Der gedankliche Austausch mit dem Dichter, die Berührung mit dessen vereinigungsphilosophischen Ansätzen, wird Hegels eigenes Philosophieren in entscheidender Weise beeinflussen und ihm - unter anderem - den Anstoß zur endgültigen Überwindung seines Berner Kantianismus geben. Das Gedicht "Eleusis", in dem sich Hegels Kritik an der Philosophie Kants bereits andeutet, lässt sich, wie Christoph Jamme schreibt, "gleichsam als Ouverture" des "gemeinsamen Frankfurter 'Symphilosophierens'" [Jamme, S. 131.] der beiden Freunde betrachten. Es ist unmöglich, in einer Seminararbeit alle Facetten, alle Aspekte und alle Auswirkungen dieses 'Symphilosophierens' auf das jeweilige Gesamtwerk der beiden Denker aufzuzeigen. Im Folgenden soll deshalb versucht werden, die Grundgedanken der Hölderlinschen Vereinigungsphilosophie und Hegels Aufnahme dieser Denkmotive unter Bezugnahme auf einen wesentlichen Text, unter Bezugnahme auf "Das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus", herauszuarbeiten. Eine Betrachtung des "Systemprogramms" ist in diesem Zusammenhang vor allem deshalb sinnvoll, weil in der zweiten Hälfte des von Hegel niedergeschriebenen Textes deutlich Hölderlins Einfluss erkennbar wird. Die zweite Texthälfte könne, so Jamme, gelesen werden "als Widerspiegelung von Hegels Begegnung mit Hölderlin, aufgrund derer er die Prinzipien seiner Philosophie entscheidend weiterentwickelte". [Jamme, S. 131.] Das erstmals 1917 veröffentlichte "Systemprogramm" ist ein problematischer und viel diskutierter Text; die Frage nach dem geistigen Urheber der Handschrift beschäftigt die Hegel-, Hölderlin- und Schellingforschung bis heute. Aus diesem Grund ist es angebracht, im ersten Teil der Arbeit zunächst den Text in Hinblick auf seine Überlieferung, den inhaltlichen Aufbau sowie die Verfasserfrage zu betrachten. Anschließend soll auf die wichtigsten Aspekte der Vereinigungsphilosophie eingegangen und dargestellt werden, inwiefern sich die Begegnung Hegels mit Hölderlin im "Systemprogramm" niederschlägt. Da aber, wie Dieter Henrich betont, nicht nur der "Anstoß durch Hölderlin" [Henrich, S. 11.], sondern auch und gerade der "Abstoß von ihm [...] Hegels frühen Weg zum System bestimmt" [Henrich, S. 11.] habe, halte ich es für sinnvoll, in einem dritten Teil abschließend auf einige gedankliche Differenzen zwischen Hegel und Hölderlin hinzuweisen.


Textauszug (computergeneriert)

Westfälische Wilhelms-Universität
Philosophisches Seminar
Proseminar: Hegel: Glauben und Wissen
WS 2001/2002

Hegel, Hölderlin und das
Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus

Mareike Henrich

Dt. Philologie, Philosophie, Allg.
Sprachwissenschaft, 6. Semester

 

Inhalt

INHALT ... 2

EINLEITUNG ... 3

1. DAS ÄLTESTE SYSTEMPROGRAMM DES DEUTSCHEN IDEALISMUS. ÜBERLIEFERUNG, INHALT, VERFASSERFRAGE ... 4
1. 1 Zur Überlieferung ... 4
1. 2 Zum inhaltlichen Aufbau des ‚Systemprogramms‘ ... 4
1. 3 Schelling, Hegel, Hölderlin? Die Verfasserfrage ... 7

2. HÖLDERLINS VEREINIGUNGSPHILOSOPHIE UND DER MITTELTEIL DES ÄLTESTEN SYSTEMPROGRAMMS ... 8
2. 1 Liebe und Schönheit. Hölderlins Vereinigungsphilosophie ... 8
2. 2 Gedankliche Begegnung im ‚Systemprogramm‘ ... 12

3. DIFFERENZEN ZWISCHEN HEGEL UND HÖLDERLIN ... 17

LITERATUR ... 20
Primärliteratur ... 20
Sekundärliteratur ... 20

 

Einleitung

„Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich, / und der entfloh’nen Tage Lust; doch bald weicht sie / des Wiedersehens süssern Hofnungen“1 – diese Zeilen finden sich in einem Gedicht, das Hegel im August 1796 in Bern niederschreibt. Es trägt den Titel Eleusis – und es ist Hölderlin gewidmet, dem Freund aus der Tübinger Studienzeit. Das Gedicht entsteht in Erwartung einer erneuten Begegnung mit Hölderlin in Frankfurt, wo Hegel im Januar 1797 eine Stelle als Hauslehrer antreten wird; es zeugt von der Hoffnung auf eine Erneuerung des „Bundes“2, in dem sich Hegel und Hölderlin in Tübingen verbrüdert sahen.

Tatsächlich wird die Begegnung mit Hölderlin in Frankfurt für Hegel mehr bedeuten als die Aufnahme einer alten Freundschaft. Der gedankliche Austausch mit dem Dichter, die Berührung mit dessen vereinigungsphilosophischen Ansätzen, wird Hegels eigenes Philosophieren in entscheidender Weise beeinflussen und ihm – unter anderem – den Anstoß zur endgültigen Überwindung seines Berner Kantianismus geben. Das Gedicht Eleusis, in dem sich Hegels Kritik an der Philosophie Kants bereits andeutet, lässt sich, wie Christoph Jamme schreibt, „gleichsam als Ouverture“ des „gemeinsamen Frankfurter ‚Symphilosophierens‘“3 der beiden Freunde betrachten. Es ist unmöglich, in einer Seminararbeit alle Facetten, alle Aspekte und alle Auswirkungen dieses ‚Symphilosophierens‘ auf das jeweilige Gesamtwerk der beiden Denker aufzuzeigen. Im Folgenden soll deshalb versucht werden, die Grundgedanken der Hölderlinschen Vereinigungsphilosophie und Hegels Aufnahme dieser Denkmotive unter Bezugnahme auf einen wesentlichen Text, unter Bezugnahme auf Das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus, herauszuarbeiten. Eine Betrachtung des Systemprogramms ist in diesem Zusammenhang vor allem deshalb sinnvoll, weil in der zweiten Hälfte des von Hegel   niedergeschriebenen Textes deutlich Hölderlins Einfluss erkennbar wird. Die zweite Texthälfte könne, so Jamme, gelesen werden „als Widerspiegelung von Hegels Begegnung mit Hölderlin, aufgrund derer er die Prinzipien seiner Philosophie entscheidend weiterentwickelte“.4

Das erstmals 1917 veröffentlichte Systemprogramm ist ein problematischer und viel diskutierter Text; die Frage nach dem geistigen Urheber der Handschrift beschäftigt die Hegel-, Hölderlin- und Schellingforschung bis heute. Aus diesem Grund ist es angebracht, im ersten Teil der Arbeit zunächst den Text in Hinblick auf seine Überlieferung, den inhaltlichen Aufbau sowie die Verfasserfrage zu betrachten. Anschließend soll auf die wichtigsten Aspekte der Vereinigungsphilosophie eingegangen und dargestellt werden, inwiefern sich die Begegnung Hegels mit Hölderlin im Systemprogramm niederschlägt. Da aber, wie Dieter Henrich betont, nicht nur der „Anstoß durch Hölderlin“5, sondern auch und gerade der „Abstoß von ihm [...] Hegels frühen Weg zum System bestimmt“6 habe, halte ich es für sinnvoll, in einem dritten Teil abschließend auf einige gedankliche Differenzen zwischen Hegel und Hölderlin hinzuweisen.

1. Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. Überlieferung, Inhalt, Verfasserfrage
1. 1 Zur Überlieferung

Die Preußische Staatsbibliothek ersteigerte im März 1913 auf einer Auktion des Hauses Liepmannssohn in Berlin ein einzelnes Blatt, auf der Vorder- und Rückseite mit Hegels Handschrift beschrieben. 1917 wurde das Blatt erstmals von Franz Rosenzweig unter dem – später häufig kritisierten – Titel Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus veröffentlicht und kommentiert. Erst 1976 konnte Dieter Henrich die Überlieferungsgeschichte des Textes aufklären: das Systemprogramm stammt aus dem Nachlass des Hegelschülers Förster und somit aller Wahrscheinlichkeit nach aus Hegels eigenem Nachlass. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Forschung auf eine Fotografie des Textes angewiesen, da das Original als verschollen galt. Es ist wiederum Henrich zu verdanken, dass die Original-Handschrift seit 1979 wieder zugänglich ist. Er konnte die Jagellonische Bibliothek Krakau, in die das Systemprogramm in den Kriegswirren gelangt war, zur Freigabe des Originaltextes veranlassen.

1. 2 Zum inhaltlichen Aufbau des ‚Systemprogramms‘

Eine vollständige Interpretation des Systemprogramms soll und kann in dieser Arbeit nicht geleistet werden; Bezugspunkt für die Darstellung des Hölderlinschen Einflusses auf Hegels Denken wird im zweiten Teil der Arbeit vor allem der mittlere Abschnitt des Textes sein, in dem der Autor seine Überlegungen zur Ästhetik darlegt.

Da aber dieser Mittelteil nicht als isoliert von den übrigen im Programm entwickelten Gedanken gelesen werden kann, soll an dieser Stelle kurz auf den inhaltlichen Aufbau des Systemprogramms eingegangen werden.

Unabhängig davon, wer nun letztlich als geistiger Urheber der Handschrift angenommen werden darf, lässt sich sagen, dass hier Denkmotive formuliert werden, wie sie zur Entstehungszeit des Systemprogramms (1796 oder 1797) in der Philosophie bereits mehrfach angeklungen waren. Diese Denkmotive werden, so Otto Pöggeler, im Programm „zusammengefaßt [...] zum Zwecke der Artikulation einer Revolution der Denkungsart“.7 Jedoch ist das Systemprogramm nicht revolutionär in dem Sinne, dass hier ein bereits konsequent durchdachtes, in sich geschlossenes System in seinen Grundzügen dargelegt würde. Vielmehr dokumentiert der Text eine Phase des „Übergangs und Wandels im Denken“.8 Für den Übergangscharakter des Programms spricht beispielsweise die Tatsache, dass der Autor sich durch den gesamten Text hindurch immer wieder auf die Philosophie Kants bezieht und sich ihrer Sprache bedient, in dieser Sprache jedoch Gedanken entwickelt, die deutlich über Kant hinausweisen.

[...]


1 Hegel, Werke 1, S. 230.

2 Ebd.

3 Jamme, S. 131.

4 Ebd., S. 173.

5 Henrich, S. 11.

6 Ebd.

7 Pöggeler, Otto: Hölderlin, Hegel und das älteste Systemprogramm. In: Bubner, S. 251.

8 Ebd.


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