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Beschneidung im Kontext des Islam im Sudan am Beispiel der Berti

Autor: Karola Hoffmann
Fach: Ethnologie / Volkskunde

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Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 29
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 15  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 318 KB
Archivnummer: V43866
ISBN (E-Book): 978-3-638-41563-7
ISBN (Buch): 978-3-638-65728-0

Zusammenfassung / Abstract

Die unter Muslimen weit verbreitete Meinung, dass die Beschneidung von Mädchen und Jungen im Koran festgelegt und gefordert wird, entspricht nicht den Tatsachen. Obwohl Koran und Sunna als den Quellen des islamischen Rechts eine umfassend Gültigkeit zugesprochen wird, sind in der islamischen Gesellscha ft des Sudans Beschneidungen ein obligatorischer Schritt in Richtung Erwachsenenleben. Beschnitten werden sowohl Jungen als auch Mädchen, wobei die psychischen und physischen Schäden für Frauen tiefgreifender sind als für Männer. Deshalb werden in dieser Arbeit zwar beide Geschlechter beachtet, der Fokus aber auf die Beschneidung der Frauen gelegt. Dies liegt zu einen darin begründet, dass die physischen und psychischen Auswirkungen der Beschneidung bei Frauen prägender und schädigender sind als bei der männlichen Beschneidung. Zum anderen ruft die Praxis der Beschneidung von Frauen weltweit Proteststür me hervor, die nur selten die traditionelle Bedeutung des Rituals der Beschneidung an Frauen umfassend kennen. Es stellt sich die Frage, inwieweit der Islam die Beschneidung rechtfertigen könnte und welche weiteren Gründe für die Ausübung der Beschneidung zusätzlich angeführt werden. Dies, unter anderem am Beispiel des sudanesischen Stammes der Berti, darzustellen, ist Inhalt dieser Arbeit. Dabei werde ich wie folgt vorgehen: Zuerst werde ich die Grundlagen der Beschneidung bei Frau und Mann detailliert schildern. Dabei wird beachtet, welche Beschneidungsarten es gibt und welche Motive dazu führen. Ein wichtiger Aspekt dieses Kapitels sind die Aussagen des Korans und der Sunna zum Thema Beschneidung. Weitere Rechtfertigungen für Beschneidungen werden abschließend kurz dargestellt. Nachfolgend wird die Beschneidung im Islam am Beispiel des Stammes der Berti im Nordsudan beschrieben. Dabei beziehe ich neben der Beschneidungszeremonie die religiöse, rituelle und gesellschaftliche Bedeutung der Beschneidung in der muslimischen Gemeinschaft der Berti in die Darstellung mit ein. Abschließend gehe ich auf die Arbeit der Anti-Beschneidungs-Aktivisten im Sudan ein. Die Arbeit der verschiedenen Organisationen gegen Beschneidung ist von lückenhaften Kenntnissen lokaler Traditionen begleitet, die zu Misserfolgen bei der Arbeit führen. Insgesamt soll diese Arbeit einen objektiven Überblick über Beschneidung in einer islamischen sudanesischen Gesellschaft bieten und helfen nachzuvollziehen, wieso dieses Ritual von den Betroffenen noch verteidigt wird.

Textauszug (computergeneriert)

Ludwig- Maximilians-Universität München
Institut für Völkerkunde und Afrikanistik
Hauptseminar: Ethnologie des Islam
6. Semester

Beschneidung im Kontext des Islam im
Sudan am Beispiel der Berti

von: Karola Hoffmann

 


Inhaltsverzeichnis 2

1 Untersuchungsgegenstand 3

2 Grundlagen der Beschneidung 5

2.1 Beschneidung bei Frauen 6
2.2 Beschneidung bei Männern 7
2.3 Koran und Sunna – Quellen des Rechts 8
2.4 Gründe für Beschneidungen 10

3 Beschneidung im Kontext des Islams bei den Berti 13

3.1 Beschneidungsprozess und –zeremonie 14

3.1.1 Trennung 15
3.1.2 Aggregation 16

3.2 Religiöse Verankerungen 17
3.3 Rituelle Bedeutungen 19
3.4 Gesellschaftliche Bedeutungen 20
3.5 Fazit 21

4 Anti-Beschneidungs-Kampagnen 23

4.1 Beweggründe 23
4.2 Vorgehensweisen, Erfolge und Misserfolge 25

5 Bibliographie 27

5.1 Literatur 27
5.2 Internetseiten 29
5.3 Abbildung 29
 


 

1 Untersuchungsgegenstand

Die unter Muslimen weit verbreitete Meinung, dass die Beschneidung von Mädchen und Jungen im Koran festgelegt und gefordert wird, entspricht nicht den Tatsachen. Obwohl Koran und Sunna als den Quellen des islamischen Rechts eine umfassend Gültigkeit zugesprochen wird, sind in der islamischen Gesellscha ft des Sudans Beschneidungen ein obligatorischer Schritt in Richtung Erwachsenenleben. Beschnitten werden sowohl Jungen als auch Mädchen, wobei die psychischen und physischen Schäden für Frauen tiefgreifender sind als für Männer.

Deshalb werden in dieser Arbeit zwar beide Geschlechter beachtet, der Fokus aber auf die Beschneidung der Frauen gelegt. Dies liegt zu einen darin begründet, dass die physischen und psychischen Auswirkungen der Beschneidung bei Frauen prägender und schädigender sind als bei der männlichen Beschneidung. Zum anderen ruft die Praxis der Beschneidung von Frauen weltweit Proteststür me hervor, die nur selten die traditionelle Bedeutung des Rituals der Beschneidung an Frauen umfassend kennen. Es stellt sich die Frage, inwieweit der Islam die Beschneidung rechtfertigen könnte und welche weiteren Gründe für die Ausübung der Beschneidung zusätzlich angeführt werden. Dies, unter anderem am Beispiel des sudanesischen Stammes der Berti, darzustellen, ist Inhalt dieser Arbeit.

Dabei werde ich wie folgt vorgehen:

Zuerst werde ich die Grundlagen der Beschneidung bei Frau und Mann detailliert schildern. Dabei wird beachtet, welche Beschneidungsarten es gibt und welche Motive dazu führen. Ein wichtiger Aspekt dieses Kapitels sind die Aussagen des Korans und der Sunna zum Thema Beschneidung. Weitere Rechtfertigungen für Beschneidungen werden abschließend kurz dargestellt.

Nachfolgend wird die Beschneidung im Islam am Beispiel des Stammes der Berti im Nordsudan beschrieben. Dabei beziehe ich neben der Beschneidungszeremonie die religiöse, rituelle und gesellschaftliche Bedeutung der Beschneidung in der muslimischen Gemeinschaft der Berti in die Darstellung mit ein. Abschließend gehe ich auf die Arbeit der Anti-Beschneidungs-Aktivisten im Sudan ein. Die Arbeit der verschiedenen Organisationen gegen Beschneidung ist von lückenhaften Kenntnissen lokaler Traditionen begleitet, die zu Misserfolgen bei der Arbeit führen. Insgesamt soll diese Arbeit einen objektiven Überblick über Beschneidung in einer islamischen sudanesischen Gesellschaft bieten und helfen nachzuvollziehen, wieso dieses Ritual von den Betroffenen noch verteidigt wird.

2 Grundlagen der Beschneidung

„The term ,circumcision’ is applied, in its strict sense, to a wide-spread surgical operation for the abolation of the male prepuce, and also, with a looser connotation, to the simple incisio n of the prepuce, or even to two operations on the female genitals – clitoridectomy and abalation of the labia minora (the so called ,female circumcision’).”1

Beschneidungen werden in westlichen Ländern, erstaunlicherweise auch in einem großen Maße in den USA, hauptsächlich aus medizinischen bzw. vermeintlich medizinischen Gründen durchgeführt.2 Medizinische Gründe für die Durchführung der Beschneidung bei Männern liegen meist in einer Vorhautverengung, der sogennanten Phimose. Bei Erkrankung an Phimose kann der betroffene Mann die Vorhaut nicht vollständig über die Eichel zurückziehen. Diese birgt bei Nicht- Beschneidung die Gefahr von Urinrückstau, Impotenz, Hodenkrebs sowie das Risiko einer Verhärtung der Vorhaut und einer größeren Anfälligkeit für Geschlechtskrankheiten. 3

Bei Frauen wird die Operation teilweise ebenfalls aus medizinisch gerechtfertigten Gründen durchgeführt. Klitoris und innere Schamlippen sind gelegentlich übermäßig groß, ein physisches Merkmal das unter allen Völkern verbreitet ist. Die Auffassung, die die Krankheit Erotomanie durch Beschneidung der zu groß geratenen Klitoris beseitigen zu können, ist heute widerlegt. Dennoch kann in Einzelfällen eine Beschneidung bei Frauen aus anderen medizinischen Gründen notwendig sein.4 Der Großteil der Beschneidungen weltweit wird aber aus religiösen Motiven heraus durchgeführt. Sowohl Juden, Muslime als auch Christen und unzählige eigenständige Religionen beschneiden Jungen und Mädchen. Diese Praxis kann bis zu 5.000 Jahre zurückverfolgt werden. 5 Sie wird von allen großen Religionen und auf allen Kontinenten praktiziert, allerdings unter verschiedenen medizinischen und sozialen Rahmenbedingungen.6

Deshalb werde ich in diesem Kapitel zuerst auf die unterschiedlichen Arten der Beschneidung von Frauen und Männern eingehen. Anschließend werde ich prüfen, inwiefern Koran und Sunna, die Quellen des islamischen Rechts, die Ausübung der Beschneidung rechtfertigen. Abschließend nenne ich die häufigsten Gründe, die zur Rechtfertigung der Beschneidung herangezogen werden.

2.1 Beschneidung bei Frauen

[...]


1 Gray 1953

2 Dem Themenkomplex Beschneidung bei Jungen in den USA haben Denniston et.al. 2004 eine Aufsatzsammlung gewidmet. In der Einleitung plädieren die Herausgeber gegen die Beschneidung männlicher Kinder, da diesen damit Lebensqualität geraubt wird, die sie nicht erahnen können. Ferner wird die Beschneidung bei Jungen als vollkommen unnötige Praxis beschrieben.

3 Vgl. Gray 1953, S. 659

4 Vgl. Gray 1953, S. 659

5 Bekannt ist die Praxis der weiblichen Beschneidung in anderer Form bereits aus dem antiken Rom. Dort mussten Sklavinnen zur Schwangerschaftsprävention einen Ring durch die Schamlippen tragen. Auch der im Mittelalter beliebte Keuschheitsgürtel erinnert vom Prinzip her an Beschneidung bzw. die Einschränkung der weiblichen Sexualität. Vgl. dazu Ismail/Makki 1999, S. 38

6 Vgl. El-Tom 1998, S. 163

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