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Sie konnten Österreich nicht überleben - Zum Gefühl des 'Lebendig-Totseins' in Joseph Roths Roman 'Radetzkymarsch'

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 19 Pages
Author: Isabel Liebig
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Die Romane Joseph Roths
Institution/College: Dresden Technical University
Tags: Gefühl, Lebendig-Totseins, Joseph, Roths, Roman, Radetzkymarsch, Romane, Joseph, Roths
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2002
Pages: 19
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V44128
ISBN (E-book): 978-3-638-41782-2

File size: 244 KB


Excerpt (computer-generated)

Sie konnten Österreich nicht überleben - Zum Gefühl
des ′Lebendig-Totseins′ in Joseph Roths Roman
′Radetzkymarsch′

von: Isabel Liebig

 


VORWORT  4

1. DER HELD VON SOLFERINO – DER ANFANG VOM UNTERGANG 5

1.1. Die Rettung des Kaisers – Geburt und beginnender Verfall der Familie Trotta von Sipolje 5
1.2. Die Schulbuchaffäre – der Auslöser für die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln?  6
1.3. Das Vater-Sohn-Verhältnis  7
1.4. Tod und doch am Leben 7

2. DER BEZIRKSHAUPTMANN – DIE MACHT DER BÜROKRATIE  8

2.1. Ein Leben für Österreich 8
2.2. Der Tod als Auslöser von Zweifeln  9
2.3. Der Bezirkshauptmann – „Kaiser im kleinen Rahmen“  10

3. CARL JOSEPH – „WIDERSPRUCH ZWISCHEN REALITÄT UND MYTHOS“?  11

3.1. Leben im Schatten eines Helden  11
3.2. „Wieder liegen Tote auf seinem Weg.“  12
3.3. Kritik am Stand der Armee  12
3.4. Versuch der Selbstfindung  13

4. EXKURS: „EINMAL IN DER WOCHE, AM SONNTAG, WAR ÖSTERREICH.“ – DER RADETZKYMARSCH 14

5. „ES WAR SEHR SCHÖN, ES HAT MICH SEHR GEFREUT.“ – FRANZ JOSEPH I 15

6. RESÜMEE 16

7. LITERATURANGABE 18

Primärtext  18
Lexika 18
Sekundärliteratur  18



 

Vorwort

Die Lektüre des Romans gibt dem Rezipienten das Gefühl, Zeuge eines unaufhaltsamen Niedergangs zu sein, des Niedergangs der Idee vom Vielvölkerstaat Österreich/Ungarn. Metaphorisch zeichnet Joseph Roth den sukzessiven Untergang der Monarchie am Verfall der fiktiven Familie Trotta, die eng verwoben mit dem Schicksal des Kaiserreiches ist, nach. Der Todeskampf der Monarchie zwischen Solferino und Sarajewo wird in den Biographien dreier Generationen der Trottas nachgebildet. Dieses Gefühl des Lebendig-Totseins durchzieht den gesamten Roman. Die Suche nach Leben, die Verdrängung des unvermeidlichen Endes stehen vor der Allgewalt des Todes.

Die Ambivalenz, der Kampf ums Dasein und doch den Hauch des Todes schon im Nacken zu spüren, hat mich beim Lesen des Romans besonders fasziniert. Ich möchte daher in meiner Arbeit diese Ambivalenz, anhand der Verbindung der Familie Trotta zum Haus Habsburg, betrachten. Denn die Familie Trotta, wie auch der Kaiser, konnten Österreich nicht überleben. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf der Analyse der Hauptfiguren des Romans liegen. Ich werde dabei verschiedene Aspekte in den Mittelpunkt meiner Untersuchung rücken, um die Verhältnisse der einzelnen Familienmitglieder zur Armee, Bürokratie, Krieg und den Bezug zur Figur des Kaisers zu beleuchten.

1. Der Held von Solferino – der Anfang vom Untergang

1.1. Die Rettung des Kaisers – Geburt und beginnender Verfall der Familie Trotta von Sipolje

Gleich zu Beginn des Romans sieht sich der Rezipient mit dem Massensterben in den Schlachtreihen von Solferino konfrontiert. Das Todesmotiv wird auf der ersten Seite mit der Beschreibung der Toten und Verwundeten aufgenommen, durchzieht den gesamten Handlungsverlauf und mündet auf dem Schlachtfeld des 1. Weltkrieges und dem Tod des Kaisers im Jahre 1916. In der historisch bedeutenden Schlacht von Solferino am 24. Juni 18591, die den Untergang der Monarchie Österreich/Ungarn einläutet, rettet Leutnant Joseph Trotta dem österreichischen Kaiser das Leben. Trotta reagiert auf die drohende Gefahr unbewusst und spontan, geleitet von seinen Erfahrungen aus früheren Schlachten, ohne jede Rücksicht auf die Etikette. Eine Heldentat, auch wenn sich Leutnant Trotta nicht dementsprechend benimmt. Eine Kugel, die ihm das linke Schlüsselbein zerschmetterte, wurde ihm unter wenig heldenhaften und „unmenschlichen Gebrüll“2 entfernt. Zum Dank für seine Rettung erhebt ihn der Kaiser in den Adelsstand und befördert ihn zum Hauptmann von Sipolje, entsprechend des Namens seines Heimatdorfes an der östlichen Grenze des Reiches. Die Gegensätze, die schon in seinem Titel zum Ausdruck kommen, gestalten das gesamte Leben des jungen Helden – die Verleihung des Adelprädikats bindet ihn und sein Geschlecht eng an das Haus Habsburg, doch „von Sipolje“ verweist auf seine wirkliche bäuerliche Herkunft. Diese innere Zerrissenheit, durch die kaiserlichen Gaben hervorgerufen, die der Hauptmann beinah als Beleidigung versteht, wird noch einmal durch die Ignoranz des eigenen Vaters verstärkt. Die „Phraseologie der Altersegozentrik“3 des Vaters: „Gratuliere, gratuliere...“4 relativiert seine Heldentat, so dass der erlangte Ruhm und Stand zu einer „totalen Selbstentfremdung“5 des jungen Mannes führt, dem „der leibliche Vater plötzlich ferngerückt (war)“6. Das zerstörte Verhältnis zum Vater verbietet Hauptmann Trotta seine Identität aus seiner slowenischen Herkunft abzuleiten, der Versuch sie auf die Armee und seine Uniform umzuprojizieren scheitert kläglich an der „Schulbuchaffäre“.

1.2. Die Schulbuchaffäre – der Auslöser für die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln?

Im Lehrbuch seines Sohnes findet Hauptmann Trotta die „Heldengeschichte“ des Jahres 1859, den wahren Tatsachen widersprechend und stark patriotisch angehaucht, niedergeschrieben. Das durch die Distanzierung des Vaters hervorgerufene Gefühl der Selbstentfremdung beim Hauptmann wird nun durch die verbreitete Legende zur Aufgabe seiner Identität in der Armee gesteigert. Schmerzlich muss er nach der Audienz beim Kaiser erkennen, dass der Mythos Österreich, für den er sein Leben riskiert hat und zu dessen Stabilisierung er selbst beigetragen hat, auf Lügen basiert, gegen die selbst der Kaiser machtlos ist. Der Glaube des Hauptmannes an Österreich ist erschüttert, seine persönliche Identifikation mit dem Mythos Österreich zerstört. Er sieht sich aus diesem Grund gezwungen, seinen Abschied aus der Armee zu nehmen. Diese Entscheidung trifft er selbstbewusst und aus eigenem Antrieb. Zur Kompensation wird er durch die kaiserliche Gnade als Major entlassen, in den Freiherrenstand erhoben und er erhält eine finanzielle Unterstützung aus der kaiserlichen Schatulle.7 Der Major Trotta zieht sich mit seiner Familie auf ein slowenisches Gut zurück, wo er das Leben eines Bauern führen möchte, inspiriert vom Leben seiner bäuerlichen Vorfahren. Jedoch bleibt ihm ein wirkliches Leben nach seinen bäuerlichen Wurzeln versagt.

Denn dieses Stadium seines Lebens ist gekennzeichnet vom Schweben zwischen zwei Polen, der Armee und dem bäuerlichen Dasein, doch zu keinem der Pole ist er mehr fähig einen echten Bezug zu finden. Der Armee hat er selbständig den Rücken gekehrt und auch wenn er sich bemüht, verhindert es der Adelstitel, sein Leben nach der Art eines einfachen Bauern zu gestalten. Er ist kein einfacher Bauer, wie seine Vorfahren, sondern ein wohlhabender Gutsherr.

1.3. Das Vater-Sohn-Verhältnis

[...]


1 Hinweise zum katastrophalen Ausgang dieser blutigen Schlacht gibt der Autor nicht, allein die Rettung des Herrschers steht im Mittelpunkt.

2 Roth, J.: Radetzkymarsch, S. 8.

3 Hackert, F.: Joseph Roth: Radetzkymarsch, In: Lützeler, P. M. (Hrsg.): Deutsche Romane des 20. Jahrhunderts. Neue Interpretationen, Königstein 1983, S. 185.

4 Roth, J.: Radetzkymarsch, S. 11.

5 Müller, K.-D.: Joseph Roth: Radetzkymarsch, In: Interpretationen Romane des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1993, S. 303.

6 Roth, J.: Radetzkymarsch, S. 9; Änderung d. A.

7 Vgl. ebd., S. 16/17.


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