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Künstlerisches Gestalten und psychische Erkrankung

Diploma Thesis, 2001, 103 Pages
Author: Silvia-Gabriela Baumgärtner
Subject: Social Pedagogy / Social Work

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2001
Pages: 103
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V4426
ISBN (E-book): 978-3-638-12741-7

File size: 1593 KB
Notes :
Ist künstlerisches Gestalten auch ein Aufgabe sozialpädagogischer Arbeitsfelder? Diese Arbeit ist für alle Berufe in der sozialen Arbeit geeignet, die sich des künstlerischen Gestaltens aus sozialpädagogischer Sicht mit Teilaspekten u.a. der Kunstherapie annehmen möchten.



Excerpt (computer-generated)

Diplomarbeit zur Erlangung des Abschlusses
Diplom Sozialpädagogin

Künstlerisches Gestalten und psychische Erkrankung
Bearbeitung eines Kunstprojektes mit psychisch kranken
Menschen

Fachhochschule Koblenz
Fachbereich Sozialwesen
Studiengang: Sozialpädagogik
Erstgutachterin: Frau Prof. Daniela Braun
Zweitgutachter: Herr Prof. Dr. Bodo Müller

vorgelegt von:
Silvia – Gabriela Baumgärtner

Holler, 9 Mai 2001

Inhaltsverzeichnis

Einleitung ... 1

1. Künstlerisches Gestalten ... 3
   
1.1 Annäherung an einen komplexen Begriff ... 3
        1.1.1 Künstlerisches Gestalten und Wahrnehmung ... 4
        1.1.2 Künstlerisches Gestalten und Ästhetik ... 7
        1.1.3 Künstlerisches Gestalten und Kreativität ... 8
    1.2 Kunsttherapie ... 11
        1.2.1 Allgemeine Darstellung der Kunsttherapie ... 11
        1.2.2 Ansätze in der Kunsttherapie ... 14
        1.2.3 Kunsttherapie in der Praxis ... 18

2. Psychische Erkrankung ... 22
   
2.1 Endogene Psychosen ... 22
        2.1.1 Schizophrenien ... 22
        2.1.2 Affektive Störungen ... 32
    2.2 Persönlichkeitsstörungen ... 40

3. Kunstprojekt ... 45
   
3.1 Sozialpädagogische Didaktik/Methodik nach Johannes
    Schlling - theoretische Darstellung ... 45
        3.1.1 Konzeptionelle Überlegungen eines Zielgruppen-Konzeptes ... 47
        3.1.2 Überlegungen zur Auswertung eines Zielgruppen-Konzeptes ... 55
    3.2 Zielgruppenkonzept für das Kunstprojekt mit psychisch
    kranken Menschen ... 56
    3.3 Beschreibung der einzelnen Kunstangeboten ... 71
    3.4 Reflexion des Kunstprojektes ... 90

4. Künstlerisches Gestalten – auch eine Aufgabe sozialpädagogischer Arbeitsfelder ... 93

Literaturverzeichnis ... 96


Einleitung
Bei meiner Arbeit mit den verschiedensten Zielgruppen ( Kinder, Jugendliche, Erwachsene, behinderte und psychisch kranke Menschen ) machte ich während den unterschiedlichsten Gestaltungsangeboten mit den verschiedensten Materialien die Erfahrung, dass künstlerisches Gestalten eine Ausdruckform ist. Dabei stelle ich nicht das WAS sondern das WIE des künstlerischen Gestaltens in den Mittelpunkt. Es geht mir dabei viel weniger um das Ergebnis des Künstlerischen als Kunstwerk, sondern vielmehr um den künstlerischen Prozess an sich, um den Weg dahin. Damit wird klar, dass ich bei dem Begriff „künstlerisches Gestalten“ nicht von einer Definition als solche und Bestimmung der Kunst ausgehe, sondern von dem Schaffungs- bzw. Entstehungsprozess des Gestaltens. Dieser Prozess des Gestaltens ( ob mit Farben, Ton, Gips oder anderen Materialien ) ist meiner Ansicht nach eine Ausdrucksform. Das Ergebnis und der Weg dahin drücken Gefühle und Erlebnisse des Gestaltenden aus.

Ich machte die Erfahrung, dass insbesondere Kinder das Malen von Bildern als Medium der Kommunikation nutzen. Sie drücken in Bildern das aus, was sie in Worten nicht fassen können. Diese Erfahrung ist auch auf andere Zielgruppen übertragbar, auch wenn in einer anderen Form des Vorgehens.

Während meiner fünfwöchigen Arbeit im Sommer 2000 in der Außenwohngruppe „Katharina-Zell-Haus“ – Teileinrichtung des Wohnheimes „Haus an der Christuskirche“ machte ich die Erfahrung, dass psychisch kranke Erwachsene ähnlich wie die Kinder das Malen als Medium des Sich - Ausdrückens nutzten. Ich bot ihnen als Freizeitangebote Malaktivitäten an. An dem Tag des Gestaltens mit Farben erzählten sie mir von ihren Erlebnissen im Verlaufe des Tages. Man konnte deutlich an den Bildern die Verarbeitungsversuche der jeweiligen Erlebnisse erkennen, d.h. sie stellten diese beim Malen in konkreter Form oder symbolisch dar, die sie anschließend erklärten. Auch bei der Farbenauswahl konnte man deutliche Verbindungen mit den jeweiligen Erlebnissen herstellen – war der Tag positiv verlaufen, drückte sich dies in deutlicher Betonung von hellen, warmen Farben aus ( z.B. Gelb, Orange, Grün ). Ich kann mich noch an eine Teilnehmerin erinnern, die sich angespannt und unausgeglichen vor dem Angebot fühlte und nach ca. 30 Minuten konzentriertes und ruhiges Malen den Raum verließ mit den Worten: „Das war gut. Jetzt kann ich schlafen.“. Dies zeigte mir, was für eine erstaunliche Wirkung das Gestalten hat. Diese Erfahrungen im Bereich der Arbeit mit psychisch kranken Menschen zeigte mir, künstlerisches Gestalten ist nicht nur eine Ausdrucksform, sondern zugleich auch eine Verarbeitungsmöglichkeit. Dies führte dazu, mich näher mit dem Thema zu beschäftigen.

Welche psychische menschliche Fähigkeiten, Fertigkeiten sind mit diesem Prozess des Gestaltens verknüpft? Damit sind Voraussetzungen dieses Prozesses angesprochen, aber auch die Wirkung dieser im Bereich des Erlebens, Verarbeitens sowie der Erfahrung. Was ist psychische Erkrankung?; Wie lässt sich ein Kunstprojekt mit psychisch kranken Menschen planen und durchführen? – sind weitere Fragen, die in meiner Arbeit beantwortet werden. Damit umfasst meine Arbeit Grundlagen mehrerer Fachgebiete: Teilaspekte der Ästhetik, der Kunsttherapie, der humanistischen Psychologie, der Psychopathologie und der Sozialpädagogik.

Das Thema „Künstlerisches Gestalten und psychische Erkrankung“ wird in der Literatur lediglich im Rahmen der Kunsttherapie thematisiert, aber nicht im Bereich der Sozialpädagogik. Ein weiteres Problem bei der Literaturrecherche ergab sich bezüglich der Bestimmung des Begriffs „künstlerisches Gestalten“, da der Begriff „Kunst“ sich als äußerst komplex herausstellte und der Begriff „Gestalten“ in der Fachliteratur nur im Zusammenhang mit den entwicklungspsychologischen Stadien der Zeichnung im Kleinkind- und Jungendalter thematisiert wird. Somit übernimmt meine Arbeit eine integrative Funktion.

Diese besteht aus zwei Teilen: einem theoretischen und einem praktischen Teil. Im zweiten – dem praktischen – Teil der Arbeit beschreibe ich die Planung,  Durchführung und Auswertung des Kunstprojektes in der Außenwohngruppe „Katharinna-Zell-Haus“, Zweigseinrichtung des „Hauses an der Christuskirche“ – eine gemeindepsychiatrische Einrichtung für psychisch kranke Erwachsene. Das sozialpädagogische Didaktik/Methodik – Modell Schillings dient mir hierzu als Rahmen, als Orientierung. Das Modell stellt im Prinzip den Gesamtrahmen meiner Arbeit dar. Im dem theoretischen Teil der Arbeit erfolgt im ersten Punkt als Einstieg zunächst eine Annäherung an dem Begriff „künstlerisches Gestalten“. Darunter sind die Verknüpfungen dieses künstlerischen Prozesses des Gestaltens mit psychischen Fähigkeiten, Funktionen sowie eine kurze Darstellung der Ästhetik in diesem Zusammenhang aufzuzählen. In dem zweiten Teil des ersten Punktes werden die Darstellung der Kunsttherapie, der Ansätze sowie der Praxis dieser entfaltet. Im zweiten Punkt des theoretischen Teils werden die psychischen Erkrankungen thematisiert, wobei ich mich auf die Illustration der endogenen Psychosen und der Persönlichkeitsstörungen beschränke. Der Grund dieser Eingrenzung der psychischen Erkrankungen liegt in dem Vorhandensein dieser zwei Formen der Störungen bei der Zielgruppe des Kunstprojektes.

Die Ausführungen des künstlerischen Gestaltens, der Kunsttherapie, der endogenen Psychosen und der Persönlichkeitsstörungen sowie die theoretische Skizzierung des Didaktisch/ Methodischen-Modells Schillings bestimmen und thematisieren den theoretischen Teil und damit die Voraussetzungen des Kunstprojektes. Es scheint sich zunächst um drei voneinander unabhängige Gebiete zu handeln. Die Synthese dieser scheinbar voneinander abgekoppelten drei Bereiche wird durch und im Kunstprojekt veranschaulicht. Im Prinzip stellt die praktische Arbeit die Verknüpfung dieser dar.

Schließlich setze ich mich im letzen Punkt meiner Arbeit mit therapeutischen und pädagogischen Aspekten auseinander, um den Unterschied herauszukristallisieren und um zu veranschaulichen, ob künstlerisches Gestalten ein Aufgabengebiet der Sozialpädagogik ist.

1. Künstlerisches Gestalten
1.1 Annäherung an einen komplexen Begriff
Der Begriff „Künstlerisches Gestalten“ impliziert das Wort Kunst und das Wort Gestalten. Was ist Kunst?

„Kunst ist eine menschliche Tätigkeit, die darin besteht, daß ein Mensch durch bestimmte äußere Zeichen anderen die von ihm empfundenen Gefühlen bewußt mitteilt und daß andere Menschen von diesen Gefühlen angesteckt werden und sie erleben“ ( Tolstoi 1980 zitiert nach Mäckler 1987, S.121 ).

„ Die Kunst ist ein Ausdruck, d.h. sie verdankt ihre Existenz dem Bedürfnis des Menschen, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken“ ( Tatarkiewicz 1980 zitiert nach Mäckler 1987, S.127 ).

„... ; alle Formen und Farben der Kunst sind hervorgetrieben aus dem inneren Bedürfnis, sind die Sprache, das Gewand der Seele, die Offenbarmachung der höchsten geistigen Strebungen des Volkes, seine sichtbar gewordene Geistigkeit; die Kunst ist der Kulturtypus, dargestellt in Marmor, Farbe, Ton, Wort, hörbar, anschaubar, tastbar gemacht“ ( Collischonn 1906 zitiert nach Mäckler 1987, S.126 ).

All diese Definitionen haben etwas gemeinsam: Kunst wird als menschliche Ausdrucksform, als Form der Verständigung verstanden, somit auch als Kommunikation. Den Anspruch jedoch Kunst definieren zu wollen, musste ich aufgeben, denn allein der Versuch würde die Dimension meiner Arbeit sprengen. So erscheint es mir sinnvoller im weiteren Verlauf meiner Arbeit den Begriff „Künstlerisches Gestalten“ zu gebrauchen. Wie aus der Einleitung hervorgeht, ist für mich das Gestalten mit bildnerischen Mitteln ebenfalls eine Form der menschlichen Ausdrucksweise. Ich betrachte das Phänomen des Künstlerischen als ein Prozess des Schöpferischen, in dem der Mensch in seiner Ganzheitlichkeit tätig und angesprochen wird, d.h. der Mensch handelt, ist gefühlsmäßig beteiligt, er kommuniziert mit der Außenwelt über bzw. durch sein Werk, bestimmte internalisierte Werte, Vorstellungen werden dargestellt und sein Geist wird dabei angeregt. Gestalten ist meiner Ansicht nach nicht notwendigerweise von Kunst zu trennen, wenn ich Kunst als Prozess des Schöpferischen, als Ausdrucksform verstehe. Damit ist das Gestalten ein Teil der Kunst, ohne Kunst als Zielsetzung zu haben.

Unter dem Begriff „schöpferisch“ soll in diesem Zusammenhang, im Sinne von „... aus sich selbst wirkend, schaffend“ ( Wahrig 1991, S.1141 ) und unter „Gestalten“ „ ... einer Sache Gestalt geben, sie formen, bilden, entwickeln, verwirklichen“ ( Wahrig 1991, S.555 ) verstanden werden. Zusammenfassend bezeichnet dann aus meiner Sicht der Begriff „künstlerisches Gestalten“ ein Prozess des Wirkens und Schaffens, in dem der Mensch in seiner Ganzheit tätig und angesprochen wird. Daraus folgt, künstlerisches Gestalten ist mit verschiedenen psychischen menschlichen Funktionenund Fähigkeiten wie beispielsweise der Wahrnehmung verknüpft.

Der Begriff Kunst umfasst auch andere Künste, die Literatur oder die Musik. Im Kontext meiner Arbeit beziehen sich die Darstellungen des Künstlerischen auf die Form des Gestaltungsprozesses im Sinne von Malen und plastisches Gestalten. Damit ist künstlerisches Gestalten, Arbeiten mit ästhetischen Mitteln gemeint. Diese Arbeit beinhaltet Aspekte der Kreativität und ist an die menschliche Wahrnehmung gebunden. Zusammenfassend stelle ich die folgende These als Ausgangspunkt meiner weiteren Darstellungen auf: Künstlerisches Gestalten beinhaltet bzw. ist verknüpft mit der Wahrnehmung, der Kreativität und Aspekten der Ästhetik. Damit beziehe ich diesen Begriff auf das Gestalten mit bildnerischen Mitteln.

Das bildnerische Gestalten umfasst im wesentlichen die Tätigkeiten Zeichnen, Malen und Formen. Ziel dieser Betätigung ist nicht die Kunst, sondern die bildnerische Bewältigung einer Innen- und Außenwelt. Damit kann der Mensch durch bildnerische Mittel sich selbst, sein Wahrnehmen, Fühlen, Denken sichtbar zum Ausdruck bringen ( vgl. Bareis 1982, S.5 ). Für Bareis ( 1982 ) findet das Kind eine Sprache in dem bildnerischen Tun, in der es ohne Worte reden, sich artikulieren kann. Ich vertrete die Ansicht, dass dies auch auf Erwachsene zutrifft.

Das Gestalten mit Ton, Gips, Stiften oder anderen Materialien ist also eine Ausdrucksform. Der Mensch verleiht seinen Eindrücken, Erlebnissen, Empfindungen mittels des Materials Ausdruck. Man könnte dies als sinnliches Phänomen bezeichnen. Sinnlich, weil über die Sinne menschliche Empfindungen entstehen und weil bei dem Prozess des Gestaltens die Sinne angeregt werden. Um dieses Phänomen zu begreifen, ist das Wissen über den Prozess der Wahrnehmung notwendig.

[...]


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