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Der Medea-Mythos. Zwischen Dämonisierung und Psychologisierung

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 23 Pages
Author: Marina Kaykhanidi
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 23
Grade: 1.7
Bibliography: ~ 21  Entries
Language: German
Archive No.: V44976
ISBN (E-book): 978-3-638-42465-3

File size: 250 KB


Excerpt (computer-generated)

Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät II
Institut für Neuere deutsche Literatur
HS: Heroinen der Bühne: Weibliche
Tragödienfiguren von 17. bis zum 19. Jahrhundert.
10. Fachsemester

Der Medea-Mythos. Zwischen Dämonisierung und Psychologisierung
Medea des Euripides und Grillparzers Medea: Interpretationsversuche

von: Marina Kaykhanidi

 


I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

1. EINLEITUNG 2

2. MYTHEN ALS AUSDRUCK MÄNNLICHER DOMINANZ ODER ZUM PATRIARCHALISCHEN CHARAKTER UNBEWUßTER KOLLEKTIVVORSTELLUNGEN 3

3. MEDEA ALS PARADIGMA EINES TRAGISCH-WEIBLICHEN SUBJEKTS: INTERPRETATIONSMÖGLICHKEITEN DER MEDEA-FIGUR 5

3.1. „FURCHTERREGENDE BARBARIN“ 6
3.2. MEDEA ALS AMBIVALENTES MÄNNERPHANTASMA: ZWISCHEN ZWEI WEIBLICHKEITSENTWÜRFEN OSZILLIEREND 9
3.3. TABUISIERUNG WEIBLICHER SEXUALITÄT ODER WARUM DIE ANEIGNUNG SEXUELLER WÜNSCHE MEDEA ALS EIN AGGRESSIVES MONSTER ERSCHEINEN LÄSST? 10
3.4. FEMME FORTE – MEDEA ALS VERKÖRPERUNG EINER UTOPISCHEN WEIBLICHKEIT 12

4. GRILLPARZERS MEDEA: PSYCHOLOGISIERUNG ODER TRIVIALISIERUNG DES MEDEA-MYTHOS? 13

4.1. „ZWANG DER MUTTERLIEBE“ ALS DOMINANTER TOPOS AB MITTE DES 18. JAHRHUNDERTS 14
4.2. „MODERNE EHETRAGÖDIE“ ODER ZUR PRODUKTION DES SEKUNDÄRMYTHOS ÜBER DIE VERZWEIFELTE EHEFRAU 16

5. SCHLUSSBEMERKUNGEN 19

6. BIBLIOGRAPHIE 21



 

1. EINLEITUNG

In der vorliegenden Arbeit zum Thema“ Der Medea-Mythos: Zwischen Dämonisierung und Psychologisierung„ beschäftige ich mich mit der widersprüchlichen und facettenreichen Figur der Medea, die ich nicht eindimensional, sondern in ihrer ganzen Mehrdeutigkeit interpretieren möchte. Ausgehend von der Auseinandersetzung mit der Mythenproduktion als einer wichtigen Sozialisationsinstanz der kulturellen Identität u.a. der Völker, nähere ich mich den symbolischen Weiblichkeitsentwürfen in der Figur Medeas, in der ambivalente Männerphantasien, unterschiedliche soziale Rollen und produktive und zerstörerische Komponenten verkörpert sind.

Entlang des Verständnisses der verschiedenen Facetten Medeas als tragisch-weibliches Subjekt, beschäftige ich mich des Weiteren sowohl mit ihren destruktiven und mörderischen weiblichen Anteilen als auch mit ihren weiblich schöpferischen Fähigkeiten. Dabei geht es mir darum, anhand der Medea-Figur eine anregende Perspektive zur Beziehung zwischen der offensiven weiblichen Sexualität, weiblicher Aggression und dem Streben nach Selbstbehauptung aufzuzeigen. Im Mittelpunkt dieser Problematik wird die als bedrohlich empfundene Verbindung zwischen der sogenannten virulenten weiblichen Sexualität und der mütterlichen Rolle der Frau stehen. Diese ambigue Vorstellung von der Frau als `unzüchtiges Weib` und gleichzeitig `entsexualisierte Mutter`, die eine reine Verkörperung von Männerphantasien darstellt, wird in dieser Arbeit als Grundlage für das Verständnis der Ambivalenz in der Medea-Figur verstanden.

Im abschließenden Teil der Arbeit wende ich mich der Medea-Version von Franz Grillparzer zu, der in der älteren Literaturforschung für seine „Psychologisierung des Medea-Mythos“1 gepriesen wurde. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Psychologie im Medea-Mythos wird den Ausgangspunkt für die Behauptung bilden, dass die Grillparzersche Reinterpretation des Medea-Mythos als „ eine moderne Ehetragödie“ in der Tradition der veränderten Werte des ausgehenden 18. Jahrhunderts bezüglich der Rolle der Familie und der Frau und der extremen „Polarisierung der Geschlechtercharaktere“2 steht und deswegen den ursprünglichen subversiven Kern und den provokativen Charakter der Medea-Figur schwächt. Im Schlussteil werden die Analyseergebnisse noch einmal kurz zusammengefasst und eine kritische Bilanz gezogen.

2. MYTHEN ALS AUSDRUCK MÄNNLICHER DOMINANZ ODER ZUM PATRIARCHALISCHEN CHARAKTER DER UNBEWUßTEN KOLLEKTIVVORSTELLUNGEN

Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema „Mythologie“ und „Mythos“ wird man zwangsläufig mit den zwei unterschiedlichen Zugriffsweisen konfrontiert, die den Begriff „Mythos“ einmal abstrakt und einmal konkret fassen. Für Roland Barthes ist der Mythos „ein sekundäres, semiologisches System“, das eine zweidimensionale Wirksamkeit besitzt. Da ein Mythos laut Barthes „eine spezifische Weise des Bedeutens“3 darstellt, könnte man fast sagen, dass ein Mythos demnach im Prinzip nichts Anderes als eine mit suggestiver Bedeutung aufgeladene Botschaft ist. Die Bedeutung einer solchen Botschaft, die Roland Barthes zufolge nie eindeutig ausfällt und immer zusätzliche semantische Ebenen aufweist, ist immer von einer bestimmten mythischen Präsenz überflutet4, so dass diese Botschaft häufig die Formen eines natürlichen Faktums annimmt. Demnach sind wir jederzeit von selbst produzierten und reproduzierten Mythen umkreist/umringt.

Der Religionswissenschaftler Klaus Heinrich (1982)5 charakterisiert die Mythologie als eine Sammlung sagenhafter Geschichten, die das Leben der Götter und Helden sowie die ursprünglichen Geschehnisse erzählen. Dem Autor zufolge sind die mythischen Helden, Geschehensorte und Ereignisse mit den Ursprungsmächten verbunden. In diesem Sinne bildet die Genealogie als Bezugnahme auf die ursprünglichen Quellen die Hauptfunktion der Mythen. Demnach lassen sich Mythen als uralte Geschichten definieren, die an die gemeinschaftlichen Wurzeln zurückgehen und den Ursprüngen des Volkes eine Form und Gestalt geben. Der Mythos schlägt also eine Art Brücke zwischen der weit entfernten Vergangenheit, der Gegenwart und einer möglichen Zukunft. In der Mythologie als kultureller Schöpfung entsteht eine prekäre Spannung zwischen dem inneren Drang, sich von den kulturellen Ursprüngen und familiären Überlieferungen loszulösen, und der wiederkehrenden Sehnsucht, zu diesen Ursprüngen zurückzukehren, um die Einsamkeit und die möglicherweise fehlende soziale Anerkennung zu vermeiden/überwinden. In diesem Wechselspiel von Bruch und Kontinuität in den kulturellen Traditionen und der gesellschaftlichen Praxis wird eine wichtige Funktion des Mythos deutlich: Mythen fungieren quasi als Sozialisationsinstanz der kulturellen Identität der Völker. Als ursprüngliche kulturelle Schöpfungen verwirklichen sie einerseits die unbewussten kollektiven Phantasien und andererseits symbolisieren sie jene Verbote und Rituale, die einer Volksgemeinschaft zugrunde liegen.

Zusammenfassend lässt sich dazu sagen, dass Mythen Erzählungen von kulturellen Werten, sozialen Strukturen und Verwandtschaftsbeziehungen darstellen, die aus den kollektiven Vorstellungen und in der kulturellen Identität gegründeten/begründeten? Symbolbildern herrühren. Die Mythen, die schon per se ideologisch aufgeladen sind, instrumentalisiert und den jeweiligen Interessen in den Dienst gestellt werden, entwickeln sich aus der ganzen Komplexität der gesellschaftlichen Machtverhältnisse und Herrschaftsstrukturen, die von uns in den Gegensätzen zwischen Natur und Kultur, durch scheinbar unüberwindbare Klassenantagonismen und durch Polarisierung der Geschlechter erfahren werden. Genau die Mythen sind es/Es sind genau die Mythen, die Tendenzen und Möglichkeiten zur Subversion gegen ein verhärtetes mythologisches Denken bis hin zu dem schöpferischen Prozess der Selbstreflexion ,bezüglich anderer Wege und der Neuerschaffung und Neuinterpretation von Wirklichkeit, schaffen. Denn Mythen eröffnen potenzielle symbolische Räume, aus denen sich die Polarisierung und die hierarchische Strukturierung der Geschlechter entwickeln, die bis heute nicht aufgehört haben, das Verhältnis zwischen Frauen und Männern zu prägen.

[...]


1 1). Heinz Politzer: Franz Grillparzer oder das abgründige Biedermeier. Kapitel „Mythos und Psychologie“. Wien 1972; 2). Bachmeier, Helmut: Franz Grillparzer. Dramen 1817-1828, Frankfurt am Main 1986.

2 Hausen, Karin: Die Polarisierung der Geschlechtercharaktere. 1977, S. 366-368

3 Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Nördlingen 1996, S. 85

4 Göbel-Uotila, Marketta: Medea. Ikone des Fremden und des Anderen in der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Hildesheim / Zürich 2005, S. 29-30

5 Heinrich, Klaus: Die Funktion der Genealogie im Mythos. In: ders. Vernunft und Mythos. Stroemfeld, Frankfurt am Main 1982.


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