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Vernunft vs. Affekt. Zur dramentheoretischen Entwicklung von Gottsched zu Lessing

Autor: Michael Bee
Fach: Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

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Details

Veranstaltung: Gotthold Ephraim Lessing: Literatur – Ästhetik - Kritik
Institution/Hochschule: Westfälische Wilhelms-Universität Münster (Institut für Deutsche Philologie II)
Tags: Vernunft, Affekt, Entwicklung, Gottsched, Lessing, Gotthold, Ephraim, Lessing, Literatur, Kritik
Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2005
Seiten: 14
Note: 2,0
Literaturverzeichnis: ~ 12  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 245 KB
Archivnummer: V45070
ISBN (E-Book): 978-3-638-42542-1

Zusammenfassung / Abstract

in bürgerliches Trauerspiel! Mein Gott! Findet man in Gottscheds critischer Dichtkunst ein Wort von so einem Dinge? Der berühmte Lehrer hat nun länger als zwanzig Jahre seinem lieben Deutschland die drey Einheiten vorgeprediget, und dennoch wagt man es auch hier, die Einheit des Orts recht mit Willen zu übertreten. Keinem Gottsched-Anhänger, sondern Gotthold Ephraim Lessing selbst wird dieses prägnante Zitat aus der Berlinischen Privilegirten Zeitung vom 3. Mai 1755 zugeschrieben. Als leidenschaftlicher Polemiker ließ er es sich nicht nehmen, eine Rezension seines eigenen Dramas Miss Sara Sampson zu veröffentlichen und die sichere Kritik der Gottschedianer im Vorfeld zu karikieren. Lessing markiert hier eine provokative Oppositionshaltung gegenüber dem gewichtigsten deutschen Theaterreformator, dessen dramentheoretische Agenda den literarischen Diskurs der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte. Das Erscheinen seiner Sara weist den Weg hin zu einem veränderten Aufklärungskonzept und zeitigt einen neuen Typus literarischer Produktion - das Bürgerliche Trauerspiel. Diesen vermeintlichen Paradigmenwechsel gilt es, in dieser Hausarbeit nachzuvollziehen: Welche dramaturgischen Elemente prägten die Trauerspielproduktion des Frühaufklärers Gottsched? Welche ausländischen Vorbilder initiierten den Richtungswechsel? Und wie positioniert sich die Mitleidstheorie Lessings in diesem Faktorengeflecht? Exemplarisch möchte ich diese drei Fragen anhand der beiden bereits erwähnten Primärtexte - Gottscheds Versuch einer Critischen Dichtkunst und Lessings Miss Sara Sampson - beantworten. Dabei soll den zentralen theoretischen Begrifflichkeiten „3-Einheiten-Lehre“, „Ständeklausel“, „Katharsis“ und „Empfindsamkeit“ eine zentrale Rolle zukommen.

Textauszug (computergeneriert)

Westfälische Wilhelms-Universität
Institut für Deutsche Philologie II
Thematisches Proseminar: Gotthold Ephraim Lessing :
Literatur – Ästhetik - Kritik

Vernunft vs. Affekt. Zur dramentheoretischen
Entwicklung von Gottsched zu Lessing

von: Michael Bee

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 03

2. Hauptteil

2.1 Reformagenda unter dem Vorzeichen der Vernunft: Gottscheds Durchregelung des Theaters in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts 05
2.2 Zur Genese des Bürgerlichen Trauerspiels: Die französische Comédie larmoyante und die englische Sentimental Comedy als Vorläufer einer neuen Gattungsbezeichnung 07
2.3 Der Kult der Träne: Mitleid als wirkungsästhetische Zielkategorie in Lessings Sara 08

3. Schluss 12

4. Literaturverzeichnis 14



 

1. Einleitung

Ein bürgerliches Trauerspiel! Mein Gott! Findet man in Gottscheds critischer Dichtkunst ein Wort von so einem Dinge? Der berühmte Lehrer hat nun länger als zwanzig Jahre seinem lieben Deutschland die drey Einheiten vorgeprediget, und dennoch wagt man es auch hier, die Einheit des Orts recht mit Willen zu übertreten. 1 Keinem Gottsched-Anhänger, sondern Gotthold Ephraim Lessing selbst wird dieses prägnante Zitat aus der Berlinischen Privilegirten Zeitung vom 3. Mai 1755 zugeschrieben. Als leidenschaftlicher Polemiker ließ er es sich nicht nehmen, eine Rezension seines eigenen Dramas Miss Sara Sampson2 zu veröffentlichen und die sichere Kritik der Gottschedianer im Vorfeld zu karikieren. Lessing markiert hier eine provokative Oppositionshaltung gegenüber dem gewichtigsten deutschen Theaterreformator, dessen dramentheoretische Agenda den literarischen Diskurs der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte. Das Erscheinen seiner Sara weist den Weg hin zu einem veränderten Aufklärungskonzept und zeitigt einen neuen Typus literarischer Produktion - das Bürgerliche Trauerspiel. Diesen vermeintlichen Paradigmenwechsel3 gilt es, in dieser Hausarbeit nachzuvollziehen: Welche dramaturgischen Elemente prägten die Trauerspielproduktion des Frühaufklärers Gottsched? Welche ausländischen Vorbilder initiierten den Richtungswechsel? Und wie positioniert sich die Mitleidstheorie Lessings in diesem Faktorengeflecht?

Exemplarisch möchte ich diese drei Fragen anhand der beiden bereits erwähnten Primärtexte - Gottscheds Versuch einer Critischen Dichtkunst4 und Lessings Miss Sara Sampson - beantworten. Dabei soll den zentralen theoretischen Begrifflichkeiten „3-Einheiten-Lehre“, „Ständeklausel“, „Katharsis“ und „Empfindsamkeit“ eine zentrale Rolle zukommen. Eine Darstellung der Reformbemühungen Gottscheds möchte ich an den Anfang stellen, seine Forderungen an das deutsche Theater charakterisieren und die Rechtfertigung seiner ehrgeizigen Ziele nachvollziehen. Eine kurze Analyse seiner Poetik soll vor allen Dingen zeigen, in welcher Weise Moral, Affekt, Handlung und Vernunft im Denken Gottscheds miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Im Anschluss wird in einem kurzen Überblick auf konzeptuelle Impulse aus dem Ausland eingegangen. Als Vorläufer des Bürgerlichen Trauerspiels möchte ich die französische Comédie Larmoyante und die englische Sentimental Comedy in Abgrenzung zu Gottscheds Regelpoetik einerseits und als Wegbereiter der frühen Dramen Lessings andererseits kennzeichnen. Das Theaterkonzept des jungen Lessing steht im Mittelpunkt des dritten Teils meiner Ausführungen. Seine Sara sowie die dramaturgische Auseinandersetzung mit Mendelssohn und Nicolai in den Briefen über das Trauerspiel5 bilden hierzu den theoretischen wie praktischen Hintergrund meiner Analyse.

2.1 Reformagenda unter dem Vorzeichen der Vernunft: Gottscheds Durchregelung des Theaters in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts

Die Durchregelung des Theaters, der Umbau der Theaterverhältnisse und die Bildung einer neuen, homogenen Geschmacksgemeinschaft – die klassizistisch gedeutete Reformagenda des Johann Christoph Gottsched der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gibt sich ambitioniert und ehrgeizig. Die Schaubühne soll sich befreien vom Hanswurst des Pöbels, dem Schwulst der spätbarocken Oper und den volkstümlichen Stegreifspielen6. 1730 erscheint sein poetologisches Hauptwerk Versuch einer Critischen Dichtkunst, in dem die theoretische Stoßrichtung der deutschen Trauerspielproduktion normativ festgelegt werden soll.

[...]


1 Gotthold Ephraim Lessing: Sämtliche Schriften. Hrsg. v. Karl Lachmann, 3. aufs neue durchges. u. verm. Aufl., besorgt durch Franz Muncher, Stuttgart 1886-1924. Zitiert nach: Karl Eibl: Gotthold Ephraim Lessing, Miss Sara Sampson. Ein bürgerliches Trauerspiel. Frankfurt/Main 1971. S.201

2 Gotthold Ephraim Lessing: Miss Sara Sampson. Stuttgart 2003.

3 Vgl. Brenner, Peter J.: Gotthold Ephraim Lessing. Stuttgart 2000. S. 215: Brenner geht noch einen Schritt weiter und spricht nicht nur von einem dramaturgischen, sondern auch von einem philosophischen und anthropologischen Paradigmenwechsel.

4 Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst. Vierte sehr vermehrte Auflage. Leipzig 1754. Neuauflage Darmstadt 1962.

5 Lessing, Gotthold Ephraim/Moses Mendelssohn/Friedrich Nicolai: Briefwechsel über das Trauerspiel. Hrsg. v. Jochen Schulte-Sasse. München 1972.

6 Vgl.: Rothmann, Kurt: Kleine Geschichte der deutschen Literatur. Stuttgart 1985. S. 72-73.

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