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Presentation (Elaboration), 2003, 14 Pages
Author: Nadine Merten
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Kindsmordproblematik, Strafrechtsreform, Kontext, Kindermörderin
Year: 2003
Pages: 14
Grade: 1,2
Bibliography: ~ 7 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-42586-5
ISBN (Book): 978-3-638-92987-5
File size: 433 KB
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Abstract
Anhand des Werkes "Die Kindermörderin" von Wagner wird die damals aktuelle Problematik des Kindsmordes entfaltet, die sich in zahlreichen anderen Werken dieser Zeit wiederfindet (so auch bei Goethe, Schiller, Lenz...).
Excerpt (computer-generated)
Die Kindsmordproblematik und die Strafrechtsreform
im 18. Jhd. im Kontext der "Kindermörderin"
von: Nadine Merten
„Königsmörder sind gevierteilt, Vater- und Brudermörder geradebrecht, Kindermörderinnen unzählige enthauptet worden.“
Die Kindsmordproblematik und die Strafrechtsreform im 18. Jhd. Dieses Referat soll versuchen, einen Einblick in die Hintergründe von Wagners „Kindermörderin“1 zu geben. Warum war das Kindsmordmotiv ein so beliebtes in der deutschen Literatur des Sturm und Drang? Wie konnte es geschehen, dass der Kindesmord mit Wagner für mehr als ein Jahrhundert zum Paradigma der Tragödie wurde? Einleitend ist zu sagen, dass im 18. Jahrhundert, mit der „Geburt des freien Menschen“2 zusammenhängend, überall in Europa für ein menschenwürdigeres Dasein gekämpft wurde. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Kampfes ist dann eben auch das Streben nach einer milderen Strafrechtspflege. Nicht jeder europäische Staat beschränkte sich dabei jedoch auf die Fälle der Kindermörderinnen, die Interessen trifteten auseinander. So ging es in Frankreich um die ungerecht harte Bestrafung des Diebstahls oder in England um das schlechte Gefängniswesen. Wieso in Deutschland das Kindsmordmotiv? In ihm zeigt sich am deutlichsten die Gleichheit der Stoffe und Motive der Dichter des Sturm und Drangs. Denn nicht nur Wagner befasste sich mit diesem Motiv in seiner „Kindermörderin“, bei Goethe finden wir den Stoff in der „Gretchentragödie“3 , bei Lenz in seiner Erzählung „Zerbin oder die neuere Philosophie“4, bei Schiller in seinem Gedicht „Die Kindesmörderin“5. Verwandte oder sehr ähnliche Stoffe finden sich bei Lenz im „Hofmeister“6 und den „Soldaten“ 7oder bei Schubart in seinem Gedicht „Das schwangere Mädchen“8, diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Fast alle diese Dichter betrieben juristische Studien und vertraten die Denkrichtung des Determinismus. Daher ist der Mensch von innen und außen vorherbestimmt, wonach dann auch Sünden und Verbrechen in einem milderen Licht erscheinen. Der Verbrecher handelt also in einem, von der Gesellschaft mitproduzierten, Wahn. Außerdem gaben die zahlreichen Hinrichtungen der damaligen Zeit den Ausschlag, man griff zur Feder, um seiner Entrüstung hierüber Luft zu machen. Dabei wirkten alle aufeinander ein, da sie in ständigem Briefkontakt standen, außerdem waren ihre Wohnorte nicht weit voneinander entfernt.
Die literarischen Stoffquellen für das Kindsmordmotiv waren a) das Puppenspiel, b) das Bänkelsängerlied und c) das Volkslied. Puppenspiel und Volkslied dürften bekannt sein, zum Bänkelsängerlied ist zu sagen, dass es sich hierbei um erschütternde Tagesereignisse handelt, die der Bänkelsänger, auf einer Bank stehend, wiedergibt. Dies geschah meist an öffentlich stark frequentierten Orten. Bei Wagner stößt man auf zwei literarische Quellen: Das Motiv des verabreichten Schlaftrunks entnahm er dem Volkslied, das Freudenhaus aus Richardsons Roman „Clarisse Harlowe“. Außerdem schien das Verbrechen geradezu ideal, um die Rückständigkeit der damaligen Verfassung und Justiz, sowie deren Grausamkeit zu verdeutlichen. Denn, nach den Vertretern Sturm und Drangs hat der Verführer die größte Schuld am Verbrechen und eben dieser läuft frei herum, wird niemals verurteilt werden. Es muss betont werden, dass die Bewegung für eine mildere Strafrechtspflege vor allem von der literarischen Seite ausging, will man Juristisches erfahren, findet man viel zum Thema Kindsmord, jedoch wenig über die Bewegung für eine menschlichere Bestrafung desselben. Einiges kann man der Dissertation des Schweizers J. Wehrli, „Der Kindesmord“9, entnehmen. Der erste, der die Strafrechtsbewegung in Verbindung mit der Literatur betrachtete war Erich Schmidt in seiner Wagner- Biografie 10. Wenden wir uns nun dem ersten gossen Thema des Referates zu und betrachten wir die historische Seite des Themas:
Die Menschen leben in Armut, während an den meisten Fürstenhöfen der pure Luxus vorherrscht. Den Großteil der Steuern, um diesen Luxus zu bezahlen, gaben die Bauern und Bürger ab. Wie wir schon erfahren haben, waren die Offiziere und Soldaten damals besonders berüchtigt, sie waren zur Ehelosigkeit gezwungen. Somit stellten sie eine ständige „Gefahr“ für die Bürgerstöchter dar, zumal sie ja auch bei bürgerlichen Familien einquartiert wurden, denn Kasernen existierten noch nicht. Friedrich der Große beschrieb die damalige Zeit so: „Edelleute und Bauern waren geplündert, gebrandschatzt, ausgezehrt worden von soviel verschiedenen Heeren, derart, dass ihnen nur das nackte Leben und elende Lumpen geblieben waren, um ihre Blöße zu bedecken.
[...]
1 Die Kindermörderin. Hrsg. u. bearbeitet v. Josef Ettlinger. Mit einer Einleitung und einem Bildes des Dichters. Halle a. S.: Otto Hendel 1904. ( = Bibliothek der Gesamtliteratur des In- und Auslandes, Nr. 1816)
2 Rameckers, Jan Mathies: Der Kindesmord in der Literatur der Sturm- und- Drang- Periode. Rotterdam 1927.
3 Goethes Faust in ursprünglicher Gestalt nach der Göchhausenschen Abschrift, hrsg. v. Erich Schmidt. Weimar ³1894.
4 Lenz, Jakob Michael Reinhold: Werke und Schriften. Hrsg. v. Britta Titel. Stuttgart: Goverts 1966.
5 Schiller, Friedrich: Gedichte/Dramen. Hrsg. v. Gerhard Fricke und H.G. Göpfert. München: Hauser 1965.
6 Blei (Hg.): Lenz, Gesammelte Schriften. Weimar 1909
7 ebd.
8 Schubart, Christian Friedrich Daniel: Sämtliche Gedichte. Frankfurt a.M. 1825.
9 Wehrli, J. : Der Kindesmord. Frauenfeld: 1889.
10 Schmidt, Erich: Heinrich Leopold Wagner. Goethes Jugendgenosse. Jena 1879.
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